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Veröffentlicht am 15.09.2016

Reglement für ein aufrechtes Leben - im Kleinformat, aber mit großer Wirkung - Lese- und Geschenkempfehlung!

Regeln für einen Ritter
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Ethan Hawke's "Regeln für einen Ritter" erschien im grünen Leinengewand in eher kleiinem Format, jedoch mit großer Wirkung und mit großem "inneren Wert" im KiWi-Verlag 2016. Übersetzt aus dem Englischen ...

Ethan Hawke's "Regeln für einen Ritter" erschien im grünen Leinengewand in eher kleiinem Format, jedoch mit großer Wirkung und mit großem "inneren Wert" im KiWi-Verlag 2016. Übersetzt aus dem Englischen wurde das Buch von Kristian Lutze. Das grüne Cover ziert - ganz nach Rittermanier und für diese Epoche sprechend - ein goldenes Schwert.

"Im Gewand eines mittelalterlichen Handbuchs für Ritter, versehen mit feinen Zeichnungen, erzählt der Autor und Schauspieler Ethan Hawke eine bezaubernde Geschichte, die uns erkennen lässt, worauf es wirklich ankommt im Leben." (Quelle: Buchrückentext)


Buchbeschreibung/Inhalt:


Obgleich es noch immer Diskussionen darüber gibt, nimmt die Familie des Autors nach dem Fund von Briefen für sich in Anspruch, direkte Nachfahren von Sir Thomas Lemual Hawke zu sein, der im Winter 1483 in der Schlacht von Slaughter Bridge (England) fiel: Sir Thomas schreibt nun in der Nacht vor der Schlacht seinen Kindern einen langen Brief in dem Wissen oder der Vorahnung, vielleicht nicht lebend zurückkehren zu können. Im Anhang findet sich eine Liste der Regeln - bzw. dem Leitfaden durchs Leben, den der Ritter seinen Kindern mitgeben will; es sind Werte und Maßstäbe, die zeitlose Gültigkeit haben und damals ebenso wie heute ihre Gültigkeit haben, um ein ehrliches, gutes und aufrechtes Leben zu führen. Auch finden sich kurze Angaben zum Autor sowie ein Bild als informative Ergänzung für den Leser im Anhang.

Meine Meinung:


Haben mir bereits die Regeln für einen Ritter sehr gefallen (besonders Demut, Dankbarkeit, Zusammenarbeit, Gerechtigkeit, Freundschaft, Ehrlichkeit, Haltung - um nur einige zu nennen), so will ich doch eine herausgreifen, die mir besonders positiv auffiel, da sie durchaus in die Gegenwart zu übertragen ist; ja sogar aktuellen Bezug hat (wie viele der anderen Regeln auch):

"Disziplin":
Häufig stellen wir uns vor, dass wir hart arbeiten, bis wir ein fernes Ziel erreicht haben, und dann werden wir glücklich sein. Das ist eine Täuschung. Glück ist das Ergebnis eines zielbewussten Lebens. Glück ist nicht das Ziel. Es ist die Bewegung des Lebens an sich, ein Prozess und eine Tätigkeit. Es entsteht aus Neugier und Entdeckergeist"
(......)
(Zitat S. 102 ff)
Jede der Regeln wird ergänzt durch eine Fabel oder ein Gleichnis, das den Gesprächen Sir Thomas mit seinem Großvater entnommen ist: Dieser muss ein sehr weiser und großartiger, aufrechter Mann gewesen sein!

Der Stil des Autors Ethan Hawke, der sich als direkter Nachfahre Sir Thomas Lemual Hawke's, einst Ritter in Cornwall, England sieht, ist sehr flüssig und interessant zu lesen: Es gelang dem Autor, den mittelalterlichen Text in eine Sprache zu gießen, die auch im 21. Jhd. gut lesbar ist. Seine Frau versah jede einzelne der 20 Regeln mit schönen Bleistiftzeichnungen, die sehr gut in die Thematik passen und Vogelmotive zeigen, die auch in der Liste am Buchende (Regeln/Name des Vogels) benannt sind. Diese Illustrationen passen m.E. hervorragend zu den einzelnen Fabeln und lockern deren Inhalt nochmals auf bzw. ergänzen sie.


