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Veröffentlicht am 01.04.2026

Richtig toll

Das zwölfte Haus
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Molli sitzt am Krankenbett ihres Bruders Bill. Er liegt im Koma und Molli wartet, dass er wieder aufwacht. Dabei erinnert sie sich an ihre Kindheit und ganz besonders an einen Sommer, der so viel verändert ...

Molli sitzt am Krankenbett ihres Bruders Bill. Er liegt im Koma und Molli wartet, dass er wieder aufwacht. Dabei erinnert sie sich an ihre Kindheit und ganz besonders an einen Sommer, der so viel verändert hat. Sie lebte damals mit ihrem Bruder, ihrer Mutter und deren Freund Frank zusammen. Frank waren die Kinder zu viel. Sie mussten gehorchen und still sein. Die Mutter war da auch keine große Hilfe. Als Frank für eine Weile woanders arbeiten muss, geht die Mutter mit und überlässt die Kinder sich selbst.

Ein sehr eindringlicher Roman über Kindheit und Vernachlässigung. Aber auch über ein Mädchen, das über sich selbst hinauswächst und eine große Widerstandskraft entwickelt. Durch Frank herrscht im Haus immer eine angespannte Atmosphäre, niemand weiß, was als nächstes passiert. Er kontrolliert die Mutter und auch die Kinder. Durch den Weggang der beiden haben die Kinder auf einmal eine unheimliche Freiheit, die ganz krass im Gegensatz zur Kontrolle des Stiefvaters steht. Die Stimmung ist durchgehend beklemmend und auch ich hatte Angst, was als nächstes passiert. Bruder Bill darf im Keller wohnen, aber er ist selten bei der Familie. Die Kinder hatten keine Stütze, waren auf sich gestellt. Die Mutter war damit beschäftigt für Frank alles richtig zu machen. Sie selbst ist ähnlich aufgewachsen. Traurig und verstörend wirkte die Geschichte auf mich, großartig erzählt. Der Roman wird definitiv noch sehr lange in meinem Kopf bleiben. Es arbeitet nach. Doch es gibt auch Hoffnung. Molli entwickelt eine große innere Stärke und hat immer mehr den Wunsch sich aus diesem Leben zu befreien.

Ein tiefgründiger, beklemmender und intensiver Roman für Leser von psychologisch geprägten Geschichten. Hat mir richtig gut gefallen (wenn man das bei dem Thema überhaupt so schreiben kann). Empfehle ich euch sehr gern weiter.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Großartig

Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
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Der 63jährige Radscha lebt mit seiner recht dominanten Mutter zusammen in einer Wohnung in Beirut. Er ist Philosophieprofessor und lebt recht zurückgezogen. Seine exzentrische Mutter ist da ganz anders. ...

Der 63jährige Radscha lebt mit seiner recht dominanten Mutter zusammen in einer Wohnung in Beirut. Er ist Philosophieprofessor und lebt recht zurückgezogen. Seine exzentrische Mutter ist da ganz anders. Seit dem Tod des Vaters blüht sie richtig auf. Als Radscha die Möglichkeit bekommt eine Weile in den USA zu leben, nimmt er an um seinem Leben zu entfliehen. Während er noch über die Reise nachdenkt, beginnt er sein Leben zu reflektieren. Bürgerkrieg, eine schwierige Familie, eine Entführung. Er hat einiges erlebt. Auch seine Identität, seine Sexualität haben sein Leben nicht einfach sein lassen.

Klingt erstmal nach einem schweren, traurigen Buch aber der Autor verbindet hier eindrucksvoll Humor und Tragik. Derb, frech, bissig wird hier erzählt. Die Dialoge zwischen Radscha und seiner Mutter sind einfach nur köstlich. Beide haben viel erlebt. Gerade der Bürgerkrieg, der Bankenkollabs werden hier mit viel ironischer Leichtigkeit rübergebracht, ohne ihre Schwere zu verlieren. Die Figuren wirken authentisch und glaubwürdig, liebenswert und verletzlich. Radscha und seine Mutter sind so unterschiedlich, doch sind sie eng miteinander verbunden. Wir begleiten die beiden durch mehrere Jahrzehnte. Gerade die Entführung von Radscha war traumatisch und wirkte sich auf sein späteres Leben aus. Das empfand ich beim Lesen schon als verstörend. Die Geschichte wird nicht linear erzählt. Vielmehr ist das Buch ein Porträt eines liebevoll chaotischen Mannes, der mit sich selbst Frieden schließen möchte. Queerness, Schuld und Familie sind hier wichtige Themen. Doch der Roman ist auch eine Liebeserklärung. Er ist eine Homage, an all die Schönheiten des Lebens, die sich in den absurdesten Ecken und den schlimmsten Zeiten verstecken.

