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Veröffentlicht am 01.09.2018

Fremdbestimmung vs. Selbstbestimmung

Die Hochhausspringerin
2

In dieser Dystopie geht es um die existentiellen Probleme, die ein extrem fremdbestimmtes Leben mit sich bringen kann.
Julia von Lucadou macht uns bekannt mit Riva Karnovsky, einer Hochhausspringerin, ...

In dieser Dystopie geht es um die existentiellen Probleme, die ein extrem fremdbestimmtes Leben mit sich bringen kann.
Julia von Lucadou macht uns bekannt mit Riva Karnovsky, einer Hochhausspringerin, sehr beliebt und perfekt in ihrer attraktiven Rolle, die sich aber plötzlich aus diesem glamourösen Leben zurückzieht und in Lethargie verfällt. Dann ist da noch Hitomi Yoshida, die für Psy-Solutions arbeitet und durch geeignete Maßnahmen Riva reanimieren soll, damit sie sich wieder dem Highrise Diving zuwendet. Diese Maßnahmen bestehen in erster Linie aus minutiöser Überwachung, die Gründe für den Rückzug herausfinden und geeignete Therapiemöglichkeiten bieten soll.
Schnell wird deutlich, dass in dieser neuen Welt jeder permanent überwacht wird, bis in die Intimsphäre hinein, um die bestmögliche Optimierung der einzelnen Individuen zu gewährleisten, denn nur dann kann die Gesellschaft funktionieren. So wird auch Hitomi immer mehr bewußt, dass auch ihr Leben komplett fremdbestimmt ist, und wenn sie nicht funktioniert wie gewünscht, erfolgt der gesellschaftliche Abstieg, bis hinaus in die Peripherien, wo die Menschen bei ihren Biofamilien selbstbestimmt leben, aber eben nicht vollkommen sind.
Mir scheint es, als gehe es darum, sich zu entscheiden. Was möchte ich, Ruhm und Anerkennung, wobei ich mich dann aber in totale Fremdbestimmung begebe und mich anpasse, quasi meine eigene Persönlichkeit aufgebe. Oder möchte ich ein Individuum bleiben, selbstbestimmt, aber ohne Rückendeckung durch die Gesellschaft?
Offensichtlich ist Riva es leid, vom System vermarktet zu werden und im goldenen Käfig zu leben. Hitomi hingegen schätzt ein solches Leben, merkt aber sehr schnell, wie schwierig es ist, den gesellschaftlichen Ansprüchen dieser neuen Welt zu genügen.
Ein Sympathieträger ist keiner der Protagonisten, denn Hitomi missfällt mir durch ihren Ja-Sager Status, während ich über Rivas Beweggründe wenig erfahre, da der Roman aus Hitomis Sicht geschrieben ist. Ich denke aber, dass Rivas Aufbegehren ihr Wesen aufwertet.
Die Grundidee der Autorin ist lobenswert und in der heutigen Zeit keine reine Utopie mehr. Allerdings muss ich sagen, dass sich in der Umsetzung eine gewisse Langatmigkeit deutlich macht, denn es passiert einfach seitenweise nichts wirklich Neues, auf der einen Seite ständige Lethargie und auf der anderen permanente Überwachung. Besonders im Mittelteil war die Motivation zum Weiterlesen sehr niedrig. Zum Ende hin kam dann wieder deutlich mehr Spannung auf, denn Rivas und Hitomis weiterer Lebensweg wurde aufgezeigt.
Auf jeden Fall bringt einen die Geschichte um Riva und Hitomi zum Nachdenken. Wie ist unsere Rolle in der Gesellschaft und möchten wir daran etwas ändern?

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Veröffentlicht am 16.04.2026

Zu wenig Tiefgang

Mirabellentage
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Der Roman spielt in einem kleinen Dorf in Süddeutschland. Hier lebt die Protagonistin Anna als Haushälterin des Pfarrers Josef, der plötzlich und unerwartet stirbt. Sie sieht sich nun vor neue Aufgaben ...

