Platzhalter für Profilbild

Loup_de_Pinede

Lesejury-Mitglied
offline

Loup_de_Pinede ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Loup_de_Pinede über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.04.2026

Origineller Roman über einen fast vergessenen Literaten

Der Über-Dandy
0

Schon der Titel "Der Über-Dandy – Hanns Heinz Ewers tanzt Italo Disco" signalisiert, dass hier kein konventioneller biographischer Roman zu erwarten ist. Der Untertitel "Aus der Zeit gefallener Roman" ...

Schon der Titel "Der Über-Dandy – Hanns Heinz Ewers tanzt Italo Disco" signalisiert, dass hier kein konventioneller biographischer Roman zu erwarten ist. Der Untertitel "Aus der Zeit gefallener Roman" trifft den Ton des Buches entsprechend sehr gut. Denn dieses Buch will weder klassische Lebensbeschreibung noch bloße literarische Spielerei sein, sondern bewegt sich bewusst in einem Zwischenraum: zwischen Gegenwartsroman, Künstlerporträt, kulturhistorischer Annäherung und ironisch gebrochener Hommage. Genau darin liegt seine besondere Qualität.

Im Zentrum steht die ebenso originelle wie riskante Idee, dass der Protagonist Stephan Unverfehrt, ein frustrierter Realschullehrer mit Ewers-und Italo-Disco-Passion, im Düsseldorf der Gegenwart auf den mutmaßlich zeitreisenden Hanns Heinz Ewers trifft. Eine solche Konstruktion könnte leicht gekünstelt oder allzu verkopft wirken. Hier aber entfaltet sie ihren Reiz gerade deshalb, weil sie dem Roman erlaubt, den historischen Ewers nicht museal auszustellen, sondern ihn in Reibung mit der Gegenwart zu bringen. Ewers erscheint nicht nur als Name aus der Literaturgeschichte, sondern als Figur, als Habitus, als Stil, als Provokation. Der Roman fragt also nicht bloß, wer Hanns Heinz Ewers war, sondern auch, was von einer solchen Existenzform heute noch übrig ist oder überhaupt noch denkbar wäre.

Dabei profitiert das Buch sehr von seiner Hauptfigur Unverfehrt, die gewissermaßen als gegenwärtiges Gegenüber, Resonanzraum und manchmal auch als leicht irritierter Zeuge dient. Durch diese Konstellation entsteht kein statischer biographischer Rückblick, sondern ein lebendiger Dialog zwischen Zeiten, Temperamenten und ästhetischen Haltungen. Das Düsseldorf der Gegenwart bildet dafür eine bemerkenswert passende Bühne.

Besonders gelungen ist, dass der Roman Ewers nicht einfach ehrfürchtig auf einen Sockel hebt. Vielmehr scheint sich der Autor an seiner augenscheinlichen Passion für diese Figur regelrecht abzuarbeiten. Man spürt die Faszination, aber auch den Versuch, sie literarisch zu bändigen, zu prüfen, vielleicht sogar gegen den Strich zu lesen. Dadurch gewinnt das Buch eine angenehme Spannung. Es ist keine glatte Hagiographie, sondern eher ein eigensinniger Annäherungsversuch an ein enfant terrible der deutschen Literaturszene der Jahre zwischen 1900 und den 1930er Jahren. Gerade Leserinnen und Leser, denen Hanns Heinz Ewers bislang kaum oder gar nicht bekannt war, bekommen hier ein eindrucksvolles Bild davon, warum diese Figur einst derart schillernd, anziehend und irritierend wirken konnte.

Der Roman zeichnet Ewers als einen Autor und Lebenskünstler, der nicht einfach nur schreibt, sondern sich selbst als Kunstfigur inszeniert. Dandyismus ist hier keine bloße Pose, sondern eine Lebensform, die Stilisierung, Provokation und ästhetische Selbstbehauptung miteinander verbindet. Das Buch macht sehr schön sichtbar, dass ein solcher Mensch nicht nur Werke hinterlässt, sondern vor allem auch Auftritte, Haltungen, Übertreibungen, Grenzüberschreitungen. So wird aus der literarischen Biographie fast zwangsläufig auch ein Roman über Inszenierung: über das Sich-selbst-Erfinden, über die Sehnsucht nach Exzentrik und über die Frage, ob ein solcher Gestus in unserer Gegenwart überhaupt noch Platz hat oder nur noch als Gespenst, Maskerade oder eben Zeitreise auftreten kann.

