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Veröffentlicht am 30.03.2026

Jahrhundertsommer 2003: Erwachsenwerden, Liebe und körperlicher Schmerz zwischen Hitze, Leichtigkeit, Meer und Patriarchat

Paradise Beach
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Paradise Beach ist ein Coming of Age Roman, der die Hitze und Leichtigkeit des Jahrhundertsommers 2003 mit dem Erwachsenwerden der jungen Ada, der ersten Liebe aber auch den ersten körperlichen Schmerzen ...

Paradise Beach ist ein Coming of Age Roman, der die Hitze und Leichtigkeit des Jahrhundertsommers 2003 mit dem Erwachsenwerden der jungen Ada, der ersten Liebe aber auch den ersten körperlichen Schmerzen und Beginn einer chronischen Erkrankung verknüpft. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Da ist einerseits Ada mit 28 Jahren in der Gegenwart, unmittelbar nach ihrer Endometriose-OP in einer lethargischen Zwischenwelt aus Schmerz, Zweifeln, Erinnerung und Selbstfindung. Den weit größeren Raum nimmt jedoch die Erzählebene im Sommer 2003 ein, als Ada gerade 13 ist, und ihre erste Liebe aber auch ihren ersten körperlichen Schmerz mit Beginn ihrer chronischen Endometrioseerkrankung erlebt.

Die Lebenswelt als erwachsene Frau mit Endometriose und der aktuellen medizinischen Behandlung dieser verbindet die Autorin nachvollziehbar mit dem Auftreten der ersten Periode Adas im Jahrhundertsommer 2003 und zeichnet so eine Kontinuität und Kontextualisierung vom Beginn der Erkrankung bis in die Gegenwart. Die Leichtigkeit eines Sommers an der Ostsee mit regelmäßiger Verpflegung im Kiosk Paradise Beach kontrastiert hier mit der Verlorenheit in der Pubertät und dem ersten Auftreten des unglaublichen Schmerzes, für den Ada keine Worte findet und dem auch die Familie, Freunde und Gesellschaft um sie herum keinen Raum geben, keinen Namen. Für Ada kommt dabei viel zusammen, typische Teenagerherausfoderungen, wie Peer Groups, Anerkennung, Selbstfindung, erste Liebe, Abgrenzung und Zugehörigkeit und sich Auszuprobieren. Daneben erfährt sie mit der ersten Periode nicht nur den Schmerz, der sie zusätzlich verunsichert, verängstigt und für sie ein Leben mit einer chronischen Erkrankung bedeuten wird. Die Periode und das Erwachsenwerden, in der Zwischenwelt zwischen Mädchen und Frau versetzt Ada fast plötzlich auch in eine neue Position, in der sie erfahren muss, wie sehr Mädchen- und Frauenkörper in einer patriarchal geprägten Gesellschaft zum Objekt gemacht werden, als ob die Verfügungsgewalt über ihren Körper nun nicht mehr ihr selbst gehört. Diese beiden Aspekte, die nachvollziehbare Darstellung einer Lebenswelt mit Endometriose und das in einer Gesellschaft, in der Sexismus und körperliche Übergriffigkeit gegenüber Mädchen und Frauen zum guten patriarchalen Ton gehören, sind für mich die stärksten im Roman. Gerade in der Gegenwartsebene war die Story für mich jedoch letztlich nicht ganz stimmig, wirkte stellenweise überkonstruiert. Gleichzeitig fehlte mir auch mit Blick auf die Erkrankung in der Gegenwartsebene Entwicklung und Erklärung. Von der ersten Periode zur OP ist es ein weiter Weg mit der Erkrankung und doch beleuchtet der Roman nur diese beiden Endpunkte. Ich persönlich hätte gerne mehr darüber erfahren, wie Ada endlich eine Sprache für ihren Schmerz und ihre Erkrankung findet, welche Hürden sie dabei im Gesundheitssystem erlebt und wie sie letztlich zu der Erwachsenen Ada wird, einer jungen Frau mit einer chronischen Erkrankung, die noch immer viel zu wenig Anerkennung erfährt, gesellschaftlich und medizinisch.