Der Roman spielt in einem kleinen Dorf in Süddeutschland. Hier lebt die Protagonistin Anna als Haushälterin des Pfarrers Josef, der plötzlich und unerwartet stirbt. Sie sieht sich nun vor neue Aufgaben gestellt, denn die Beerdigung muss organisiert werden und vor allem muss der letzte Wunsch des Pfarrers realisiert werden: eine Seebestattung. Dies ist nicht so einfach zu bewerkstelligen, denn Anna hat zwar einen Führerschein, ist aber lange nicht mehr gefahren. Wie also die Asche zum weit entfernten Meer transportieren? Außerdem zieht von heute auf morgen ein neuer Pfarrer ein, Fridtjof, den Anna nun auch noch betreuen muss....
Der Roman hat zwar eine Gegenwartshandlung, die aber immer wieder mit Rückblicken auf die Vergangenheit unterbrochen wird, so dass man bald das Gefühl hat, dass es nicht wirklich vorwärts geht. Schließlich möchte man wissen, ob und wie der letzte Wunsch des Pfarrers in Erfüllung geht. Die Rückblicke erfolgen überwiegend in Form von Anekdoten, die anfangs wirklich zum Schmunzeln einladen, aber im Laufe des Buches platter und klischeehaft, teilweise sogar geschmacklos werden. Auch Tierleid wird hier eingebracht, was mir überhaupt nicht gefällt.
Die Aneinanderreihung zahlreicher Anekdoten, die mit dem eigentlichen Thema kaum etwas zu tun haben, macht das Buch zäh, so dass man nach einer Weile keine Spannung mehr empfindet. Ich habe mich dann schließlich durch die Seiten gequält, immer in der Hoffnung, dass sich doch noch etwas Entscheidendes ergibt. Das lässt das Buch recht oberflächlich erscheinen, obwohl ich gerade bei diesem Thema tiefergehende Betrachtung erwartet habe.
Dabei ist der Schreibstil durchaus anschaulich. Manche Szenen werden so detailliert beschrieben, dass man das Gefühl hat, mitten im Geschehen dabei zu sein. Oder es entwickelt sich ein Kopfkino von den beschriebenen Vorgängen.
Alles in allem konnte mich das Buch nicht überzeugen, da ich eine intensivere Beleuchtung der speziellen Thematik erwartet habe.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Innere Zerrissenheit

Zugwind
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Die Hauptprotagonistin Mira Zehmann lebt mit ihrer Familie (Mann und Tochter) in Deutschland, wo beide Erwachsene als Ärzte arbeiten. Ihre Heimatstadt ist Odesa in der Ukraine, wohin ihre Gedanken immer ...

Die Hauptprotagonistin Mira Zehmann lebt mit ihrer Familie (Mann und Tochter) in Deutschland, wo beide Erwachsene als Ärzte arbeiten. Ihre Heimatstadt ist Odesa in der Ukraine, wohin ihre Gedanken immer wieder abdriften, besonders nachdem dort Krieg herrscht. Ihre Wurzeln sind immer noch in diesem Land, wo sich durch den Krieg nun alles negativ verändert, und man liest über ihre Schuldgefühle, weil es ihr gutgeht und sie den Komfort der Sicherheit genießt, während ihre Landsleute leiden.
Auffällig ist von Beginn an der rasante Schreibstil, der auch Miras Zerrissenheit wiederspiegelt. Ihre Gedanken rasen, ihre Alltagstätigkeiten rasen, sowie auch ihre beruflichen Einsätze. Anfangs hat mich das Buch nervös gemacht, weil es sich liest, als wäre die Hauptfigur in ihrem Lebensstrudel gefangen. Aber man gewöhnt sich daran und sieht sich dann nur noch als Beobachter dieses turbulenten Lebens.
Sehr interessant fand ich die Beschreibung des Praxisalltags, weil sich deutlich zeigt, weshalb die Flüchtlinge so häufig die Praxis besuchen, sie suchen in Mira die Nähe zur Heimat. Das ist sehr ergreifend, aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass Mira ihre Patienten nicht wirklich ernst nimmt. Vielleicht versteht sie ihre Sorgen und Nöte nicht wirklich, weil sie mit ihrer Familie in einer sorglosen Welt lebt.
Mira ist mir nicht besonders sympathisch, teilweise erscheint sie mir recht egoistisch. Einige ihrer Aktionen sind für mich nicht nachvollziehbar. Da gibt es übergangslose Szenenwechsel und auch Aneinanderreihungen von Nebensächlichkeiten, wodurch sich im Buch für mich Längen ergeben, besonders im letzten Drittel.
Vieles lässt sich durch den Zugwind erklären, der sich in ihrem Kopf abspielt. Dieser Zustand ist durch das Cover wunderbar dargestellt, denn diese 'Zugluft' wird hier abgebildet wie ein Löwenzahn. Wenn die Blüte vorbei ist, lässt sie sich in alle Richtungen verteilen, und genau so zerstreut sind auch Miras Gedanken.
Zusammenfassend fand ich das Buch interessant, und ich habe einige Einblicke in die Welt der Geflüchteten gewonnen, aber fesseln konnte es mich nicht.