Dazu kommt als weiteres, auf den ersten Blick überraschendes Element die Italo-Disco. Man muss diese Musikrichtung wirklich nicht mögen, um ihren Platz in diesem Roman zu schätzen. Gerade weil Italo-Disco etwas bewusst Künstliches, Stilisiertes, Überlebtes und zugleich Überlebensfähiges besitzt, passt sie erstaunlich gut zu einem Buch über Dandyismus, Pose und Zeitverschiebung. Sie wirkt hier weniger wie ein bloßer Gag als vielmehr wie ein atmosphärischer Verstärker. Der Autor setzt damit einen Kontrapunkt, der das Historische nicht ehrwürdig verstauben lässt, sondern auf charmante Weise ins Schwebende und Schräge kippen lässt.

Bemerkenswert ist auch, dass der Roman Leser mitnehmen kann, die mit Ewers selbst bislang wenig anfangen konnten. Mir war Hanns Heinz Ewers vor der Lektüre im Grunde nicht wirklich bekannt, und auch nach dem Roman verspüre ich nicht unmittelbar das Bedürfnis, ihn selbst zu lesen. Das liegt allerdings weniger am Roman als vielmehr an Ewers’ Genre und an meinem persönlichen Lesegeschmack. Gerade darin zeigt sich aber eine Stärke des Buches: Es funktioniert auch dann, wenn man nicht als Ewers-Kenner oder künftiger Ewers-Enthusiast antritt. Der Roman eröffnet einen Zugang zur Figur, zur Zeit und zur literarischen Aura dieses Autors, ohne vorauszusetzen, dass man sich anschließend durch dessen Werk lesen möchte. Man liest also nicht unbedingt, um Ewers-Leser zu werden, sondern um zu verstehen, warum ein solcher Autor einmal Faszination ausüben konnte und warum es sich lohnt, ihn wenigstens literarisch noch einmal auf die Bühne zu holen.

So bleibt am Ende der Eindruck eines sehr eigenwilligen, gebildeten und charmanten Romans, der eine ungewöhnliche Idee überzeugend trägt. Der etwas sperrige Titel passt letztlich besser, als man zunächst denkt, weil auch das Buch selbst Lust an Übertreibung, Stil und kalkulierter Exzentrik hat. Der "Über-Dandy – Hanns Heinz Ewers tanzt Italo Disco" ist ein lesenswerter Roman über einen beinahe vergessenen Autor, über Dandyismus als Lebensform, über ästhetische Pose, Zeitreisen und die eigentümliche Schönheit des Unzeitgemäßen.

Ein kluger, eigensinniger und sympathisch unzeitgemäßer Roman für Leser, die literarische Sonderwege und fast vergessene Autoren schätzen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.08.2025

Überzeugender historischer Roman über die Nürnberger Prozesse

Die Dolmetscherin
0

Titus Müller entführt seine Leser mit "Die Dolmetscherin" mitten in eine der dunkelsten und zugleich bedeutendsten Phasen der europäischen Geschichte. Schauplatz ist der Übergang von Krieg zu Rechtsprechung: ...

Titus Müller entführt seine Leser mit "Die Dolmetscherin" mitten in eine der dunkelsten und zugleich bedeutendsten Phasen der europäischen Geschichte. Schauplatz ist der Übergang von Krieg zu Rechtsprechung: die Nürnberger Prozesse unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Protagonistin Asta arbeitet zunächst als Dolmetscherin im Kurhotel „Palace“ im luxemburgischen Mondorf-les-Bains, wo prominente Nazi-Größen wie Hermann Göring interniert werden, und daran anschließend als Simultanübersetzerin im Hauptkriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg.

Asta muss tagtäglich die qualvollsten Geständnisse ins Englische übersetzen – eine Aufgabe, die an die Nieren geht und den Lesern das Geschehen in ungeschönter, greifbarer Härte nahebringt. Die junge Dolmetscherin begibt sich dabei zwischen die Fronten der konkurrierenden Geheimdienste der Sowjets und US-Amerikaner sowie ehemaliger Nationalsozialisten, wobei Asta durch ihre Tätigkeit auch persönliche Interessen in Bezug auf Hermann Göring, den ehemaligen zweiten Mann im Dritten Reich, verfolgen zu scheint. Ihre Arbeit zwingt sie dazu, unvorstellbare Verbrechen in eine andere Sprache zu übertragen und den Angeklagten direkt gegenüberzutreten. Titus Müller zeigt überzeugend, wie sehr die seelische Belastung dieser Aufgabe an den Figuren zehrt und wie schwer es ist, inmitten politischer und moralischer Erschütterungen Menschlichkeit zu bewahren.

