Dieses Buch hat mich zunächst aufgrund des Covers und des Inhalts sehr an "Altes Land" von Dörte Hansen erinnert. Wo Hansen jedoch mit Humor und vor allem im Hier und Jetzt arbeitet, dringt Bürster in ...
Dieses Buch hat mich zunächst aufgrund des Covers und des Inhalts sehr an "Altes Land" von Dörte Hansen erinnert. Wo Hansen jedoch mit Humor und vor allem im Hier und Jetzt arbeitet, dringt Bürster in die Tiefe der Familiengeschichte und der Psychologie der Familie Mazur ein. Erzählt wird in zwei wechselnden Strängen. Zum einen bewegen wir uns in der Gegenwart mit den Nachkommen der gerade verstorbenen, hoch betagten Luzie durch die Wirren von Trauer, Bestattungsvorbereitungen und Familienstreitigkeiten. Zum anderen erfahren wir jedoch auch sehr viel über die junge Luzie in der Zeit des Zweiten Weltkrieges im Emsland.
Einfühlsam und unvorhersehbar erzählt Bürster mit einer mitreißenden Sprache und vielen plattdeutschen Dialogen vor allem von den gezeichneten Frauen der Familie Mazur. Man wird immer stärker in die Geschichte hineingezogen und die Seiten fliegen nur so dahin. In den kleinsten Szenen schafft sie es dabei, das Verhältnis zwischen den Protagonistinnen auszuloten.
Ein gelungenes Buch über das immaterielle Erbe einer Familie, welches dazu anregt, über die eigenen Eltern, Großeltern oder sogar Urgroßeltern neu nachzudenken und (falls dies noch möglich) mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bevor es vielleicht dafür zu spät ist.
Charlotte McConaghy hat mich mit diesem Buch komplett überrumpelt. Ich habe ambitioniertes nature wirting erwartet und so viel mehr bekommen.
Franny, die Hauptfigur des Romans, ist mit dubiosen Mitteln ...
Charlotte McConaghy hat mich mit diesem Buch komplett überrumpelt. Ich habe ambitioniertes nature wirting erwartet und so viel mehr bekommen.
Franny, die Hauptfigur des Romans, ist mit dubiosen Mitteln auf einem Fischerboot unterwegs zur Antarktis, um die letzten Küstenseeschwalben auf ihrer Reise gen Süden zu begleiten. Warum sie dies vorhat und was es mit ihrer extremen Persönlichkeit sowie ihrer Vergangenheit auf sich hat, erfahren wir in pointiert gesetzten Rückblenden.
Der Autorin merkt man den Berufsabschluss als Drehbuchautorin an. Sie schafft es, eine enorme Spannung und Sogwirkung herzustellen. Das Buch wird nach nur wenigen Seiten zu einem absoluten Pageturner und macht eindeutig süchtig. Bis zuletzt hält sie die Spannung bezüglich bestimmter Episoden aus der Vergangenheit von Franny. Die Figur Franny, sowie auch alle anderen Figuren, ist sehr facettenreich angelegt und hochinteressant kennenzulernen. Bewegend waren für mich besonders die Stellen des Buches, die sich mit der Artenvielfalt und deren starken Dezimierung durch den Menschen beschäftigen. "Achtzig Prozent der Wildtiere sind bereits ausgestorben. Die übrigen werden in den nächsten zehn, zwanzig Jahren verschwinden. Wir werden Nutztiere halten. Die überleben natürlich, weil wir uns ja mit ihrem Fleisch die Bäuche vollschlagen müssen. Und auch den domestizierten Haustieren wird nichts passieren, weil wir durch sie die anderen vergessen, die, die sterben."
Mich konnte das Buch definitiv überzeugen. Es ist unerwartet facettenreich, ein rohes, wildes und gleichzeitig sanftmütig und nachdenkliches Buch mit Suchtfaktor, was vieles ist, aber nicht nur "nature writing". Eine eindeutige Leseempfehlung von meiner Seite.
