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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.04.2026

Sprachlich eine Wucht

Weißer Sommer
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Alma und Théo haben sich in den letzten Jahren verloren. In den kommenden acht Tagen wollen sie herausfinden, was da noch zwischen ihnen ist, ob diese einzigartige Liebe Bestand hat und ob sie daran festhalten ...

Alma und Théo haben sich in den letzten Jahren verloren. In den kommenden acht Tagen wollen sie herausfinden, was da noch zwischen ihnen ist, ob diese einzigartige Liebe Bestand hat und ob sie daran festhalten sollen oder nicht.
Unbedingt wollte ich „Weisser Sommer“ von Eva Pramschüfer lesen, nachdem es mich zu verfolgen schien. Zurück lässt es mich zwiegespalten. Sprachlich hat es mich absolut umgehauen. Eva Pramschüfer wählt so gekonnt Metaphern aus, als würde sie den ganzen Tag nichts andere machen und anfangs wollte ich auch so langsam wie möglich lesen, weil sonst der Lesegenuss zu schnell vorbei ist - ein Phänomen, das ich äußerst selten erlebe.
Thematisch war es aus persönlichen Gründen herausfordernd, trotzdem wollte ich es unter allen Umständen weiterlesen und Eva Pramschüfer hat oft die passenden Worte gefunden, die eine große, aufzerrende Liebe beschreiben. Auch die Verbindung zu Kunst, zu Frankreich und einem entscheidenden Sommer (was momentan absolut im Trend liegt) mochte ich sehr.
Doch im Laufe der Zeit gingen mir Alma und Théo auf die Nerven. Vielleicht lag es auch an der Erwartungshaltung durch den Klappentext. Denn ja sie setzen sich mit ihrer Zukunft auseinander, aber in dem Sommer schweigen sie sich meist an und schleichen um sich herum. Erst am Schluss kommt es wirklich zu einer Auseinandersetzung. Die meiste Zeit geht es um die Vergangenheit, wie alles anfing und wie sich die beiden verlieren konnten, wobei sich der Fokus von Alma auf Theo verschiebt.
Dennoch empfinde ich die Figurenentwicklung als durchaus realistisch, gerade in dem Alter, wo man noch nicht weiß, wer man ist, wer man sein will; und auch, dass man sich selbst für die Liebe fast aufgibt. So eine Liebe ist schmerzhaft, und zwar nicht auf eine toxische Weise. Etwas, was man selten liest, weil es nun mal kein Extrem ist, aber gerade deswegen gelesen werden muss, denn jede*r erlebt so etwas wahrscheinlich irgendwann.
Auch das Ende fand ich wieder absolut stimmig.
Alles in allem ist es ein beeindruckendes Debüt und ich werde Eva Pramschüfer im Blick behalten.

Veröffentlicht am 06.04.2026

Ein besonderer Sommer

Restsommer
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Dominiks Weg ist vorgeschrieben: er wird das Bestattungsunternehmen seines Vaters übernehmen. Dabei ist er gar nicht sicher, ob er das tatsächlich will. Als dann Biff auf der Bildfläche erscheint, kann ...

