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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.03.2026

Die Familiengeschichte der Borowskis wird weitergeschrieben

Bei euch ist es immer so unheimlich still
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"Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" hat mich wahnsinnig gut unterhalten, daher war ich auf den zweiten Teil sehr gespannt. Wir lernen nun mehr über das Leben von Dr. Evelyn Borowski ...

"Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" hat mich wahnsinnig gut unterhalten, daher war ich auf den zweiten Teil sehr gespannt. Wir lernen nun mehr über das Leben von Dr. Evelyn Borowski und ihrer Tochter Silvia, die kein gutes Verhältnis zu einander haben. Auf zwei Zeitebenen wird einerseits Evelyns Weg zur Ärztin, Gattin und Mutter in der Nachkriegszeit beschrieben, andererseits die Rückkehr Silvias aus Berlin in die schwäbische Provinz 1989. Mit dabei ist ihr Baby Hannah, dem wir im ersten Teil als erwachsene Frau bei der Recherchearbeit zu Evelyns Erbschaft über die Schulter schauen durften.

Erst war ich enttäuscht, dass Hannah keine der Hauptrollen spielt, aber dann hat mich die Geschichte genau so gepackt, wie der erste Teil. Ganz wunderbar läßt die Autorin die Figuren in ihrer jeweiligen Zeit lebendig werden. Glaubwürdig hadern sie mit ihren Lebensumständen, treffen richtige und fatale falsche Entscheidungen und entfremden sich. Als am Schluss Silvia wieder nach Berlin fährt, sind nicht nur die Grenzen offen.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, der sich lückenlos in die Geschehnisse des ersten Bandes einfügt. Alena Schröder schreibt so lebendig, als schaue man einen Film an. Ein Buch zum Abtauchen. Große Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Die "verfluchte Hütte" in der schwäbischen Provinz

Das Tränenhaus. Roman
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Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe ...

Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe hat Reclam erneut einen Roman von Gabriele Reuter neu aufgelegt. Nachdem mir "Aus guter Familie" sehr gut gefallen hatte, war ich auf dieses Buch sehr gespannt.

Wiederum steht das Schicksal einer Frau in der Wilhelminischen Zeit im Mittelpunkt. Cornelie will ihr Kind zur Welt bringen, ohne den Vater. Als unverheiratete Frau bleibt ihr nur die Verschwiegenheit eines "Geburtshauses", das sich auf solche Niederkünfte spezialisiert hat. Cornelie zieht sich in die schwäbische Provinz zurück und kommt in der "Villa" der Hebamme Uffenbacher unter. Von einer "Villa" könnte dieses Haus jedoch nicht weiter entfernt sein. Zunächst bleibt die Schriftstellerin für sich, läßt sich ihr Essen aufs Zimmer bringen und meidet den Kontakt zu den anderen schwangeren Frauen. Jede Bewohnerin hat ihr eigenes Drama, ihre eigene Tragödie erlebt oder wird sie noch erleben, nicht umsonst wird die "Villa" Uffenbacher das Tränenhaus genannt. Die bunte Mischung der Bewohnerinnen und ihre jeweiligen Schicksale und ihre (zumindest bei einigen) Verzweiflung sorgen dafür, dass Cornelie sich ihnen verbunden fühlt und Partei für sie ergreift. Aufgrund ihrer Herkunft hat die Schriftstellerin ein anderes Auftreten und einen anderen Stand gegenüber der Anstaltsleiterin.

Obwohl die Geschichten der einzelnen Frauen und wie sie in ihre aktuelle Lage geraten sind, wütend machen, hat der Roman viele humorvolle Stellen. Das liegt besonders an der Figur der Frau Uffenbacher, die so unfassbar unsympathisch, berechnend, grobschlächtig und kriecherisch daherkommt und das alles noch im feinsten schwäbischen Dialekt. Trotz der etwas altmodischen Sprache liest sich der Roman nach kurzer Zeit ganz frisch, er unterhält und liefert ein Bild von der Unterdrückung der Frau in der damaligen Zeit. Er zeigt aber auch die Aufbruchsstimmung, die sich in der Figur der Cornelie findet. Gabriele Reuter wusste, wovon sie schrieb, denn in weiten Teilen ist es ihr eigenes Leben, dem wir auf 181 Seiten folgen. Die unverheiratete Reuter brachte ihre Tochter in einem Geburtshaus zur Welt, den Kindsvater nannte sie nicht. Statt die Tochter diskret bei einer Pflegemutter unterzubringen, lebte sie mit ihr zusammen.

Das Nachwort von Annette Seemann informiert über die Entstehungsgeschichte des Romans und die Autorin.

Ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und der es absolut verdient hat, durch die Klassikerinnen-Reihe von vielen neu entdeckt zu werden.

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Der Hof

Bergland
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Ein hochgelegener Hof in den Südtiroler Alpen, der den Bewohnern mehr abverlangt als andere Höfe in Tiefenthal. In den 1940er Jahren muss Rosa alles alleine bewirtschaften und ihr gelingt mehr, als die ...

Ein hochgelegener Hof in den Südtiroler Alpen, der den Bewohnern mehr abverlangt als andere Höfe in Tiefenthal. In den 1940er Jahren muss Rosa alles alleine bewirtschaften und ihr gelingt mehr, als die Nachbarn vermutet haben. Jahrzehnte später stehen ihr Enkel Hannes und dessen Frau Franziska vor anderen Problemen: Die Hofstelle ist zum Ort für "Ferien auf dem Bauernhof" geworden, denn die Land- und Viehwirtschaft reicht zum Überleben nicht aus. Doch die heile Bergwelt, die für die Gäste geschaffen werden muss, ist oft nur eine Illusion.

