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Veröffentlicht am 29.10.2016

Wünsche mit Herz

Das Café der guten Wünsche
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"Das Café der guten Wünsche" von Marie Adams erschien 2016 (tb) bei Blanvalet. Cover und Titel ergänzen sich und harmonieren; die bunten Tassen um den Romantitel sind ein farbenfroher Blickfang und machen ...

"Das Café der guten Wünsche" von Marie Adams erschien 2016 (tb) bei Blanvalet. Cover und Titel ergänzen sich und harmonieren; die bunten Tassen um den Romantitel sind ein farbenfroher Blickfang und machen das "Café Juliette", um das dieser Liebesroman kreist, zum Hauptort der Handlung.

Buchbeschreibung/Inhalt:

"Julia führt mit ihren Freundinnen Laura und Bernadette ein kleines Café mit einem ganz besonders charmanten Konzept: Jedem Gast wird heimlich ein guter Wunsch hinterhergeschickt. Julia wundert sich nicht, dass alle Gäste das Café glücklicher verlassen, schließlich glaubt sie an die Macht der guten Gedanken - die auch ihre große Liebe Jean zurückbringen soll. Alle anderen Männer hält sie deshalb auf Abstand - bis Robert sich mit (anfangs) unlauteren Mitteln in ihr Herz schleicht. Ist es seine Schuld, dass auf einmal manches schiefläuft? Oder braucht sie nicht nur Glück, sondern auch eine große Portion Mut, um sich wirklich auf die Liebe einzlassen?"
(Quelle: Buchrückentext)

Meine Meinung:

Wir lernen die Hauptprotagonisten Julia, ihren Bruder Nick, ihre Freundinnen Bernadette und Laura kennen: Das Café ist der Lebensinhalt von Julia, die es von ihrer Großmutter mitsamt einem "Glücksbüchlein" erbte. Sie glaubt an die Kraft guter Gedanken und wird etwas naiver und gutgläubiger dargestellt, als sie es tatsächlich ist; Laura, deren Misstrauen auf schlechte Erfahrungen mit Männern beruht und Bernadette, die als Einzige hervorragend Französisch spricht und die Chance eines Stipendiums in Frankreich ergreift...
Jean, ein Franzose, den Julia vor Jahren kennenlernte, dessen Bild sie seither vor Augen hat, ihn wiedersehen möchte und sich die große Liebe mit ihm vorstellt, spielt ebenfalls eine Rolle in diesem Roman. Julias Bruder, ein BWL-Student, möchte sich als ewige "no. 2" in der Familie Heller endlich etwas Eigenes aufbauen, Julia an Erfolg noch übertrumpfen und neigt zu Skrupellosigkeit und Prunksucht, die seine Schwester und auch das Café in den finanziellen Ruin treiben könnten....
Nick ist mit Robert befreundet, ein Journalist in einem Provinzblatt, eher mürrisch, mit diesem Schicksal hadernd, Macho mit einem Hang zum Zynismus. Als er Julia kennenlernt und beide eine WG auf Zeit beschließen, geht in Robert eine wundersame Wandlung vor und es entwickelt sich eine zarte, aber nicht unverletzbare erste Freundschaft zwischen ihnen. Sowohl Julia als auch Robert wie auch Jean müssen sich letztendlich ihren wahren Gefühlen stellen, die ihre Zukunft verändern sollten.....

Die Hauptthemen dieses Liebesromans, vor allem für Frauen geeignet, zeigen sich in den "Regeln des Glücks", die von den 3 Freundinnen nochmals bekräftigt und manifestiert werden: Es geht um die Macht und auch die Kraft guter, positiver Gedanken, die die Welt besser machen könnten.
Eine sehr schöne Grundidee, wie ich finde, aus der man noch mehr hätte machen können; auch in puncto Humor. Weitere Themen sind Dankbarkeit, Loslassen und auch, um etwas oder jemanden zu kämpfen, das oder der einem wichtig ist. Die Geschichte ist sehr unterhaltsam zu lesen, jedoch finden sich leider einige Klischees in der Handlung. Auch die Nebenfiguren bleiben recht flach und oberflächlich. Gut gefallen hat mir hingegen die Beschreibung wahrer Freundschaft am Beispiel von Robert und Carsten. Der Stil der Autorin, die hier unter Pseudonym scheibt und bereits einige Romane veröffentlichte, ist eingängig, flüssig und klar zu lesen. Auch an einer passenden Emotionalität fehlt es durchaus nicht.

