Mit „Mittelalte Frauen“ versammelt Curtis Sittenfeld zwölf Kurzgeschichten, in deren Zentrum Frauen Ende vierzig, Anfang fünfzig stehen – Frauen, die mitten im Leben stehen und doch immer wieder an Punkte ...
Mit „Mittelalte Frauen“ versammelt Curtis Sittenfeld zwölf Kurzgeschichten, in deren Zentrum Frauen Ende vierzig, Anfang fünfzig stehen – Frauen, die mitten im Leben stehen und doch immer wieder an Punkte geraten, die sie innehalten lassen.
Die Geschichten greifen scheinbar alltägliche Situationen auf, sowohl im Privaten als auch im Berufsleben. Und genau darin liegt ihre Stärke: Es sind diese leisen, oft unscheinbaren Momente, in denen etwas kippt, sich verschiebt, hinterfragt wird. Sittenfeld schreibt dabei so nah an ihren Protagonistinnen, dass man sich nicht nur in ihre Gedanken und Gefühle hineinversetzen kann – man erkennt sich selbst darin wieder. In kleinen Gesten, in Zweifeln, in unausgesprochenen Fragen.
Gerade dieses Wiedererkennen macht die Lektüre so eindringlich. Es entsteht das Gefühl, nicht allein zu sein mit eigenen Unsicherheiten oder Erfahrungen – als würde jemand von außen einen Spiegel vorhalten und gleichzeitig leise sagen: Du bist damit nicht allein.
Besonders gelungen ist auch, dass Sittenfeld nicht jede Geschichte auflöst. Einige enden offen, verweilen bewusst im Ungewissen. Dadurch entsteht Raum – für eigene Gedanken, eigene Deutungen, für das gedankliche Weiterspinnen der Situationen. Man beginnt unweigerlich, sich selbst zu fragen: Habe ich so etwas schon erlebt? Wie habe ich damals gehandelt? Und wie würde ich es heute tun?
Diese Offenheit ist es, die die Geschichten über das Lesen hinaus wirken lässt.
Fazit:
Eine Sammlung kluger, fein beobachteter Kurzgeschichten, die leise daherkommen und doch nachhallen. Geschichten, die berühren, zum Nachdenken anregen und unter die Haut gehen – auf ganz unterschiedliche Weise.
Bereits das Cover dieses Book Journals von Julia Myotte aus dem Bassermann Verlag ist ein echter Blickfang: Der schwarze Hintergrund lässt die bunten Illustrationen aus Blumen und kleinen Büchern regelrecht ...
Bereits das Cover dieses Book Journals von Julia Myotte aus dem Bassermann Verlag ist ein echter Blickfang: Der schwarze Hintergrund lässt die bunten Illustrationen aus Blumen und kleinen Büchern regelrecht leuchten, während goldene Details dem Ganzen eine edle Note verleihen. Ein Journal, das man gerne in die Hand nimmt – und genau das macht ja schon den ersten Unterschied.
Im Innenteil hat mich das Journal ebenfalls überzeugt. Man kann nicht nur seine gelesenen Bücher festhalten, sondern auch viele Details dazu eintragen, wie z.B. Autor, Verlag, Genre oder ob man das Buch gelesen oder gehört hat. Besonders schön finde ich, dass auch Platz für die eigene Meinung und eine Bewertung ist. Ein richtig originelles Extra ist für mich die Idee, jedem Buch eine passende Musik zuzuordnen. Das macht das Ganze noch persönlicher.
Ein kleiner Punkt, der mir nicht so gut gefällt ist der „Freiraum“, der für die eigene Meinung vorgesehen ist. Denn er ist etwas knapp bemessen. Man muss sich also entweder kurz fassen oder sehr klein schreiben. Mehr Raum wäre hier schön gewesen.
Doch das Bookjournal wartet mit weiteren Extras auf, die das Journal für mich besonders machen. Insgesamt können 100 Bücher festgehalten werden, und schon am Anfang gibt es Seiten, auf denen man Monat für Monat seine Favoriten küren kann. Dazu kommen tolle Listen wie „Die 10 besten Bücher für den Frühling“, Platz für Neuerscheinungen, Lieblingszitate. Alles kann man dann natürlich noch nach seinen Geschmack ausgestalten.
Weiter gibt es noch einen Lesetracker, mit dem man dokumentieren kann, wie viel man gelesen hat – egal ob Bücher pro Monat oder Seiten pro Tag. Und selbst ungelesene Bücher können hier vermerkt werden.