Ganz besonders gefiel mir die Ballade am Ende des Buches "vom Hirschen mit dem Vierzig-Ender-Geweih", da sie diese Werte genau auf den Punkt bringt; auch Hoffnung gibt, das Leben (das eigene und das anderer) stets zu achten.
"Für den rauen Weg müssen wir uns entscheiden. Denn wie finden wir Glück, wenn andere leiden? (....)
(Zitat)

Fazit:

Ein feinsinniges und gut zu lesendes "Vermächtnis" und eine Aufforderung zu einem aufrechten Leben, das man am besten "häppchenweise" liest, immer wieder aufschlagen bzw. nachschlagen kann - und das sich bestens als kleines, aber edles Geschenk erweist, um es "nachkommenden Rittern" (z.B. dem eigenen Sohn) zu schenken: Ich werde das auf jeden Fall tun und bedanke mich herzlich beim KiWi-Verlag für die Veröffentlichung. Möge es vielen "Rittern" und solche, die es werden wollen, eine Anleitung sein!

Veröffentlicht am 03.05.2026

Die Hüterinnen der Zukunft

Das Tränenhaus. Roman
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"Das Tränenhaus" von Gabriele Reuter erschien erstmals 1909 und ist ein vom Reclam-Verlag wiederentdeckter Roman einer Autorin, die um die Jahrhundertwende sogar in ihrer Auflagenstärke bei der Erstveröffentlichung ...

"Das Tränenhaus" von Gabriele Reuter erschien erstmals 1909 und ist ein vom Reclam-Verlag wiederentdeckter Roman einer Autorin, die um die Jahrhundertwende sogar in ihrer Auflagenstärke bei der Erstveröffentlichung Theodor Fontane (Effie Briest, zeitgleich erschienen) übertroffen hat und eine vielgelesene Autorin ihrer Zeit war, jedoch schon lange in Vergessenheit geriet. Ich denke, man kann den Roman zu einem der Vorläufer feministischer Frauenliteratur zählen, der auch heute lesenswert ist.

Die schwangere Schriftstellerin Cornelie Reimann (ein Alter ego von Gabriele Reuter) kommt in die Herberge der älteren Hebamme Frau Uffenbach, die damit Geld verdient, unverheirateten schwangeren Frauen in Schopfingen, Württemberg, Zimmer und Unterkunft zu vermieten. "Das Annerle", bereits zum 2. Male dort, kann den Kindsvater nicht heiraten, da der Mann jüdisch ist, ihr Vater jedoch Kaplan. Toni, eine blasse 17Jährige, ist an einen Abenteurer geraten, Mari, deren Kind kurz nach der Geburt verstirbt, ist aus dem Bayrischen und zwei weitere junge Frauen suchen "das Tränenhaus" auf, von denen eine so krank ist, dass sie noch vor der Geburt des Kindes verstirbt. "Die Uffenbacher" führt ein strenges Regiment und nachdem sie wieder einmal laut und polternd die Mädchen anschrie und beleidigte, sucht Cornelie das Gespräch mit ihr: So etwas wird Cornelie zukünftig nicht mehr dulden und falls dies wieder vorkommt, erwägt sie, dass sie für sich und alle anderen Mädchen im Hause der Uffenbacherin eine neue Herberge sucht. Da Cornelie aus eher intellektuellen Kreisen stammt, aus dem Ausland ständig Post erhält und die Hebamme (bei diesem Amt sehr sanft und einfühlsam) hier einlenken muss, ist das Zusammenleben fortan besser: Cornelie isst mit den anderen zusammen und die Gemeinschaft wächst zusammen, bis eine jede ihren Weg fortsetzt, nachdem ihr Kind geboren wurde.

