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Veröffentlicht am 02.04.2026

Feinfühliges Kinderbuch gegen Mobbing

Ferri
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„Ferri“ von Gertraud Mesner und Beate Welsch ist ein wirklich empfehlenswertes Kinderbuch mit einer wichtigen Botschaft.

Erzählt wird hier, begleitet von wunderschönen und liebevollen Illustrationen, ...

„Ferri“ von Gertraud Mesner und Beate Welsch ist ein wirklich empfehlenswertes Kinderbuch mit einer wichtigen Botschaft.

Erzählt wird hier, begleitet von wunderschönen und liebevollen Illustrationen, die Geschichte des kleinen Fischs Ferri. Er ist ein kleiner, fröhlicher Fisch, der gerne singt. Doch auf einmal ändert sich alles, also der Rochen Rocho anfängt, Ferri zu ärgern und zu mobben. Nach und nach steckt der damit auch die anderen Meeresbewohner an, sie alle grenzen Ferri aus.
Ferri ist völlig verunsichert und sucht die Schuld bei sich und seinem Verhalten. Seinen Eltern erzählt er aus Scham nichts davon.

Erst als der kluge Wal Wali etwas davon mitbekommt, ändert sich etwas. Wali macht Ferri Mut und gibt ihm sein Selbstwertgefühl zurück.
Und Wali schafft es mit Feingefühl und spielerischer Taktik, die anderen Meeresbewohner zum Nachdenken über ihr Verhalten anzuregen. Am Ende zeigen alle, sogar Rochi, Einsicht und entschuldigen sich bei Ferri.

Das Buch hat uns begeistert, allein schon die tollen Illustrationen sind ein Hingucker!
So liebevoll und detailliert, die Bilder kann man sich gar nicht oft genug anschauen.

Genauso gut und wichtig ist die Botschaft des Buches, die auf kindgerechte Art und Weise aufzeigt, wie Mobbing entsteht – und das vor allem ermutigt, etwas dagegen zu tun!

Sehr hilfreich und empfehlenswert sind auch die Seiten im Anhang, auf denen es Information zum Thema für Eltern gibt, was Kinder bei Mobbing tun können.

„Ferri“ ist ein einfühlsames, mutmachendes und stärkendes Buch für Kinder ab 4 Jahren, das eine ganz klare Leseempfehlung von mir bekommt!

Vielen Dank an den Vermes Verlag und an Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Hochaktuelles, wichtiges Plädoyer für körperliche Selbstbestimmung

Das Patriarchat im Uterus
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Obwohl jede vierte Frau weltweit einmal im Leben von einem Schwangerschaftsabbruch betroffen ist,
halten sich Stigmatisierung und Falschinformationen zu diesem Thema auch heute noch hartnäckig.

„Die ...

Obwohl jede vierte Frau weltweit einmal im Leben von einem Schwangerschaftsabbruch betroffen ist,
halten sich Stigmatisierung und Falschinformationen zu diesem Thema auch heute noch hartnäckig.

„Die ständige negative Bewertung von Abtreibungen führt hingegen dazu, dass ungewollt Schwangere nicht einmal in ihrem engsten Umfeld darüber sprechen können. So bleibt das Thema unsichtbar – und das Tabu erhält sich selbst. Viele Patient:innen können es kaum glauben, wenn ich ihnen sage, dass jede vierte Frau eine Abtreibung vorgenommen hat und mir das sehr häufig begegnet. ‘Und ich dachte, nur mir ist das passiert«, ist eine häufige Reaktion. Viele fühlen sich damit allein. Dabei haben wir alle Mütter, Nachbar:innen, Töchter und Freund:innen, die schon einen Abbruch hatten – wir wissen es nur nicht.
Diese Unsichtbarkeit erschwert auch die Berichterstattung: Viele Journalist:innen, die über Abbrüche schreiben, berichten, wie schwer es ist, überhaupt mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen.“

Kürzlich ist das Vorhaben, Schwangerschaftsabbrüche zu legalisieren, in letzter Minute im Bundestag gescheitert. Dr. Alicia Baier erklärt hierzu die medizinischen und politischen Grundlagen
Sie zeigt auf, was sich in der Gesellschaft, Medizin und Politik ändern muss, damit gebärfähige Menschen selbst über ihre Körper bestimmen können. Denn das Thema rund um reproduktive Rechte geht uns ALLE an!
Das Buch zeigt deutlich auf, welchen Hürden und oft auch Schikanen Menschen, die ungewollt schwanger sind, ausgesetzt sind; sie werden entmündigt und können nicht selbst über ihren Körper und ihr Leben bestimmen. Dass das in der heutigen Zeit in einem vermeintlich modernen Land wie Deutschland Standard ist, sollte uns alle erschüttern.
Welchen Einfluss die katholische Kirche bzw. Religionen allgemein und auch rechte Ideologien dabei spielen, zeigt die Autorin anhand vieler Beispiele.

