Beklemmend, stark erzählt, wendungsreich
Voices. Ich kann euch hörenDrei Jahre sind vergangen, seit ein unklarer Autounfall Tamsin Shaws Realität in nebulöse Dunkelheit hüllte und sie in einen hilflosen Zustand der Abhängigkeit versetzte.
Bewegungsunfähig und gezwungen, ...
Drei Jahre sind vergangen, seit ein unklarer Autounfall Tamsin Shaws Realität in nebulöse Dunkelheit hüllte und sie in einen hilflosen Zustand der Abhängigkeit versetzte.
Bewegungsunfähig und gezwungen, schlicht zu erdulden, wartet die „Koma“patientin darauf, dass ihr Körper endlich ihrem Geist folgt. Denn dieser ist längst wieder aktiv, analysiert die BesucherInnen und versucht bisher vergeblich, sich an die letzten Stunden ihres „alten Lebens“ zu erinnern. Denn als erfahrene und erfolgreiche Psychologin weiß Tamsin, dass manche Erinnerungen so traumatisch sind, dass das Gehirn sie unter allen Umständen verschlossen hält. Dabei sind es gerade diese fehlenden Teile, die ihr das Aufwachen verwehren.
Als ihr Ehemann kurz vor ihrem 40. Geburtstag die Entscheidung trifft, sie aus diesem Zustand zu erlösen, läuft Tamsin die Zeit weg. Wenn sie jetzt aufgibt, wird sie ihrer Tochter niemals ins Gesicht blicken können …
Natalie Chandler wirft uns in „𝐕𝐨𝐢𝐜𝐞𝐬 – 𝐈𝐜𝐡 𝐤𝐚𝐧𝐧 𝐞𝐮𝐜𝐡 𝐡𝐨𝐞𝐫𝐞𝐧“ in ein angsterfülltes, beklemmendes Szenario: ausgeliefert und bedürftig, jeglicher Chance beraubt, zu kommunizieren, zuzustimmen oder abzulehnen.
Durch Tamsin und Jamie – im Jetzt und im Davor – verfolgen wir das Geschehen, welches stetig auswegloser, endgültiger zu sein scheint. Dank dieser Erzählweise bekommen die LeserInnen die Möglichkeit, die beiden als Paar und als individuelle Persönlichkeiten kennenzulernen, Einblicke in ihre Leben und Gedanken, aber auch in ihr Umfeld und die bestehenden Konflikte zu erhaschen. Seit dem Unfall hat sich Jamies Situation in eine Richtung entwickelt, die nicht nur ihm Schuld und Angst abverlangt. Ihn vielleicht sogar in einen Zustand aus Resignation und perfider Vorfreude versetzt …
Chandler versteht es, mit ihrem gewählten Aufbau zum Miträtseln zu animieren, gibt uns die Autorin doch nach und nach Bruchstücke und Fragmente, die es zusammenzusetzen gilt. Sowohl das Bild, welches uns letztlich empfängt, als auch der hürdenreiche Weg dorthin waren überraschend und berührend. Verursachen Gänsehaut.
„𝗜𝗰𝗵 𝗵𝗮𝘁𝘁𝗲 𝗺𝗶𝗰𝗵 𝗱𝗮𝗳𝘂𝗲𝗿 𝗲𝗻𝘁𝘀𝗰𝗵𝗶𝗲𝗱𝗲𝗻, 𝗺𝗶𝘁 𝗱𝗲𝗺 𝗧𝗲𝘂𝗳𝗲𝗹 𝘇𝘂 𝘀𝗽𝗶𝗲𝗹𝗲𝗻, 𝘂𝗻𝗱 𝗷𝗲𝘁𝘇𝘁 𝘄𝗮𝗿 𝗲𝗿 𝗴𝗲𝗸𝗼𝗺𝗺𝗲𝗻, 𝘂𝗺 𝘇𝘂𝗺 𝗳𝗶𝗻𝗮𝗹𝗲𝗻 𝗧𝗮𝗻𝘇 𝘇𝘂 𝗯𝗶𝘁𝘁𝗲𝗻.“
Tamsin lässt uns in der Gegenwart an ihren Überlegungen und ihren „Beobachtungen“, heißt dem, was ihr ihre überschaubaren BesucherInnen erzählen sowie durch Verhalten und Stimmung aussagen, teilhaben. Erinnerungen an ihren vorherigen Alltag und ihren Job geben der Storyline – neben den detailreichen Rückblenden – greifbare Informationen und weitere Mysterien, denn vor allem ihr letzter „Patient“ findet immer wieder einen Weg in Tamsins Gedanken – und in ihr Zimmer … Der Druck, den Jamies Entscheidung, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden, auslöst, treibt nicht nur Tamsins Verzweiflung, ihre Panik und Trauer in die Höhe, sondern auch das Tempo der Handlung, während parallel die Spannung steigt.
In „Voices“ zeichnet #NatalieChandler ein authentisch wirkendes, nicht minder bedrückendes Bild von Menschen, die in einem Halbleben – hier ,Syndrom reaktionsloser Wachheit' – gefangen sind, und schafft es, den Ablauf in einer Rehaklinik und die Verantwortung der PflegerInnen hintergründig einzufangen. Mit Lucia, Jamie und Elise, Dan, Milena und Richard Mandeville begrenzt sich die Anzahl der relevanten Figuren auf ein gutes Maß, sodass der Verlauf trotz Wirrungen, Twists und der Zeitwechsel verständlich bleibt. Stilistisch schwingt durchgängig eine Distanz mit, nur selten wird die pragmatische Nüchternheit von Emotionen durchbrochen und doch reicht die Ausgangslage, um von eigenen Gefühlen übermannt zu werden. Dass die Autorin zusätzlich gewichtige Themen aufgreift, Verrat, Lügen und grenzenlose Mutterliebe mit psychologischer Analyse verknüpft, lose Fäden gekonnt verbindet und Tamsins Geschichte zu einem durchdachten Ende führt, macht „Voices – Ich kann euch hören“ zu einem unblutigen, fesselnden und gewissermaßen faszinierenden Psychothriller.
»𝗨𝗻𝗱 𝗶𝗰𝗵 𝗵𝗮𝗯𝗲 𝗶𝗵𝗿 𝘃𝗲𝗿𝘀𝗽𝗿𝗼𝗰𝗵𝗲𝗻, 𝗱𝗮𝘀𝘀 𝗻𝗶𝗲𝗺𝗮𝗻𝗱 𝗷𝗲 𝗲𝗿𝗳𝗮𝗵𝗿𝗲𝗻 𝘄𝘂𝗲𝗿𝗱𝗲, 𝘄𝗮𝘀 𝗶𝗵𝗿 𝘇𝘂𝗴𝗲𝘀𝘁𝗼ß𝗲𝗻 𝗶𝘀𝘁 (…) 𝘄𝗲𝗶𝗹 𝘀𝗶𝗲 𝘀𝗶𝗰𝗵 𝘀𝗼 𝗱𝗮𝗳𝘂𝗲𝗿 𝗴𝗲𝘀𝗰𝗵𝗮𝗲𝗺𝘁 𝗵𝗮𝘁 (…).«