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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.04.2026

Familiengeschichte(n)

Wie Schiffe auf stürmischer See
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Grace kümmert sich um ihren dementen Vater. Der braucht seine Routinen, z. B. zum Einschlafen das Abspielen eines alten Seewetterberichts. Diese werden gefährlich aus der Reihe gebracht mit dem Auftauchen ...

Grace kümmert sich um ihren dementen Vater. Der braucht seine Routinen, z. B. zum Einschlafen das Abspielen eines alten Seewetterberichts. Diese werden gefährlich aus der Reihe gebracht mit dem Auftauchen eines jungen Mädchens, das behauptet die Tochter des auf See vermissten Bruders von Grace zu sein. Im Gepäck ein Photo, auf dessen Rückseite ein Datum steht, das er nach dem Untergang des Schiffes ihres Bruders liegt. Kann das möglich sein? Grace setzt sich mit Vater und vermeintliche Nichte in deren alten Bulli und macht sich auf die Suche.
Der Einstieg in den Roman gelingt gut, denn man findet sich schnell in Grace‘s schwieriger Situation ein: die Ehe gescheitert, einen Brotberuf mit Mühe in Übereinstimmung gebracht mit der Pflege des dementen Vaters, die so manche Herausforderung für Grace mit sich bringt, keine große Perspektive, immer zu wenig Zeit, zu wenig Geld und zu viel Erschöpfung.
Die Reise auf der Suche nach dem verschollenen Bruder, mit der die Perspektiven zwischen Grace und ihrem Bruder wechseln und die Story auf zwei Ebenen erzählt wird, macht die Geschichte auch spannend zu lesen. Denn natürlich will man wissen, ob es eine Chance gibt, dass der Bruder noch lebt, und wie es sein kann, dass er sich zu Hause nie gemeldet hat.
Grace und ihre bunt zusammengewürfelte Familie erleben dabei so einige Abenteuer, die sich dann allerdings zu wiederholen beginnen, weil sie zumeist mit der Demenz des Vaters und den damit verbundenen Schwierigkeiten zu tun haben. Daraus ergibt sich bisweilen eine Situationskomik, die ich der Ernsthaftigkeit des Themas nicht immer ganz angemessen finde, weil sie eher klamaukig als erheiternd wirkt. Eine nebenbei festgestellte Schwangerschaft soll kurz die Dramatik erhöhen. Aber das Ende finde ich dann ein wenig platt: zu viele Zufälle oder zu überbemühte Schicksalhaftigkeit lösen alles in eine Art Wohlgefallen aus. Und wenn es der eine Märchenprinz nicht wird, dann eben ein anderer. Selbst die Demenz scheint am Ende fast in Vergessenheit geraten zu sein.

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Veröffentlicht am 20.03.2026

Ich dachte, die Handlung kommt noch

Wir dachten, das Leben kommt noch
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Ich dachte, die Handlung kommt noch, ist – ein wenig polemisch formuliert – das, was meinen Leseeindruck von dem Roman bestimmt.
Da ist eine BBC-Moderatorin, die auf der Spur der Geschichte ihrer Großmutter ...

Ich dachte, die Handlung kommt noch, ist – ein wenig polemisch formuliert – das, was meinen Leseeindruck von dem Roman bestimmt.
Da ist eine BBC-Moderatorin, die auf der Spur der Geschichte ihrer Großmutter ist und zugleich auf der englischer Agentinnen, die in Paris die Resistance im Kampf gegen Nazi-Deutschland unterstützen und wichtige Informationen an die britische Regierung sowie Waffen für den Widerstand schmuggeln. Dazu gehört auch Pat, deren Geschichte wir auf zwei Ebenen hören: in der Gegenwart im – widerwillig begonnen – Gespräch mit Gwen, und in der Vergangenheit in ihrer Rolle als Agentin in Paris.
An und für sich ist das ein sehr spannendes Stück Geschichte, das als Agentinnenroman viele Möglichkeiten für Spannung und Dramatik bietet. Eine Geschichte auf verschiedenen Ebenen hat – geschickt komponiert – den Vorteil, durch die Enthüllung von immer mehr Verborgenen die Spannung deutlich hinauszuzögern und stetig zu steigern, bis sich am Ende alle Details in einander fügen. Mein Problem mit diesem Roman ist, dass hier mehr erzählt wird, als gehandelt. Immer dann, wenn es ein wenig spannend wird, bricht die Erzählung ab, wird auf später verschoben aus unterschiedlichen und manchmal nicht erkennbaren Gründen. Dadurch baut sich aber für mich keine Spannung auf, sondern sie wird künstlich hinausgezögert und die Erzählung damit in die Länge gezogen. Der Leseprozess hat sich mir bisweilen als zäh dargestellt.
Darüber hinaus legt die Autorin sehr viel Wert auf die Ausgestaltung des Life-Styles, wie ich das – vielleicht auch ein wenig polemisch – einmal nennen möchte. Die Moderatorin Gwen begibt sich, alleinerziehende Mutter, mit ihrer kleinen Tochter und unterstützender Familie bzw. Freundin nach Frankreich in eine luxuriöse Wohnung. Immer wieder wird kulinarischer Genuss in Szene gesetzt. Mehr für die Atmosphäre als für die Handlung werden immer wieder Szenen bei Tisch geschaffen, wofür Speisen genauestens beschrieben und in Szene gesetzt werden. Es gibt einen Besuch auf dem Land mit dem getrennt lebenden Vater der Kleinen. Weitere Beispiele ließen sich anführen. Die Atmosphäre zu gestalten gelingt der Autorin wirklich gut, lenkt sie aber vom Handlungsfaden ab. Wenn es einmal spannend wird, wie z. B. bei einer Verfolgung durch zwei Agentinnen der Gegenseite, verpufft die Spannung schnell wieder, eher unrealistisch aufgelöst: ein Schuss ins Blaue oder vielmehr Schwarze, ein Treffer, mehr sei nicht verraten.
Es gibt zwar nicht so viele Romane dieses Settings, aber doch genug, dass es nicht unbedingt dieser sein müsste. Für wen die Story hauptsächlich vom Ambiente lebt und dem Lebensgefühl, das eines gewissen Luxus nicht entbehren mag, der kommt hier sicherlich auf seine Kosten.

