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Veröffentlicht am 03.03.2026

Ein familiärer Kreis, Kosmos, Universum, und ein Labyrinth

Mischka
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Mein Interesse an „Mischka“ wurde schon mit dem Namen der Autorin geweckt. Ihre Bücher sind in meiner Erinnerung, ganz besonders „Georg“ hatte es mir angetan. Dass sie wie ich auch, der sogenannten zweiten ...

Mein Interesse an „Mischka“ wurde schon mit dem Namen der Autorin geweckt. Ihre Bücher sind in meiner Erinnerung, ganz besonders „Georg“ hatte es mir angetan. Dass sie wie ich auch, der sogenannten zweiten Generation angehört, wie ich in Ostberlin aufwuchs, das verbindet mich auch gedanklich mit ihr. Nun wieder etwas Neues von Barbara Honigmannzu lesen, darauf freute ich mich. Drei Porträts sind angekündigt im Untertitel und auf dem Umschlag gibt es schon Vorschusslorbeeren von der FAZ. Jetzt ist es Anfang März 2026, es wurden seit Erscheinen im Januar bereits unzählige Rezensionen veröffentlicht. Ich habe sie nicht gelesen, werde das erst tun, wenn meine eigene Rezension beendet ist.
Die Genrebezeichnung Porträt hat bei mir jedenfalls andere Erwartungen aufkommen lassen. Auch das noch ein zweites Mal gelesene Porträt der „Wilhelmine Hermannova Slawusdkaja [so] hieß sie [Mischka] nämlich in aller Länge, geborene Magidson“ hat meine Erwartungen nur teilweise erfüllt. Die Autorin erinnert sich an Mischka, verwebt eigene Eindrücke, Erinnerungen und Erlebnisse mit den Kenntnissen von Mischka und verliert sich im Labyrinth der sowjetischen Dissidenten und der Intelligenzia. Man braucht eine gehörige Portion Geschichtswissen und Geduld, um das Porträt der Mischka daraus hervortreten zu lassen. Personen, Namen, Gedanken und Ereignisse umgeben die Porträtierte wie ein flirrendes Licht. Ich habe mich selbst jahrelang bei Recherchen zur Biografie meines Vaters mit den 1950er bis 1970er Jahren beschäftigt; DDR, Staatssicherheit, KGB, Gulag, Tauwetter, Westemigranten, DPs, Abschottung, Kalter Krieg, Noel Field, Achmatowa usw. tauchen auch in Mischkas Porträt auf, hinzu kommen unzählige Namen wie Sacharow, Solschenizyn, Kopelew, Meyerhold, andere aus der Theater-, viele auch aus der Kunst- und Kulturszene der damaligen Sowjetunion.
Es gibt Insiderwitze und Insiderwissen, hier habe ich es mit einem Insiderbuch zu tun. „Drei Porträts“. Ein Roman ist es leider nicht geworden, ein Essay würde ich es auch nicht nennen. Was dann? Für wen? Wen interessieren all die Namen und Gegebenheiten, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen, ihren Ursprung vor weit über 100 Jahren haben. Mich lässt das beinahe ratlos zurück, all die Namen verhallen noch beim Lesen. Bis ich auf einen Bekannten treffe, Richard Pietraß, mit dem ich Mitte der 1970er Jahre im Verlag Neues Leben zusammenarbeitete. Er wurde gegangen, ich ging freiwillig.
Erst beim zweiten Lesen über Mischka, ich habe dabei bewusst nur noch das sie Betreffende für mein Gehirn herausgefiltert, finde ich die Frau, die über hundert Jahre alt wurde und ein wahnsinnig interessantes, aber auch entbehrungsreiches Leben lebte. Sie wurde in Riga geboren, war in großbürgerlichen Verhältnissen zu Hause und wendete sich in sehr jungen Jahren dem Kommunismus zu. „Mischka war aus Moskau von der Partei nach Berlin delegiert worden.“ Dort wurde Inprekorr, die Zeitschrift der Komintern, herausgegeben, und das ganz im Sinne der sowjetischen Ideologie und Führung aus Moskau. Mischka wird später wieder nach Moskau zurückbeordert und gerät in das Getriebe aus Verrat und Denunziation, wird noch vor der „Großen Säuberung“ verhaftet und nach dem Schreckensparagraphen 58, in dem alles steckt, was ein Richter benötigt, zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Aber sie wird nicht entlassen im Jahr 1944, als feindliche Ausländerin bleibt sie bis 1946 in Gefangenschaft, es folgen unmenschliche zehn Jahre Verbannung. Ihren ersten Mann, den