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Veröffentlicht am 11.03.2026

Ein Internatsroman, der unter die Haut geht

Was wir nicht sagen können
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„Ich will hier einfach nur Lennox sein.“ (S. 89)
Lennox will sein letztes Schuljahr möglichst unauffällig und unerkannt verbringen. Genau deshalb ist er extra an ein Schweizer Eliteinternat gewechselt. ...

„Ich will hier einfach nur Lennox sein.“ (S. 89)
Lennox will sein letztes Schuljahr möglichst unauffällig und unerkannt verbringen. Genau deshalb ist er extra an ein Schweizer Eliteinternat gewechselt. Doch dort zählen vor allem der (Familien)Name, das Vermögen und der Einfluss und die Macht, die Geld mit sich bringen. Natürlich sorgt es für Aufsehen, wenn plötzlich ein völlig Unbekannter auftaucht, dessen Namen niemand kennt, der auf Social Media nicht existiert und auch sonst nicht besonders gesprächig ist.

Lennox lässt niemanden an sich heran, nicht mal seinen Zimmergenossen Jesper, der sich ehrlich bemüht, Freundschaft zu schließen. Erst als er seine Mentorin Katharina kennenlernt, beginnt sich etwas zu ändern. Sie spielt nicht nur sagenhaft gut Klavier, sie komponiert auch eigene Stücke. Ihre Musik berührt Lennox tief. Wenn er ihr zuhört, kommt er endlich zur Ruhe. Die Geräusche in seinem Kopf verstumme und das Unvergessliche tritt kurz in den Hintergrund. Sie kommen sich näher, schließlich verlieben sie sich. Doch wie nah kann man sich wirklich kommen, wenn man seine Geheimnisse um jeden Preis bewahren will?
Katharina merkt schnell, dass Lennox auf laute Geräuschen mit Panikattacken reagiert und dann kaum noch ansprechbar ist. Gleichzeitig haben sie noch mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Katharinas Exfreund Dexter, der Kapitän des Ruderteams, will sie unbedingt zurückgewinnen. Außerdem versucht er verzweifelt, den Erwartungen seiner Familie gerecht zu werden. Sein Vater und sein Bruder waren beide Jahrgangsbeste – und dasselbe wird nun von ihm erwartet. Um dieses Ziel zu erreichen, schreckt er vor nichts zurück. „Dexters Währung sind Informationen. Er kennt so viele Geheimnisse. Über Mitschüler, Lehrer, Ehemalige, Eltern.“ (S. 148)

Lennox ist so sehr seinem eigenen Geheimnis beschäftigt, dass er lange nicht erkennt, was sich hinter den Fassaden seiner Mitschüler verbirgt. Denn der Druck ist bei für alle enorm. Die Schule allein ist schon anspruchsvoll genug, doch die Erwartungen ihrer Eltern sind oft kaum zu erfüllen. Eigene Wünsche und Träume müssen hinter den Vorstellungen ihrer Familien zurückstehen. „… hier lernt der Elitenachwuchs der Elite für ihr Leben in der Elitegesellschaft. Geschenkt kriegst du hier nichts.“ (S. 33)
Auch Katharina steht vor dieser Entscheidung. Sie soll später ins Familienunternehmen einsteigen, obwohl sie viel lieber Pianistin wäre. Die Stunden am Klavier sind ihre Zuflucht und gleichzeitig schmerzhaft. „Jedes Mal, wenn ich hier spiele, ist es wie ein Abschied. Jeder Tag, der vergeht, lässt meine Musik leiser werden. Bis sie irgendwann nur noch eine Erinnerung sein wird.“ (S. 215)
Dexter hingegen nutzt die Geheimnisse anderer, um seine Stellung zu sichern. Mit Angst, Loyalität und Gefälligkeiten bindet er die Menschen an sich. Nach außen gibt er sich als harter, aber auch großzügiger Anführer.