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Veröffentlicht am 10.01.2026

Für einen Thriller nicht genug Spannung

The Woman in Suite 11
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Laura 'Lo' Blacklock, bekannt aus 'The Woman in Cabin 10', möchte den beruflichen Wiedereinstieg als Journalistin wagen und nimmt eine Einladung in ein neu eröffnetes Schweizer Hotel am Genfer See an. ...

Laura 'Lo' Blacklock, bekannt aus 'The Woman in Cabin 10', möchte den beruflichen Wiedereinstieg als Journalistin wagen und nimmt eine Einladung in ein neu eröffnetes Schweizer Hotel am Genfer See an. Dort soll sie für die Financial Times den Besitzer des Luxushotels zu einem Interview bewegen, einen exzentrischen Millionär, der selten in Erscheinung tritt. Vor Ort trifft sie auf einige Bekannte, die schon im Vorgängerband eine Rolle spielten und die Laura an die schlimmen Erlebnisse auf dem Kreuzfahrtschiff erinnern.
Ich hatte spannende Thrillerkost erwartet, jedoch musste ich mich etwas gedulden, bis ich das Gefühl hatte, das Buch nicht mehr aus den Händen legen zu wollen.
Zunächst wird nur Laura Blacklocks Familienleben beschrieben, ihr Verhältnis zu den Kindern und zu ihrem Mann, und die teure Wohngegend in NY, wohin es sie durch Heirat verschlagen hat. Der erste mysteriöse Vorfall ereignet sich auf S. 61, aber wenn man dann aufkeimende Spannung erwartet, wird man enttäuscht. Denn nun wird in aller Ausführlichkeit Lauras erstes Dinner im Schweizer Luxushotel beschrieben, was ich wieder recht langatmig fand.
Spannung setzt erst ein, als Laura in eine andere Suite des Hotels gebeten wird und dort auf eine Frau trifft, die im ersten Band eine zwielichtige Rolle spielte. Rückbezüge und Erläuterungen zum ersten Band finden reichlich statt, ohne dass die genauen Vorkommnisse beschrieben werden. Hätte ich nicht vor kurzem den Film zum ersten Band gesehen, wäre mir nicht klar geworden, um was es damals ging. Den ersten Band habe ich nicht gelesen.
Laura als Hauptprotagonistin erscheint mir nicht überzeugend, denn sie ist zu gutgläubig und vielleicht sogar naiv. Gerade zu den erlebten Vorfällen damals auf dem Schiff passt das nicht. Sie müsste zumindest ein gesundes Misstrauen entwickelt haben, wenn nicht sogar äußerste Vorsicht walten lassen, denn sie hat die Traumata von damals noch nicht vollständig verarbeitet. Immer wieder fühlt sie aufkommende Panikattacken und nimmt Psychopharmaka. Sie ist unfähig zu lügen, auch wenn es dabei um ihr eigenes Wohl geht. Das wirkt unrealistisch.
Ihre Gegenspielerin dagegen ist dreist und unehrlich. Sie tischt Laura fantasiereiche Lügen auf und stellt obstruse Forderungen, wobei sie leichtes Spiel hat, denn Laura ist leicht zu manipulieren. Sogar als sie in kriminelle Machenschaften einbezogen wird, denkt sie nicht an ihre Familie, sondern lässt sich darauf ein. Dabei wird immer wieder betont, wie wichtig ihr die Kinder sind.
Der Schreibstil liest sich angenehm, jedoch gibt es einige redundante Elemente. Interessant finde ich die teilweise den Kapiteln vorangestellten Chats, Mails usw., die vorausweisend sind und insofern Spannung erzeugen, weil man wissen möchte, wie es zu den angekündigten Schritten kommt.
Das Ende kann man sich schon vorher ausrechnen, nur Laura durchschaut es wieder mal nicht, obwohl eindeutige Hinweise da sind. So bleiben auch schließlich einige Fragen offen und manches wirkt nicht schlüssig.
Alles in allem hat mich das Buch zwar gut unterhalten, aber für einen Thriller fehlte es mir an Spannung und Überzeugungskraft.