„Es ist eine humanitäre Katastrophe: Unsichere Abbrüche sind eine der führenden Ursachen von Müttersterblichkeit – und laut der Organisation Ärzte ohne Grenzen die einzige, die fast vollständig vermeidbar ist. Das zentrale Argument für den ‘Lebensschutz« kippt an seiner eigenen Logik: Eine tote Frau oder eine Frau, deren Uterus entfernt werden muss, bringt kein Kind mehr zur Welt.
Und auch hinsichtlich geborener Kinder versagt der vermeintliche ‘Lebensschutz‘: Sie bleiben in der Debatte meist außen vor, obwohl gerade sie besonders unter den Folgen von Abtreibungsverboten leiden. Der sichere Zugang zu Abbrüchen ermöglicht es Menschen, den richtigen Zeitpunkt für ihr Kind selbst zu wählen – mit dem oder der richtigen Partner:in oder mit den entsprechenden emotionalen und finanziellen Ressourcen. So haben Kinder, die nach einer selbstbestimmten Abtreibung in späteren Jahren geboren werden, im Durchschnitt eine stärkere Mutter-Kind-Bindung und bessere Entwicklungschancen als Kinder, die aus einer ungewollten Schwangerschaft hervorgehen. Letztere haben ein höheres Risiko, Gewalt zu erleben, Vernachlässigung zu erfahren oder in instabilen familiären Verhältnissen aufzuwachsen. Schwangere sagen mir oft, dass sie den Abbruch für ihre bereits geborenen Kinder vornehmen lassen, um ihnen weiterhin gerecht zu werden. Auch hier zeigt die Forschung: Geschwisterkinder wachsen häufiger in Armut auf und zeigen niedrigere Werte in der kindlichen Entwicklung, wenn ihre Mütter zu einer weiteren Geburt gezwungen wurden. Wer für Kinder einsteht, muss mehr tun, als ihre Geburt zu erzwingen. Kinder haben ein Recht darauf, gewollt und geliebt zu sein – nicht nur geboren.

Abtreibungsverbote sind gesundheitsschädlich, schaden Kindern und sind als ‘Schutzinstrument für den Embryo‘ unwirksam. Wer trotzdem daran festhält, entlarvt sich selbst: Die stigmatisierende und gesundheitsschädigende Wirkung wird nicht nur hingenommen, sondern ist anscheinend sogar intendiert, um mit staatlicher Missbilligung diejenigen zu bestrafen, die nicht (noch einmal) Mutter werden wollen. Dieses Denken entspricht einer zutiefst patriarchalen Logik und sollte in keinem Fall Eingang in die Regulierung eines medizinischen Eingriffes finden.“

Dr. med. Alicia Baier ist Gynäkologin und führt selbst Schwangerschaftsabbrüche durch; außerdem ist sie Mit-Gründungsvorsitzende von Doctors for Choice Germany. Ihr Fachwissen kommt dem Buch ebenso zugute wie ihre empathische Grundhaltung.

Selten hat mich ein Sachbuch so tief bewegt, erschüttert und aufgerüttelt.
Ich hätte mir auf fast jeder Seite eine wichtige Stelle markieren können.
Das hat mir nochmals verdeutlicht, dass dieses Thema gleichermaßen hochaktuell politisch und auch unfassbar emotional ist.

„Menschen, die ihre Schwangerschaft abbrechen, sind nicht anders als andere Menschen. Es sind die gleichen Personen, die gebären, eine Fehlgeburt erleben und später einen Abbruch brauchen. Vielleicht alles in einem Leben, vielleicht in unterschiedlicher Reihenfolge. Und doch werden sie im medizinischen Alltag behandelt, als gehörten sie nicht dazu.“

„Das Patriarchat im Uterus“ ist ein wirklich kluges, aufrüttelndes und wichtiges Buch, für das ich eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen - für Menschen jeden Geschlechts!