Ein tragisch-komischer, kluger und unterhaltsamer Roman, der sich ganz wunderbar lesen lässt und von sehr starken Charakteren lebt. Empfehle ich euch unbedingt weiter.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Großartig

Der letzte Leuchtturm
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Auf der schottischen Insel Muckle Flugga leben der Leuchtturmwärter und sein Sohn Ouse. Abgeschieden und isoliert vom Rest der Welt, fristen sie ein recht tristes Dasein und kommen über den Verlust der ...

Auf der schottischen Insel Muckle Flugga leben der Leuchtturmwärter und sein Sohn Ouse. Abgeschieden und isoliert vom Rest der Welt, fristen sie ein recht tristes Dasein und kommen über den Verlust der Mutter nicht hinweg. Ab und zu verirrt sich ein Vogelbeobachter zu ihnen auf die Insel. Sie fallen aber nicht weiter auf, sind ruhig und genügsam. Als der melancholische Schriftsteller Firth bei ihnen landet bringt er die Welt von Ouse ordentlich durcheinander. Sie freunden sich an und Ouse beginnt davon zu träumen, dass dieses Leben vielleicht noch mehr bietet als Muckle Flugga.

Michael Pedersen gelingt es, uns in die raue und mystische Insel Muckle Flugga zu entführen. Einmal angekommen, möchte man gar nicht mehr weg. Der Schreibstil ist sehr poetisch und anspruchsvoll. Man muss sich schon Zeit nehmen zum Lesen und auch den Kopf frei haben. Die Atmosphäre ist wunderbar eingefangen. Die windumtoste Insel, das raue Meer, einfach großartig. Bei schönen Naturbeschreibungen bin ich ja immer dabei. Auch die Tierwelt wurde so lebendig beschrieben. Da hätte ich auch gern mit beobachtet. Die Story begrenzt sich hauptsächlich auf drei Protagonisten. Der zarte, verträumte Ouse, der eigentlich nie von dieser Insel gehen kann. Sein Wunsch nach Freiheit, doch dann die Loyalität zum Vater, mit der er sein eigenes Gefängnis schafft. Dann der traurige, sensible Firth, der es schafft Ouse aus seiner Einsamkeit zu holen. Der Star in diesem Roman war für mich allerdings der Vater. Seine grantelige, ruppige Art ist erstmal abschreckend aber er ist so herrlich geradeaus und direkt. Das mochte ich sehr gern. Er hatte schon herrliche Sprüche drauf. Und tief drin ist er ein sehr einsamer Mann, der Angst hat seinen Sohn zu verlieren. Ihr seht, ich bin sehr angetan. Keine Klischees, ich liebe es!

Ein wunderbar atmosphärisches Buch mit einem zarten, poetischen Schreibstil, das es verdient mit voller Aufmerksamkeit gelesen zu werden. Ich möchte es euch sehr ans Herz legen.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ein Sommer, der alles verändert

Restsommer
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Dominik lebt mit seinem Vater zusammen, der ein Bestattungsinstitut betreibt. Vor einem Jahr ist Mama ausgezogen. Sie lebt jetzt mit einem anderen Mann zusammen. Dominiks Zukunft scheint vorbestimmt. Sein ...

Dominik lebt mit seinem Vater zusammen, der ein Bestattungsinstitut betreibt. Vor einem Jahr ist Mama ausgezogen. Sie lebt jetzt mit einem anderen Mann zusammen. Dominiks Zukunft scheint vorbestimmt. Sein Vater möchte gern mit ihm zusammen in seinem Bestattungsinstitut arbeiten. Dominik hilft schon fleißig mit aber will er das wirklich? Als Biff neu in seine Klasse kommt, fahren seine Gefühle Achterbahn. Biff ist herrlich anders. Er ist unangepasst, sagt seine Meinung und hat Hunger aufs Leben. Was ist nur plötzlich los mit Dominik? Soll er weiter so sein Leben einfach hinnehmen oder etwas Neues wagen, mutig sein?