In ihrem zweiten Buch widmet sich Judith Holofernes, bekannt als ehemalige Sängerin und Songtexterin von Wir sind Helden sowie als Solokünsterlin und Podcasterin, ihrer Kindheit und Jugend in Berlin und ...
In ihrem zweiten Buch widmet sich Judith Holofernes, bekannt als ehemalige Sängerin und Songtexterin von Wir sind Helden sowie als Solokünsterlin und Podcasterin, ihrer Kindheit und Jugend in Berlin und Freiburg im Breisgau. Dabei schreibt sie nicht einfach eine lahme Künstlerinnen-Autobiografie zusammen, sondern legt ein Augenmerk auf ihre besondere, nicht durchschnittliche Art das Leben zu deuten und durch selbiges zu gehen. Dass hier ein neurodivergentes Mädchen ihren Weg erst noch finden muss, ist hintergründig immer Thema, wenngleich die Autorin dies ihrer Leserschaft nicht auf die Nase bindet. Denn vordergründig wird von einem kleinen Mädchen gesellschaftlich verlangt „klug, bescheiden und nett“ zu sein.
So geht es in ihrer ganz persönlichen Geschichte, die die Autorin halb-chronologisch aus ihrer Kindheit in den 1970ern bis in die frühen 2000er durch Zeitsprünge und Blitzlichter in spätere Erwachsenenjahre erzählt, eigentlich um „das Nettsein“ und welche Anstrengungen damit verbunden sind, wenn man eigentlich Ummeln im Hintern, im Hirn und im Herzen hat. Dass diese Judith ihr aus heutiger Sicht fragwürdiges Ziel erreichen und die wohl netteste Person im deutschen Showbiz sein wird, wissen wir aus ihrem vorherigen Buch „Die Träume anderer Leute“. Und wir wissen aus diesem Buch auch, zu welchem Preis sie dieses Ziel erreicht. In „Hummelhirn“ geht es aber um die Voraussetzungen, um die Momente im Leben, die prägen und die die Idee einpflanzen, auf eigene Kosten und unter allen Umständen „nett“ sein zu wollen und zu müssen.
Die Autorin geht dabei mit ihrer Diagnose, die sie erst mit 46 Jahren erhalten wird, nicht hausieren. Hier durchbricht sie sogar ganz wunderbar die Vierte Wand und lässt ihren Lektor zu Wort kommen, der von ihr wünscht, die Diagnose ins Buch zu schreiben. Holofernes will aber ein Buch „für alle komischen Kinder“ schreiben und deshalb nicht die Diagnose benennen, die für einigermaßen Kundige natürlich schon vollkommen klar ist. Das macht die Autorin so unglaublich authentisch und , ja, auch sympathisch. Denn ihre Erfahrungen, mit gewissen Abwandlungen, sind auf andere Neurodivergenzen übertragbar. Selbst ihre Reaktion auf die Diagnose ist universell.
Allein die vielen juvenilen Tagebucheinträge im letzten Drittel des Buches haben mich etwas verwundert und zunächst auch in ihrer Menge etwas genervt. Zunächst hatte ich den Eindruck, diese würden nun aber wirklich zu sehr die Oberhand gewinnen, aber zum Ende hin wird klar: die Autorin möchte zeigen, dass sie nicht nur ein Hummelhirn sondern auch ein Hummelherz hat. Und um dies zu zeigen und nicht nur zu erzählen, nutzt die Autorin hier ihre alten Tagebuchaufzeichnungen. Fair enough.
Es scheint klar: Viele Helden-Fans werden dieses Buch kaufen und lesen. Aber genauso klar sollte sein: Es ist die Geschichte eines neurodivergenten Mädchens, welche darüber hinaus ganz viele Menschen interessieren könnte und sollte, da sie so universell verdeutlicht, wie es ist, wenn man nicht so ist wie die Mehrzahl der anderen. Deshalb empfehle ich auch ganz grundsätzlich die Lektüre dieses wunderbaren Buches, welches nicht nur sehr gut geschrieben ist, sondern auch wieder wirklich schön von Carolina Rodriguez Fuenmayor illustratorisch in Szene gesetzt wurde.