Adriana Popescu versprüht in Was wir nicht sagen können dank Schuluniformen, Internatsalltag und komplexen Beziehungen zwar ein wenig Maxton-Hall-Vibes, doch ihr neuestes – und wahrscheinlich leider auch letztes – Jugendbuch geht deutlich tiefer. Es geht um die Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, welchen Weg man im Leben gehen will, ohne ständig Rücksicht auf familiäre Erwartungen nehmen zu müssen. Es geht um den Wunsch, Träume wenigstens ausprobieren zu dürfen. Die wichtigste Botschaft des Buches ist jedoch, dass man um Hilfe bitten darf, wenn man überfordert oder gestresst ist, und dass Hilflosigkeit nicht an anderen ausgelassen werden sollte.
Popescues Coming-of-Age-Roman ist emotional, spannend und voller unvorhersehbarer Wendungen. Besonders beeindruckend ist ihr sensibler Umgang mit einem bedrückenden, aber wichtigen Thema.

Ein berührendes Lesehighlight, das zur Pflichtlektüre an Schulen werden sollte.

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Veröffentlicht am 04.03.2026

Das kann uns keiner nehmen

Alt genug
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„Die Lebensmitte ist überschritten, ich habe geliebte Menschen, etliche Illusionen, häufig den Mut und zweimal mein Portemonnaie, inklusive sämtliche Papiere verloren. … aber ich bin immer noch da.“ (S. ...

„Die Lebensmitte ist überschritten, ich habe geliebte Menschen, etliche Illusionen, häufig den Mut und zweimal mein Portemonnaie, inklusive sämtliche Papiere verloren. … aber ich bin immer noch da.“ (S. 7)
Ildikó von Kürthy spricht mir mit diesem Buch aus der Seele. Als Frau über 50 scheine ich eine magisch Grenze überschritten zu haben, bei der man für viele plötzlich unsichtbar geworden zu sein scheint. Das ist einerseits oft befreiend, andererseits manchmal aber auch sehr schmerzhaft.

Das Buch ist eine selbstironische, selbstkritische und humorvolle Abrechnung mit ihrem Leben und unserer Gesellschaft. Sie schreibt ehrlich über ihre diversen Ängste, Panikattacken, Sehnsüchte und Süchte und wie sie die überwunden oder sich zumindest damit arrangiert hat. In „Neuland“ hat sie versucht, sich neu zu erfinden, in „Alt genug“ ist sie endlich angekommen und hat sich mit all ihren Macken, Fehlern und Eigenheiten akzeptiert. Das Schöne am Älterwerden ist ja auch, dass man plötzlich mit einer gewissen Altersweisheit, Erfahrung, Distanz, Mut und Ruhe auf Dinge hinab- oder zurückblickt, die einen früher aufgeregt hätten.

Es ist wieder eine sehr persönliche Geschichte. Sie schreibt von unzähligen Auftritten, die ihr irgendwann zu viel wurden, von Festivals, einem Schreibseminar, ihrer Bewerbung bei GNTM und ihrem ersten Urlaub allein in New York. Sie erzählt vom Verlust ihrer Eltern, den Todesfällen im Freundes- und Bekanntenkreis und der kleinen Gruppe ihrer engsten Freundinnen, die wirklich immer füreinander da sind und um die ich sie beneide.
Ildikó von Kürthy plädiert dafür, nicht so zu leben, als wäre jeder Tag der letzte, sondern als wäre er der erste – mit Neugier, Dankbarkeit, Gelassenheit und der Bereitschaft, sich selbst wichtig zu nehmen.