Meine Meinung:

Diesen Roman sollte man unter dem Eindruck lesen, dass er 1909 erstmals erschien. Die Sprache ist etwas sperrig zu lesen und teils antiquiert, aber zeitgemäß; mehr forderte mich die depressive Stimmung von Cornelie, der Hauptprotagonistin dieses Romans, die lange erhalten bleibt. Dem Kindsvater möchte sie schwanger nicht unter die Augen treten und hegt eher Abneigung gegen ihn; aber auch die Suche nach einem selbstbestimnten Leben ist dieser Frau schon früh herauszulesen. Die Dialoge sind teils im Württembergischen behaftet und "Dischkretion" wird ganz groß geschrieben: Es war für Familien das gesellschaftliche Aus, wenn ein junges Mädchen schwanger wurde, das nicht verheiratet war - genau dagegen lehnt dieser Roman sich (zurecht) auf; allerdings wird der jeweilige Kindsvater immer geschont - auch bei den Frauen selbst, die dadurch jedoch auch zu einer großen Stärke fanden und teils ihr Kind alleine aufzogen. Im Falle der jungen Frau, die durch ihre Krankheit im späten Schwangerschaftsstadium verstarb, kam nach deren Tod der Bruder, um sich der Diskretion zu versichern, dass seine Schwester "in der Schweiz durch einen Unfall in den Bergen verstorben sei". Hier wird auch die Verlogenheit besonders höherer Gesellschaftsschichten aufs Korn genommen.

Humor entwickelt der Roman durch die Figuren der dicken Bäckerin und dem Bäck, die sich ihre Schulden persönlich bei der Uffenbacherin "abholen": Sie quartieren sich eine Weile ein und es gibt jeden Tag ein Festessen, bis die Schulden kleiner wurden oder beglichen werden konnten.

Die Deprimiertheit von Cornelie (auch durch das Zwischenmenschliche, den Zusammenhalt der jungen Frauen) weicht langsam, aber stetig einem Gefühl der Vorfreude auf das Kind, das sie ganz am Anfang auch hatte und sie kann alles Dunkel hinter sich lassen, als sie ihr Kind in den Armen hält (und wenig später abreist). Die Abschiedsszene mit Dr. Schwärzele und Ehefrau, die Cornelie ins Herz geschlossen hatten und all' die anderen ist sehr gelungen; das kurze Zusammentreffen mit dem Kindsvater fand ich enttäuschend kurz. Das Nachwort von Annette Seemann ist äußerst aufschlussreich und auch die Zeittafel der Autorin (1859 - 1941) ist eine große Hilfe, den Roman in seiner Zeitform zu verstehen.

Fazit:

Ein durchaus lesenswerter Roman, zu seiner Zeit provokant, der mit einer zeitgemäßen Sprache aufwartet und als Vorläufer der feministischen Literatur zählen kann. Die Hauptthemen sind Mutterschaft, weibliche Solidarität, Emanzipation und Selbstbestimmung - auch in prekären Lebenssituationen. Gewisse Parallelen zum Leben der Autorin Gabriele Reuter selbst sind sicher nicht von der Hand zu weisen, die eine Figur wie Cornelie Reimann erfand, um ein Vorbild für andere zu schaffen. Von einer Frau, die auf sanfte, kluge und unbeugsame Weise den Weg und die Entwicklung einer schwangeren Frau aufzeigt, die trotz allem willens ist, aus ihrem Leben dennoch das Beste zu machen. Erschwert hat mir das Lesevergnügen ein wenig die antiquierte Sprache, die den Text etwas sperrig machte. Dennoch werde ich mir das andere Werk der Autorin (Aus guter Familie) aus der Reclam-Reihe gerne näher ansehen.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Von der Suche nach einem (vermeintlich) guten Leben

Das gute Leben
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"Ein gutes Leben" von Nadine Schneider erschien im S. Fischer-Verlag (2026, HC, geb., 304 Seiten) und beschäftigt sich (wie ich recherchierte, da mir die Autorin mit deutsch-rumänischen Wurzeln bisher ...

"Ein gutes Leben" von Nadine Schneider erschien im S. Fischer-Verlag (2026, HC, geb., 304 Seiten) und beschäftigt sich (wie ich recherchierte, da mir die Autorin mit deutsch-rumänischen Wurzeln bisher nicht bekannt war) auch in diesem Roman mit der Geschichte einer Auswanderung von Rumänien nach Deutschland.

In diesem Roman tritt die Hauptprotagonistin Anni in Erscheinung, die Mitte der 60er Jahre (sie ist gerade mal 22 und schwanger) beschließt, nach Deutschland zu emigrieren, da sie für sich und ihr Kind keine Perspektive in Rumänien sieht (was ich persönlich als sehr mutig empfinde und der Hauptgrund war, diesen Roman lesen zu wollen).