deutschen Kommunisten Kutschi (Kurt Müller) wähnt sie schon lange tot, sie heiratet Naum, einen Mithäftling, und beide überstehen die eisigen Jahre der Verbannung. Ich kann es mir auch bei wiederholtem Lesen einfach nicht vorstellen, was diese tapfere Frau, was Millionen anderer Menschen im Namen des Kommunismus und Stalinismus geschah. Es ist die Hölle auf Erden. Honigmann, die all das in der kleinen Küche von Mischka in Moskau erfährt, schreibt „All das hörte ich und davon las ich, und all das hörte dann endlich auch die ganze Welt, und wer will jetzt sagen, was schlimmer war, Auschwitz oder Workuta, das Butyrka-Gefängnis oder das Zuchthaus Brandenburg?“ Es steht mir so wenig wie anderen zu, diese Grauen miteinander zu vergleichen, mein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, mein Vater war jahrelang im Zuchthaus Brandenburg, dass es Orte von menschengemachtem Unrecht, von Mord und Knechtschaft waren, ist aber Tatsache. Wichtig ist, dass es nie vergessen wird, dazu trägt auch dieses Buch bei.
Mischka wird die Moskauer Mama für Barbara Honigmann und diese herzliche, zutiefst menschliche und intellektuelle Verbindung gibt beiden einen großen Halt. Bis zu Mischkas Tod werden sie eng befreundet und verbunden bleiben. Das Ziehkind setzt der Mama ein ehrwürdiges Denkmal.
Das zweite Porträt widmen sich dem Ehepaar Max und Yvette, die die Autorin erst in Straßburg, ihrer Wahlheimat, kennenlernt. Hier wird vor allem vom Überlebenskampf während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg berichtet, von all denen, die lang erwartet nie mehr aus dem Osten zurückkamen und von denen, die nach dem Krieg in Straßburg ein neues jüdisches Leben aufbauten, das bis heute fortbesteht. Auch hier sind es die Erfahrungen und Erinnerungen der Autorin, die den Text zusammenhalten, das jüdische Leben beschreiben, Gemeinsamkeiten und Trennendes in der zusammengewürfelten Gemeinde kurz und klar benennen. Außenstehende befassen sich eher selten mit den Unterschieden zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden, so ist das auch ein sehr lehrreiches Porträt geworden.
Dann folgt das Kapitel „Peter Thomas Klaus Wolfgang“, kein Porträt einer einzelnen Person, sondern einer Gruppe, der Gruppe der zweiten Generation, ihrer Schicksalsgemeinschaft, die bis heute nicht aufgelöst ist und sich teilweise in der dritten Generation (Enkelgeneration) wiederfindet. „…das Gemeinsame ist nur unser Herkommen, aber zumeist ohne eine Tradition, ohne Überlieferung, ohne Religion sowieso…“ Die Elterngeneration bemüht sich um Assimilation, die Namen der Kinder sind nicht auffällig, wie man in der Kapitelüberschrift sieht. Ich war wohl mit dem Vornamen Judith eher eine Ausnahme von dieser Regel. Th. hat sein Schicksal selbst in die Hand genommen, sah im Suizid den Ausweg. Barbara Honigmann schreibt über ihn und die anderen mit Wehmut, keines der Nachkommen kann die Zeit zurückdrehen, die Eltern bleiben schicksalbeladen, manche haben sich vom Stalinismus verabschiedet, manche haben ihn fürs Leben verinnerlicht. In diesem Konglomerat aus Erfahrung und Bürde seinen Weg zu finden, ist zumindest Barbara Honigmann mit ihren Büchern gelungen.
Kritisch anmerken will ich, dass ich ein Personenverzeichnis – insbesondere für Mischkas Porträt – als hilfreich angesehen hätte. Einen Anhang über diese Personen, der einige biografische Details aus dem Inhalt wiederholt und Zusätzliches genannt hätte, würde aus dem kleinen Buch der drei Porträts ein zeit- und kulturhistorisches Nachschlagewerk machen. Vielleicht war das nicht der Ansatz, den die Autorin verfolgt hat, aber mir hätte es gut gefallen.
Wenn man, wie ich, etwas mehr wissen will über einzelne Personen, ist das Internet dann die erste Wahl, interessant die Seite www.gulag.memorial.de, auf der man Kurzbiografien z. B. von Mischka und ihrem ersten Ehemann Kurt Müller findet, aber auch von Naum Slavutzki, Jewgenija Ginsburg oder Alexander Solschenizyn.