Fazit:
Insgesamt ist dieses Book Journal innen wie außen ein gelungenes Gesamtkunstwerk. Es lädt dazu ein, die eigene Lesezeit bewusst festzuhalten und kreativ zu begleiten. Es wird dabei schnell zu einem treuen Begleiter für alle, die ihre Bücherliebe gerne dokumentieren.
Rezension zu gleichnamigen Hörbuch
Eve Shawn ist erst Anfang zwanzig und hat doch schon mehr erlebt, als viele in einem ganzen Leben. Als sie mit vier Jahren ihren Geburtstag feiern wollte, kommt ihre ...
Rezension zu gleichnamigen Hörbuch
Eve Shawn ist erst Anfang zwanzig und hat doch schon mehr erlebt, als viele in einem ganzen Leben. Als sie mit vier Jahren ihren Geburtstag feiern wollte, kommt ihre kleine Schwester bei einem tragischen Unfall ums Leben. Ein Ereignis, an dem sich Eve bis heute die Schuld daran gibt.
Mit diesem Moment beginnt das langsame Auseinanderfallen der Familie. Ihre Mutter zerbricht am Verlust und lässt Eve spüren, dass sie ihr die Verantwortung dafür zuschreibt. Die Eltern trennen sich, Eve wächst fortan bei ihrem Vater und dessen neuer Frau auf. Zwischen ihr und ihrer Mutter bleibt eine schmerzhafte Distanz zurück.
In dieser Zeit entdeckt Eve ihre besondere Verbindung zu Octopussen. Sie beginnt, sie zu zeichnen, detailreich, beinahe lebendig, immer mit einer schwarzen Spitze an einem Tentakel. Und bald ist da mehr als nur Kunst: Ein Octopus scheint sie zu begleiten, wandert über ihren Körper, lebt auf ihrem Oberschenkel. Doch was auf den ersten Blick befremdlich wirkt, wird für Eve zu etwas Tröstlichem.
Als Erwachsene arbeitet sie als Kunstgutachterin. Doch erst als eines Tages ein älterer Mann in ihrem Büro erscheint, ihr eine kleine weiße Octopus-Statue in die Hand drückt und behauptet, ihr längst verstorbener Lieblingsmusiker zu sein, beginnt Eve zu begreifen, dass sie die rätselhaften Dingen in ihrem Leben nicht länger ignorieren kann.
Das Hörbuch „Das White Octopus Hotel“ von Alexandra Bell, aus dem Englischen übersetzt von Edith Beleites, hat mich schon mit seinem Cover sofort angesprochen. Es greift die zentralen Elemente der Geschichte wunderbar auf und lässt zunächst an eine zauberhafte, fast kindlich anmutende Erzählung im Stil von „Alice im Wunderland“ denken. Doch schnell wird klar, diese Geschichte ist deutlich komplexer und ganz sicher nicht für Kinder gedacht.
Alexandra Bell gelingt mit ihrem bildhaften und einnehmenden Schreibstil ein Einstieg, der einen unmittelbar ins Geschehen zieht. Erzählt wird zunächst aus der Perspektive von Eve, und man ist schnell an ihrer Seite. Ihr Schicksal berührt, ebenso wie das ihrer Familie, die am Verlust der kleinen Schwester zerbricht. Besonders eindrücklich ist, wie sehr sich Schuld, unausgesprochene Vorwürfe und Missverständnisse in ihr aller Leben eingraben. Nichts wird je wirklich ausgesprochen, und doch scheint jeder für sich eine Wahrheit gefunden zu haben, ohne zu wissen, ob diese überhaupt der Realität entspricht.
Zentral sind dabei auch die Themen der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse sowie der Umgang mit Trauer. Alexandra Bell gelingt es, diese schweren Themen sensibel und zugleich eindringlich in die Geschichte einzuweben. Dabei entsteht ein Spannungsbogen, der einen immer weiter durch die Handlung trägt. Man möchte unbedingt verstehen, was hinter all dem steckt auch wenn man lange keine Ahnung hat, wohin einem diese Reise führen wird.
Die Geschichte arbeitet mit vielen Symbolen: den Octopussen mit dem schwarzen Fleck, dem rätselhaften Kaninchen oder auch dem Hotel selbst. Ihre Bedeutung erschließt sich nicht sofort, sondern setzt sich nach und nach zusammen wie ein Puzzle, dessen Bild sich erst langsam offenbart.
Im Mittelteil verliert sich für mich jedoch kurzzeitig die Orientierung. Neben Eves Perspektive kommen Kapitel, die aus Sicht von Max geschildert werden, hinzu. Dessen Lebensgeschichte ist stark von Kriegserfahrungen geprägt ist. Diese Passagen sind intensiv und eindringlich geschildert. Bilder, die sich bei mir festgesetzt und mich nicht so schnell wieder losgelassen haben.