Fazit:

Ein Liebesroman mit hohem Unterhaltungsfaktor, sympathischen Figuren, einer schönen Grundidee, der allerdings zuweilen nach einem Geschmack etwas zu trivial und klischeebehaftet ist. Daher konnte er mich nicht ganz überzeugen, für die Handlung, die in sich stimmig ist und den hohen Unterhaltungswert vergebe ich gerne 3,5 Sterne und bin überzeugt, dass es sicher noch 'Luft nach oben' gibt!

Veröffentlicht am 02.10.2016

Stimmungsvoll, atmosphärisch, sympathische Ermittler - lesenswerter Berlin-Krimi!

Wintertod
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"Wintertod" ist nach "Ein dunkler Sommer" der 2. Fall für Hauptkommissar Arne Larsen und erschien (TB) im Oktober 2016 im Rowohlt-Verlag.Das Cover ist stilistisch sehr passend zu Romanverlauf und Jahreszeit, ...

"Wintertod" ist nach "Ein dunkler Sommer" der 2. Fall für Hauptkommissar Arne Larsen und erschien (TB) im Oktober 2016 im Rowohlt-Verlag.Das Cover ist stilistisch sehr passend zu Romanverlauf und Jahreszeit, in der er spielt (November): Es gibt zwei Zeitebenen, die im Berlin der Gegenwart und in Berlin-Buch 1979, zu DDR-Zeiten, verortet sind. Stimmung: Düster und eisigkalt....

Inhalt/Buchbeschreibung:

"Eisiger Frost überzieht die Hauptstadt, da wird auf einem verwilderten Friedhof in Berlin-Buch eine Leiche gefunden. Hauptkommissar Arne Larsen nimmt zusammen mit seiner Kollegin Mayla Aslan die Ermittlungen auf, doch die Spuren sind alles andere als eindeutig. War es Mord, oder sollte ein Suizid vertuscht werden? Und wie sind die Hinweise auf ein angeblich geheimes Haus Nr. 24 in der Waldsiedlung der DDR zu werten?
Gleichzeitig spielen sich seltsame Dinge an einer Berliner Schule ab: Ein Mädchen kritzelt mehrfach "Hilfe" in sein Aufsatzheft, und eine Lehrerin fürchtet ihre Schüler. Aber wie hängt das mit der toten Frau zusammen? Gerade als Larsen und Aslan sich auf der richtigen Fährte glauben, machen sie einen weiteren grausigen Fund."(Quelle: Buchrückentext)

Meine Meinung:

Ohne den Vorgänger zu kennen, kam ich durch die sehr kurzen Kapitel und den eingängigen Erzählstil des Autors schnell in die Handlung: Die beiden Erzählstränge wechseln sich perspektivisch ab (Arne Larsen/Lea Zeisberg) und berichten von Gewalt in der Schule (Lea) im sozialen Brennpunkt 'Prenzlauer Berg' und dem allmählichen 'sich-zusammenraufen' im Ermittlerduo Aslan/Larsen, letzterer erst kürzlich in Berlin angekommen, die sich sowohl persönlich als auch kulturell einander annähern...
Während Lea, nach einer beruflichen Auszeit und noch immer mitgenommen, dem ständigen Fehlen der Geschwister Kolja und Merle Grossmann nachzugehen versucht, da sie das Gefühl nicht los wird, dass in dieser Familie etwas 'oberfaul' ist, ermitteln Larsen und Aslan im LKA über die möglichen Hintergründe einer unbekannten Toten auf einem stillgelegten Friedhof....
Wenig später entdeckt Larsen eine zweite Leiche unweit der toten Frau, die noch mehr Rätsel aufgibt.... Endlich wird "von oben" grünes Licht für eine SoKo gegeben und Nommensen hat es gut verstanden, das langsame Anlaufen von Verwaltung, Vorgesetzten (sowohl beim LKA als auch in der Schule) und das Herunterspielen von sich anbahnenden Konflikten bzw. Verbrechen plastisch darzustellen, was mir - da realistisch in dieser Gesellschaft - gut gefallen hat.
Die beiden Handlungsstränge werden später ergänzt durch einen dritten: In Rückblenden in die DDR-Zeit 1979 Ost-Berlin erzählt Martin von seinem 'neuen Vater' und den Einflüssen in seiner Kindheit, als sich ein dritter Mord ereignet...