Fazit: Interessante Menschen hat Barbara Honigmann für ihr Buch ausgewählt, die Fülle an Namen und Informationen im Porträt „Mischka“ hat mir die Annäherung an die Porträtierte etwas erschwert. Das Porträt „Max und Yvette“ hat mir einen neuen Blick auf die jüdische Gemeinschaft nicht nur in Straßburg gewährt, das Porträt der sog. „Zweiten Generation“ wäre aber intensiver ausgefallen, wenn der Fokus nur auf eine Person aus diesem Kreis gerichtet worden wäre. So verschwindet am Ende diese Gruppe aus meinem Gedächtnis wieder, ohne einen tiefen Eindruck zu hinterlassen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Liebe widersetzt sich der Ordnung

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem ...

Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem Ganzen zusammenzusetzen, das auch in der Erinnerung einem kritischen Blick besteht. Aber Liebe ist nicht Lego und so baut sie an einer Stelle auf und woanders entgleiten ihr die Gefühle. Nicht einmal das Umräumen ihrer Wohnung lässt sich ohne Widerstände von außen und innen bewerkstelligen, Brinkgreve war immerhin 40 Jahre mit A verheiratet und hat mit ihm zwei nun erwachsene Söhne sowie Töchter aus seiner ersten Ehe. Allen soll alles recht gemacht werden, war nicht geht. Setzt sie ihren Kopf durch, erfährt sie Kritik und Ablehnung. Erst allmählich, das Trauerjahr neigt sich schon dem Ende zu, wird sie selbstbewusster und ruhiger.
Als Brinkgreve und A heiraten, ist sie eine angehende promovierte Wissenschaftlerin, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Feminismus und andere Themen, über die beide diskutieren können, an denen beide interessiert sind, scheinen der Kitt der frühen Beziehung. Noch schmückt sich der etwas ältere Mann, der seine erste Ehe gerade beendet, mit der klugen neuen Frau. Sie sieht diese Zeit so: „Ich verliebte mich nicht nur in den Mann, sondern auch in seine Entourage.“ Ich setze hinzu, auch in seinen Geist. Und sie gibt ihm von Anbeginn an nach, sogar den Verlust ihres eigenen Hauses nimmt sie in Kauf.
Aber als die Kinder kommen, erwartet er auch von einer Professorin gewisse zur Familie passende Eigenschaften. Dass Brinkgreve sich mit Hilfe von Haushaltshilfen Freiräume für ihre Arbeit erschafft, stößt auf wenig Gegenliebe. Im Rückblick lässt sie die Entwicklung an sich vorbeiziehen, erinnert sich an ihre Rückzüge, zuerst nur ins Arbeitszimmer unterm Dach, später auch nach Egmond in das Wochenendhaus. Etwas, das sich nicht jede Frau leisten kann, die Kinder und Arbeit unter einen Hut bringen will oder muss. Brinkgreve will. Und A nimmt übel, später werden ihr die Söhne verraten, dass auch sie die sich zurückziehende Mutter in gewisser Weise vermissten. Kolleginnen sehen die Rolle der Mutter nicht ausgefüllt und in Gefahr. Dabei versucht Brinkgreve, gerade die sogenannte Sorgearbeit zur Zufriedenheit aller zu erfüllen. Vorwürfe allenthalben.
In ihrem Versuch, die Liebe zu ordnen, schwankt die Autorin zwischen Selbstmitleid und Selbstliebe, zwischen Selbstverleugnung und Selbstbestimmung, dieses „Selbst“ hat ihr im Rückblick das Leben zur eigenen Hölle gemacht. Auch wenn sie irgendwann schreibt „Das Erschaffen einer eigenen Welt bot mir Schutz…“, frage ich „Schutz vor dem Ehemann?“ oder „Schutz vor dem Gedanken, sich von ihm zu trennen?“ Brinkgreve ist klug, sehr klug, sie weiß genau, was eine Trennung bedeutet. Verlust der Gemeinsamkeit, Verlust von Freundschaften, Verlust des Vertrauens der Kinder oder Schlimmeres. All das wollte sie nie, macht sich die Unfähigkeit, diese Entscheidung zu treffen, jedoch auch zum Vorwurf.