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Humorvoll, unterhaltsam, aber spannungsarm

Über die Toten nur Gutes
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Ich habe mit Begeisterung die 'Wege der Zeit' Trilogie und 'Kein guter Mann' von Andreas Izquierdo gelesen. Alle vier Bücher haben mich beeindruckt, da der Schreibstil mich sehr angesprochen hat. Detailreiche ...

Ich habe mit Begeisterung die 'Wege der Zeit' Trilogie und 'Kein guter Mann' von Andreas Izquierdo gelesen. Alle vier Bücher haben mich beeindruckt, da der Schreibstil mich sehr angesprochen hat. Detailreiche Beschreibungen, liebevoll skizzierte Figuren und intensive Emotionen sind die charakteristischen Merkmale des Schreibstils, an die ich mich gut erinnere.
Auch in diesem Buch ist der Schreibstil überzeugend, wobei hier noch eine gehörige Prise Humor dazukommt, der teilweise durchaus makaber ist. Das fängt schon direkt im ersten Kapitel an, als man sich auf einer Trauerfeier wähnt, jedoch bald eines Besseren belehrt wird. Formulierungen wie 'Mads krähten Kassandrarufe durch den Kopf' sind einfach genial, und da könnte ich noch viele mehr zitieren.
Besonders gefallen haben mir die beiden Hauptprotagonisten Mads und Fridtjof, die sehr eigenwillige Charaktere haben, was vom Autor prägnant dargestellt wird. Sie wirken sogar skurril, so dass man öfters schmunzeln muss. Auch die eifersüchtige Malteserhündin wird liebevoll skizziert. Die Kommissarin mit dem Beinamen 'Mills Kills' fand ich sehr realitätsfern, ihre Verhaltensweisen total überzogen.
Mads Madsen ist Trauerredner mit vollem Einsatz, denn er liebt seinen Beruf. Er ist alleinstehend, lebt mit seiner Malteserhündin und seinem Vater Fridtjof unter einem Dach. Eines Tages erfährt er vom Tod seines alten Freundes Patrick, den er ganz aus den Augen verloren hatte, an den er aber sehr emotionale Erinnerungen hegt. Patrick wurde angefahren und starb an den Folgen. Wegen der folgenden Fahrerflucht besteht der Verdacht, dass es sich um Mord handeln könnte. Das lässt Mads keine Ruhe, und er fängt an zu ermitteln.
Daraufhin habe ich spannende Ermittlungen erwartet, da das Buch ja als Kriminalroman deklariert ist. Leider kam Spannung aber selten auf, und man bekam auch nicht genügend Informationen, um miträtseln zu können. Das blieb alles ziemlich an der Oberfläche, so dass ich mich bisweilen zwingen musste, weiter zu lesen. Zwar ist der Autor bemüht, Cliffhanger einzubauen, die für mich aber nicht sehr überzeugend waren. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass die Krimihandlung Nebensache war, während das Familien Miteinander zum Leitthema wurde.
Die Bingo-Szenen waren zwar sehr humorvoll geschildert, besonders im Hinblick auf Fridtjof, waren mir aber für einen Kriminalroman viel zu langatmig und bedeutungslos.
Alles in allem hatte ich einen Kriminalroman erwartet, wurde aber mit einem amüsanten Unterhaltungsroman überrascht und bin deshalb gewissermaßen enttäuscht.

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