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Veröffentlicht am 07.04.2026

Paul Gerhardt - Prediger und Poet

Du, meine Seele, singe
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Es gibt nur wenige Dokumente, die Paul Gerhardt hinterlassen hat. Zumeist handelt es sich um berufliche Korrespondenz, so dass das, was über sein Leben bekannt ist, aus Kirchenbüchern, Patenverzeichnissen, ...

Es gibt nur wenige Dokumente, die Paul Gerhardt hinterlassen hat. Zumeist handelt es sich um berufliche Korrespondenz, so dass das, was über sein Leben bekannt ist, aus Kirchenbüchern, Patenverzeichnissen, Stadtratsprotokollen etc. stammt. Dennoch oder gerade deswegen unternimmt Erika Geiger die Aufgabe, eine Biografie über den Mann zu schreiben, der uns so wunderbare Kirchenlieder hinterlassen hat.
Sie versucht, den Menschen hinter diesen eher nüchternen Dokumenten zu finden. War er der Theologe, der immer fest drauf vertraute, dass Gott ihm den Weg weisen würde? Und das trotz des vielen Leides, das er ertragen musste? Zumindest in seinen letzten Lebensjahren scheint er etwas ungeduldiger geworden zu sein, wobei im Unklaren bleibt, an welchen Gebrechen er möglicherweise im Alter gelitten hat oder ob es Altersschwäche war.

Die Autorin bettet sein Leben ein in den kirchlichen und politischen Kontext seiner Zeit. So erfahren wir z.B. wie es in Gräfenhainichen zur Zeit seiner Kindheit aussah. Darüber hinaus wird über den Dreißigjährigen Krieg und seine verheerenden Auswirkungen sowie über Pestepidemien und ihre Folgen. Auf diese Weise lässt sich Gerhardts Leben gut einordnen. Dabei schreibt sie einen gut leserlichen, verständlichen und bildhaften Stil.

Im letzten der zehn Kapitel, die Gerhardts Lebensweg beschreiben, stellt Erika Geiger fünf der überzeitlichen Lieder genauer vor. Sie erklärt Form und Aufbau und lässt sie damit intensiver erleben.

Ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und ein Orts- und Personenregister runden mit dem bekannten Porträt das schmale Büchlein ab.

Fazit: eine gelungene Biografie für alle, die sich anlässlich des 350. Todestages näher mit dem Dichter und Theologen befassen möchten

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Packend, berührend, atmosphärisch

Der Fährmann
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Regina Denk beginnt ihren Roman am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Er spielt in zwei Dörfern, die durch den Fluss Sulzach getrennt sind, der gleichzeitig die Grenze zwischen Deutschland und Österreich ...

Regina Denk beginnt ihren Roman am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Er spielt in zwei Dörfern, die durch den Fluss Sulzach getrennt sind, der gleichzeitig die Grenze zwischen Deutschland und Österreich markiert. Vier junge Leute stehen im Mittelpunkt: Annemarie, Elisabeth und Hannes sind Freunde. Der vierte ist Josef, der Annemarie in einer für sie sehr unangenehmen Situation beisteht, selbst jedoch nicht der „edle Ritter“ ist, für den Annemarie ihn zunächst hält, sondern sich nimmt, was ihm seiner Meinung nach zusteht und vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Hannes soll Fährmann werden und muss damit dem Brauch folgen, sich keine Frau zu nehmen. Der Grund dafür ist einfach, denn eventuelle Hinterbliebene müssten versorgt werden. Annemarie ist die Tochter der Wirtsleute. Von ihr wird erwartet, dass sie freundlich zu den Gästen ist, damit der Umsatz stimmt. Eine Grenze wird jedoch nicht gezogen. Elisabeth als Tochter eines Landwirts wird mit Josef verheiratet, ihre Wünsche zählen nicht. Alle vier Hauptprotagonisten sind lebendig beschrieben. Sie fügen sich in ihr Schicksal, weil es von ihnen erwartet wird und sie keine andere Wahl haben. Dies gilt für die Frauen noch viel mehr als für die Männer, die mehr Freiheiten haben und diese notfalls mit Gewalt durchsetzen.

Regina Denk beschreibt sehr klar und brutal die Geschichte der vier Protagonisten. Es gibt viel Gewalt und viel Härte, denn ein liebevolles Miteinander ist bei dem harten Leben, dass die Familien führen nicht vorgesehen. Ab und an blitzt es einmal durch, etwa als Hannes als Kind in die Sulzach fällt und lange um sein Überleben kämpfen muss oder auch im Umgang der drei Freunde untereinander. Während des Ersten Weltkrieges beobachtet Hannes, dass die Frauen sich verändern, da sie ihre kleinen Freiheiten genießen und nutzen konnten.