„Alt genug“ ist eine warmherzige, kluge und tröstliche Ode an das Leben und die Freundschaft, an das Älterwerden und das Ankommen bei sich selbst. Es erzählt von wachsender Gelassenheit und dem Mut, Dinge endlich auszusprechen, statt sie still hinzunehmen, und davon, für die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Träume einzustehen. Zugleich erinnert es uns daran, dass uns unsere gesa

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Veröffentlicht am 27.12.2025

Katz und Maus

Die MörderMitzi und der eiskalte Tod
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… spielt der Mörder mit den Teilnehmern des von Mitzis Psychotherapeuten Dr. Rannacher organisierten Retreats im Dachsteingebirge. Geplant waren acht Tage in der Tannenzapfenhütte, ohne Telefon und Internet, ...

… spielt der Mörder mit den Teilnehmern des von Mitzis Psychotherapeuten Dr. Rannacher organisierten Retreats im Dachsteingebirge. Geplant waren acht Tage in der Tannenzapfenhütte, ohne Telefon und Internet, zurück zur Natur und dem einfachen Leben, damit alle zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden. Stattdessen stolpert Mitzi schon beim ersten Spaziergang über eine Leiche, die sie aber auf Bitten von Dr. Rannacher den anderen gegenüber verschweigen soll. Da das Satelliten-Telefon nicht funktioniert und der Schneefall immer heftiger wird, können sie auch die Bergwacht nicht informieren. „Der Mann im Wald und der Satelliten-Messenger – beide waren ohne Leben.“ (S. 69)
Für Mitzi steht fest: Das kann kein Zufall sein! Jemand will den Toten so lange wie möglich geheim halten. Einer der anderen Teilnehmer? Sie ist überzeugt davon und versetzt sich gedanklich in ihre beste Freundin, Revierinspektorin Agnes Kirschnagel, mit der sie schon einige Fälle gelöst hat. Wie würde Agnes ermitteln?
Zur Gruppe gehören neben Dr. Rannacher und Mitzi dessen Assistentin, zwei Männer und drei Frauen. Doch wer von ihnen hatte Motiv und Gelegenheit, den Mann im Schnee zu töten?

„Mit jedem Tag, eher mit jeder Stunde, trudelten die Anwesenden tiefer in eine Geschichte, für die es keine Erklärung gab. Keiner schien mehr sicher zu sein, und nur einer unter den Anwesenden konnte wissen, welche Spiel sich oben nach und nach entfaltete.“ (S. 177)
Die durch die Wetterlage ohnehin schon angespannte Stimmung schaukelt sich immer weiter hoch. Alle Teilnehmer tragen ihre eigenen (psychische) Probleme mit sich herum, leben auf engstem Raum und müssen miteinander klarkommen. Nachts quietschen Türen, die eigentlich verschlossen sein sollten, und ständig hat jemand das Gefühl, aus den Schatten heraus beobachtet zu werden. Dann kommt es zu einem Todesfall in der Hütte, und einer der Teilnehmer dreht völlig durch. Auch anderen geht es plötzlich unerklärlich schlecht. Treibt jemand ein perfides Spiel mit ihnen? Und wie so oft kann Mitzi das Ermitteln nicht lassen und bringt sich damit erneut in Lebensgefahr.

„Die MörderMitzi und der eiskalte Tod“ ist für mich einer der besten Teile der Reihe von Isabella Archan. Die Handlung ist unglaublich dicht, spielt sich fast ausschließlich in der Hütte und ihrer näheren Umgebung ab und erinnert in ihrer Intensität an ein Kammerspiel. Man taucht tief in die Charaktere ein und weiß dennoch nie, wer hier ein doppeltes Spiel treibt. Die anfängliche Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung kippt rasch, als sie von der Außenwelt abgeschnitten werden und ungewöhnliche Dinge geschehen.
Besonders spannend fand ich, wie Dr. Rannacher immer mutloser und verzweifelter wird, weil ihm die Situation entgleitet. Mitzi hingegen blüht geradezu auf, sobald sie einen Mord wittert – ihren ungeliebten Spitznamen trägt sie nicht umsonst. Sie spürt Verbrechen fast, noch bevor sie geschehen.