Brinkgreve ist sich ihrer selbst nicht sicher, der Ehemann war von Depressionen, oder wie er es nannte, von „Schwermut“ betroffen, Therapien lehnte er ab, die gemeinsame Paartherapie war aus meiner Sicht mit ihm der falsche Weg. Er kapselte sich immer mehr ab, wurde unleidlich, böse und grob in den Umgangsformen. Nur wenn sein Helfersyndrom beansprucht wurde, lebte er freundlich auf. Nicht unbedingt eine Ehe wie aus dem Bilderbuch. Freunde, Bekannte und Kollegen bemerkten diese Stimmungswechsel, konnten ihre Haltung, unbedingt bei ihrem Mann bleiben zu wollen, bald nicht mehr verstehen. „Womöglich konnte ich auch nicht ohne ihn?“. Diese Frage stellt sie sich nun selbst.
Als der Ehemann krank wird, erübrigt sich jeder Gedanke an Flucht, da heißt es „in guten, wie in schlechten Tagen“, dass sie in den schlechten Tagen eine Menge aushalten muss, lässt sich nachvollziehen anhand ihrer Selbsterkenntnisse. Sie war 40 Jahre lang zu nachgiebig, zu anpassungswillig, zu lieb. „Ich kam nicht gegen ihn an.“ Mit dem Aufräumen und Entrümpeln des Hauses kommt sie dann endlich doch gegen ihn an, aber es fällt ihr schwer. Jeder Gegenstand ist eine Geschichte, mit Bedeutung, auch mit schlechter, aufgeladen.
Wenn Eheleute sich plötzlich Mails schreiben, anstatt miteinander zu reden, fühlt sich das fremd an. Erstaunlich, dass Brinkgreve auch hier noch das Schöne und Freundliche sucht und findet, von einem Menschen, der sie offen ablehnt, sie nicht im Fokus haben will, sie lieber nicht ansieht. Wer so sehr sich selbst aufgibt, hat am Ende Schwierigkeiten, sich selbst noch zu sehen und zu erkennen.
Brinkgreve schreibt das alles in einem gut lesbaren Stil, sie ist versiert im Schreiben und Formulieren, aber es gelingt ihr nicht, eine Ordnung in ihre Liebe zu bringen. Ihre Liebe, die so sehr auch Selbstaufgabe war, widersetzt sich. Im Epilog schreibt sie „Das Schreiben war eine Art Studie, … Es legt offen. … Es kleidet Erfahrungen in Worte, die bisher wortlos gespeichert waren. …“
Mich hat dieses Buch trotz der Offenheit nicht sehr berührt, vielleicht ist es so, dass ich das, was ich hier erfahren habe mit einem Seufzer der Erleichterung gelesen habe. Mein Leben war nicht so, ist nicht so. Da möchte ich nicht gern allzu negative Erfahrungen von anderen Frauen haben, die mir die Seele beschweren.
Es ist für Brinkgreve am Ende eine Neuordnung der Gedanken und Erinnerungen, der Gefühle und Schmerzen und auch des Hauses. Sie wird damit weiterleben. Vielleicht ist es das, was Brinkgreve gebraucht hat, einmal alles durchdenken und dann dieses Buch beenden. Der Ehemann A wird dadurch nicht besser und auch nicht schlechter, jedoch kann sie sich der angenehmen, bereichernden Zeit mit ihm wieder ohne Scheu erinnern. Schlechtes wird verblassen, ich wünsche ihr genügend Zeit, das auch zu genießen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 06.01.2026

Unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeiten

Down Cemetery Road
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Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple ...

Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple tv+ zu sehen ist, scheint der Grund zu sein. Emma Thompson hat mit ihrem empathischen Vorwort zu dieser Neuausgabe und mit ihrer Hauptrolle als Privatdetektivin Zoë Boehm sicherlich stark dazu beigetragen.
Ich habe zwei der "Slow Horses"-Krimis (Dead Lions, Real Tigers) von Herron gelesen und bin nun doch etwas ratlos und enttäuscht. Das Gespann Sarah Tucker und Zoë Boehm konnte mich bis zum Finale nicht richtig fesseln. Vielleicht liegt es an den hochgesetzten Erwartungen, die nicht nur durch die Verfilmung sondern auch durch Rezensionstexte, wie den auf dem Cover von Val McDermid, verursacht wurden. Ich muss leider sagen, eine Lesesucht nach Zoë Boehm empfinde ich nicht.
Die Story birgt zu viele Unwahrscheinlichkeiten, als dass ich sie wirklich ernst nehmen kann. Trotzdem werde ich mir die Serie ansehen, vielleicht inspirieren mich die Filme mehr als das Buch.

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Veröffentlicht am 09.12.2025

Tina packt aus

Warten auf Susy
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Cristina Karrer, der Name sagte mir zunächst gar nichts, aber dann ich erinnerte mich an einen Dokumentarfilm, den sie gedreht hatte. Die Autorin ist Schweizerin, wuchs sie in einem Kinderheim auf und ...