Unterbrochen werden die einzelnen Kapitel durch unregelmäßige Einschübe, die Regina Denk „Anderswo“ betitelt und die mit dem Fluss zu tun haben. Hier ist die Erzählsprache eine völlig andere, teilweise fast poetisch.

Regina Denk schreibt über Freundschaft, Liebe, Mitgefühl, aber auch über Neid, Schuld und Gewalt vor dem Hintergrund des Lebens auf dem Land mit seinen Traditionen und Verpflichtungen.

Fazit: absolute Leseempfehlung

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Hannas Kindheit

Vergiss nicht zu tanzen, Hanna
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Anne begleitet ihre Mutter Hanna in deren letzten Lebenstagen und findet ein Buch, in dem Hanna von ihrer Kindheit schreibt, die durch den Krieg geprägt ist. Und nicht nur das, es gibt ein Ereignis, über ...

Anne begleitet ihre Mutter Hanna in deren letzten Lebenstagen und findet ein Buch, in dem Hanna von ihrer Kindheit schreibt, die durch den Krieg geprägt ist. Und nicht nur das, es gibt ein Ereignis, über das Hanna und ihre Brüder nie gesprochen haben.

Mareike Busch hat einen wunderbaren Roman geschrieben, den ich am liebsten in einem Zug durchgelesen hätte. Ihr Schreibstil zieht die Leserin sofort in seinen Bann, auch oder vielleicht weil aus Hannas Perspektive geschrieben wird. Vieles von dem, was passiert, versteht sie nicht. Sie versucht, es sich zusammen zu reimen, zumal sie in ihrem Zimmer die Gespräche im Elternschlafzimmer hören kann. Hanna hat es nicht immer leicht, aber sie findet Rückhalt in ihrer Familien, vor allem bei ihrem geliebten Großvater.

Die katholische Familie, zu der Hannas drei Brüder und ab 1941 auch ihre kleine Schwester Rosa gehören, lebt mit dem Großvater in einem Dorf in Westpommern und betreibt Landwirtschaft. Sie sind Anfang der 1930er Jahre umgesiedelt worden und haben sich eine neue Existenz aufgebaut.

Die Auswirkungen des Krieges sind spürbar. Die Söhne der Nachbarn werden eingezogen und kommen schwer verwundet zurück oder sind gefallen, wie z.B. der Sohn des überzeugten Parteimitglieds und Schlachters Trepper. Nach und nach werden die Pferde eingezogen und das Vieh gezählt, damit nichts schwarz geschlachtet werden kann. Das Dorf bleibt jedoch von Kriegshandlungen verschont, bis Ende Januar 1945 die russische Armee einzieht.

Mareike Busch beschreibt anschaulich, wie ein Riss durch die Familie geht. Die Eltern und der Großvater lehnen die neue Regierung ab, sie sind gläubige Katholiken und leben diese Einstellung. Der älteste Sohn Friedrich teilt die Werte, kann sich jedoch nicht dagegen wehren, eingezogen zu werden. Der mittlere Sohn Alfons ist begeistert von den verschiedenen Waffentypen, die er alle kennt und kann es nicht erwarten, endlich auch in den Krieg ziehen zu dürfen. Glücklicherweise ist der jüngste Sohn Herrmann noch zu jung. Die kleine Schwester Rosa ist mit einer Gaumenspalte zur Welt bekommen. Sie ist entwicklungsverzögert und spricht nicht. Bei jedem Arztbesuch habe ich um sie gebangt. Warum sie bei ihrer Familie bleiben durfte, erschließt sich später.

Die Figuren sind authentisch und detailliert beschrieben. Ich kann sie mir gut vorstellen, die Familienmitglieder, Hannas Freund Martin, den Pfarrer Breuning, seinen Nachfolger Pierre Mertin und die so unterschiedlichen Lehrkräfte, am besten gefällt mir der Großvater, der obwohl gläubiger Katholik die Wahrheit etwas dehnt, um es seiner Enkelin erfolgreich leichter zu machen.

Liebe, Trauer, Freude, Flucht, menschliche Tragödien, das alles findet sich in diesem Roman. Ein kleiner Wermutstropfen ist vielleicht, dass die Überraschung am Ende des Romans etwas zu glatt lief.

Fazit: ein wunderbar geschriebener Roman, den ich sehr gern empfehle

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Veröffentlicht am 18.03.2026

Tote geben keine Ruhe

Schweigend aus der Nacht
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Der erste Satz des Klappentextes machte mich neugierig: „Herr Sander, es tut mir leid, aber Sie sind tot.“ Was genau hat es damit auf sich?

Auf dem Weg zu einer Party verunglückt Regisseur Sander tödlich. ...