Ein atmosphärisch dichter, nervenaufreibender Fall, der die Stärken der Reihe voll ausspielt und bis zum Schluss in Atem hält.

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Veröffentlicht am 16.12.2025

Eine Couturière erster Klasse

Das unglaubliche Talent der Bailey Dowery
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„Es war eine Gabe, sehen zu können, was die meisten Menschen lieber nicht sehen wollten.“ (S. 13) Die Schwarze Schneiderin Bailey entdeckt bereits mit 12 Jahren, dass sie Visionen über die Menschen hat, ...

„Es war eine Gabe, sehen zu können, was die meisten Menschen lieber nicht sehen wollten.“ (S. 13) Die Schwarze Schneiderin Bailey entdeckt bereits mit 12 Jahren, dass sie Visionen über die Menschen hat, die sie berührt. Sie sieht deren Leidenschaften und Leiden, Vergangenheit und Zukunft. Um sich vor der Überflutung fremder Gedanken und Gefühle zu schützen, trägt sie bei der Arbeit Handschuhe. Dennoch spricht sich ihre Gabe herum. Immer häufiger kommen Bräute nicht nur wegen der Kleider in das Geschäft, sondern auch, um zu erfahren, ob ihre Ehen glücklich werden. Bailey sträubt sich zunächst, aber sie kann das Geld, das man ihr für ihre Dienste bietet, gut gebrauchen. Als sie eines Tages Elsa, die Tochter eines Ölbarons, unabsichtlich berührt, entdeckt sie deren schreckliches Geheimnis und empfindet Mitleid. Kann sie Elsa helfen oder soll sie sich an das halten, was ihre Tante ihr stets einschärft? „Vergiss nicht, wo du hingehörst… Vergiss nicht eine Sekunde lang, wer du bist.“ (S. 271)

Eins vorab: Der im Klappentext erwähnte Mord nimmt weniger Raum ein, als man erwarten könnte, da er erst im letzten Viertel der Handlung geschieht. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, warum Elsa überhaupt ein Motiv entwickeln könnte und wie sich die Situation immer mehr zuspitzt.

Trisha R. Thomas erzählt diese mitreißende Geschichte aus der Perspektive von vier sehr unterschiedlichen Frauen, die eines gemeinsam haben: Sie stecken in den engen Korsetts ihrer Gesellschaftsschicht und Zeit fest, unfähig, ihre Rollen einfach abzulegen.
Baileys Alltag ist von Angst geprägt. Um bloß nicht aufzufallen, hält sie sich penibel an alle Regeln, schaut Weißen nie zu lange in die Augen und begegnet ihnen stets unterwürfig. Aber sie hat eine Schwäche: Sie möchte helfen – besonders den Frauen, die zu ihr kommen und deren scheinbar perfekten Beziehungen bei genauerem Hinsehen tiefe Risse zeigen.
Ihre Tante Charlene hatte die Stadt eins verlassen und wollte nie zurückkehren. Doch nach dem Tod von Baileys Mutter zog sie zu ihrer Nichte. Die beiden verbindet weniger familiäre Nähe als eine Zweckgemeinschaft. Charlene schreckt vor körperlicher Nähe zurück und verstärkt Baileys Angst vor Fehlern und deren möglichen Konsequenzen – nicht zuletzt, weil auch sie ein dunkles Geheimnis hütet.
Elsa fühlt sich den Erwartungen ihrer Mutter nie gewachsen. Sie trägt lieber Karohemden und Latzhosen als elegante Kleider, und auch die Benimmschule hat nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Der mühsam erarbeitete Reichtum ihrer Eltern bedeutet ihr wenig, und heiraten will sie auf keine Fall. Doch ihre Einwände werden einfach überhört. „Das hier ist Mendol. Da heiratet man nicht aus Liebe. Wir heiraten, um unsere Familie zu ehren, zugunsten unseres Ansehens in den Augen Gottes.“ (S. 16)
Elsas Mutter Ingrid hat das Unternehmen ihres Mannes maßgeblich im Hintergrund mit aufgebaut. In der geplanten Hochzeit sieht sie den Höhepunkt dessen, was die Familie erreicht hat – ein Ereignis, das sie den Gästen stolz präsentieren will. Hinter den Kulissen ist diese Ehe jedoch ihre einzige Chance, das Unternehmen zu retten und Elsas Zukunft abzusichern, denn die Ölpreise fallen stetig. Ingrid klammert sich an den hart erkämpften Status und fürchtet nichts mehr, als den Rückfall in die Armut.