Sprachlich ist der Roman für mich nicht ganz rund. Irritierend fand ich die häufigen Erwähnungen von Markennamen von Kleidung. Manche Formulierungen wirken gestelzt, wie der Ball beim Volleyball, der „in Empfang genommen“ statt angenommen wird, andere sind sprachlich nicht korrekt, wie wenn etwa von Lavasand die Rede ist, womit im Roman schlicht heißer Sand gemeint sein soll, der jedoch eben nicht aus vulkanischem Gestein besteht, wie es eben für Lavasand semantisch charakteristisch wäre. Derartige Ungereimtheiten haben mich regelmäßig irritiert und mein Leseerlebnis etwas getrübt.

Insgesamt ist Paradise Beach aufgrund des Themas und einiger starker Momente trotzdem ein wichtiges Buch für mich, jedoch mit leichten Schwächen in der Umsetzung.

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Veröffentlicht am 15.02.2026

Zarte, poetische Einblicke in die Siebenbürgische Seele

Halber Stein
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Halber Stein begleitet die junge Friedesine, genannt Sine als Erzählerin auf der Reise in ihre alte Heimat in Siebenbürgen, aus der die Familie vor 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert ist. Nach dem ...

Halber Stein begleitet die junge Friedesine, genannt Sine als Erzählerin auf der Reise in ihre alte Heimat in Siebenbürgen, aus der die Familie vor 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert ist. Nach dem Tod ihrer geliebten Großmutter Agneta stellt sich Sine mit dem Haus der Großmutter der letzten Anlaufstelle ihrer Herkunftsregion und damit auch ihrer Vergangenheit und Identität.

Was bedeutet der Verlust der Großmutter und mit ihr das Verschwinden eines Zufluchtsortes, eines Horts der Geborgenheit, physisch, emotional und inkorporiert in ihrem Haus mit den Orten der Kindheit? Über diese Frage, und der Suche nach Antworten beginnt Sine und mit ihr der Roman die wechselhafte, oft tragische Geschichte Agnetas, ihrer Familie und der Siebenbürgener Sachsen aufzuarbeiten und greift dabei sowohl die Lebenswelt der Auswandererfamilien als auch der Zurückgebliebenen auf, Schmerz und Identitätskonflikte in den jeweiligen Biografien.

Es schwingt eine Form von Trauer in den Zeilen, über den Verlust der alten Heimat in Siebenbürgen und mit ihr der Vertrautheit der Kindertage und eines Ortes, an dem Familien über Generationen leben und jede jeden kennt.

Der Stil ist sehr poetisch mit einem deutlichen Schwerpunkt im Beschreiben der Umgebung. Auch wenn ich es phasenweise genossen habe, mir die Landschaft in Siebenbürgen vorzustellen, zog sich für mich dadurch die Handlung stellenweise. Getragen wird der Roman für mich nicht primär von der poetischen Sprache, sondern vielmehr der feinen Beobachtung und Beschreibung Sines Erlebens und Entdeckens ihrer Innen- und Außenwelt, eingebettet in eine fast schon zarte, melancholische Geschichte der Siebenbürgener Sachsen über die Jahrhunderte. Genau diese Stellen in denen Sine über ihr Aufwachsen bei ihrer Großmutter und die Schwierigkeiten und Gefühle bei Auswanderung und Neuanfang in Deutschland sinniert und dies konstrastiert mit der Vergangenheit der Siebenbürgener Sachsen und den Erfahrungen der Zurückgebliebenen in der Heimat, waren für mich die zentralen und stärksten Passagen des Romans und für sich sehr lohnenswert den Roman zu lesen. Sines Erkennen von sich selbst in der Heimat und ihrer Prägung sind wundervoll zu lesen und haben mich sehr berührt.

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Veröffentlicht am 29.11.2025

Fabeln und Erzählungen aus Vorarlberg und der Steiermark

Ehrenwerte Affen
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In ehrenwerte Affen nimmt uns der österreichische Autor Michael Köhlmeier mit auf eine Reise durch alte Sagen und Fabeln. Das Verhältnis von Tier und Mensch spielt dabei ebenso eine Rolle wie das Zusammenleben ...