Cristina Karrer, der Name sagte mir zunächst gar nichts, aber dann ich erinnerte mich an einen Dokumentarfilm, den sie gedreht hatte. Die Autorin ist Schweizerin, wuchs sie in einem Kinderheim auf und studierte später Geografie. Man erfährt gleich zu Beginn, dass sie nicht mehr ganz gesund ist, schlecht laufen kann (das habe ich mit ihr gemeinsam) und nach Jahren als Korrespondentin in Irak und anderswo nach Südafrika auswanderte. Dort lebt(e) sie nun seit 25 Jahren. Im Buch, das ihr afrikanisches Leben beschreibt und ihre afrikanischen Dramen, die sie erlebte, ist sie alles andere als eine Superheldin. Sie stellt ihre Schwachstellen ohne zu zögern ins Rampenlicht ihres Schreibens, als Leser schüttelt man mitunter verwundert den Kopf ob der gewissen Naivität, aber auch der Abgebrühtheit, mit der sie ihrem Alltag begegnet. Wie schwierig es ist, sich in diesem afrikanischen Land, das ein Jahrhundert der Umbrüche, der Apartheid und der politischen Wirren hinter sich hat, als weiße Frau zu etablieren, eventuell sich einzufügen, das beschreibt sie sehr drastisch.
Mich hat es verlockt, über eine Frau zu lesen, die aus dem sicheren Europa in die Welt hinausgegangen ist, ohne Furcht und mit sehr viel Urvertrauen. Dass ihr Letzteres am Ende doch nicht ganz verloren gegangen ist, hat sie wohl weniger anderen Menschen als sich selbst zu verdanken. Tina, das ist das Alter Ego von Cristina Karrer, die so unheimlich viel Aufregendes erlebt hat, dass es mir schier den Atem verschlug. Aus der konventionellen Schweiz war sie ja bereits in jungen Jahren ausgebrochen, bevor sie nach Südafrika auswanderte. Ich habe in den 1980er Jahren bis zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid und der Freilassung von Mandela mit Emigranten aus Südafrika (ANC), Rhodesien (ZANU und ZAPU), heute Simbabwe, und Namibia (SWAPO) zusammengearbeitet, so dass mich sehr interessiert hat, wie die Autorin diese Menschen in ihrer natürlichen Heimat wahrnahm.
Als Journalistin und Kamerafrau hatte die Autorin tiefen Einblick in die Verhältnisse, in die unterschiedlichsten Lebenslagen und merkwürdigsten Charaktere. Tief im Inneren ist sie ein Mensch mit Helfersyndrom, anders kann ich es nicht beschreiben. Sie erinnert mich an die euphorischen Menschen, die 2015 während der Flüchtlingskrise und nach Beginn des Ukrainekrieges aufopfernd für vollkommen fremde Menschen alles nur Menschenmögliche unternahmen. Und früher oder später enttäuscht feststellen mussten, dass sie weder mit Dankbarkeit noch mit Verständnis überschüttet wurden, dass die aufgenommenen Flüchtlinge nicht unbedingt ihrem Idealbild folgten. Das Wort Gutmensch wurde regelrecht zum Schimpfwort. Auch Tina begibt sich in diese Lage, noch schlimmer, sie „fraternisiert“ mit ihren Hausangestellten und wird für Freunde wie Liebhaber zur melkenden Kuh. Es dauert sehr lange, bis sie bemerkt, dass zum Beispiel Drogenkonsum und Alkoholsucht für ihre meist schwarzen Mitbewohner, die sie nach und nach ins Haus holt, vollkommen normal sind. Mir war die Beschreibung dieser Art des menschlichen Zusammenseins regelrecht zuwider, die Autorin schlachtete zudem sämtliche Ereignisse geradezu selbstzerfleischend aus.
Ich habe das Buch zu Ende gelesen, aber es hat mir nicht so gefallen, wie ich es erhoffte. Das Warten auf Susy gestaltete sich zu einem ewigen Warten auf Besserung der Verhältnisse, der Menschen, des Lebens. Susy, die Titelfigur, wird trotz ihrer Unzuverlässigkeit, ihrer Ansprüche, jeglicher Unzulänglichkeiten als die große Liebenswürdige dargestellt. Trotzdem lernt man sie nicht richtig kennen. In Afrika, auf Afrikaner muss man wohl oder übel immer warten, ihr Lebensrhythmus ist weder konventionell noch europäisch, schon gar nicht wie der einer Schweizer Taschenuhr. Das weiß ich aus meinen früheren Erfahrungen sehr gut. Ihre Hilfsbereitschaft lebt den Augenblick, Drogen oder Alkohol können beste Vorsätze binnen Minuten vergessen machen. Trotzdem sollte man, wie die Autorin es am Ende betont, endlich dazu übergehen, Afrika nicht ständig in der Opferrolle zu sehen oder als Almosenempfänger. Afrika kann gut allein fertig werden mit seinen Problemen, nur eben auf afrikanische Art.
Was mich an diesem Buch sehr verärgert hat, ist die feministische und gendergerechte Art, teilweise liest sich der Roman eher wie eine Reportage. Und mit all den überflüssigen Doppelnennungen von Journalisten und Journalistinnen, Afrikanern und Afrikanerinnen etc. eher wie ein gewöhnlicher Zeitungsartikel.
Fazit: Der Lebensbericht einer Ausgewanderten, die bei aller Liebe zur neuen Heimat Südafrika auf unzählige Probleme stößt. Mit nun Mitte 60 ist sie einigermaßen bei sich angekommen, ich wünsche ihr, dass sie ihr Leben mit ihrem Ehemann genießen kann.

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Veröffentlicht am 02.10.2025

Bissige Gesellschaftssatire, humorvoll verpackt

Zuhause ist vorübergehend geschlossen
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„Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem ...

„Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt“ – so wird Satire definiert. Zitat aus Google/KI.
Antje Huhs hat ihren ersten Roman veröffentlicht und sich ausgerechnet die krisenhafte Befindlichkeit der Pflegebranche auserkoren, um daraus eine bissige Gesellschaftssatire zu machen. Ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit streiken die Pflegekräfte und „der Staat“ weiß sich nicht anders zu helfen, als per Gesetz die pflegebedürftigen Senioren auf Privathaushalte mit Eigenheim zu verteilen. Dass dabei so einiges schief geht, sich manch einer drücken will und es zu kuriosen Vorfällen kommt, ist folgerichtig. Aber nach zwei, drei Stunden auch sehr ermüdend, ernüchternd sowieso. Man lernt Gute und Böse, Arme und Reiche kennen, Reichenbashing inklusive, die Charaktere sind nicht gerade subtil zu nennen, schwarz-weiß ist die Farbe des Tages. Fröhliche Weihnachten?! Lassen Sie sich überraschen.
(zum Hörbuch: Vera Teltz, der ich immer gern zuhöre, wenn sie gute Romane zu einem wahren Kopfkino werden lässt, hat auch diesen Roman souverän zum Leben erweckt.)

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