Ab diesem Zeitpunkt nimmt der Krimi sehr an Spannung und Fahrt auf und man rätselt mit, welchem Motiv und welchen menschlichen Störungen die Morde geschuldet sind...
Bei der Beschreibung dieser Wurzeln, die Opfer zu Tätern werden lassen, ihnen keine andere Verhaltensmöglichkeit an die Hand gegeben wurde, geht der Autor sensibel vor; die erschreckenden Zusammenhänge wirken auf mich real und authentisch, auch glaubwürdig, da hier auch psychologische Faktoren menschlichen Verhaltens eine Rolle spielen.

Das letzte Drittel des Kriminalromans verfolgt dann zahlreiche unvorhersehbare Wendungen und der Plot ist insgesamt stimmig. Die kurzen Kapitel und sehr gute Darstellung und Figurenzeichnung der Protagonisten; allen voran Larsen und Aslan, finde ich sehr gelungen: Besonders gut gefielen mir die "winterlyrischen Passagen", die diesem Krimi eine außergewöhnliche atmosphärische Dichte verleihen, so dass man die Kälte fast spüren kann beim Lesen....
Der Stil von Thomas Nommensen ist klar und flüssig zu nennen, was die Handlung unterhaltsam macht: Die mir etwas fehlende anfängliche Spannung (während der ca. ersten 100 Seiten) steigerte sich nach und nach und konnte bis zum Schluss dann gehalten werden: An sozialkritischen Themen wie z.B. der DDR-Vergangenheit (kam ein wenig zu kurz, finde ich), binationale Teams und Zusammenarbeit (Larsen/Aslan); Gewalt an Schulen und Überforderung der Lehrer, Opfer, die zu Tätern werden fehlt es ebenfalls nicht...

Fazit:

Eine eigenwillige, sensible Erzählweise, sich steigernde Spannung, eine Prise 'Lyrik' und ein sympathisches und toughes Ermittlerduo sowie ein interessanter Mordfall lassen mich "Wintertod" Lesern, die Krimis mit psychologischer Spannung und Tiefgang schätzen, gerne weiterempfehlen. Ich vergebe 4 * und 87° auf der 'Krimi-Couch'. Der Vorgänger sowie der Nachfolger, der bereits in Planung ist, befindet sich bereits auf meiner "Merkliste" ;)

Veröffentlicht am 15.09.2016

Reglement für ein aufrechtes Leben - im Kleinformat, aber mit großer Wirkung - Lese- und Geschenkempfehlung!

Regeln für einen Ritter
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Ethan Hawke's "Regeln für einen Ritter" erschien im grünen Leinengewand in eher kleiinem Format, jedoch mit großer Wirkung und mit großem "inneren Wert" im KiWi-Verlag 2016. Übersetzt aus dem Englischen ...

Ethan Hawke's "Regeln für einen Ritter" erschien im grünen Leinengewand in eher kleiinem Format, jedoch mit großer Wirkung und mit großem "inneren Wert" im KiWi-Verlag 2016. Übersetzt aus dem Englischen wurde das Buch von Kristian Lutze. Das grüne Cover ziert - ganz nach Rittermanier und für diese Epoche sprechend - ein goldenes Schwert.