In ehrenwerte Affen nimmt uns der österreichische Autor Michael Köhlmeier mit auf eine Reise durch alte Sagen und Fabeln. Das Verhältnis von Tier und Mensch spielt dabei ebenso eine Rolle wie das Zusammenleben aller in einer Gesellschaft. Alle, das sind auch Dinge, wie ein alter Löffel, der bei Köhlmeier zum Leben erwecken und freundlich grüßen kann. So vermittelt jede der kurzen 17 Geschichten, bei aller Verschiedenheit, Respekt vor unserer Umwelt. Besonders bewegt haben mich die Geschichten, in denen die Natur und der Wald im Mittelpunkt stehen. Hier spielt aus meiner Sicht der Autor seine Erzählkraft wundervoll aus.

Der Schwerpunkt liegt regional in Österreich, oft in Vorarlberg oder der Steiermark. Ich vermute, dass wenn man besser mit der Region vertraut ist, man noch viel mehr aus den Geschichten mitnehmen kann. Einige Geschichte rekurrieren auch auf christliche Inhalte. Hier fehlte mir leider der Zugang.

Die Geschichten haben mir unterschiedlich gut gefallen, einige habe ich auch nicht verstanden und doch hat jede für sich zur Reflexion über die eigenen Werte und das Zusammenleben in unserer Gesellschaft angeregt.

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Veröffentlicht am 09.11.2025

Kein Land ohne Blut

Adama
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Adama wird als Thriller beworben und ist doch so viel mehr. Die Spannungsmomente und zeitweise Brutalität machen den Roman durchaus zu einem Pageturner, sobald man in der Geschichte angekommen ist. Viel ...

Adama wird als Thriller beworben und ist doch so viel mehr. Die Spannungsmomente und zeitweise Brutalität machen den Roman durchaus zu einem Pageturner, sobald man in der Geschichte angekommen ist. Viel eindrücklicher ist jedoch, wie der Autor mit Adama die Geschichte Israels von seinen Anfängen mit den ersten Siedlern, über die gewaltsamen Auseinandersetzungen des Nahost-Konflikts bis hin zur Gegenwart erzählt. Dieser komplexen Geschichte gibt Tidhar mit seinen Figuren ein Gesicht und hilft so ihre Hintergründe in all ihrer Komplexität ein bisschen besser zu verstehen.

Als Hannas Mutter Esther im Jahr 2009 stirbt, stellt die junge Frau fest, wie wenig sie über das Leben ihrer Mutter weiß. Laut ihren Informationen gibt es keine Familie mehr. Ein alter Aschenbecher aus Palästina, ein nicht zuzuordnendes Lied aus Kindertagen, und ein altes Foto in einer großen Runde lassen Hanna leise ahnen, dass ihre Mutter mehr verborgen hat, als sie sich vorstellen kann.

Ausgehend von Esthers Tod blickt der Autor weit in die Vergangenheit und rekonstruiert so Esthers Leben aus der Perspektive ihrer Weggefährten und Vorfahrinnen und damit nicht weniger als die Geschichte Israels. Am Beginn dieser Erzählung steht die junge ungarische Jüdin Ruth, die noch vor der Einnahme Ungarns durch die Nazis Ungarn verlassen hat, um in Palästina ein Kibbuz aufzubauen und aktiv an der Gründung des Staates Israel mitzuwirken. Von den ersten Zelten auf unwirtlichen Böden, die britische Besatzung, zahlreiche Kriege bis hin zu den frühen 90er Jahren erzählt der Roman eine Geschichte von Schuld und Verantwortung, Familie und Heimat sowie letztlich der Gewalt, die in unvorstellbarem Ausmaß ihren Ausgang im Holocaust nahm.

Eindrücklich war für mich auch die detaillierte Beschreibung des Lebens, der Organisation, Regeln und Normen in einem Kibbuz. In der Zeitspanne über mehrere Jahrzehnte und drei Generationen arbeitet der Autor heraus, wie der Kibbuz sich entwickelt und wie unterschiedlich seine Bewohnerinnen und Bewohner die Lebensform wahrnehmen, sie schätzen und zuweilen mit ihr hadern.

Das Ende war für mich nicht ganz befriedigend und zu abrupt, hier hätte ich mir den Strang in der Gegenwart noch weiter ausformuliert gewünscht.

Insgesamt ist Adama ein spannender, mitnehmender und geschichtlich informativer Roman, den ich nur schwer aus der Hand legen konnte!