Vielen Dank an den Droemer Knaur Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Endlich: Die Großstadtdetektive ermitteln wieder!

Die Großstadtdetektive - Wo ist Annabelle?
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Wir hatten letztes Jahr "Die Großstadtdetektive" von Eva Lezzi mit großer Begeisterung gelesen und waren daher sehr happy über die Fortsetzung „Die Großstadtdetektive - Wo ist Annabelle?“.

Zu Beginn dieses ...

Wir hatten letztes Jahr "Die Großstadtdetektive" von Eva Lezzi mit großer Begeisterung gelesen und waren daher sehr happy über die Fortsetzung „Die Großstadtdetektive - Wo ist Annabelle?“.

Zu Beginn dieses Buches ist Irina etwas gelangweilt, denn ihre Freunde Jona, Deniz und Laura sind alle im Urlaub. Nur Hündin Gloria, auf die Irina während der Ferien aufpasst, bietet etwas Abwechslung. Während eines Spaziergangs mit Gloria im Park lernt Irina die ältere Dame Annabelle beim Schachspielen kennen. Das Schachspielen erinnert Irina an ihren Vater, der nicht mehr bei ihr und ihrer Mutter lebt. Und auch Annabelle mag sie sehr gerne - doch die ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt! Was ist nur mit Annabelle passiert? Irina wittert einen neuen Fall - zum Glück kommen nach und nach auch Jona, Laura und Deniz wieder aus dem Urlaub zurück. Gemeinsam müssen sie einen kniffligen und gefährlichen Fall lösen.

Ich fand das Buch, genau wie Band 1, rundum gelungen. Nicht nur, dass der Fall mit dem Rätsel in den Schachfiguren und der versteckten Botschaft im Gedicht super knifflig und originell war – auch eine wichtige Botschaft ist enthalten: Wie schon im ersten Buch zeigt Eva Lezzi, wie ein friedliches Miteinander verschiedener Kulturen und von Menschen mit völlig unterschiedlichem Background möglich ist. Das hat mir sehr gut gefallen!

Ein weiteres Highlight sind neben der spannenden Geschichte auch hier wieder die witzigen und schönen Illustrationen von Daniela Kohl (bekannt auch durch die „Lotta Leben“-Bücher).

Wie schon beim ersten Buch der „Großstadtdetektive“ ist auch hier am Ende ein Glossar mit wichtigen Begriffen enthalten, super Idee!

Als weiteren Bonus ist eine Aufnahme des jiddischen Gedichts "In Majrew / Im Westen" enthalten, gelesen von Lia Martyn zum Download unter beltz.de

Wir hoffen natürlich sehr, dass es noch weitere Fälle der „Großstadtdetektive“ geben wird!

Vielen Dank an den Beltz Verlag und Lovelybooks.de für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Jahreshighlight: Atmosphärisch und intensiv

Der Fährmann
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„Der Fährmann“ von Regina Denk ist schon jetzt eines meiner diesjährigen Jahreshightlights!
Die Autorin führt uns mit ihrer atmosphärischen, intensiven Sprache direkt in eine andere Welt.

Die Geschichte ...

„Der Fährmann“ von Regina Denk ist schon jetzt eines meiner diesjährigen Jahreshightlights!
Die Autorin führt uns mit ihrer atmosphärischen, intensiven Sprache direkt in eine andere Welt.

Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts, zwischen Österreich und Deutschland, an der Salzach. Dort lebt der Fährmann Hannes Winkler. Einem alten Brauch zufolge darf er sich keine Frau nehmen, zu gefährlich ist sein Beruf, er darf keine bedüftige Familie hinterlassen. Doch sein Herz gehört schon von klein auf Elisabeth. Zusammen mit Annemarie waren die drei als Kinder beste Freund*innen. Doch Elisabeth ist nun aus wirtschaftlichen Gründen Josef Steiner versprochen, dem Erben des größten Bauernhofs auf der österreichischen Seite der Salzach. Nicht nur Hannes leidet darunter, auch Annemarie, die Wirtstochter auf der deutschen Seite, hatte sich Hoffnung auf eine Heirat mit Josef gemacht. Doch alles kommt anders. Elisabeth ist unglücklich in ihrer Ehe, auch sie hegt unausgesprochene Gefühle Hannes gegenüber. Und Josef entpuppt sich als äußerst brutaler Mann, das bekommt nicht nur Elisabeth zu spüren, sondern auch Annemarie. Ihr Leben nimmt dadurch eine andere Wendung als sie erhoffte ...
Als der Erste Weltkrieg das Land erschüttert, bröckelt die Ordnung in den Dörfern. Inmitten von Gewalt und dem Wunsch nach Wandel nimmt das Leben dieser vier jungen Menschen eine dramatische Wendung.
Zum Ende möchte ich nichts verraten, um nicht zu spoilern: Lest das Buch unbedingt selbst!