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Veröffentlicht am 29.11.2025

Mühselig

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Angelika ist eine lebenslustige junge Frau und keine Kostverächterin. Gleichzeitig ist sie aber bemühtim Job als Buchhalterin, eine solide Beziehung zu führen und irgendwie mit ihrer Mutter, die unter ...

Angelika ist eine lebenslustige junge Frau und keine Kostverächterin. Gleichzeitig ist sie aber bemühtim Job als Buchhalterin, eine solide Beziehung zu führen und irgendwie mit ihrer Mutter, die unter einer beginnenden Demenz leidet und zu der das Verhältnis immer schon schwierig war, klar zu kommen. Da bekommt sie vom Hoteldirektor, für den sie arbeitet, aus seiner Not heraus den Auftrag, die Bilanzen des Hotels zu frisieren. Und als sie selbst in eine Notlage gerät, bietet sich an, dies auch für sich selbst zu tun.
Das Buch basiert auf einem wahren Fall von Betrug. Und die Entstehungsgeschichte, die leider viel zu knapp in den Roman einfließt, ist etwas, das ich mit am spannendsten an dem Roman finde.
Auch das typisch Wienerische fließt in die Erzählung bis in die Sprache hinein sehr anschaulich mit hinein.
Nur die Hauptfigur kann mich so gar nicht packen, im Gegensatz zur historischen Person. Ich kann mich wenig in sie hineindenken und fühlen, ihr Leben bleibt mir fremd. Die Erzählung spring von einem Ereignis zum anderen. Mal Angelikas Liebesbeziehungen, mal die Mutter-Tochter-Problematik, mal ihr Job. Ja, es liegt bisweilen ein komisch-witziger Unterton in dem Erzählten, das mir allerdings bisweilen zu skurril ist. Von daher gestaltete sich für mich das Lesen eher als zäh und widerständig. Ich hatte aufgrund der Beschreibung anderes (vielleicht auch mehr erwartet). Von dem Glamour des Grand Hotel bleibt wenig und das Turbulente wird für mich von der verqueren Existenz der Protagonistin zu sehr verschluckt. Leider nichts für mich.

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Immer wieder aus dem Lesefluss genommen

Sonnenvögel
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Ich mag historische Romane, ich mag Bücher, die auf verschiedenen zeitlichen Ebenen spielen, deren Bezug sich im Laufe der Geschichte entwickelt. Eigentlich gute Voraussetzungen für den Roman „Sonnenvögel“, ...

