Unsichtbare Tinte
Ein Geist in der KehleDer Klappentext dieses in Irland sehr erfolgreichen und mit dem "An Post Irish Book of The Year Prize" ausgezeichneten Romans hat mich sehr angesprochen. Die Ich-Erzählerin spürt einer Dichterin aus dem ...
Der Klappentext dieses in Irland sehr erfolgreichen und mit dem "An Post Irish Book of The Year Prize" ausgezeichneten Romans hat mich sehr angesprochen. Die Ich-Erzählerin spürt einer Dichterin aus dem 18. Jahrhundert nach, die mit dem Klagelied über ihren toten Mann quasi ein irischen Nationalheiligtum geschaffen hat. Das Klagelied "Caoineadh Airt Uí Laoghaire" ist Pflichtlektüre in den Schulen. Über die Dichterin ist jedoch kaum etwas bekannt, nicht einmal ihre genauen Lebensdaten oder ihre Grabstelle.
Ich hatte mir eine spannende, zumindest aber interessante Spurensuche erhofft, in der sich die zwei Leben miteinander verweben und am Ende eine Art von Erkenntnisgewinn bleibt. Leider war es für mich nicht so. Die Autorin schildert sehr detailreich das Dasein als Mutter von vier kleinen Kindern, das ihr Alter Ego völlig erschöpft und auslaugt. Ihre "Stillgeschichte" nimmt sehr viel Raum ein und ihr Wunsch nach weiteren Babys war mir unverständlich. Das Klagelied und dessen Dichterin Eibhlīn Dubh werden für die Ich-Erzählerin zur Obsession und sie versucht mehr über diese Frau zu erfahren. Nächtelang forscht sie online oder sucht in ihrer raren Freizeit Archive auf. Ihre Ergebnisse sind jedoch nur wenige enttäuschende Fragmente. Dies ist der für mich einnehmendste Aspekt des Romans, das Verschwinden nicht nur dieser Dichterin, sondern das generelle Versinken von Frauen in der Historie oder der Literatur. "Wie umstandslos der akademische Blick sie in einen männlichen Schatten stellt, als könne sie nur als Trabant des Lebens von Männern von Interesse sein." (S. 86) Eingebettet in die ausufernden Alltagsbeschreibungen kam mir dieser Aspekt zu kurz.
Der Text enthält viele schöne Stellen, zumal die Autorin eine bekannte Lyrikerin ist und dieses Genre reichlich in den Roman eingeflossen ist. Der Genre-Mix konnte mich aber nicht überzeugen. Möglicherweise liegt dies auch an dem fehlenden Bezug zur bzw. Hintergrundwissen über irische/gälische Sprache und Literatur. Ohne Zweifel spielt dies im Originaltext und in der Rezeption des Romans eine wichtige Rolle.
Dass die Autorin der historischen Dichterin eine ausgewiesen "weibliche" Stimme verleihen möchte, muss ohne Frage gewürdigt werden.
"Ich beschließe, mich noch mal diesen Texten zuzuwenden und einen Akt der vorsätzlichen Auslöschung zu begehen, indem ich jedes Dokument und jeden Brief so zusammenstreiche, dass nur noch das Leben von Frauen übrig bleibt. Durch diese schräge Form von Lektüre widme ich mich der Aufgabe, weibliche Leben aus männlichen Texten hervorzulocken. Ein solches Experiment der Umkehrung wird, so hoffe ich, das verborgene Leben der Frauen zum Vorschein bringen, das immer da ist, kodiert, geschrieben mit unsichtbarer Tinte." (S. 93)