Besonders hervorzuheben ist die sorgfältige historische Recherche. Titus Müller gelingt es, die Atmosphäre der Nachkriegsjahre mit großer Genauigkeit nachzuzeichnen: das juristische Ringen um eine neue Weltordnung, das diplomatische Tauziehen zwischen den Alliierten und das tägliche Leben im Schatten des Prozesses, auch im Alltag der vom Krieg zerstörten Stadt Nürnberg.

Aber auch die Widersprüche in der juristischen Aufarbeitung in Bezug auf die Kriegsverbrechen der sowjetischen Armee im Zweiten Weltkrieg und des Britischen Empire in vorherigen Konflikten sowie die Rassentrennung in den USA werden in diesem Kontext problematisiert. Fiktive Elemente – wie die leise, von Unsicherheit geprägte Beziehung zwischen Asta und dem deutschen Kriegsgefangenen Leonhard werden harmonisch mit dokumentierten Ereignissen verwoben, sodass ein glaubwürdiges und lebendiges Gesamtbild entsteht.

Sprachlich überzeugt der Roman durch klare, präzise Sätze, die zugleich ein hohes Maß an Emotionalität transportieren. Müller verzichtet auf Effekthascherei und vertraut der Kraft seiner Figuren und der historischen Tatsachen. Diese Zurückhaltung macht den Text umso eindringlicher: Man spürt die Schwere der Schuld, das Ringen um Wahrheit und die Notwendigkeit, trotz aller Abgründe den Glauben an Gerechtigkeit nicht zu verlieren.

"Die Dolmetscherin" ist ein packender, klug komponierter Roman, der gleichermaßen Wissen vermittelt und bewegt. Titus Müller gelingt das Kunststück, Geschichte nicht nur abzubilden, sondern erlebbar zu machen – mit Figuren, die menschlich, verletzlich und vielschichtig sind. Der Roman entfaltet seine Wirkung vor allem durch die schonungslose Authentizität seiner Erzählweise. Wer sich für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg interessiert oder Romane sucht, die historische Authentizität mit erzählerischer Spannung verbinden, findet hier ein Werk von besonderer Qualität.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.03.2024

Eine wahre Köpenickiade

König von Albanien
0

Im Salzburg des Jahres 1913 wird der Schausteller und kongeniale deutsche Hochstapler Otto Witte in die städtische Heilanstalt eingewiesen, weil er sich für den ehemaligen König von Albanien hält. So dann ...

Im Salzburg des Jahres 1913 wird der Schausteller und kongeniale deutsche Hochstapler Otto Witte in die städtische Heilanstalt eingewiesen, weil er sich für den ehemaligen König von Albanien hält. So dann auch der Titel der Neuauflage von Andreas Izquierdos bereits 2007 erschienen Romans, der teilweise auf den Aufzeichnungen des Protagonisten basiert, die allerdings hinsichtlich ihrer historischen Authentizität auch nur wage der damaligen Realität entsprechen.

Nichtsdestotrotz ist der Roman ein wirkliches Lesevergnügen. Eine wahre Köpenickiade, die, wenn sie genauso stattgefunden hat, sicher eines der dreistesten politischen Täuschungsmanöver des 20. Jahrhunderts war.

Eingebettet ist die Geschichte in eine Rahmenhandlung, in der Otto Witte seine abenteuerliche Geschichte dem jungen Psychiater Alois Schilchegger erzählt. Dabei erfährt der geneigte Leser einiges über den Stand der Psychiatrie und die Zustände in einer öffentlichen Heilanstalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die eigentliche Geschichte wie aus dem Schausteller Otto Witte -wenn auch nur für fünf Tage- der König von Albanien wurde beginnt im Oktober 1912 in Konstantinopel. Das Osmanische Reich befindet sich im Zweiten Balkankrieg und droht auseinander zu brechen. Auch der kleine Balkanstaat Albanien hat seine Unabhängigkeit vom Sultan erklärt, droht aber unter seinen mächtigeren Nachbarn Serbien, Griechenland und Montenegro aufgeteilt zu werden und sucht als Ausweg aus dem Dilemma einen König auszurufen, der den Rückhalt der noch im Lande befindlichen türkischen Armee-Korps und somit die Unabhängigkeit Albaniens sichern kann.

Als geeigneter Kandidat erscheint den albanischen Unterhändlern dabei der osmanische Prinz Halim Eddine, ein Neffe des regierenden Sultans, der sich jedoch nicht bereit erklären mag, die Krone anzunehmen. Davon erfährt der politisch uninteressierte Analphabet Otto Witte von seinem türkischen Freund Ismail Arzim, einem wohlhabenden Hauptmann des osmanischen Heeres, und schmiedet mit seinem Freund Max Hofmann einen ehrgeizigen und dreisten Coup. Otto Witte möchte König von Albanien werden.

Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Auf Umwegen erreichen die beiden Hasardeure Otto Witte und Max Hofmann Albanien und schaffen es tatsächlich den legendären General Essad Pascha, der ebenfalls Ambitionen auf den Thron zeigt, seine zwei türkische Korps sowie die albanische Oberschicht zu narren und den Schausteller Otto Witte zu König auszurufen.

Fünf Tage geht es drunter und drüber in Albanien. Otto I. von Albanien nimmt Paraden ab, wird vom Adel proklamiert, lässt sich vom Volk bejubeln, gründet einen Harem mit elf Frauen und macht gegen Serbien und Montenegro mobil. Als der Schwindel m fünften Tage auffliegt kann Otto sich und seine Freunde zunächst noch retten, allerdings in der Falle sitzend und umringt von Untertanen, die nur noch eines wollen: seinen Kopf.

Mit dem „König von Albanien“ ist Andreas Izquierdo ein wahrer Schelmenroman geglückt, der gekonnt historische Fakten und Fiktion mischt. Der Autor, der mit Nachkommen Otto Wittes gesprochen und lange für die Geschichte recherchiert hat, kann dabei den humorvollen Ton des Einstiegs über die ganze Länge des Buches hinweg beibehalten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.03.2026

Zwischen Erinnerung und Wahrheit – Ein eindrucksvoller Roman mit vielschichtiger Geschichte.

Wo der Wind die Namen trägt
0

Der Roman „Wo der Wind die Namen trägt“ von Anja Jonuleit ist ein eindrucksvolles, atmosphärisch dichtes Stück erzählter Geschichte – und einmal mehr ein Beleg dafür, wie sicher die Autorin historische ...

Der Roman „Wo der Wind die Namen trägt“ von Anja Jonuleit ist ein eindrucksvolles, atmosphärisch dichtes Stück erzählter Geschichte – und einmal mehr ein Beleg dafür, wie sicher die Autorin historische Stoffe mit persönlichen Schicksalen zu verweben versteht. Wer bereits andere Werke von Jonuleit kennt, wird sich sofort in diesem vertrauten, zugleich eindringlichen Ton wiederfinden.

Besonders hervorzuheben ist das Nachwort mit seinen Erläuterungen zum historischen Hintergrund. Es verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe und hilft, das Gelesene einzuordnen – gerade weil ein Großteil der Handlung auf realen Ereignissen und historischen Bildern basiert. Umso erschütternder wirkt dabei die Erkenntnis, wie viele Täter nach dem Krieg unbehelligt weiterleben konnten oder sich der Verantwortung entzogen haben. Diese Dimension verleiht dem Roman eine nachhaltige moralische Wucht.

Die großen historischen Bezugspunkte – etwa die Celler Hasenjagd, die Figur Adolf Eichmann oder das Thema NS-Euthanasie – sind prägnant und wirkungsvoll eingeflochten. Gleichzeitig spiegelt sich darin auch eine gewisse Flüchtigkeit wider: So wie die Ereignisse selbst oft nur kurze Momente im Leben der Figuren darstellen, entfalten auch sie im Roman eine eher punktuelle als umfassende Wirkung.

Bei aller erzählerischen Stärke bleibt jedoch der Eindruck, dass der Stoff noch mehr Raum hätte vertragen. Einige Figuren – insbesondere Inge – bleiben vergleichsweise blass. Ihr Leben wird eher angedeutet als wirklich durchdrungen: ihre Karriere, ihre Beziehung zu Béla, ihre Tochter oder auch die Rolle ihrer Mutter hätten durchaus mehr erzählerische Tiefe verdient. Ähnliches gilt für Helgas Privatleben, das nur skizzenhaft bleibt, obwohl es emotionales Gewicht hätte entfalten können.

Ein interessanter erzählerischer Kniff ist die Auflösung des Mordes an Erika Wittmann, der hier – anders als beim realen Vorbild – aufgeklärt wird. Die Zuschreibung an Hubertus von Feldhusen und die Einbindung eines Netzwerks ehemaliger SS-Angehöriger fügen der Geschichte eine zusätzliche, beinahe kriminalistische Ebene hinzu. Gleichzeitig wirft dieser Aspekt Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf Erikas eigene Verstrickung als Krankenschwester in die Kindstötungen von Rothenort. Gerade diese Ambivalenz zwischen Täter- und Opferrollen hätte noch stärker ausgelotet werden können.