Ich mag historische Romane, ich mag Bücher, die auf verschiedenen zeitlichen Ebenen spielen, deren Bezug sich im Laufe der Geschichte entwickelt. Eigentlich gute Voraussetzungen für den Roman „Sonnenvögel“, auf den beides zutrifft. Ich fand auch die Geschichte um den Flößer Franz Ende des 19. Jahrhunderts interessant, die Geschichte des Widerständlers gegen Hitler, Hennig von Tresckow eine geradezu ergreifende und die Geschichte der Ukrainerin Daniila angesichts des Ukraine-Kriegs aktuell und spannend. Am wenigsten noch konnte ich anfangen mit der Geschichte von Viktoria. Sie ist eine nach Kasachstan vertriebene Krimdeutsche. Sie heiratet einen vermeintlich charmanten Mann, der sich aber, gänzlich unvermutet und von daher nicht klar nachvollziehbar in einen prügelnden Sadisten verwandelt. Ohne zu viel verraten zu wollen, führt Victoria ihr weiterer Lebensweg nach Kenia, wo sie als Tierliebhaberin später Jagd auf Großwildjäger macht. Hier zeigt sich für mich schon das Problem, das ich mit dem Buch hatte: alles erscheint mir arg konstruiert. Auch die Erzählzusammenhänge zwischen den einzelnen Geschichten. Da ist die Erklärung von Daniila, sie sei mit Hennig von Tresckow vermutlich über einige Ecken verwandt, wie auch mit Hitler und Jesus und Ghandi und letztlich allen Menschen ein wenig überzeugende Erklärung. Auch finde ich den Vergleich, alle hätten sich widersetzt und dafür viel riskiert, nicht wirklich statthaft. In jeder Geschichte für sich mag das so sein, aber kann man einen Flößerstreik mit der Planung eines Attentats auf einen der greulichsten Diktatoren der Weltgeschichte vergleichen? Oder noch viel mehr das Abknallen von Großwildjägern aus dem Hinterhalt mit dem Widerstand gegen unmenschliche Befehle in einem unmenschlichen Regime? Der abrupte Wechsel zwischen den Geschichten, deren loser Zusammenhang sich erst in der zweiten Hälfte des Buches langsam andeutet, hat für mich den Lesefluss immer wieder unterbrochen, sodass ich mich arg mühen musste, das Buch zu lesen. Immer wenn ich dachte, jetzt wird es spannend, jetzt wird es interessant, sprang die Geschichte in einen Zweig, der mich weniger überzeugen konnte. Außerdem war der Erzählton in allen vier Erzählsträngen gleich, eine häufig eher schlichte bis naive Ausdrucksweise, wie sie vielleicht anfänglich zu einer jungen Victoria passte oder zu einer jugendlichen Daniila, auf lange Sicht aber zudem ein wenig ermüdend wirkte. Mich konnte das Buch leider nicht so ganz in seinen Bann ziehen, obwohl die einzelnen Geschichten für mich viel Potential bieten.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Ungesühnte Verbrechen

Lilianas unvergänglicher Sommer
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Die Autorin Cristina Rivera Garza begibt sich 29 Jahre später auf die Suche nach dem Mörder ihrer Schwester, deren damaligen Freund, der ungeschoren davon kam. Aus Ermangelung von Prozessakten rekonstruiert ...

Die Autorin Cristina Rivera Garza begibt sich 29 Jahre später auf die Suche nach dem Mörder ihrer Schwester, deren damaligen Freund, der ungeschoren davon kam. Aus Ermangelung von Prozessakten rekonstruiert sie über Aufzeichnungen und Briefe ihrer Schwester sowie über Aussagen ihrer Freunde und Kommilitonen die Beziehung ihrer Schwester zu ihrem späteren Mörder und sucht nach Hinweisen, die die Tat im Vorfeld angedeutet hätten. Ihr Ziel ist Gerechtigkeit für ihre Schwester in einem Rechtssystem, das gerade im Hinblick auf Gewalt gegenüber Frauen den Tätern zu viele Schlupfwinkel lässt. Dieser Weg ist nicht nur aufgrund der langen Dauer, die das Verbrechen zurückliegt, und der fehlenden Akten ein schwieriges Unterfangen, sondern auch emotional und seelisch.
Mit ihrem Buch thematisiert die Autorin nicht nur das erschütternde Schicksal ihrer Schwester, sondern verleiht allen Opfern eines Femizids, eines Gewaltverbrechens aufgrund der Geschlechtszughörigkeit, eine Stimme. Sind Gewaltverbrechen in Beziehungen auch in Deutschland noch immer ein viel zu sehr totgeschwiegenes Thema, so gilt dies für Mexiko mit seinen machistischen und patriarchalen Strukturen umso mehr. Dort ist das Narrativ vom Opfer, das durch sein Verhalten, seine Kleidung oder was auch immer quasi selbst die Schuld am Verbrechen ihm gegenüber, noch wesentlich gängiger, die Zahl der durch Gewalt „aus Leidenschaft“ getöteten Frauen noch größer und die Strafverfolgung noch nachlässiger. Dies legt die Autorin auf der sachlichen Seite ihrer Darstellung sehr eindrucksvoll nahe.
Ebenso zeichnet sie ein vielstimmiges, beeindruckendes Zeugnis ihrer Schwester als junger Frau, die nicht nur im Hinblick auf ihren Freiheitsdrang und ihr Selbstverständnis als Frau, sondern auch in ihrer Persönlichkeit, ihrem Lebensfrohsinn und ihrer Liebenswürdigkeit exzeptionell erscheint. Auch in diesem Teil ist das Buch sehr beeindruckend.
Schwierig für mich wird die Lektüre in den sehr subjektiven Betrachtungen der Schwester, in ihren häufig metaphorisch umschriebenen Gefühlen sowie auch in den sehr persönlichen Briefen der Schwester, die oft ohne den Kontext nur schwer zu verstehen sind. Bisweilen sind mir die Zusammenhänge mit dem Leben der Familie, der Vater als Doktorand im Ausland, und der Schwester, ihr Feminismus und Kommunenleben, nur sehr locker assoziativ gefügt. Dann entsteht bei mir eine Art der Befremdung und der Lesefluss stockt.
Das allgemeine Thema hinter der subjektiven Geschichte ist aber durchaus bedeutsam, gehört zu werden.

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