Gleichzeitig werfen sie viele neue Fragen auf: Wie hängen Eve und Max wirklich zusammen? Gibt es eine Verbindung über Zeit und Raum hinweg? Welche Rolle spielen der Maler Roth und die Begegnungen mit seinen Verwandten im Hotel? Und lässt sich das Rätsel um Eves Mutter lösen?
Gerade diese Vielzahl an offenen Fragen hat den Mittelteil für mich etwas in die Länge gezogen. Vielleicht auch deshalb weil meine Ungeduld immer größer wurde.
Die beiden HörbuchsprecherInnen Sarah Dorsel und Sebastian Fischer, überzeugen in ihrer Darbietung. Beiden gelingt es, die besondere, magisch-mystische Stimmung der Geschichte einzufangen und an die ZuhörerInnen zu transportieren. Ihre Stimmen harmonieren sehr gut miteinander und machen die Gefühle der Figuren spürbar – ihr Leiden, ihre Unsicherheit, ihre inneren Konflikte. Dadurch entstehen lebendige Bilder im Kopf, und auch die Atmosphäre sowie die Geräuschkulisse lassen sich wunderbar nachempfinden.
Fazit:
Eine außergewöhnliche, atmosphärisch dichte Geschichte, die nachwirkt und noch lange im Kopf bleibt.
Der ehemalige Literaturprofessor Arthur Opp hat sich in seinem Haus von der Welt zurückgezogen – und ein Stück weit auch von sich selbst. Er verschanzt sich hinter Bücherbergen und betäubt seine Sinne ...
Der ehemalige Literaturprofessor Arthur Opp hat sich in seinem Haus von der Welt zurückgezogen – und ein Stück weit auch von sich selbst. Er verschanzt sich hinter Bücherbergen und betäubt seine Sinne mit belanglosen Fernsehsendungen. Nur gelegentlich wird sein monotoner Alltag durch einen Lieferdienst oder durch gedankliche Blitzlichter an seine frühere große Liebe Charlene unterbrochen.
Als Charlene sich eines Tages tatsächlich telefonisch bei ihm meldet, gerät diese erstarrte Ordnung ins Wanken. Sie braucht seine Hilfe: Arthur soll ihrem Sohn Kel Keller – der sich selbst Arthur nennt – bei seinen Collegebewerbungen helfen. Doch wie soll das gehen? Arthur Opp und auch sein Haus sind verwahrlost. Und trotzdem stellt sich die Frage: Kann man einer Liebe von früher einen solchen Wunsch abschlagen? Manchmal muss man sich, trotz größter Angst, auf Veränderung einlassen.
„Der andere Arthur“ ist ein Roman von Liz Moore, der bereits 2012 in den USA erschienen ist. Im Zentrum stehen zwei Außenseiter, die jeweils auf ihre eigene Weise mit ihrem Schicksal hadern, der eine mit 17, der andere jenseits der 50.
Die Autorin erzählt ihre Geschichten empathisch und feinfühlig aus den jeweiligen Perspektiven. Dadurch kommt man beiden Arthurs sehr nahe. Mir fiel es oft schwer, die Lektüre überhaupt für eine Pause aus der Hand zu legen.
Ganz ohne Einschränkung bleibt es für mich allerdings nicht. Das mag auch an meiner Erwartung gelegen haben: Ich hatte damit gerechnet, dass sich die beiden Protagonisten früher begegnen und man sie gemeinsam begleitet. (Hier ein kleiner Spoiler: Das ist nicht der Fall.) Das fand ich sehr schade.
Gleichzeitig lässt sich an diesem Roman sehr schön „sehen“, wie sich Liz Moores Schreibstil weiterentwickelt hat. So gut „Der andere Arthur“ auch geschrieben ist – „Der Gott des Waldes“ ist stilistisch noch einmal eine andere Hausnummer.
Fazit:
Eine leise, bewegende Geschichte mit Figuren, die einen auch nach dem letzten Kapitel noch eine Weile begleiten.
Cora und Gordon sind verheiratet, sie haben eine Tochter im Grundschulalter, ein scheinbar gefestigtes Familienleben. Er ist angesehener Hausarzt, zuverlässig, fürsorglich, nach außen hin der Inbegriff ...