Doch obwohl die Frauen zunächst gefangen scheinen in ihren vorgezeichneten Bahnen, beginnt sich im Laufe der Geschichte etwas zu verändern. Sie finden ihre Stimmen, ihren Mut und ihr Selbstbewusstsein. Sie stellen sich ihren Ängste, überwinden Grenzen und wagen es, ihre Leben neu zu denken, hin zu ihren Leidenschaften und wahren Lieben.

Die Autorin verdeutlicht dabei eindrucksvoll Rassenunterschiede und Vorurteile der 1950er Jahre. Sie zeigt, wie PoC weiterhin als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden, ebenso wie die wirtschaftlichen Umbrüche der Zeit: Die Ölindustrie steckt in einer Krise, das Überangebot lässt die Preise fallen, Unternehmen gehen bankrott.

Insgesamt ist es ein starkes, wichtiges Buch, das aufrüttelt und Themen beleuchtet, über die ich so zuvor noch nie gelesen habe. Lediglich der Täter war für mich etwas zu vorhersehbar und das Ende wirkte stellenweise überfrachtet – was den positiven Gesamteindruck jedoch kaum schmälert.

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Veröffentlicht am 11.12.2025

Zeit der (Un)Schuld

Die weiße Nacht
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„Berlin war nicht länger der Mittelpunkt der Welt, wenn das überhaupt je der Fall gewesen war. Aus der einstigen Königin war eine zerlumpte Bettlerin geworden, die für ihre Sünden büßen musste.“ (S. 38) ...

„Berlin war nicht länger der Mittelpunkt der Welt, wenn das überhaupt je der Fall gewesen war. Aus der einstigen Königin war eine zerlumpte Bettlerin geworden, die für ihre Sünden büßen musste.“ (S. 38)
Dezember 1946: Der Hungerwinter hält Berlin fest im Griff. Die Stadt liegt in Trümmern, zerstört durch den 2. WK und aufgeteilt unter deren Besatzungsmächten. Die Menschen hungern, frieren, sind traumatisiert und leben in ständiger Angst – vor den neuen Machthabern, vor Denunzianten, vor Mitmenschen, die ihnen das Letzte nehmen könnten. Sie haben überlebt, aber wirklich leben kann man diesen Zustand kaum nennen. Es ist eher ein mühseliges Existieren.

„Wir kommen nur schwer wieder ins Leben. Es macht einem Angst, dass es immer weitergeht. Ab und zu versuchen wir, aus dem Loch zu klettern, in das wir gefallen sind. Aber die Toten ziehen uns zurück.“ (S. 391)
Leichenfunde gehören zum Alltag, doch bei der jungen Frau, auf die Lou im Morgengrauen stößt, ist etwas anders. Man sieht nicht, wie sie gestorben ist, aber klar ist, dass sie erst nach ihrem Tod hier abgelegt und in auffälliger Weise drapiert wurde. Die Inszenierung wirkt rituell, wie ein Rätsel. Der Täter will ihnen etwas mitteilen – aber was?
Das sagt Lou auch Kriminalkommissar Alfred König, der zum Tatort kommt. Doch er interessiert sich zunächst mehr für die Fotos, die sie gemacht hat, und die er prompt konfisziert. Erst als weitere Leichen auftauchen und sich die Hinweise auf ein besonders dunkles Kapitel der NS-Zeit verdichten, wird der Ausmaß des Falls deutlich.