Regina Denks Schreibstil ist einzigartig, intensiv und atmosphärisch; sie passt hervorragend zum historischen Setting.
Die Geschichte hat mich sehr mitgenommen, besonders die Schicksale der Frauen, Elisabeth und Annemarie, haben mich tief bewegt. Die Ausweglosigkeit, mit der sie den patriarchalen Strukturen damals ausgesetzt waren, mag frau sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen wollen/können:

"Es geht immer ums Heiraten ", erklärte ihre Mutter, als wäre sie wieder sechs Jahre alt." Für uns Weiber geht es immer ums Heiraten, weil uns nix g'hört ohne Heirat, weil wir nix zu sagen haben, außer, wenn es um die Kinder geht, weil wir ohne Heirat, allein, eine einzige Last sind für alle um uns herum. Finden werden wir jetzt niemanden mehr für dich. Schau ma zu, dass du zu Haus eine Hilfe bist und dass der Steiner was zahlt für diesen Schlamassel."

Herausragend sind auch die Kapitel mit der Überschrift „Anderswo“, in der die Salzach zu Wort kommt; diese Abschnitte verursachen beim Lesen eine Gänsehaut, besonders zum Schluss hin:

„[...] es sprachen die Kinder nicht die Sprache des Wassers, verstanden nicht die Warnung und die Sorge, sahen nur das, was die Menschen sehen wollten, und glaubten nur das, was sie glauben konnten anstelle von dem, was war, und dem, was noch immer wahr ist.“

Das Buch ist ein Zeugnis der damaligen Zeit, der gesellschaftlichen und politischen Situation. Vieles ist brutal und beim Lesen schwer zu ertragen. Die Geschichtge geht wirklich unter die Haut. Das Buch wird sicher noch lange in mir nachklingen – ein absolutes Highlight!

„Der Fährmann“ war mein erstes Buch der Autorin, ihren Debütroman „Die Schwarzgeherin“ kannte ich noch nicht, habe ihn mir aber sofort bestellt.

Vielen Dank an den Droemer Knaur Verlag und an Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 20.03.2026

Nie war das Jetzt so viel wert: Humorvoller, wunderschöner Roman!

Statt aus dem Fenster zu schauen
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„Statt aus dem Fenster zu schauen“ von Anna Katharina Scheidemantel ist mal wieder eine großartige Neuveröffentlichung des pola-Verlags.

Die Ich-Erzählerin Sophie, der alle immer eine tolle Zukunft und ...

„Statt aus dem Fenster zu schauen“ von Anna Katharina Scheidemantel ist mal wieder eine großartige Neuveröffentlichung des pola-Verlags.

Die Ich-Erzählerin Sophie, der alle immer eine tolle Zukunft und Karriere vorausgesagt haben, langweilt sich bei ihrem Praktikum. Sie möchte das „Höher-Schneller-Weiter“-Spiel nicht mehr mitmachen und kauft sich kurzerhand für einen Spottpreis ein altes, baufälliges Haus irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Ohne das Haus vorher gesehen zu haben, steigt sie in den Zug und flüchtet vor dem leistungsorientierten Alltag. Ihren Eltern erzählt sie es nicht, nur ihre Freunde Pauline und Moritz wissen davon.