"Im Gewand eines mittelalterlichen Handbuchs für Ritter, versehen mit feinen Zeichnungen, erzählt der Autor und Schauspieler Ethan Hawke eine bezaubernde Geschichte, die uns erkennen lässt, worauf es wirklich ankommt im Leben." (Quelle: Buchrückentext)


Buchbeschreibung/Inhalt:


Obgleich es noch immer Diskussionen darüber gibt, nimmt die Familie des Autors nach dem Fund von Briefen für sich in Anspruch, direkte Nachfahren von Sir Thomas Lemual Hawke zu sein, der im Winter 1483 in der Schlacht von Slaughter Bridge (England) fiel: Sir Thomas schreibt nun in der Nacht vor der Schlacht seinen Kindern einen langen Brief in dem Wissen oder der Vorahnung, vielleicht nicht lebend zurückkehren zu können. Im Anhang findet sich eine Liste der Regeln - bzw. dem Leitfaden durchs Leben, den der Ritter seinen Kindern mitgeben will; es sind Werte und Maßstäbe, die zeitlose Gültigkeit haben und damals ebenso wie heute ihre Gültigkeit haben, um ein ehrliches, gutes und aufrechtes Leben zu führen. Auch finden sich kurze Angaben zum Autor sowie ein Bild als informative Ergänzung für den Leser im Anhang.

Meine Meinung:


Haben mir bereits die Regeln für einen Ritter sehr gefallen (besonders Demut, Dankbarkeit, Zusammenarbeit, Gerechtigkeit, Freundschaft, Ehrlichkeit, Haltung - um nur einige zu nennen), so will ich doch eine herausgreifen, die mir besonders positiv auffiel, da sie durchaus in die Gegenwart zu übertragen ist; ja sogar aktuellen Bezug hat (wie viele der anderen Regeln auch):

"Disziplin":
Häufig stellen wir uns vor, dass wir hart arbeiten, bis wir ein fernes Ziel erreicht haben, und dann werden wir glücklich sein. Das ist eine Täuschung. Glück ist das Ergebnis eines zielbewussten Lebens. Glück ist nicht das Ziel. Es ist die Bewegung des Lebens an sich, ein Prozess und eine Tätigkeit. Es entsteht aus Neugier und Entdeckergeist"
(......)
(Zitat S. 102 ff)
Jede der Regeln wird ergänzt durch eine Fabel oder ein Gleichnis, das den Gesprächen Sir Thomas mit seinem Großvater entnommen ist: Dieser muss ein sehr weiser und großartiger, aufrechter Mann gewesen sein!

Der Stil des Autors Ethan Hawke, der sich als direkter Nachfahre Sir Thomas Lemual Hawke's, einst Ritter in Cornwall, England sieht, ist sehr flüssig und interessant zu lesen: Es gelang dem Autor, den mittelalterlichen Text in eine Sprache zu gießen, die auch im 21. Jhd. gut lesbar ist. Seine Frau versah jede einzelne der 20 Regeln mit schönen Bleistiftzeichnungen, die sehr gut in die Thematik passen und Vogelmotive zeigen, die auch in der Liste am Buchende (Regeln/Name des Vogels) benannt sind. Diese Illustrationen passen m.E. hervorragend zu den einzelnen Fabeln und lockern deren Inhalt nochmals auf bzw. ergänzen sie.


Ganz besonders gefiel mir die Ballade am Ende des Buches "vom Hirschen mit dem Vierzig-Ender-Geweih", da sie diese Werte genau auf den Punkt bringt; auch Hoffnung gibt, das Leben (das eigene und das anderer) stets zu achten.
"Für den rauen Weg müssen wir uns entscheiden. Denn wie finden wir Glück, wenn andere leiden? (....)
(Zitat)

Fazit:

Ein feinsinniges und gut zu lesendes "Vermächtnis" und eine Aufforderung zu einem aufrechten Leben, das man am besten "häppchenweise" liest, immer wieder aufschlagen bzw. nachschlagen kann - und das sich bestens als kleines, aber edles Geschenk erweist, um es "nachkommenden Rittern" (z.B. dem eigenen Sohn) zu schenken: Ich werde das auf jeden Fall tun und bedanke mich herzlich beim KiWi-Verlag für die Veröffentlichung. Möge es vielen "Rittern" und solche, die es werden wollen, eine Anleitung sein!

Veröffentlicht am 03.05.2026

Die Hüterinnen der Zukunft

Das Tränenhaus. Roman
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"Das Tränenhaus" von Gabriele Reuter erschien erstmals 1909 und ist ein vom Reclam-Verlag wiederentdeckter Roman einer Autorin, die um die Jahrhundertwende sogar in ihrer Auflagenstärke bei der Erstveröffentlichung ...

"Das Tränenhaus" von Gabriele Reuter erschien erstmals 1909 und ist ein vom Reclam-Verlag wiederentdeckter Roman einer Autorin, die um die Jahrhundertwende sogar in ihrer Auflagenstärke bei der Erstveröffentlichung Theodor Fontane (Effie Briest, zeitgleich erschienen) übertroffen hat und eine vielgelesene Autorin ihrer Zeit war, jedoch schon lange in Vergessenheit geriet. Ich denke, man kann den Roman zu einem der Vorläufer feministischer Frauenliteratur zählen, der auch heute lesenswert ist.

Die schwangere Schriftstellerin Cornelie Reimann (ein Alter ego von Gabriele Reuter) kommt in die Herberge der älteren Hebamme Frau Uffenbach, die damit Geld verdient, unverheirateten schwangeren Frauen in Schopfingen, Württemberg, Zimmer und Unterkunft zu vermieten. "Das Annerle", bereits zum 2. Male dort, kann den Kindsvater nicht heiraten, da der Mann jüdisch ist, ihr Vater jedoch Kaplan. Toni, eine blasse 17Jährige, ist an einen Abenteurer geraten, Mari, deren Kind kurz nach der Geburt verstirbt, ist aus dem Bayrischen und zwei weitere junge Frauen suchen "das Tränenhaus" auf, von denen eine so krank ist, dass sie noch vor der Geburt des Kindes verstirbt. "Die Uffenbacher" führt ein strenges Regiment und nachdem sie wieder einmal laut und polternd die Mädchen anschrie und beleidigte, sucht Cornelie das Gespräch mit ihr: So etwas wird Cornelie zukünftig nicht mehr dulden und falls dies wieder vorkommt, erwägt sie, dass sie für sich und alle anderen Mädchen im Hause der Uffenbacherin eine neue Herberge sucht. Da Cornelie aus eher intellektuellen Kreisen stammt, aus dem Ausland ständig Post erhält und die Hebamme (bei diesem Amt sehr sanft und einfühlsam) hier einlenken muss, ist das Zusammenleben fortan besser: Cornelie isst mit den anderen zusammen und die Gemeinschaft wächst zusammen, bis eine jede ihren Weg fortsetzt, nachdem ihr Kind geboren wurde.

Meine Meinung:

Diesen Roman sollte man unter dem Eindruck lesen, dass er 1909 erstmals erschien. Die Sprache ist etwas sperrig zu lesen und teils antiquiert, aber zeitgemäß; mehr forderte mich die depressive Stimmung von Cornelie, der Hauptprotagonistin dieses Romans, die lange erhalten bleibt. Dem Kindsvater möchte sie schwanger nicht unter die Augen treten und hegt eher Abneigung gegen ihn; aber auch die Suche nach einem selbstbestimnten Leben ist dieser Frau schon früh herauszulesen. Die Dialoge sind teils im Württembergischen behaftet und "Dischkretion" wird ganz groß geschrieben: Es war für Familien das gesellschaftliche Aus, wenn ein junges Mädchen schwanger wurde, das nicht verheiratet war - genau dagegen lehnt dieser Roman sich (zurecht) auf; allerdings wird der jeweilige Kindsvater immer geschont - auch bei den Frauen selbst, die dadurch jedoch auch zu einer großen Stärke fanden und teils ihr Kind alleine aufzogen. Im Falle der jungen Frau, die durch ihre Krankheit im späten Schwangerschaftsstadium verstarb, kam nach deren Tod der Bruder, um sich der Diskretion zu versichern, dass seine Schwester "in der Schweiz durch einen Unfall in den Bergen verstorben sei". Hier wird auch die Verlogenheit besonders höherer Gesellschaftsschichten aufs Korn genommen.

Humor entwickelt der Roman durch die Figuren der dicken Bäckerin und dem Bäck, die sich ihre Schulden persönlich bei der Uffenbacherin "abholen": Sie quartieren sich eine Weile ein und es gibt jeden Tag ein Festessen, bis die Schulden kleiner wurden oder beglichen werden konnten.