„Die weiße Nacht“ ist ein extrem spannender und atmosphärisch dichter Auftakt zur neuen Krimireihe von Anne Stern, die im Berlin der Nachkriegszeit spielt. Ihre Protagonisten haben den Krieg und die Nazizeit geradeso überlebt, doch viele von ihnen sind körperlich wie seelisch gebrochen.
„Ich habe sonst nichts. Nur die Fotografie. Mit ihr kann ich mir ein Bild von der Welt machen, die ich sonst nicht begreife. Ich kann mit ihrer Hilfe hinter die Dinge sehen, kann sie vielleicht ordnen.“ (S. 377)
Lou und ihr Mitbewohner Bruno haben als einzige ihrer Widerstandgruppe die Strafanstalt Plötzensee überlebt. Lou flüchtet sich in die Fotografie, sucht das Schöne, Hoffnungsvolle in der Trümmerlandschaft, zeigt aber auch die ungeschönte Realität. Sie sieht nicht nur mit ihrer Kamera mehr als andere mit bloßen Augen. Gleichzeitig kümmert sie sich um Bruno, dessen Verstand immer weiter schwindet. König hilf sie, weil die Toten sie faszinieren, oder vielmehr die Art, wie sie inszeniert wurden. Sie kann nicht anders: Sie muss das Rätsel lösen und den Mörder zur Rechenschaft ziehen.
„König betrachtete seine Hände mit den gepflegten Fingernägeln voller Selbstmitleid. … Sie waren eher dazu geneigt, ein silbernes Feuerzeug zu halten, auch ein Pokerblatt oder ein Champagnerglas, aber nicht für diese Drecksarbeit. Aber was blieb übrig?“ (S. 33)
König war einst Jurist und Polizist, wurde jedoch von den Nazis weggesperrt, weil er sich gegen das System wandte. Politisch unbedenklich gilt er nun den Russen, die ihn zwangsweise als Kriminalkommissar einsetzen. Das Zuchthaus in Brandenburg hat er nur knapp überstanden, trägt seitdem ein Glasauge und benötigt einen Stock zum Gehen. Sein Körper ist gezeichnet, sein Geist aber ungebrochen – auch wenn er sich schuldig fühlt, weil er die Gefahr des Regimes zu spät erkannte. Sein Vorgesetzter, ein überzeugter Kommunist, erinnert ihn immer wieder daran. „Andere Zeiten, aber dieselben Leute in umgefärbten Uniformen. Die nehmen jeden, der nur einmal beteuert, nicht in der Partei gewesen zu sein. Ganz egal, ob es die Wahrheit ist.“ (S. 54)

Anne Stern zeigt eindringlich die ganze Bandbreite der Überlebenden, Gewinner und Verlierer der Stunde Null, ihren täglichen Kampf um Nahrung und Wärme, die Suche nach Angehörigen, das Hoffen, dass jemand überlebt hat, die vielen Waisenkinder, die durch die gefährlichen Trümmer streifen.
Trotzdem stehen die Ermittlungen klar im Vordergrund. König muss improvisieren und ungewöhnliche Wege gehen. Die Kripo wird gerade erst wieder aufgebaut, es fehlt an Personal und Material. Deshalb ist er auf Lous Fotos angewiesen und nimmt sich manche Freiheiten, wie etwa bei der Beschaffung eines Dienstwagens.
Lou soll sich eigentlich raushalten, aber dann stößt sie auf entscheidende Hinweise und gerät in das Visier des Mörders.

Der atmosphärisch dichte, nervenaufreibende Fall hat mich bis zum Schluss gepackt und endet mit einem fiesen Paukenschlag – einem Cliffhanger auf, der die Vorfreude auf die Fortsetzung noch größer macht. Eine klare Empfehlung für Fans von Gereon Rath oder August Emmerich.

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