Anni gelingt es, die Hürde, ausreisen zu dürfen, nehmen zu können (sie ist nicht gerade auf den Mund gefallen; kann auch sehr bestimmt auftreten) und plagt sich dennoch mit Schuldgefühlen, da sie sich fragt, was aus ihrer Mutter werden soll, wenn sie ohne sie zurechtkommen muss (der Bruder ist bereits in Deutschland). So führt ihre Reise (Mitte der 60er Jahre) über Österreich, wo sie nach 20 Jahren ihren Vater erstmals wiedersieht, nach Nürnberg, wo auch der Bruder lebt: Wie sich herausstellt, ist die kleine Wohnung sehr eng und düster; Anni kann sich nicht vorstellen, dass dies für längere Zeit mit ihrem Kind das Richtige sein wird. Die "Sippschaft" (die Anni nicht mag), hat jedoch keinen Platz für sie und ihr Kind und so bleibt sie erst einmal beim Bruder, dessen Leben aus viel Arbeit besteht; die beiden haben kaum Berührungspunkte.

Die Situation ändert sich, als Anni sich mithilfe der ihr mutmachenden Kati, einer Ungarin, die ihre erste Freundin werden sollte, im Versandhaus Quelle vorstellt: Sie wird kurz darauf als Verpackerin eingestellt und steht tagaus, tagein in einer großen und lauten Halle mit vielen KollegInnen, die die Pakete ins Wirtschaftswunderland versenden. Nun beginnt Anni, die bisher alleine und einsam war, sich vorwiegend um ihre Tochter Helene kümmerte, Hoffnung zu sehen, "dass es aufwärts geht". Ein Onkel versprach ihr zumindest, dass sie nach seinem Tod sein Haus erben solle; was dieser auch eingehalten hat.

So arbeitet Anni über 35 Jahre bei Quelle bis kurz vor der Schließung 2009 und zieht nicht nur Helene, ihre Tochter, alleine groß - sondern auch ihre Enkeltochter Christina, die sich hier nach dem Tode Annis in Rückblicken an ihre Großmutter erinnert. Die Frage ist, ob sie das Haus von Anni verkaufen sollte - und ob sie bereit dazu ist, sich dem Loslassen zu stellen, da sie in Berlin lebt und arbeitet.

Ein Teil des Gartens ist von Weinreben bedeckt: Diese hat Anni einst von ihrer Mutter aus Rumänien mitgebracht; ob er auch in Berlin anwächst? Diesen Romanteil fand ich irgendwie tröstlich, da sehr viel Einsamkeit, Ängste, Fremdsein, auch Überforderung aus den Zeilen sprach: Trotz aller Zerrissenheit der Familie (die Mutter von Christina, Helene, lebt in Florida) hat dieser Weinstock, der stets "mitwandert", eine Bedeutung. Er ist quasi eine Verbindung zwischen Rumänien, Deutschland (Nürnberg und jetzt Berlin) und eine wunderschöne Metapher.

Annis Ängste, ihr Fremdsein und auch ihre Einsamkeit in den ersten Jahren werden sehr gut sprachlich dargestellt; allerdings ist der Roman eher prosaisch und sehr nüchtern geschrieben. Zu einem ernsten, anspruchsvollen Thema wie diesem passt dieser zwar, jedoch muss man sich recht viel emotional 'zusammenreimen', besonders Helene oder Nebenfiguren wie den Bruder oder die Urgroßmutter betreffend. Stilistisch ist er eine Herausforderung, da er viel Konzentration des Lesers erfordert: Zeitlich gibt es unglaublich viele Sprünge, so dass das Lesen für mich zwar interessant, aber auch eher anstrengend war. Hier hätte ich mir eine andere Lösung gewünscht; etwa ein Roman auf mehreren Zeitebenen, in denen man sich dann gleich zurechtfindet, da man sie besser zuordnen kann. Der Stil ist aber auch atmosphärisch und flüssig, so dass man relativ schnell in der Handlung ankommt. Auch stellt man sich die tiefgehende Frage, ob Anni das Leben gefunden hatte, das sie suchte, als sie in den 60er Jahren nach Deutschland kam: Ich empfand Ärger, dass diese mutige junge Frau zeitlebens als Verpackerin arbeiten sollte und hinter ihren beruflichen Möglichkeiten zurückbleiben musste, da sich hierfür zu dieser Zeit sicher keine Chancen auftaten. Zu denken gibt auch, dass eine offene, nicht schüchterne junge Frau in der Fremde eher 'kleinlaut' wird, aus sprachlichen Gründen fortan leise spricht; nicht zu hören ist (und sich auch niemals beschwert). Diese Punkte hat Nadine Schneider hervorragend in den vier Romanteilen herausgearbeitet.

