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Veröffentlicht am 29.03.2026

Zwischen Videothek und Erwachsenwerden.

Little Hollywood
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Ich war zunächst hin- und hergerissen, ob ich den Roman „Little Hollywood“ wirklich lesen wollte.
Ein Coming-of-Age-Roman – gibt es davon nicht schon genug? Was könnte mich an diesem noch überraschen ...

Ich war zunächst hin- und hergerissen, ob ich den Roman „Little Hollywood“ wirklich lesen wollte.
Ein Coming-of-Age-Roman – gibt es davon nicht schon genug? Was könnte mich an diesem noch überraschen oder berühren?

Aber es beginnt bereits mit dem Cover, es strahlt Wärme und Nostalgie aus und vermittelt, mit seiner Gestaltung, den Eindruck von Aufbruch, passend zu einer Geschichte über das Erwachsenwerden. Besonders die junge Frau auf dem Bild, die den Blick nicht zum Betrachter wendet, sondern fest in die Ferne schaut, weckte meine Neugier.

Und so tauchte ich in die Welt von Leonie – genannt Leo – ein.
Es ist das Jahr 1999. Leo hat die letzten Abiturprüfungen hinter sich und blickt auf einen ganzen Sommer voller Möglichkeiten. In dieser Zeit des Umbruchs und der Neuanfänge, durchlebt sie ihre erste große Liebe, ringt mit Unsicherheiten, hat Ärger mit ihrem Vater und spürt, wie sie sich zunehmend von ihrer Mutter abnabelt.
Zwischen all dem findet sie Halt und Rückzug in der Videothek „Little Hollywood“ und den dortigen Filmen. Hier arbeitet ihr Klassenkamerad Jo, der sie mit seinen Eigenheiten immer wieder verunsichert und herausfordert.

Als ich mich fragte, ob es wieder der typische Coming-of-Age-Roman werden würde, war ich nicht darauf vorbereitet, wie hervorragend die Autorin die Stimmung der 90er-Jahre und eines heißen Sommers einfangen kann.
Der Schreibstil entführt mühelos in diese Zeit und überzeugt mit vielen liebevollen Details und Anspielungen auf die damalige Popkultur.

Aber der Roman „Little Hollywood“ ist mehr als das: Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass Themenkomplexe rund um psychische Erkrankungen, toxische Beziehungen, Stalking und häusliche Gewalt in dieser Ära stigmatisiert und verschwiegen wurden. Dass diese Themen zwischen den Zeilen mitschwingen, hatte ich so nicht erwartet, genau das verleiht dem Roman für mich aber eine besondere Tiefe.

Die Figuren – allen voran Leo und Jo, aber auch die kleineren Nebenfiguren – sind auf ihre Weise liebenswürdig, auch wenn sie nicht viel Raum zur Entfaltung bekommen. Normalerweise stört mich das, doch hier finde ich es völlig in Ordnung, dass der Fokus so stark auf Leonie liegt.

Einziger kleiner Kritikpunkt: Die komplexe Beziehung zwischen Leonie und ihrem Vater wird nur am Rande angerissen, ohne dass sie wirklich vertieft wird. Da hätte ich mir etwas mehr gewünscht, aber insgesamt ist das für mich ein kleiner Makel, den ich gern übersehe.

Für mich war „Little Hollywood“ mehr als nur ein Coming-of-Age-Roman. Es fühlte sich wie eine kleine Reise in die Vergangenheit an, die den Charme der 90er perfekt eingefangen hat und mich in Erinnerungen schwelgen ließ.


Eine klare Empfehlung für alle, die einen frischen Roman über das Erwachsenwerden lesen möchten – einen, der nicht mit düsteren Themen auftrumpft, sondern vor allem durch seine Leichtigkeit und liebevolle Nostalgie überzeugt.
Und wer eine Affinität zu den 90er-Jahren und zur damaligen Popkultur hat, wird hier ohnehin auf seine Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 02.02.2026

All das Ungesagte zwischen uns.