Dominiks Weg ist vorgeschrieben: er wird das Bestattungsunternehmen seines Vaters übernehmen. Dabei ist er gar nicht sicher, ob er das tatsächlich will. Als dann Biff auf der Bildfläche erscheint, kann Domi die zunehmende Enge, die sich um sein Leben zu schnüren scheint, nicht mehr ertragen und ein ganz besonderer Sommer nimmt seinen Lauf.
Auf „Restsommer“ von Kea von Garnier habe ich schon lange gewartet. Ich folge ihr auf Insta, habe schon an diversen Workshops und Schreibwerkstätten von ihr teilgenommen und bin seit Jahren ein Fan dieser beeindruckenden Frau, die das Handwerk nicht nur verinnerlicht hat, sondern auch auf ganz wunderbare Weise weitergibt. Und ihr Romandebüt enttäuscht nicht.
Dieser eine Sommer von Domi und Biff hat alles, was das Herz begehrt und was in einem queeren Coming-of-Age-Roman nicht fehlen darf: Liebe, Abenteuer, Herzschmerz und die große Frage: Was will ich selbst vom Leben, auch wenn mein Weg schon vorgezeichnet scheint. Gerade die Figuren wuchsen mir schnell ans Herz, allen voran Protagonist Domi, aber auch Biff. Viele der Nebencharaktere sind zwar mit der Zeit hintenübergefallen, aber genau so ist das als Teenager. Auch wenn ich den Roman eher als Character Driven bezeichnen würde, behält Kea von Garnier den Plot ganz genau im Auge, was zu einer hohen Dichte an Ereignissen führt, die allerdings nie konstruiert oder gewollt erscheinen.
Sprachlich hat sie mich schon lange abgeholt. Sie hat das Handwerk nun mal gelernt; streut für mich die passende Menge an Bildern und Metaphern ein, holt alle Sinne mit ins Boot und schenkt den Lesenden damit eine allumfassende Lektüre, die mitreißt und nicht mehr loslässt.
Ich freu mich schon auf ihre nächsten Romane.

Veröffentlicht am 29.03.2026

Coming-of-Age für Millenials

Little Hollywood
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Leo hat das Abi in der Tasche, und bevor sie ihren Traum von einem Drehbuch-Studium in Köln erfüllen will, liegt ein letzter Sommer zwischen Schülerin und Erwachsene vor ihr, der ganz anders verläuft, ...

Leo hat das Abi in der Tasche, und bevor sie ihren Traum von einem Drehbuch-Studium in Köln erfüllen will, liegt ein letzter Sommer zwischen Schülerin und Erwachsene vor ihr, der ganz anders verläuft, als sie zunächst gedacht hat. Chris, der sie geküsst hat, entpuppt sich als Niete, aber Außenseiter Jo scheint eh viel besser zu ihr zu passen. Dann ist da noch ihre Mutter, mit der sie zusammenarbeitet und die sie gerade so erträgt, doch ihr Bruder Ben ist ein Lichtblick. Und über allem schwebt ihr Vater Ahlo, der sich in ihr Leben zurückdrängt.
"Little Hollywood" von Inga Hanka ist mein Überraschungsfund und ich lege es besonders allen Millennials ans Herz, denn es versetzte mich direkt in die letzten Jahre meiner Schulzeit – mit Videotheken, Telefonkarten und langen Sommernächten in denen man noch nicht weiß, was die Zukunft bringt. Leo ist wunderbar authentisch und liegt Inga Hanka sehr am Herzen, das spürt man mit jeder Silbe.
Der Roman ist herzwärmend, in der Verbindung zwischen Leo und Ben, in den zarten Banden zu Jo, und gleichzeitig herzzerreißend, in den Dispute mit der Mutter, im zwangsläufigen Herzschmerz und der Abnabelung, die man sich so sehr herbeisehnt und die trotzdem so schmerzhaft ist.
Für all das findet Inga Hanka die perfekten Worte, präzise, stimmig, und zu den genau passenden Zeitpunkten bildhaft. Nichts ist zu viel, nichts zu wenig. Längen gibt es keine und es hat für mich das richtige Gleichgewicht aus unaufgeregt und spannend.
Ein wunderschöner Roman über das Erwachsenwerden und sich finden, der in die eigene Jugend zurückversetzt.

Veröffentlicht am 22.03.2026

Bis ins Unerträgliche

Ultramarin
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Für Lou gibt es nur Raf. Seit der Schulzeit dreht sich Lou und sein ganzes Leben um diesen anderen Menschen, der ihn wie Dreck behandelt. So manches Mal versucht Lou sich zu lösen, gewinnt Abstand, nur ...