4,5/5 Sterne
Disclaimer für alle, die noch nichts mit „Neurodivergenz“ und „Neurodiversität“ anfangen können:
Unter Neurodivergenz werden unter einem Schirm Menschen mit verschiedenen, meist angeborenen, neurologischen Besonderheiten wie ADHS und Autismus (aber auch viele andere) zusammengefasst. Neurodiversität beschreibt das verschiedenartige Vorkommen dieser Neurodivergenzen und neurotypischen (durchschnittlich-mehrheitlichen, neurologisch „unauffälligen“) Menschen innerhalb einer Menschengruppe = diese Gruppe ist dann divers. Ein einzelner Mensch kann neurodivergent sein. Hier sollte der Verlag noch einmal auf den Klappentext schauen, da die Begriffe synonym verwendet werden, was sie nicht sind!
In ihrem Debütroman spannt die nigerianische Autorin Tochi Eze den Bogen über die Geschichte zweier Familien von 1905 bis 2005 und damit über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Wir erleben den Wandel von einer ...
In ihrem Debütroman spannt die nigerianische Autorin Tochi Eze den Bogen über die Geschichte zweier Familien von 1905 bis 2005 und damit über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Wir erleben den Wandel von einer noch von den weißen Kolonisatoren und Missionaren unberührte Zeit hin in die globalisierte Gegenwart mit all ihren Folgen. Dabei greift die Autorin sowohl ursprüngliche Glaubensvorstellungen als auch die Thematik von psychischer Störung auf und verwebt sie in eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, deren Vorfahren zwar teilweise aus demselben Dorf stammen, die aber doch ganz unterschiedliche Wege gegangen sind, bis sie sich fanden und wieder verloren.
Zentrale Figuren sind Margaret und Benjamin, die sich in den 1960ern in Lagos kennen und lieben lernen. Allerdings wird hier keine stringente Liebesgeschichte erzählt. Immer wieder springen wir zwischen den Jahren 1905, den 1960/70ern und 2005 hin und her. So bekommen wir einen breiten Überblick über die Vorfahren von Margaret, welche schon immer „verflucht“ zu sein scheinen, und von Benjamin, der hellhäutig ist, da sein Großvater ein weißer Missionar gewesen ist. Durch die zeitlichen und örtlichen Sprünge wird der Roman zu einem Flechtwerk von Lebensrealitäten, die den Wandel der Zeit aufzeigen und auch den Wandel von Definitionen und Zuschreibungen. Was früher allgemein akzeptiert wurde als ein Fluch, der auf einer Ahnenreihe liegt, wird heutzutage als Schizophrenie benannt. Mir gefällt sehr, dass Tochi Eze hier keine klare Antwort liefert, sondern es offen lässt, was dies nun ist, was diese Familie befallen hat, und dem wir in unterschiedlichen Generationen unterschiedliche Namen geben. Diese thematische Fokussierung war für mich überraschend und gleichzeitig dadurch die größte Stärke des Romans.
Auch wenn der sprunghafte Erzählstil, der allerdings immer zu Beginn eines neuen Kapitels durch Zeit- und Ortsangaben angekündigt wird und damit nicht überraschend kommt, es manchmal schwer macht, auf Anhieb noch genau zu wissen, wer jetzt von wem gleich der Vorfahr oder Nachfahr war, hat mich der Roman nie verloren. Ich fand den Erzählstil und vor allem den Fokus der Geschichte sehr erfrischend. Zwar bilden Margaret und Benjamin die Bindeglieder zwischen den Familien und Zeiten, trotzdem sind sie auch nie nur die einzigen Hauptfiguren.
Ein insgesamt gelungener, inhaltlich überraschender Debütroman, dessen Autorin man weiterhin im Blick behalten sollte.
Charlie ist eine junge Frau, die gerade dabei ist, ihren Studienabschluss in Mathematik zu absolvieren und bestenfalls danach noch zu promovieren. Wer würde erwarten, dass diese junge Frau an einem Antiaggressionstraining ...
Charlie ist eine junge Frau, die gerade dabei ist, ihren Studienabschluss in Mathematik zu absolvieren und bestenfalls danach noch zu promovieren. Wer würde erwarten, dass diese junge Frau an einem Antiaggressionstraining teilnehmen muss? Wahrscheinlich auf den ersten Blick niemand. Aber so ist es, denn wir wissen, dass sie von ihrer besten Freundin aufgenommen wurde, da ihre eigene Wohnung scheinbar zerstört ist, und dass dies irgendetwas mit ihrem (Ex-)Partner zu tun hat. Charlie hat zu Gewalt gegriffen und auf den nicht einmal 200 Seiten erfahren wir, wie es dazu kommen konnte.
Beginnt man Clara Leinemanns Debütroman zu lesen, erscheint Charlie, die wir durch die personale Erzählperspektive kennenlernen, erst einmal stark unsympathisch. Alles scheint sich nur um sie selbst zu drehen, immer sind alle anderen schuld. Dabei schafft es Leinemann eigentlich hier perfekt eine junge Frau mit „main character syndrome“ schriftstellerisch darzustellen. Dieses „Hauptcharakter“-Syndrom beschreibt eine Person, die als sei sie die Hauptperson in einer Geschichte. Sie sieht sich selbst als eine Figur, um die sich alles dreht. Der Unterschied zum Egoismus ist, dass das gesamte Leben zusätzlich „filmreif“ inszeniert wird, es immer auf die Wirkung ankommt und die betroffene Person meint, ihr stehe - einfach so, ganz natürlich – ein herausragendes Leben zu. Charlie lebt in einer RomCom, seit sie Valentin kennengelernt hat. Alles scheint perfekt zu passen und nun hat sich auch Valentin gefälligst danach zu verhalten. Nur tut er das nicht immer und bei Charlie kommen außerdem noch narzisstische Tendenzen hinzu mit einem geringen Selbstwertgefühl und so wird Charlie nicht nur verbal ausfällig, sondern auch gewalttätig.
Psychologisch entwirft das Leinemann ganz geschickt, ohne im Roman zu psychologisieren. Vollkommen authentisch entwickelt die Autorin aus der Figur Charlie heraus die Probleme und letztlich die Katastrophe, auf die die Figur zusteuert. Wie diese Figur in Tagträumen von perfekt inszenierten Filmszenen schwelgt, um von ihrer eigenen, pathetischen Fantasie überwältigt sogar Tränen in den Augen zu haben. Sie sieht sich als Heldin ihrer Geschichte und schafft es sogar einmal mit Valentin (ohne, dass dieser etwas davon mitbekommt) die Pietà auf dem Bett in Szene zu setzen. Selbst wirft sie ihm innerlich vor, ein manipulativer Narzisst zu sein und merkt nicht, dass sie es doch selbst ist. Wie dann sich langsam immer mehr Gewalt, zunächst über die verbale Ebene und später vermehrt durch körperliche Übergriffe von Seiten Charlie, in die Beziehung schleicht, können wir Lesenden durch geschickt gesetzte Rückblicke nachvollziehen.
Ich finde insgesamt hat es Clara Leinemann auf wenigen Seiten geschafft ein Fallbeispiel für weibliche Gewalt in einer Partnerschaft zu umreißen und die Kaskade der Aggression zu verdeutlichen. Mir hätte das Buch noch mehr gefallen, wenn sie sich mehr als nur zwei Sätze Zeit genommen hätte, um auf die Ursprünge von Charlies niedrigem Selbstwertgefühl einzugehen. Aber die Andeutung reicht, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie groß eigentlich der Eisberg unterhalb der Wasseroberfläche ist. Und weil dieser Eisberg so groß ist, kann zwar Charlie im Laufe des Buches eine kleine, fortschrittliche Entwicklung durchmachen, wir merken jedoch zum Ende hin, dass eine Persönlichkeitsstruktur nicht einfach so umgepolt werden kann.
Somit kann ich die Lektüre dieses Debütromans nur empfehlen, um ein Gespür für ein selten in der Literatur thematisiertes Problemfeld zu bekommen.