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
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Schon der Titel „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ trägt eine Spannung in sich: etwas Leichtes, Helles – und zugleich das Gefühl, dass sich darunter etwas verschiebt. Dita Zipfels Roman hat ...

Schon der Titel „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ trägt eine Spannung in sich: etwas Leichtes, Helles – und zugleich das Gefühl, dass sich darunter etwas verschiebt. Dita Zipfels Roman hat mich genau mit dieser Mischung sofort angesprochen. Auch die Umschlagsgestaltung mit ihren hellen Farben und dem gelben Kanarienvogel in Bewegung verstärkt diesen Eindruck. Nichts steht still, nichts ist eindeutig – und genau darin liegt eine große Kraft dieses Buches.

Was als entspannter Pärchen-Urlaub beginnt, entpuppt sich schnell als emotionales Minenfeld. Felix lädt seinen besten Freund Matze und dessen Partnerin Linn zu einem gemeinsamen Urlaub nach Frankreich ein. Auf den ersten Blick scheinen die Rollen klar verteilt: Felix, der wohlhabende Selfmade-Man, seine schöne Frau Eva und ihre beiden Kinder. Ihnen gegenüber stehen Linn und Matze, ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch, gefangen in einer laufenden Fertilitätsbehandlung. Doch diese scheinbare Klarheit bröckelt schneller, als man es erwartet.

Denn Zipfel interessiert sich nicht für einfache Gegensätze. Sie legt Schicht um Schicht frei, bis deutlich wird, wie fragil diese Konstellation ist. Alte Muster greifen, neue Dynamiken entstehen, Blicke und Gedanken verschieben sich. Der Urlaub wird zur Bühne, auf der Nähe, Neid, Begehren und Verletzlichkeit ungeschützt aufeinandertreffen.

In seiner Form liest sich der Roman fast wie ein Theaterstück: konzentriert, verdichtet, ohne Ausweichbewegungen. Der begrenzte Raum verstärkt die Spannung, kurze Abschnitte und eine präzise, mitunter schneidende Sprache treiben das Geschehen voran. Besonders überzeugt hat mich der Perspektivwechsel, der vor allem den beiden Frauen Raum gibt und den Text emotional unmittelbarer macht.

Was mich dabei besonders berührt hat, sind die unausgesprochenen Momente. Das, was zwischen den Zeilen liegt, wirkt oft stärker als das Gesagte: roh, ungeschönt, manchmal beinahe unangenehm nah. Dieses Buch will nicht gefallen – es fordert Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten.

Alle Figuren tragen ihre eigenen Verletzungen und Geheimnisse mit sich, und keine von ihnen bleibt unberührt.
Besonders eindrucksvoll ist das Spiel mit Eigen- und Fremdwahrnehmung: Eva leidet unter ihrem veränderten Körper und dem Verlust von Leichtigkeit, während sie auf Linn eine fast hypnotische Anziehung ausübt. Linn wiederum bewundert genau das, was Eva an sich selbst nicht mehr sehen kann – ihre Schönheit, ihre scheinbare Mühelosigkeit, ihre gelebte Mutterschaft. Gleichzeitig beneidet Eva Linn um ihre Stärke, ihre Klarheit und ihre kreative Selbstverständlichkeit.
Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Spannung, die zugleich anziehend und abstoßend ist und die Frage offenlässt, ob jenseits der Männerfreundschaft ein eigenes Band möglich ist.
Auch die Beziehung zwischen Matze und Felix geht tiefer, als bloße Loyalität aus Jugendtagen erklären könnte. Alle Figuren wirken auf verstörende Weise miteinander verstrickt – gefangen in sich selbst und doch unauflöslich verbunden, fast wie ein einziger Organismus.


„Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ ist ein Roman, der lange nachhallt. Vordergründig verhandelt er Themen wie Mutterschaft, Kinderwunsch und die Angst davor. In der Tiefe aber geht es um Selbstbilder, Begehren, Neid und die schmerzhafte Erkenntnis, dass Nähe fast immer auch Verlust bedeutet.
Dita Zipfel erzählt diese Geschichte kompromisslos und mit großer Genauigkeit.
Ein Buch, das nicht tröstet – sondern bewegt, verunsichert und genau deshalb überzeugt.

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Veröffentlicht am 18.01.2026

Zwei Zeiten und ein Nachhall.

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Als ich den Klappentext von „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ las, wusste ich sofort: Ich werde wieder tief in die Welt von Hannah und ihrer Familiengeschichte eintauchen. Nach „Junge Frau, ...

Als ich den Klappentext von „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ las, wusste ich sofort: Ich werde wieder tief in die Welt von Hannah und ihrer Familiengeschichte eintauchen. Nach „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ hat Alena Schröder erneut ein Buch geschrieben, das mich emotional abgeholt hat.

Der neue Roman knüpft thematisch an die beiden Vorgänger an, lässt sich aber – was ich sehr schätze – auch als eigenständige Geschichte lesen.
Was mich direkt beeindruckt hat, ist nicht nur die erzählerische Tiefe, sondern auch das Cover. Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht schlicht, doch die zarten und zugleich kräftigen Farben strahlen für mich etwas Positives und Lebendiges aus – fast so, als würde das Cover bereits andeuten, was einen im Inneren des Romans erwartet.

Zum Inhalt:
In dieser Geschichte treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander.
Zwei Zeitebenen, die kunstvoll miteinander verwoben sind und eine Geschichte über Herkunft, Verlust und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben erzählen.
Im Jahr 2023, in Berlin, verfolgen wir Hannah und ihren Lebensweg. Beruflich hat sie ihren Platz gefunden und fühlt sich angekommen. Doch als ihre beste Freundin auszieht und ihr entfremdeter Vater – den sie nie wirklich kennengelernt hat – plötzlich versucht, eine Beziehung zu ihr aufzubauen, gerät ihr Leben zunehmend aus dem Gleichgewicht.
Die zweite Zeitebene führt uns ins Jahr 1945, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in die ostdeutsche Stadt Güstrow. Die junge Waise Marlen ist auf der Flucht vor Soldaten und muss sich verstecken. In ihrer Not begegnet sie der Künstlerin Wilma Engel, die sie bei sich aufnimmt und zu ihrem Mündel macht. Doch Wilma scheint mehr zu verbergen, als sie anfangs zeigt – und verfolgt offenbar ihre ganz eigenen Ziele.

Alena Schröder beweist erneut ihr feines Gespür für emotionale Tiefe und authentisches Erzählen. Mit einem zugänglichen, nie ins Kitschige abgleitenden Stil schafft sie ein Leseerlebnis, das ebenso berührt wie fesselt.
Jede der beiden Zeitebenen funktioniert als eigenständige, spannende Geschichte – doch in ihrem Zusammenspiel entsteht ein berührendes Gesamtbild, das lange nachhallt. Ich mochte das eher ruhige Erzähltempo, es entschleunigt und passt zum Ton, ohne dass sich die Geschichte dabei dehnt.

Besonders haben mir außerdem die vielschichtigen weiblichen Protagonistinnen gefallen. Sie verleihen dem Roman eine besondere Stärke: sympathisch, eigensinnig und zugleich verletzlich Charaktere.

Das Lesen des Romans war für mich fast wie ein Heimkommen – voller vertrauter Charaktere, aber auch neuer Figuren, die der Geschichte frischen Wind und neue Perspektiven gegeben haben.

„Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ ist für alle eine Leseempfehlung, die ruhige, fein erzählte Geschichten mit einem roten Faden und liebevoll beschriebenen Charakteren mögen. Ein Buch, das man mit einem guten Gefühl aus der Hand legt.