Jarka Kubsova schreibt über das harte Leben einer Bäuerin auf einem abgelegenen Hof, der nur durch deren unermüdlichen Einsatz überleben kann. Ein entbehrungsreiches und doch erfüllendes Leben. Auch die übernächste Generation muss all ihre Energie in den Hof stecken, ist jedoch mit anderen Herausforderungen geschlagen. Sehr gelungen sind die Abschnitte, in denen es um die Bewertung des Hofes durch den Dachverband "Goldenes Huhn" der Ferienhofvermietungen geht. Die teilweise absurden Auflagen, die für einen mit "Fünf Küken" ausgezeichneten Hof erforderlich sind, lassen die Leser aber nicht nur schmunzeln. Da wird auch die eigene Erwartungshaltung an den Ferienaufenthalt auf die Probe gestellt.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen. Rosa und ihr Innenleben hätten gerne ein paar Seiten mehr erhalten können.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Freiheit

Die Schwarzgeherin
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Vor der Kulisse der Tiroler Alpen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet die Autorin den beschwerlichen Weg einer Frau, die sich den althergebrachten Zwängen ihrer Dorfgemeinschaft und dem vorherbestimmten ...

Vor der Kulisse der Tiroler Alpen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet die Autorin den beschwerlichen Weg einer Frau, die sich den althergebrachten Zwängen ihrer Dorfgemeinschaft und dem vorherbestimmten Weg als Ehefrau widersetzt und einen hohen Preis dafür zahlen muss. Alles, wofür Theres gekämpft hat, bleibt ihrer Tochter Maria jedoch unverständlich, die das entbehrungsreiche und einsame Leben in der abgeschiedenen Hütte leid ist.

Regina Denk hat einen sehr dichten, atmosphärischen Roman geschrieben, bei dem man auf jeder Seite mit den Figuren mitfiebert. Die Handlung ist geschickt aufgebaut und wird aus den Perspektiven von Mutter und Tochter auf verschiedenen Zeitebenen erzählt. Eingefasst in eine Rahmenhandlung und unterbrochen von Beschreibungen eines Adlerweibchens, die Ruhepunkte zwischen der spannenden und teilweise leidvollen Handlung bieten, setzt sich der Lebensweg von Theres und Maria zusammen.

Neben dem Aufbau der Handlung, hat mir vor allem auch die Sprache gefallen, die den Figuren Authentizität verleiht. Insgesamt schreibt die Autorin in einem der Stimmung des Buches absolut passenden Stil, der etwas sperrig und hölzern daherkommt, aber die Atmosphäre in der Dorfgemeinschaft oder im Wald wunderbar spiegelt. Die dialektale Einfärbung tut ein übrigens und man fühlt sich beim Lesen wie in einem Film.

Ich habe den Roman in einem Lesekreis gelesen und wir hatten viel zu diskutieren, da es zahlreiche Themen gibt, über die man sich austauschen kann. Eine klare Leseempfehlung für alle, die historische Romane mit Anspruch mögen und keinen Heile-Welt-Heimatroman erwarten.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Über dem Abgrund schweben

Das Lächeln meiner Mutter
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"Wenn ich sie [Luciles Texte] heute lese, scheint mir, dass Lucile nichts so sehr geliebt hat wie Trinken, Rauchen und Sichschaden." (S. 337)

Die Autorin Delphine de Vigan versucht mit diesem Buch eine ...

"Wenn ich sie [Luciles Texte] heute lese, scheint mir, dass Lucile nichts so sehr geliebt hat wie Trinken, Rauchen und Sichschaden." (S. 337)

Die Autorin Delphine de Vigan versucht mit diesem Buch eine Annäherung an ihre Mutter Lucile, die sich 2008 mit 61 Jahren das Leben nahm, welches über lange Zeiträume geprägt war von einer psychischen Erkrankungen. Was als Beschreibung einer turbulenten Großfamilie beginnt, entwickelt sich rasch zu einer Bestandsaufnahme von zahlreichen Unglücken, Todesfällen, Erkrankungen und Verdrängungen. De Vigan läßt auch den eigenen Schreibprozess zum Thema werden. Sie arbeitet die Gespräche, Briefe und Tonaufnahmen von Verwandten und Bekannten ein und weiß zugleich, dass sie sich auch den Lebenden damit annähert. Wie werden die anderen über den Text denken? Aber letztlich ist es der Text von Delphine und ihre Sicht auf die unkonventionelle Mutter und zugleich auf die ganze verzweigte Familie.

Der erste Teil (Kinderheit der Mutter bis zur Heirat) liest sich geschmeidiger, möglicherweise, weil sich die Autorin allein auf die Berichte anderer verlassen musste. Im zweiten Teil kommen mehr Zweifel am Schreibprozess hinzu, und durch die nun persönliche Beziehung zur Mutter bekommt der Text eine andere Nuance. Delphine schreibt aus eigenem Erleben.

Das autofiktionale Buch ist erschütternd, berührend und hat für mich einen Sog entwickelt und mich noch lange beschäftigt.

Triggerwarnung: Es um Depression, psychische Erkrankungen, Suizid. Lesen sollte das Buch nur, wer sich psychisch stabil fühlt.

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