„‘Sophie ist ein vernünftiges Kind‘, hat meine Mutter einmal gesagt. »‘Sie kann eine Situation gut selbst einschätzen.‘ Das hat sie zu unserer Nachbarin gesagt, als die ihre beiden Töchter für einen Intensiv-Karate-Selbstverteidigungskurs in den Sommerferien angemeldet hat. Meine Mutter war der Meinung, bei mir würden die üblichen Warnungen reichen: Steig nicht bei fremden Menschen ins Auto. Nimm keine Süßigkeiten an. Glaub niemandem, der sagt, er möchte dir bei sich zu Hause Hundewelpen zeigen.
Sie hat nicht erwähnt, dass ich keine Häuser in der deutschen Einöde kaufen soll. Aber wer hält sein Kind schon für so bescheuert?“

Sophie muss feststellen, dass die Renovierungsarbeiten schwieriger sind als sie dachte. Sie muss schwer arbeiten, um das Haus halbwegs bewohnbar zu machen; noch dazu fehlen ihr die finanziellen Mittel. Der Alltag ohne Strom und ohne Internet ist schwer; auch die ungewohnte Stille und Einsamkeit setzen ihr zu. Soll sie aufgeben und zurück in ihr altes Leben gehen?

„Es ist noch nicht zu spät, um alles zurückzuspulen oder wenigstens so zu tun, als wäre es nie passiert. Ich kann mich mit einem Familiennotfall bei der Arbeit entschuldigen und spätestens Dienstagmorgen wieder im Büro erscheinen. Heinz hat meine tausend Euro, ich werde ihm den Kaufvertrag dalassen, dann kann er ihn vernichten und sich über mein Erspartes freuen. Was für eine dumme, dumme Idee. Was für ein dummes, dummes Kind ich bin. Einser-Abi und trotzdem völlig entscheidungsunfähig. Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist Schadensbegrenzung, mein altes, richtiges Leben kitten, bis nur noch ich weiß, dass da mal ein Riss in der Fassade war, ganze vier Tage lang.“

Doch Sophie bleibt. Sie will herausfinden, was für ein Mensch sie ist, wenn sie keinen fremden Erwartungen entsprechen muss, wenn sie frei und sie selbst sein darf.

„Nach all den Tagen, die ich jetzt schon allein in meinem Haus gelebt habe, bin ich doch nicht unabhängig von der Bestätigung durch andere. Kaum ist ein anderer Mensch anwesend, brauche ich sie wieder. Dabei ist es unsinnig, einen Moment oder eine Entscheidung oder auch ein Leben nur als wertig zu betrachten, weil ein anderer das so sieht. Und in den letzten Wochen habe ich ja fast nur Dinge getan, die andere als unsinnig bezeichnen würden. Ich habe sie trotzdem getan, und es hat sich gut angefühlt.“

Sophie ist eine großartige Protagonistin, ich konnte so richtig gut mit ihr fühlen und fand sie unfassbar sympathisch (und klug).

„Das Gefühl, unter einem Apfelbaum zu liegen, die Augen halb geöffnet, über mir zwitschernde Vögel, das kommt meiner persönlichen Vorstellung von Himmel schon ziemlich nahe.
Genauso herrlich ist das Gefühl, nach getaner Arbeit in das Haus zurückzukommen, von einer willkommenen Kühle empfangen zu werden, von dieser dichten Stille, die es nur in dick gemauerten Häusern zur Mittagszeit gibt. Ich kann fast körperlich spüren, wie alles langsamer wird und der ständige Strom an »Ich müsste noch …« verebbt. Es ist, als hätte es diesen Rhythmus in diesem Haus schon immer gegeben, als wäre das der Puls des Landes, dem man sich als Bewohnerin beugen muss. Wir sind alle eigentlich nur Gäste der Jahreszeiten. In der Stadt merkt man das nur nicht so, dort sperren wir sie mit Rollos und Zentralheizungen aus. Aber hier … hier pocht dieser Puls noch. Und ich kann nicht dagegen anarbeiten. Alles, was ich tun kann, ist, mich seinem Fluss zu beugen [...] und die Stille zu genießen. Und das tue ich.“

Der Schreibstil von Anna Katharina Scheidemantel ist wunderschön, sie schafft es, den Roman gleichermaßen humorvoll (was habe ich gelacht!) und unterhaltsam zu gestalten, aber es gibt einem auch viel zum Nachdenken über unsere Leistungsgesellschaft und das „Hamsterrad“ des Lebens.

Ein wirklich großartiger Debütroman, für den ich 5 Sterne vergebe und die Hoffnung habe, bald noch mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen!

Vielen Dank an den pola Verlag, Vorablesen.de und NetGalley für die Rezensionsexemplare! 📚💚

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