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Veröffentlicht am 08.11.2025

Zwischen Ruhe und Neubeginn – Ein moderner Blick auf die Rauhnächte

Rauhnächte – Reguliere dein Nervensystem und schaffe die Basis für persönliches Wachstum
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Immer wieder kehre ich, mal in größeren, mal in kleineren Abständen zum Thema Rauhnächte und den Übergang vom alten ins neue Jahr zurück. Mit dem ein oder anderen Ratgeber hatte ich schon geliebäugelt, ...

Immer wieder kehre ich, mal in größeren, mal in kleineren Abständen zum Thema Rauhnächte und den Übergang vom alten ins neue Jahr zurück. Mit dem ein oder anderen Ratgeber hatte ich schon geliebäugelt, doch viele erschienen mir zu esoterisch oder zu aufwendig.
Gerade in unserer schnelllebigen, oft fordernden Zeit sind Inseln der Ruhe und feste Rituale von unschätzbarem Wert – denn im hektischen Alltag bleibt nur selten Raum, sich bewusst eine Auszeit zu gönnen. Zu häufig übernimmt das bloße Funktionieren die Regie.

Umso gespannter war ich auf das Buch von Tanja Suppiger. Sie ist Lebenscoach, Autorin und Künstlerin – eine Kombination, die mich neugierig darauf machte, wie sie naturverbundene Spiritualität und moderne Wissenschaft miteinander verbindet.
Für mich war bereits die farblich harmonische Gestaltung des Covers und die abgebildete Person in einer Yoga-Pose, die Ruhe und Ausgeglichenheit ausstrahlt, ein Highlight. Dieses stimmige Design setzt sich auch im Inneren des Buches fort: Die Kapitel sind farblich voneinander abgehoben und durch liebevolle grafische Elemente strukturiert.

Mit einem sanften Einstieg in die Grundlagen eröffnet Suppiger das Thema – unter anderem geht es um unser Nervensystem und ein tieferes Verständnis für das eigene Körperbewusstsein. Anschließend führt sie die Leserschaft auf eine 24-tägige Selbsterfahrungsreise, die sowohl die Rauhnächte als auch die davor liegenden Sperrnächte einbezieht.
Die Übungen, viele davon körperorientiert, regen dazu an, im Alltag kleine Freiräume für Ruhe, Achtsamkeit und Selbstreflexion zu schaffen. Besonders gelungen finde ich die musikalische Ergänzung: Das Klassik Radio Plus bietet passende Musikempfehlungen an, die die Lektüre atmosphärisch begleiten. So entsteht eine stimmungsvolle Lesesituation, die das Eintauchen in das Thema noch leichter macht.

Dieses Buch lädt dazu ein, das vergangene Jahr zu reflektieren und kleine, alltagstaugliche Rituale zu integrieren, die bewusste Selbstwahrnehmung fördern.
Für mich ist es weit mehr als ein esoterischer Ratgeber, es ist eine inspirierende Begleitung auf dem Weg zu innerer Ruhe und Klarheit.

Ob Einsteiger*in oder erfahrene Person in der Rauhnachts-Praxis: Dieses Buch bietet für beide Gruppen wertvolle Impulse. Wer jedoch eher eine klassisch-mystische oder rein spirituelle Herangehensweise sucht, wird hier möglicherweise weniger fündig.

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Zwischen Selbstoptimierung und Selbstzerstörung

Gym
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Ich gestehe: Es war wieder einmal das Cover, das mich sofort in den Bann gezogen hat. Die Darstellung einer Frau, die in tiefer Erschöpfung – sei es vom Sport oder vom Leben selbst – auf zwei Hockern nach ...

Ich gestehe: Es war wieder einmal das Cover, das mich sofort in den Bann gezogen hat. Die Darstellung einer Frau, die in tiefer Erschöpfung – sei es vom Sport oder vom Leben selbst – auf zwei Hockern nach vorn gelehnt sitzt, ist ebenso eindringlich wie faszinierend. Besonders spannend wirkt der Kontrast zum Titel, dessen wuchtige Lettern nicht nur entgegenwirken, sondern zugleich zu frischer Energie auffordern. Schon in diesem Zusammenspiel aus Bild und Sprache liegt eine Spannung.
Als ich dann noch sah, dass die Autorin niemand Geringeres als Verena Keßler ist, deren feministischer Roman „Eva“ bereits ausgezeichnet wurde, war mein Interesse endgültig geweckt.