Für Lou gibt es nur Raf. Seit der Schulzeit dreht sich Lou und sein ganzes Leben um diesen anderen Menschen, der ihn wie Dreck behandelt. So manches Mal versucht Lou sich zu lösen, gewinnt Abstand, nur um wieder von Raf eingefangen zu werden. Dann kommt es zu einem schicksalhaften Sommerurlaub, den die ferne Bekannte Nora begleitet.
"Ultramarin" von Ann-Christin Kumm war unerträglich. Ich habe schon lange nicht mehr ein so schmerzhaftes Buch gelesen. Lou liebt Raf so sehr. Raf weiß es und nutzt es mit Vergnügen aus und zerstört Lou so immer weiter, ganz bewusst. Und auch Lou sieht das manchmal, kann sich aber dennoch nicht entziehen, egal wie fies Rafs Sprüche sind, egal wie schlimm er Lou behandelt, egal wie sehr Lou sich selbst droht zu verlieren.
Und man ahnt, da brodelt es. Man ahnt, dass da noch viel mehr in der Vergangenheit passiert ist. Mit jedem Rückblick erfährt man ein kleines Stückchen mehr von dieser toxischen Beziehung und aufgrund des Prologs ist von Beginn an klar, dass es nicht gut enden wird. Trotzdem hat der Schluss mich überrascht.
Ann-Christin Kumms Stil empfand ich als sehr passend für die Thematik: Sie schildert kompromisslos, schnörkellos, in vielen Dialogen, wobei Lou oft schweigt und erträgt. Sie schafft es, mit wenigen Worten die Figuren zu zeichnen und Emotionen zu wecken, was ich sehr beeindruckend fand. Außerdem bringt es einen auf eigenartige Weise dazu, die eigenen Beziehungsstrukturen zu hinterfragen.
Nun werde ich ein paar Tage oder eher Wochen brauchen, um dieses Debüt zu verarbeiten. Es wird noch lange nachhallen, da bin ich sicher.

Veröffentlicht am 16.03.2026

Auf dem Gedankenstrom

Grüne Welle
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Die Protagonistin, sie wird sich später Amy nennen, ist auf dem Heimweg, als sie durch eine Auffahrtsperrung eine falsche Abbiegung nimmt und immer weiterfährt. Weg von einem Leben, in das sich hineingeschlittert ...

Die Protagonistin, sie wird sich später Amy nennen, ist auf dem Heimweg, als sie durch eine Auffahrtsperrung eine falsche Abbiegung nimmt und immer weiterfährt. Weg von einem Leben, in das sich hineingeschlittert war und aus dem sie nun ausbrechen will, weg vor allem von ihrem Ehemann. Und so fährt sich immer weiter.
Esther Schüttpelzs „Grüne Welle“ rauscht im Gedankenstrom durch die 24 Stunden andauernde Flucht der Protagonistin und so manche Überraschung sitzt auf dem Beifahrersitz, wie man es bei einem Roadtrip erwartet. So tauchen zwei junge Frauen auf, und ein Reh spielt eine Rolle. Doch nicht nur „die Frau“ kommt zu Wort, sondern auch ihre beste Freundin, die ihr Verschwinden sogleich als Flucht erkennt, sie dafür feiert und eine weitere Perspektive eröffnet.
Durch den Gedankenstrom, den man wohl entweder liebt oder hasst, kommt der Roman unaufgeregt daher, was die Flucht und dessen Auslöser aber mitnichten schmälert. Viele kluge Gedanken werden verdichtet und rauschen gleichzeitig an einem vorbei, über das Leben, Feminismus und wie es so weit kommen konnte mit der Protagonistin.
Sprachlich ist es solide und eine wunderbare Abwechslung in der Literatur, auf die man sich allerdings einlassen muss. Wenn man es tut, bekommt man eine Woolfsche Erfahrung moderner Art. Außerdem kann ich mir diesen kurzweiligen, klugen Roman wunderbar als Film vorstellen, mit seinen absurden, manchmal sogar komischen Facetten. Er hat einen ganz besonderen Charme, dem ich mich nicht entziehen konnte.