Fazit:

Ein bewegender und auch betroffen machender Roman, der die Emigration einer rumänisch-deutschen jungen Frau sehr gut darstellt und hierbei in prosaischer Weise in die Tiefe geht; auch anspruchsvoll und lesenswert ist. Allerdings verlangen zahlreiche abrupte Zeitsprünge dem geneigten Leser einiges an Konzentration ab, die das Lesen auch anstrengend machen. Ich hätte mir z.B. verschiedene Zeitstränge, die zusammenlaufen, besser vorstellen können. "Das gute Leben" erhält von mir 3,5 * und eine Empfehlung an alle LeserInnen, die sich mit dem Thema Emigration, Fremdsein, reale Lebensläufe in den 60er Jahren bis heute (und politische Verhältnisse, die hier auch Erwähnung finden) beschäftigen möchten und diese Themen interessant finden.

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Veröffentlicht am 10.11.2025

Mord in Holly House

Der Tote im Kamin
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Die Glasgow-Krimireihe um D.C.I. Daley des leider bereits verstorbenen schottischen Autors Denzil Meyrick hatte ich bereits zum Teil gelesen und fand sie außergewöhnlich gut; daher war ich auf "Der Tote ...

Die Glasgow-Krimireihe um D.C.I. Daley des leider bereits verstorbenen schottischen Autors Denzil Meyrick hatte ich bereits zum Teil gelesen und fand sie außergewöhnlich gut; daher war ich auf "Der Tote im Kamin" sehr gespannt: Im Gegensatz zu den Glasgow-Krimis handelt es sich hier um Cosy-Crime. Da ich dieses Krimi-Untergenre auch mag und das tolle Cover der deutschen Ausgabe wirklich sehr gelungen finde, habe ich mich also neugierig auf die Spurensuche in Holly House und Elderby gemacht, um dem Ermittler, Inspector Frank oder Francis Grasby über die Schulter zu schauen.

York, Dezember 1952

Inspector Grasby hat so einiges in seiner polizeilichen Vergangenheit 'vermasselt'. Sein Vorgesetzter Juggers zählt ihm seine Ausrutscher auf und Grasby befürchtet schon, in Hull zu landen, um dort in Hafennähe seinen Polizeidienst verrichten zu müssen: Doch es sollte anders kommen (auch wenn Juggers sehr erbost über den letzten Faux-pas Grasby's ist; bei einem missglückten Festnahmeversuch sind 30 wertvolle Pferde bei Lady Winthorpe entlaufen! Statt nach Hull wird Grasby nach Elderby in die North York Moors entsendet, um dort einige Farmdiebstähle (auf dem Grund von Lord Damnish, also hat er es schon wieder mit dem Adel zu tun) möglichst rasch aufzuklären. Kaum angekommen, wird er zu Lord Damnish gerufen, der einen Einbruch meldet: Beim Besuch des Inspectors ist der Kamin verrusst - und auch der Butler findet keine Lösung. Da Grasby sich mit Kaminen gut auskennt, schaut er nach und entdeckt "etwas Großes", das im Kamin des Wohnzimmers im stattlichen Anwesen steckt. Es sollte sich als eine Leiche entpuppen, die dem Krimi seinen Namen gab. Im weiteren Verlauf gesellt sich eine weitere Leiche hinzu, die auf dem Gelände unweit der Kirche aufgefunden wird: Was hat es mit diesen brutalen Morden auf sich?