Die Geschichte startet direkt mit einer Notlüge. Die namenlose Ich-Erzählerin ist dringend auf der Suche nach Arbeit und bewirbt sich im Fitnessstudio „Mega Gym“. Dort herrscht ein strenger Fitnesslifestyle, den auch die Mitarbeitenden verkörpern sollen. Kurzerhand erklärt sie ihren mangelnden Trainingszustand mit einer angeblich kürzlich erfolgten Geburt. Mit diesem raffinierten Kniff wirft der Roman seine Leserschaft ohne Umschweife in eine Welt der ständigen Körperoptimierung, des Fitnesswahns, des unbändigen Ehrgeizes und des allgegenwärtigen gesellschaftlichen Leistungsdrucks.
Die Figuren, allen voran die Hauptfigur, erscheinen als Getriebene. Über weite Strecken bleibt die Erzählerin rätselhaft, vieles wird nur angedeutet oder vage ausgesprochen. Doch bald wird deutlich, dass sie von Ambition, Neid, Obsession und Machthunger innerlich aufgezehrt ist. Gerade diese Mischung aus Geheimnis und schonungsloser Offenlegung menschlicher Antriebe verleiht dem Text seine Sogwirkung.

Ich mochte besonders, wie der Roman den Nerv der Zeit trifft und dabei eine klare, kritische Haltung einnimmt. Allen voran den Trend zur Selbstoptimierung, den ständigen Leistungsdruck und die Jagd nach Erfolg. Gerade weil diese Fragen so nah an unserem Alltag sind, hat mich das Buch sofort gepackt. Gleichzeitig ist es psychologisch sehr feinfühlig erzählt. Der Weg der Protagonistin lässt sich gut nachvollziehen, auch wenn sie keine klassische Sympathieträgerin ist. Gerade weil sie so widersprüchlich, facettenreich und bisweilen unbequem wirkt, wird sie zu einer spannenden Figur.
Interessant fand ich, das „Gym“ kein typischer feministischer Wohlfühlroman ist, in dem Frauen selbstverständlich solidarisch füreinander einstehen. Im Gegenteil, hier wird gezeigt, wie Frauen sich gegenseitig misstrauen, Neid empfinden oder sogar internalisierte Misogynie ausleben. Das war manchmal unbequem zu lesen, aber auch unglaublich scharf beobachtet.
Der Stil hat mich ebenfalls sehr angesprochen. Die Sprache ist präzise und wechselt mühelos zwischen witzigen, fast leichten Momenten und einer rauen Wildheit, die manchmal bis an den Rand des Ekels geht. Gerade diese Mischung hat das Leseerlebnis für mich so außergewöhnlich gemacht.

Ein kleiner Kritikpunkt bleibt für mich die Struktur: Die Rückblenden kamen stellenweise so abrupt, dass ich kurz überlegen musste, wo im Text ich mich gerade befinde. Das hat den Lesefluss hier und da etwas gestört.

Ein richtig schönes Extra vom Hanser Literaturverlag will ich euch nicht vorenthalten. Auf der Verlagswebsite gibt es nämlich eine Playlist zum Buch! Mit ihren treibenden Beats und dynamischen Rhythmen bringt sie beim Lesen noch mal eine ganz eigene Stimmung ins Spiel. Vielleicht passt es ja für den ein oder anderen beim Lesen oder wenn man doch mal eine Trainingseinheit im Gym gibt.

Abschließend war es ein Roman, der mich überrascht und begeistert hat.
Der Schreibstil ist schnell, mitreißend und intensiv – ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Empfehlen würde ich es allen, die Lust auf einen Gesellschaftsroman haben, der kritisch und pointiert ist, dabei aber trotzdem unterhaltsam bleibt.

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