Die Deprimiertheit von Cornelie (auch durch das Zwischenmenschliche, den Zusammenhalt der jungen Frauen) weicht langsam, aber stetig einem Gefühl der Vorfreude auf das Kind, das sie ganz am Anfang auch hatte und sie kann alles Dunkel hinter sich lassen, als sie ihr Kind in den Armen hält (und wenig später abreist). Die Abschiedsszene mit Dr. Schwärzele und Ehefrau, die Cornelie ins Herz geschlossen hatten und all' die anderen ist sehr gelungen; das kurze Zusammentreffen mit dem Kindsvater fand ich enttäuschend kurz. Das Nachwort von Annette Seemann ist äußerst aufschlussreich und auch die Zeittafel der Autorin (1859 - 1941) ist eine große Hilfe, den Roman in seiner Zeitform zu verstehen.

Fazit:

Ein durchaus lesenswerter Roman, zu seiner Zeit provokant, der mit einer zeitgemäßen Sprache aufwartet und als Vorläufer der feministischen Literatur zählen kann. Die Hauptthemen sind Mutterschaft, weibliche Solidarität, Emanzipation und Selbstbestimmung - auch in prekären Lebenssituationen. Gewisse Parallelen zum Leben der Autorin Gabriele Reuter selbst sind sicher nicht von der Hand zu weisen, die eine Figur wie Cornelie Reimann erfand, um ein Vorbild für andere zu schaffen. Von einer Frau, die auf sanfte, kluge und unbeugsame Weise den Weg und die Entwicklung einer schwangeren Frau aufzeigt, die trotz allem willens ist, aus ihrem Leben dennoch das Beste zu machen. Erschwert hat mir das Lesevergnügen ein wenig die antiquierte Sprache, die den Text etwas sperrig machte. Dennoch werde ich mir das andere Werk der Autorin (Aus guter Familie) aus der Reclam-Reihe gerne näher ansehen.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Von der Suche nach einem (vermeintlich) guten Leben

Das gute Leben
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"Ein gutes Leben" von Nadine Schneider erschien im S. Fischer-Verlag (2026, HC, geb., 304 Seiten) und beschäftigt sich (wie ich recherchierte, da mir die Autorin mit deutsch-rumänischen Wurzeln bisher ...

"Ein gutes Leben" von Nadine Schneider erschien im S. Fischer-Verlag (2026, HC, geb., 304 Seiten) und beschäftigt sich (wie ich recherchierte, da mir die Autorin mit deutsch-rumänischen Wurzeln bisher nicht bekannt war) auch in diesem Roman mit der Geschichte einer Auswanderung von Rumänien nach Deutschland.

In diesem Roman tritt die Hauptprotagonistin Anni in Erscheinung, die Mitte der 60er Jahre (sie ist gerade mal 22 und schwanger) beschließt, nach Deutschland zu emigrieren, da sie für sich und ihr Kind keine Perspektive in Rumänien sieht (was ich persönlich als sehr mutig empfinde und der Hauptgrund war, diesen Roman lesen zu wollen).

Anni gelingt es, die Hürde, ausreisen zu dürfen, nehmen zu können (sie ist nicht gerade auf den Mund gefallen; kann auch sehr bestimmt auftreten) und plagt sich dennoch mit Schuldgefühlen, da sie sich fragt, was aus ihrer Mutter werden soll, wenn sie ohne sie zurechtkommen muss (der Bruder ist bereits in Deutschland). So führt ihre Reise (Mitte der 60er Jahre) über Österreich, wo sie nach 20 Jahren ihren Vater erstmals wiedersieht, nach Nürnberg, wo auch der Bruder lebt: Wie sich herausstellt, ist die kleine Wohnung sehr eng und düster; Anni kann sich nicht vorstellen, dass dies für längere Zeit mit ihrem Kind das Richtige sein wird. Die "Sippschaft" (die Anni nicht mag), hat jedoch keinen Platz für sie und ihr Kind und so bleibt sie erst einmal beim Bruder, dessen Leben aus viel Arbeit besteht; die beiden haben kaum Berührungspunkte.