Dies herauszufinden, muss der Leser sich selbst bemühen; es gibt durchaus einige Wendungen und der lange etwas vor sich hinplätschernde Cosy Crime nimmt am Ende sehr an Fahrt auf: Dazwischen bevölkern einige zwielichtige Figuren den Krimi; so z.B. Bleakly, ein Sgt., der sich daran gewöhnen muss, dass Inspector Grasby nun sein Vorgesetzter ist und an einer Schlafkrankheit leidet; zwei Constables, die hinzugezogen werden, nachdem ein Mr. X auftaucht (im Schlepptau Juggers) und Grasby einweiht, dass die nationale Sicherheit in Gefahr sei - und er zum Schein zu ermitteln habe; es würde sich offiziell um zwei Unfälle handeln.

Eine recht schräge Figur, die mir gut gefallen hat und fast einem Märchenbuch entsprungen sein könnte, ist Mrs. Hetty Gaunt, eine Vermieterin, die hexenhafte Züge hat (Rabe Cecil eingeschlossen, der gerne auf ihrer Schulter sitzt) und oftmals mehr sieht als andere Menschen. Die Bleibe von Grasby und Deedee, der Praktikantin aus Amerika, ist also recht gruslig, jedoch ist Mrs. Gaunt eine hervorragende Köchin, was ersteres wieder wettmacht (zumindest in Grasby's Augen; er ist Ende 30 und im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen noch unverheiratet). DeeDee, eigentlich Mr. Daisy Dean, spielt im Krimi ebenfalls eine zwielichtige Rolle, die ich jedoch nicht spoilern mag. Als LeserIn traut man ihr nicht über den Weg und auch in anderen Menschen könnte man sich hier durchaus täuschen!

Meyrick beschreibt sehr gut die winterliche Atmosphäre und die Umgebung sowie das Herrenhaus von Lord Damnish im fiktiven schottischen Elderby, wo die Handlung verortet ist. Er freut sich (er läuft ungern), dass auch hier alles in erreichbarer Nähe ist (Pub, Wettbüro, Fish-and-Chips Imbiss) und von Beginn an schmunzelt man über die etwas skurrile Beziehung von Grasby Senior (einem betagten, oft mürrischen Reverend, der an seinem Sohn vieles auszusetzen hat) und Frank Grasby: Einen späten Auftritt sollte der Reverend auch noch haben und es ist ersichtlich, dass beiden bewusst ist, dass ihnen der andere trotz aller Gegensätze doch sehr wichtig ist. So sind viele Anekdoten aus der Kindheit Frank's eingestreut, die dies untermauern und einen zuweilen zum Schmunzeln bringen. Schade fand ich die fehlende Spannung und der krasse Gegensatz zum Ende des Cosy-Crime: Der Showdown wurde so fulminant, dass es fast an einen der James-Bond-Filme erinnerte, zumal es am Ende auch um einen politischen Hintergrund geht, der aktuell gar nicht so surreal wirkt.

Leider konnte mich insgesamt die Mischung zwischen Cosy Crime und Spionagekrimi nicht gänzlich überzeugen, allerdings war die Atmosphäre und die Zeit der 50er Jahre in Großbritannien sowie so mancher Seitenhieb (in Sachen Adelstitel z.B.) sehr gelungen; auch stilistisch - aus der Ich-Perspektive von Grasby - ist der Cosy Krimi mit gut ausgeleuchteten, teils schrägen Figuren, sehr gut zu lesen. Ich werde die noch zu lesende Glasgow-Reihentitel des Autors auf jeden Fall weiterverfolgen! 3,5 *

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Des Hauses Hüterin und ihre Nachbarn...

Ms Darling und ihre Nachbarn
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"Ms Darling und ihre Nachbarn" von Freya Sampson erschien (tb, brosch., 365 Seiten) im Verlag Dumont, Köln, 2025 und ist bereits der 3. ins Deutsche übersetzte Unterhaltungsroman der Autorin.


"Die argwöhnische ...

"Ms Darling und ihre Nachbarn" von Freya Sampson erschien (tb, brosch., 365 Seiten) im Verlag Dumont, Köln, 2025 und ist bereits der 3. ins Deutsche übersetzte Unterhaltungsroman der Autorin.