Insgesamt ist „Wo der Wind die Namen trägt“ ein sehr lesenswerter Roman, der durch seine historische Tiefe, seine dichte Atmosphäre und seine moralische Komplexität überzeugt. Auch wenn man sich an manchen Stellen mehr Raum für Figuren und Entwicklungen gewünscht hätte – vielleicht tatsächlich in Form von zusätzlichen 100 bis 150 Seiten –, bleibt ein durchweg positiver Eindruck. Ein klug komponiertes, bewegendes Buch, das lange nachhallt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.12.2025

Eine eindringliche Zeitreise in die Abgründe eine Unrechts-Systems

Zurück unter Mördern
0

Michael Jensens "Zurück unter Mördern" ist ein Kriminalroman der besonderen Art, einer, der seine Stärke nicht aus konstruierten Spannungsbögen oder spektakulären Wendungen zieht, sondern aus der schonungslosen ...

Michael Jensens "Zurück unter Mördern" ist ein Kriminalroman der besonderen Art, einer, der seine Stärke nicht aus konstruierten Spannungsbögen oder spektakulären Wendungen zieht, sondern aus der schonungslosen Dokumentation eines historischen Verbrechens. Im Mittelpunkt steht die Hamburger Familie Lassally, deren Schicksal exemplarisch für die systematische Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland steht.

Was diesen Roman so wertvoll macht, ist seine präzise Recherche und bedrückende Authentizität. Michael Jensen gelingt es meisterhaft, die bürokratischen Mechanismen der Entrechtung nachzuzeichnen. Jene perfide Maschinerie aus Paragraphen, Formularen und Stempeln, die aus Deutschen Juden, aus Nachbarn Enteignete und aus Bürgern Rechtlose machte. Der Autor führt uns durch ein Dickicht von Verordnungen und Erlassen, zeigt, wie das Berufsbeamtengesetz von 1933 oder die Nürnberger Gesetze von 1935 nicht nur auf dem Papier standen, sondern von Beamten und Juristen mit erschreckender Effizienz umgesetzt wurden.

Die Familie Lassally eine angesehene Hamburger Familie mit bürgerlichem Status, Eigentum und gesellschaftlicher Stellung, die seit drei Generationen erfolgreich im Kaffeehandel etabliert ist, wird dabei nicht zur bloßen historischen Fußnote, sondern zu Menschen aus Fleisch und Blut. Michael Jensen zeigt, wie ihre Würde und Existenz Schritt für Schritt zermalmt wurde: zunächst der Verlust beruflicher Möglichkeiten, dann die sogenannte Arisierung von Geschäft und Immobilien, schließlich die völlige wirtschaftliche Vernichtung. Jeder dieser Schritte war legal abgesichert, von Behörden abgesegnet, in ordentlichen Akten dokumentiert. Legal, ordentlich und mit deutscher Gründlichkeit.

Besonders eindrücklich dürfte die Darstellung sein, wie Justiz und Verwaltung zu willfährigen Helfern wurden. Hier waren es nicht anonyme SS-Schergen, sondern Beamte in Amtsstuben, die mit Tinte und Stempel Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubten. Michael Jensen macht hier deutlich, dass die Shoa nicht erst in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, sondern in den Schreibstuben deutscher Ämter begann, wo Aktenvermerke zu Todesurteilen werden konnten.

Der Roman verzichtet bewusst weitgehend auf reißerische Krimieffekte und gerade das macht ihn so kraftvoll. Die Spannung entsteht nicht durch erfundene Twists, sondern durch die historische Wahrheit selbst, durch das Wissen um das, was kommen wird, während die Lassallys noch versuchen, ihre Normalität zu bewahren und ihre Existenz zu retten. Diese erzählerische Entscheidung zeugt von großem Respekt vor den Opfern und der historischen Verantwortung.

"Zurück unter Mördern" ist weniger Krimi als vielmehr ein wichtiges Zeitdokument in literarischer Form. Ein Buch, das uns daran erinnert, dass die größten Verbrechen oft im Namen des Gesetzes begangen wurden. Es zeigt, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der Recht zu Unrecht wird, in der Paragrafen zu Waffen werden. Michael Jensen gelingt damit etwas Wesentliches: Er macht Geschichte nicht nur nachvollziehbar, sondern erschreckend gegenwärtig.

Ein Buch, dass sich trotz oder wegen seine Authentizität nicht mehr aus der Hand legen lässt, dabei flüssig und sehr lesbar geschrieben. Ein Buch für alle, die abseits einschlägiger Sachliteratur verstehen wollen, wie aus einem Rechtsstaat ein Unrechtssystem werden konnte, wie aus Beamten und Juristen zunächst Totengräber einer noch jungen Demokratie und schließlich willfährige Vollstrecker eines Unrechtssystems wurden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere