Überragend
Die RiesinnenWas für ein wundervolles Buch. Eines, das berührt, aber auch Mut macht und den Leser an seine Wurzeln erinnert. Im Mittelpunkt stehen drei eigenwillige, starke Frauen aus drei Generationen. Großmutter, ...
Was für ein wundervolles Buch. Eines, das berührt, aber auch Mut macht und den Leser an seine Wurzeln erinnert. Im Mittelpunkt stehen drei eigenwillige, starke Frauen aus drei Generationen. Großmutter, Mutter und Enkelin. Alle drei groß, hager und vor allem zäh. Alle drei haben mit den Zwängen, Vorurteilen und Herausforderungen ihrer Zeit zu kämpfen. Dabei ist Liese, die Großmutter, sicher die, die es am schwersten hatte. In einer Zeit, in der Frauen ihren Männern zu gehorchen hatten, meist nicht arbeiteten und vor allem für Haus und Hof verantwortlich waren. Als der Mann stirbt, steht Liese vor dem Nichts. Es gelingt ihr aber, sich und ihrer Tochter Cora ein eigenständiges und vor allem unabhängiges Leben aufzubauen. Sie übernimmt, entgegen aller Widrigkeiten, die Metzgerei ihres Mannes. Sie beißt sich durch, ist stark und unbeugsam. Cora ist ein eigenwilliges Kind, das mit sich allein am glücklichsten ist. Als junge Erwachsene bricht sie aus dem für sie zu eng gewordenen Zuhause aus. Sie bricht auf eine Reise durch Europa auf, besucht Paris, Amsterdam und schließlich Italien. Dieser Teil des Buches steht in sehr großem Kontrast zum ersten Teil. Das wilde, rebellische Leben der jungen Gemeinschaft in den Straßen und Gassen der europäischen Großstädte auf der einen Seite, auf der anderen, der beständige, Schwarzwald, die Gemächlichkeit und Enge des Dorfes. Cora gelingt es, endlich, Freundschaften zu schließen. Sie verliebt sich und wird schließlich schwanger. Sie kehrt nach Hause zurück, doch nicht als gescheiterte oder gebrochene, sondern als mutige Frau, die ihr Leben in die eigene Hand genommen hat. Cora berührt mich wirklich sehr. Ihre verlorenen Hoffnungen und Träume und ihre Stärke, das Leben so zu akzeptieren, wie es nun mal ist. Dies auch eine Fähigkeit, die die Großmutter Liese auszeichnet. Nicht zu hadern, nicht zurück zu schauen, seinen Weg beharrlich zu gehen trotz aller Schwierigkeiten. Die Enkelin Eva schließlich hüpft und springt durchs Leben, schließt schnell Freundschaften und ist im Wald zu Hause. Als sie nach der Schule zum Studieren die Heimat verlässt, fühlt sie sich verloren und kommt nirgendwo so richtig an. Eva, der die ganze Welt offen steht, weiß nicht wohin. Die unterschiedlichen Lebensumstände und -träume der verschiedenen Generationen sind in diesem Buch besonders gut eingefangen. Das Unverständnis der Mutter für den Lebensweg der Tochter, aber das Urvertrauen und die Liebe der drei Frauen zueinander. Alle drei gehen ihren Weg, behaupten sich, erleiden Niederlagen und müssen wieder neu anfangen. Es gibt viele weitere Figuren in diesem Buch, die sehr eindringlich beschrieben sind. Manche treten auf und schnell wieder ab, andere haben einen festen Platz, sind tief in der Handlung verwurzelt. Das Schreibstil ist eindringlich, bildhaft und sehr besonders. Der Autorin gelingt es, die Kraft der Natur, der Heimat und der Frauen in ihre Sprache zu übertragen. Das macht das Besondere an diesem Roman aus. Er schleicht sich ins Herz, klingt nach und schafft mit seinen ungewöhnlichen, aber äußerst liebenswerten Charakteren, eine ganz besondere Nähe. Das wunderschön gestaltete Cover verbindet die fast mystische Aura der Frau und die Kraft des Waldes und passt somit wunderbar zum Inhalt. Für mich bisher eines der Lese-Highlights des Jahres. Eine absolute Empfehlung.