"Die argwöhnische Dorothy Darling ist die älteste Mieterin in Shelley House und hat alles im Blick. Kein Regelverstoß ihrer Nachbarn bleibt ihr verborgen. Die neue Untermieterin von nebenan, die 25jährige Kat mit ihren pinken Haaren und schlechten Manieren, ist der alten Dame gleich ein Dorn im Auge. Doch dann bringt eine schreckliche Nachricht unvorhergesehene Ereignisse ins Rollen: Shelley House soll abgerissen werden, und die Bewohner stehen kurz vor der Zwangsräumung. Jetzt ist es ausgerechnet an Dorothy und Kat, die Dinge gemeinsam wieder ins Lot zu bringen."

(Quelle : Buchrückentext)


Dieses Mal entführt uns Freya Sampson in eine alte viktorianische Villa, dem Shelley House in Chalcot, in der Poet's Road gelegen: Vorstellbar ist es auf dem sehr schönen Cover und signalisiert Alter und Würde, auch wenn so manches im Argen liegt und nicht auf dem neuesten Stand ist, da Alexander Fergus, der Hausbesitzer, ein raffgieriger Immobilienmakler ist und eines Tages allen Bewohnern eine Räumungsklage zukommen lässt: Er will Shelley House abreißen lassen und es durch 24 moderne Wohnungen komplett ersetzen.


Was der Vermieter unterschätzt, sind die wehrhaften Bewohner; allen voran Joseph Chambers, der Kat, der jungen Frau (25), die gerade einzog und aus deren Perspektive der Roman entworfen ist (wie auch aus der Perspektive von Dorothy Darling, 77). Nun ist guter Rat teuer und besonders Joseph und Dorothy möchten ihre Bleibe, die sie schon sehr lange bewohnen, nicht kampflos aufgeben. So zieht Joseph mit einem Megafon und Schildern vor das Büro von Fergus und protestiert auf diese Weise gegen die Räumung; nicht lange danach hat er durchaus Mitstreiter, doch wird es den Bewohnern gelingen, den Abriss des alten historischen Hauses zu verhindern?


Dieser Frage geht dieses Buch nach und zeichnet sehr sympathische Figuren, die allesamt BewohnerInnen von Shelley House sind; allen voran Joseph, Kat (die nicht lange bleiben wollte, warum, wird erst viel später im Roman klar..) und Dorothy, die, stets den Notizblock samt Bleistift in der Hand, alle Mängel des Hauses, die sie finden kann und auch die Mängel im Verhalten der Nachbarn festhält; die jedoch sogar ihre Abneigung gegen Hunde (Flohbündel) überwindet und Reggie, den kleinen Hund von Joseph, übernimmt, wenn Kat arbeitet. Mich hat sie anfangs an eine Art 'Concierge' erinnert; nicht eine der sympathischen. Doch das änderte sich im Laufe der Handlung. So formieren sich die Bewohner, die zuvor recht wenig miteinander zu tun hatten, mehr und mehr gegen die Absicht des Vermieters; es gesellt sich auch ein Journalist hinzu, Will, der den Leuten helfen will, Shelley House zu retten und ganz nebenbei auch an Kat großen Gefallen findet.


Die Themen des Romans, der leicht lesbar und eingängig geschrieben wurde und großen Unterhaltungswert besitzt, sind vielfältig: Es geht um Familienkonflikte, Verlust, Trauer, Nachbarschaft, Solidarität, Vorurteile, Schuldgefühle, Selbstbestrafung, aber auch um Neubeginn und (späte) Liebe. Der Schreibstil von Freya Sampson sagt mir zu; allerdings bemängele ich hier des öfteren eine gewisse Vorhersehbarkeit und dass der Roman leider nicht frei von Klischees ist. Die sehr sympathischen Figuren sind jedoch sehr gut ausgeleuchtet (besonders Dorothy und Kat, deren Veränderungen im Laufe der Handlung nicht zu übersehen ist) und der schöne, gelungene und auch stimmige Schluss versöhnte mich ein wenig damit, dass die ersten zwei Drittel des Romans etwas langatmig und spannungslos verliefen. Dennoch handelt es sich um einen Roman mit Wohlfühlcharakter, der den Lesern vor Augen hält, dass es gut ist, mit eigenen Vorbehalten aufzuräumen und sich solidarisch zu verhalten, und der mit einem schönen und stimmigen Ende aufwarten kann.

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