Die Situation ändert sich, als Anni sich mithilfe der ihr mutmachenden Kati, einer Ungarin, die ihre erste Freundin werden sollte, im Versandhaus Quelle vorstellt: Sie wird kurz darauf als Verpackerin eingestellt und steht tagaus, tagein in einer großen und lauten Halle mit vielen KollegInnen, die die Pakete ins Wirtschaftswunderland versenden. Nun beginnt Anni, die bisher alleine und einsam war, sich vorwiegend um ihre Tochter Helene kümmerte, Hoffnung zu sehen, "dass es aufwärts geht". Ein Onkel versprach ihr zumindest, dass sie nach seinem Tod sein Haus erben solle; was dieser auch eingehalten hat.

So arbeitet Anni über 35 Jahre bei Quelle bis kurz vor der Schließung 2009 und zieht nicht nur Helene, ihre Tochter, alleine groß - sondern auch ihre Enkeltochter Christina, die sich hier nach dem Tode Annis in Rückblicken an ihre Großmutter erinnert. Die Frage ist, ob sie das Haus von Anni verkaufen sollte - und ob sie bereit dazu ist, sich dem Loslassen zu stellen, da sie in Berlin lebt und arbeitet.

Ein Teil des Gartens ist von Weinreben bedeckt: Diese hat Anni einst von ihrer Mutter aus Rumänien mitgebracht; ob er auch in Berlin anwächst? Diesen Romanteil fand ich irgendwie tröstlich, da sehr viel Einsamkeit, Ängste, Fremdsein, auch Überforderung aus den Zeilen sprach: Trotz aller Zerrissenheit der Familie (die Mutter von Christina, Helene, lebt in Florida) hat dieser Weinstock, der stets "mitwandert", eine Bedeutung. Er ist quasi eine Verbindung zwischen Rumänien, Deutschland (Nürnberg und jetzt Berlin) und eine wunderschöne Metapher.

Annis Ängste, ihr Fremdsein und auch ihre Einsamkeit in den ersten Jahren werden sehr gut sprachlich dargestellt; allerdings ist der Roman eher prosaisch und sehr nüchtern geschrieben. Zu einem ernsten, anspruchsvollen Thema wie diesem passt dieser zwar, jedoch muss man sich recht viel emotional 'zusammenreimen', besonders Helene oder Nebenfiguren wie den Bruder oder die Urgroßmutter betreffend. Stilistisch ist er eine Herausforderung, da er viel Konzentration des Lesers erfordert: Zeitlich gibt es unglaublich viele Sprünge, so dass das Lesen für mich zwar interessant, aber auch eher anstrengend war. Hier hätte ich mir eine andere Lösung gewünscht; etwa ein Roman auf mehreren Zeitebenen, in denen man sich dann gleich zurechtfindet, da man sie besser zuordnen kann. Der Stil ist aber auch atmosphärisch und flüssig, so dass man relativ schnell in der Handlung ankommt. Auch stellt man sich die tiefgehende Frage, ob Anni das Leben gefunden hatte, das sie suchte, als sie in den 60er Jahren nach Deutschland kam: Ich empfand Ärger, dass diese mutige junge Frau zeitlebens als Verpackerin arbeiten sollte und hinter ihren beruflichen Möglichkeiten zurückbleiben musste, da sich hierfür zu dieser Zeit sicher keine Chancen auftaten. Zu denken gibt auch, dass eine offene, nicht schüchterne junge Frau in der Fremde eher 'kleinlaut' wird, aus sprachlichen Gründen fortan leise spricht; nicht zu hören ist (und sich auch niemals beschwert). Diese Punkte hat Nadine Schneider hervorragend in den vier Romanteilen herausgearbeitet.

Fazit:

Ein bewegender und auch betroffen machender Roman, der die Emigration einer rumänisch-deutschen jungen Frau sehr gut darstellt und hierbei in prosaischer Weise in die Tiefe geht; auch anspruchsvoll und lesenswert ist. Allerdings verlangen zahlreiche abrupte Zeitsprünge dem geneigten Leser einiges an Konzentration ab, die das Lesen auch anstrengend machen. Ich hätte mir z.B. verschiedene Zeitstränge, die zusammenlaufen, besser vorstellen können. "Das gute Leben" erhält von mir 3,5 * und eine Empfehlung an alle LeserInnen, die sich mit dem Thema Emigration, Fremdsein, reale Lebensläufe in den 60er Jahren bis heute (und politische Verhältnisse, die hier auch Erwähnung finden) beschäftigen möchten und diese Themen interessant finden.

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