Eine sensible und authentische Coming-of-Age Story erwartet uns hier. Die Atmosphäre ist eher ruhig, melancholisch. Die Hitze des Sommers, die Trägheit, für mich deutlich spürbar. Der Roman besticht durch viele feine, zarte Momente und ambivalente Gefühle, wie die in dieser Teenagerzeit so sind. Dominik verliebt sich aber das macht alles noch komplizierter. Wieviel Mut braucht man, um sein zu dürfen wer man eigentlich ist? Dominik und Biff nähern sich langsam an. Das ist so schön beschrieben. Dominik ist überwältigt, verunsichert und noch ganz viel mehr. Auf der Suche nach seiner Identität übertritt er Grenzen, wird mutiger und beginnt zu träumen. Was hält ihn eigentlich noch zu Hause?
Er liebt seinen Vater aber für ihn scheint nur die Arbeit wichtig zu sein. Nach dem Auszug der Mutter fällt er in ein tiefes Loch. Dominik fühlt sich allein gelassen. Doch sein Vater ist da, wenn er es am wenigsten erwartet und am meisten braucht. Auch die Vater/Sohn Beziehung ist für mich sehr gut gelungen.

Ein feiner, zarter Coming-of-Age Roman, der durch leise Töne besticht. Identität, Coming out und Vater/Sohn sind hier wichtige Themen. Ich hab das Buch sehr gern gelesen und empfehle es euch gern weiter.

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Emotional

Zugvögel wie wir
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Evas Ehe ist gescheitert, zu ihrer Tochter hat sie kaum noch Kontakt, aus ihrem Traum Musikerin zu sein wurde auch nichts. Sie fühlt sich einsam und weiß nicht so richtig wohin mit sich. Bei einem Kurzbesuch ...

Evas Ehe ist gescheitert, zu ihrer Tochter hat sie kaum noch Kontakt, aus ihrem Traum Musikerin zu sein wurde auch nichts. Sie fühlt sich einsam und weiß nicht so richtig wohin mit sich. Bei einem Kurzbesuch bei ihrer Freundin Luise trifft sie eine spontane Entscheidung. Sie wird den Kranichen auf den Weg nach Frankreich mit dem Fahrrad folgen. Auf ihrer Reise trifft sie interessante Menschen und muss auch viel Zeit mit sich allein verbringen. Sie erlebt Einsamkeit, die Sehnsucht nach ihrer Tochter quält sie. Kann sie sich selbst aushalten? Und wie will sie zukünftig leben?

Ein ruhiger, einfühlsamer Roman über das Leben. Sich leicht fühlen, entspannt, das wollen ja die meisten Menschen. Doch wem gelingt das schon richtig gut? Viel zu viele Sorgen und Probleme kreisen in unseren Köpfen. Unausgesprochene Erwartungen, hohe Ansprüche. Das macht es nicht leichter. Das Leben hat Spuren hinterlassen. Unsere Protagonistin entscheidet spontan aus dem Bauch raus. Möchte eigentlich nur den Kranichen folgen. Doch was sie erlebt, ist so viel mehr als das. Sie muss sich mit sich auseinandersetzen, sich hinterfragen. Durch Vertrauen ins Leben und viel Mut lernt sie ganz langsam und fast nebenbei einfach zu sein, die Wunder des Lebens zuzulassen. Der Schreibstil ist ganz leicht und flüssig, manchmal fast poetisch. Es liest sich richtig gut. Atmosphärisch schwanken wir hier zwischen tollen Naturbeschreibungen, Aufbruchstimmung aber auch Angst vor dem was kommt. Auch die Story hat mir richtig gut gefallen. Ob es jetzt realistisch ist, mit dem Fahrrad ungeübt so eine weite Strecke zu fahren, darüber lässt sich sicher streiten. Aber warum eigentlich nicht? Das Leben schreibt ja bekanntlich die schönsten Geschichten.

Ein Roman, der Mut macht, wenn manchmal alles aussichtslos erscheint. Empfehle ich euch sehr gern weiter.

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