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Die Moral von der Geschicht: ehrlich und ehrbar sein, lohnt im Kapitalismus nicht!

Hustle
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Leonie Hendricks, beinahe 30 Jahre alt, studierte Biologin, Pflanzenexpertin, Hobby: Schimmelpilzexperimente. Schon die Hauptprotagonistin in diesem Roman ist so liebevoll, klug und skurril gezeichnet, ...

Leonie Hendricks, beinahe 30 Jahre alt, studierte Biologin, Pflanzenexpertin, Hobby: Schimmelpilzexperimente. Schon die Hauptprotagonistin in diesem Roman ist so liebevoll, klug und skurril gezeichnet, dass es Lust macht, ihren Lebensweg für ein paar Stunden zu verfolgen. Nachdem Leonie mit einer Sabotageaktion ihren letzten Arbeitsplatz bei einem ethisch umstrittenen Saatguthersteller aufgegeben hat, ist sie zunächst in ihrem Kinderzimmer in Bocholt bei ihren stets streitenden Eltern gestrandet. Da dies nun überhaupt nicht der Ort ist, den man mit fast 30 im Leben erreichen möchte, kommt Leonie das Jobangebot im Münchner Staatsarchiv gerade gelegen. Hauptsache raus, Hauptsache Arbeit, auch wenn es in Bayern ist und der Job nicht viel Spannung verspricht.

Der Neustart in München gestaltet sich jedoch nicht nur kulturell für Leonie herausfordernd. Anschluss zu finden fällt ihr schwer, sie wird von ungewohnter Einsamkeit begleitet, der sie mit One Night Stands für ein paar Stunden zu entfliehen versucht. Schnell wird ihr schmerzlich bewusst, dass das Leben in München teuer ist und sie mit ihrem Gehalt nicht einmal eine 1,5 Zimmer Wohnung anmieten kann. Wie machen das all die anderen Menschen in München, die dazu auch noch immer adrett in Kaschmir gekleidet und perfekt gestyled in teueren Restaurants sitzen?

Als sie zufällig auf die eindrucksvolle Genevieve trifft, meint sie eine Verbundenheit zu spüren, und von Genevieve und deren Freundinnen Yasmin und Kim, soll sie schließlich auch erfahren, wie man in München gut leben und sein Dasein genießen kann. Doch auch dies kommt nicht ohne Preis. Ist Leonie bereit diesen zu zahlen?

Gelungen umgesetzt sind für mich die Themen Schwesternschaft und Freundschaft im Roman. Leonie, Yasmin, Genevieve und Kim bilden ein imposantes und inspirierendes Freundinnengespann, das sich erfolgreich durch patriarchal-kapitalistische Strukturen navigiert und gegenseitig unterstützt.

Für mich nicht ganz konsequent und schlüssig umgesetzt ist der vermeintlich kapitalismuskritische Aspekt im Roman. Letztlich bedient Leonie, ebenso wie ihre Freundinnen die gleichen kapitalistischen Mechanismen und ist von bestimmten Ausdrucksformen kapitalistischen Wohlstands, wie Kleidung und Aussehen, fasziniert, eifert dem sogar nach. Hier habe ich die an anderen Stellen durchaus berechtigte Kritik an kapitalistischer Funktionslogik, wie unbezahlbar hohen Mieten oder Feinkostläden für kleine Hunde, als nicht konsequent erlebt. Ich denke mir fehlt an der Stelle ein revolutionäres Element im Plot, denn bei allen clandestinen Aktivitäten der Freundinnen, sind diese nicht geeignet ein System zu stürzen, sondern eher sich selbst eine Nische darin zu suchen, es damit zu stabilisieren und sich ein gutes Leben zu machen. Die grundlegende Funktionslogik des Kapitalismus wird so nicht wirklich in Frage gestellt, ebenso wenig wie die Rolle der einzelnen Person darin. Leonie und ihre Freundinnen reflektieren nur ansatzweise sowie eher oberflächlich und plakativ, wie sie selbst kapitalistisch-patriarchale Anerkennungsformen internalisiert haben und mit ihrer Lebensweise reproduzieren.

Unterhaltsam ist diese Geschichte jedoch allemal! Und so bleibt die Moral von der Geschicht: ehrlich und ehrbar sein, lohnt im Kapitalismus nicht!

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