Der erste Satz des Klappentextes machte mich neugierig: „Herr Sander, es tut mir leid, aber Sie sind tot.“ Was genau hat es damit auf sich?

Auf dem Weg zu einer Party verunglückt Regisseur Sander tödlich. Er nimmt Kontakt zum Erzähler auf, um die Wahrheit aufzudecken, nicht nur die seines Todes, sondern auch die um die letzte Nonne in dem ehemaligen Frauenkloster, das Sander für seine Dreharbeiten nutzt.

Über den Erzähler weiß der Leser nur, was er selbst preisgibt: er ist ehemaliger Investigativjournalist, der erkennen musste, dass die Mächtigen auch bei beweisbaren Fehlhandlungen weiterhin ein gutes Leben führen können und nicht oder nur unwesentlich belangt werden. Genau das ist das Thema dieses Mystery-Romans: Macht, Gier, Verrat und die „Rettung des Heiligen“ (wie Gracia selbst schreibt)

Der Schreibstil ist besonders. Neben den Gesprächen gibt es viel indirekte Rede. Hintergründe werden aufgedeckt und erläutert, so dass gut verständlich wird, worum es Gracia geht.

Der schmale Band (113 Seiten) ist packend, tiefgründig, gesellschaftskritisch mit einer brillanten Idee.
Der Titel stammt aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke und passt perfekt zum Inhalt. Das Cover gibt einen wichtigen Hinweis, der leicht übersehen werden kann.

Auch wenn ab einem bestimmten Punkt klar ist, worauf die Geschichte hinausläuft, empfehle ich den Roman gern.

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Das Böse, das Gute und der Raum dazwischen

Die Apotheke der Hoffnung
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1941 hat die junge Apothekerin Zosia Lewandowska alles verloren, was ihr bis dahin glückliches Leben ausmachte. Als sie hilflos ansehen muss, wie ihre jüdischen Nachbarn ins Krakauer Ghetto ziehen müssen, ...

1941 hat die junge Apothekerin Zosia Lewandowska alles verloren, was ihr bis dahin glückliches Leben ausmachte. Als sie hilflos ansehen muss, wie ihre jüdischen Nachbarn ins Krakauer Ghetto ziehen müssen, trifft sie eine mutige Entscheidung. Sie nimmt eine Stelle in der Apotheke des jüdischen Ghettos an. So kann sie den Kontakt zu ihren Nachbarn und vor allem zu deren Tochter, ihrer Freundin Hania Silbermann, halten und sie unterstützen.

Die Apotheke im Krakauer Ghetto wurde von dem Polen Tadeuz Pankiewicz geführt, dessen Lebenserinnerungen Amanda Barratt die Idee für diesen Roman lieferten. Er und zwei seiner Mitarbeiterinnen werde mit ihren Namen genannt, während die dritte und alle andere Protagonisten fiktiv sind.

Zosia und Hania erzählen abwechselnd ihre Geschichte, beginnend mit dem 3. März 1941. So wird deutlich, wie unterschiedlich das Leben für die beiden ist. Die Autorin beschreibt das Leiden der jüdischen Bevölkerung, beginnend im Ghetto, wo die erhoffte Wohnung für die fünfköpfige Familie Silbermann ein Zimmer ist, das sie sich mit einer weiteren Familie teilen müssen. In ihrem Nachwort schreibt Amanda Barratt, dass sie sich „bei den Szenen in Konzentrationslagern um besondere Sorgfalt bemüht und die Gewalt, die Menschen dort erfahren haben, ungeschönt dargestellt“ hat. Diese Szenen sind nicht immer leicht zu lesen, denn sofort stehen die Bilder des Holocausts vor Augen. Und dennoch können wir das unermessliche Leiden nur ansatzweise verstehen, da wir diese unmenschlichen Lebensbedingungen nicht kennen.

Gegen das Leid setzt Amanda Barratt die Menschlichkeit und die Liebe. Nicht nur Zosia und der Apotheker Pankiewicz helfen, wo sie können. Auch z.B. Mitglieder der „Blauen Polizei“, die als Bewacher im Ghetto eingesetzt wurden, halfen bei der Umgehung von Vorschriften oder überbrachten Nachrichten, weil ihr Gewissen nichts anderes zuließ. Trotz des großen Leids verliebt sich Hania in Romek, der ihre Gefühle erwidert. Diese Liebe lässt sie durchhalten und gibt Hoffnung auf ein besseres Leben.

Amanda Barratt hat eine Geschichte geschrieben, die unter die Haut geht und lange nachwirkt. Sie beweist, dass jeder an seiner Stelle etwas tun kann, was hilft und unterstützt, egal, wie wenig es scheinen mag. Sie zeigt eindringlich, dass das Geschehene nicht vergessen werden darf und Ungerechtigkeiten nicht hingenommen werden dürfen.

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