Cora und Gordon sind verheiratet, sie haben eine Tochter im Grundschulalter, ein scheinbar gefestigtes Familienleben. Er ist angesehener Hausarzt, zuverlässig, fürsorglich, nach außen hin der Inbegriff des perfekten Ehemanns und Familienvaters. Cora hingegen blickt auf ein ganz anderes früheres Leben zurück: Als junge Frau war sie eine erfolgreiche Balletttänzerin, bis eine Verletzung ihre Karriere abrupt beendete.
Was als Verliebtheit begann, ist längst dem Alltag gewichen. Und mit ihm tritt etwas zutage, das lange gut verborgen war. Gordon ist cholerisch, manipulativ, zunehmend gewalttätig gegenüber Cora – ein Mann, der sein wahres Gesicht nur dort zeigt, wo niemand hinsieht. Nach außen bleibt er makellos, verständnisvoll, fast überbesorgt. Gerade diese Diskrepanz macht die Situation für Cora so ausweglos.
Als ein weiteres Kind zur Welt kommt, ein Sohn, entzündet sich der Konflikt an etwas scheinbar Einfachem: seinem Namen. Für Gordon steht außer Frage, dass der Sohn seinen Namen tragen soll – als Zeichen von Kontinuität, von familiärer Linie, von Macht. Doch in Cora regt sich Widerstand. Sie möchte ihrem Kind die Möglichkeit geben, frei zu sein, sich selbst zu entfalten, nicht von Geburt an in eine Rolle gedrängt zu werden, die längst festgeschrieben scheint.
Cora steht vor einer Entscheidung, die größer ist als sie selbst. Wird sie sich erneut dem Willen ihres Mannes beugen, oder wagt sie es, sich öffentlich gegen ihn zu stellen, indem sie ihrem Sohn einen anderen Namen gibt?
An diesem Punkt verzweigt sich die Geschichte. Drei Namen, drei Lebenswege. Wir begleiten Bear, Julian und Gordon durch unterschiedliche Versionen derselben Familie. Jeder dieser Wege ist anders, jeder folgt einer eigenen Dynamik – und doch haben sie eines gemeinsam: Sie sind intensiv, schmerzhaft, eindringlich. Florence Knapp zeigt, wie eine einzige Entscheidung ein ganzes Leben verändern kann, und wie tief die Folgen reichen, selbst dann, wenn sie zunächst klein erscheinen.
Gleich vorne weg, „Die Namen“ wurde von Lisa Kögeböhn aus dem Englischen übersetzt. Ihre Übersetzungsarbeit verdient besondere Erwähnung sowie aller größten Respekt.
Lisa Kögeböhn ist es gelungen den Roman mit großer sprachlicher Sensibilität ins Deutsche zu übertragen. Die Härte der Szenen, aber auch die leisen, emotionalen Zwischentöne bleiben vollständig erhalten, ohne jemals künstlich oder überzogen zu wirken. Eine Übersetzung, die sich dem Text mit großer Achtung nähert und ihm eine deutsche Stimme schenkt, die lange nachhallt.
Dem Debütroman von Florence Knapp merkt man zu keinem Zeitpunkt an, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt. Der Roman ist handwerklich meisterhaft erzählt und entwickelt von Beginn an einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Die Lektüre gleicht einem Unfall: Man möchte nicht hinsehen, kann sich dem Anblick aber nicht entziehen.
Diese Geschichte hat mich spürbar aus meiner Wohlfühlzone geholt. Was man vor der Lektüre unbedingt wissen sollte: Im Zentrum steht häusliche Gewalt. Cora ist sowohl körperlicher als auch psychischer Gewalt ausgesetzt, dauerhaft, alltäglich, ohne Schutzraum. Die Autorin beschönigt nichts, sie beschreibt die Gewalt präzise und schonungslos, und genau darin liegt ihre Wirkung. Coras Angst, ebenso wie die ihrer Kinder, wird beim Lesen fast körperlich spürbar. Manche Bilder haben sich so bei mir festgesetzt, dass sie mich selbst noch Tage später nicht losgelassen haben. Rückblickend weiß ich: Hätte ich vorher gewusst was mich erwartet, hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen. Und doch konnte ich mich der Geschichte nicht entziehen. Trotz oder vielleicht gerade wegen des Schreckens wollte ich wissen, wie es weitergeht, was aus den Figuren wird.
Die Namen ist ein herausfordernder Roman, grandios inszeniert und klug aufgebaut. Ein großes Debüt, dessen Thematik man kennen sollte, bevor man sich bewusst über die eigenen Grenzen hinaus begibt.
Fazit:
Ein eindrucksvoller, verstörender Roman mit klarer Triggerwarnung.