Platzhalter für Profilbild

Scarletta

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Scarletta ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Scarletta über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.07.2024

Keine Dystopie mehr

Das Lied des Propheten
0

Man kann es nicht anders formulieren: über die Geschichte der Familie Stack zu lesen, macht keinen Spaß. Denn sie ist dunkel, erschütternd und gewalttätig. Man möchte sie gern als dystopisch abtun. Doch ...

Man kann es nicht anders formulieren: über die Geschichte der Familie Stack zu lesen, macht keinen Spaß. Denn sie ist dunkel, erschütternd und gewalttätig. Man möchte sie gern als dystopisch abtun. Doch das Dargestellte fühlt sich gleichzeitig so unglaublich wichtig für das aktuelle politische Geschehen in der Welt an. Deshalb tut es not, den Roman aufzuschlagen.

Eilish Stack lebt mit Ihren vier Kindern (drei Teenager und ein Baby) in Dublin, der Hauptstadt der Republik Irland. Sie muss erleben, wie die Regierung von einem totalitären, rechtsgerichteten nationalen Regime übernommen wird. Als Antwort auf die Forderungen der Lehrergewerkschaft nach höheren Gehältern, reagiert das Regime mit extremen Kontrollmaßnahmen gegenüber der Bevölkerung. Als ihr Mann Larry, ein führender Organisator der Lehrer-Gewerkschaft, plötzlich von einer Art Geheimpolizei verhaftet wird und verschwindet, ist sie gefordert, die Familie zusammenzuhalten. Eilish versucht sich darauf zu konzentrieren, der Familie das Überleben zu sichern, die Kinder zu beschützen und für Larrys Freiheit zu kämpfen.

Während die Welt um sie herum zu zerbröckeln beginnt, klammert sie sich an ihre Hoffnungen. Ihre Schwester, die in Kanada lebt, versucht sie zur heimlichen Flucht zu überreden. Doch es fehlen Pässe, die ihr verweigert werden. Und außerdem: was würde dann aus dem zunehmend der Demenz verfallenen Vater? In lichten Momenten, in denen ihr Vater den Ernst der Lage erfasst, meint er zur Tochter, sie solle ihn zurücklassen.
Doch wohin soll dann Familienvater Larry zurückkehren, falls er noch lebt und freigelassen würde? Noch klammert sich Eilish an Hoffnungen.

Freiheit, Sicherheit und Bürgerrechte sind längst nicht mehr existent. Das Regime geht gegen Aufständische in bürgerkriegsähnlichen Zuständen gewaltsam vor, während schutzlose Menschen zwischen die Linien geraten. Die Schlinge zieht sich immer mehr zu. Die Bevölkerung realisiert viel zu spät, wie ihre Freiheit ausgelöscht wird. In die Führungspositionen von Firmen und Ämtern werden nationalistisch gesinnte Menschen gesetzt. Es gibt Profiteure, Über- und Mitläufer, entfesselte Täter. Das Ausland sieht zu, bleibt aber tatenlos.

Eilish muss unsägliche Entscheidungen treffen, um ihre Familie zu schützen. Als ihr Ältester zu den Rebellen überläuft, wird die Familie vom Mob attackiert. Mit jeder Stunde nimmt die Bedrohung zu. In einer herzzerreißenden Szene muss Eilish Gebiete durchqueren, in denen Scharfschützen auf Zivilisten zielen, um ihren verletzten jüngeren Sohn in einem Krankenhaus zu suchen.

So atemlos, wie die Geschichte erzählt wird, verschärft sich die Situation. Man spürt, wie das Land in den Totalitarismus abgleitet, wie Menschenrechte verschwinden.

“Was ich jetzt vor uns sehe, Eilish, das ist ein schwarzes Loch, das sich vor uns auftut, wir haben die Grenze zur Flucht überschritten, und selbst wenn das Regime gestürzt wird, das schwarze Loch wird weiter wachsen und dieses Land auf Jahrzehnte hin verzehren." S. 155

Fazit
Paul Lynchs Schreibstil mag manchem etwas unkonventionell oder anstrengend erscheinen. Doch ich finde, er unterstreicht das Erzählte. Die fehlenden Zeichensetzungen für wörtliche Rede oder das Fehlen von Absätzen lassen die Atmosphäre der Geschichte atemlos und schier klaustrophobisch wirken. Das unaufhaltsame Böse, das die Kräfte entzieht, wird spürbar.

So durchleidet man fast körperlich Eilishs Überlebenskampf mit. Das Geschehen raubt einem den Atem. Mit Eilish erleben wir den Verfall von Körper und Seele unter diesem Druck. Das tut doppelt weh, weil Eilish ein sehr sympathischer und authentischer Charakter ist. Ihr Leid als Mutter, der ihre Kinder fortgerissen werden. Ist als wahrer Albtraum geschildert.
Man fragt sich selber immer wieder, wie man an Eilish‘ Stelle handeln würde.

Die Kraft des Romans liegt in seinem Erzähltempo, der Eindrücklichkeit und der Bildhaftigkeit. Die Welt am Beginn der Geschichte scheint noch mit unserer identisch zu sein. Es gibt nur leichte Untertöne einer politischen Instabilität. Am Ende ist das Land in eine kaum wiederzuerkennende von Krieg zerrissene Ödnis katapultiert worden. Dabei gibt es gar keine dramatischen Wendungen. Sondern mit jeder Seite zieht sich die Schlinge immer enger zu. Man kann es nicht wie eine Dystopie von sich weg schieben. Die Nähe an der Realität macht es sehr besorgniserregend.

Wir kennen die geschilderten Situationen. Es ist die Realität von Ländern, die vom Krieg (welcher Art auch immer) zerrissen werden. Ich hatte sofort die Bilder aus der Ukraine vor Augen, dem Nahen Osten, die Flüchtenden auf dem Mittelmeer, die Proteste in Georgien, die russischen Gräueltaten u.v.m. , aber auch die politischen Stimmungen in vielen europäischen Ländern, unseres eingeschlossen.
Doch der Ire Paul Lynch lässt uns nicht mehr im Fernsehsessel zurücklehnen und die Augen verschließen. Die Bedrohung ist schon vor der Haustür.

Das Tempo des Buches ändert sich erst im letzten Kapitel (30 Seiten). Für mich passt das nicht für Eilish‘ Charakter. Da hätte ich lieber das gleiche langsamere Erzähltempo beigehalten und die Entwicklung auf mehr Seiten verteilt gesehen. Denn auch diese letzten geschilderten Ereignisse werden etwas mit den Protagonisten gemacht haben.

Der Roman ist ergreifend, kraftvoll und erschütternd. Leider ist es ziemlich absehbar, worauf die Handlung hinauslaufen wird, das zeigt schon das Weltgeschehen. Lynch zeigt sehr eindrücklich, wie schnell ein Staat in den Strudel des Totalitarismus geraten kann. Der aufwühlende Roman ist ein Appell an die Humanität und Empathie der politischen und gesellschaftlichen Kreise. Und er ist eine Warnung, wie nah wir einem solchen Albtraum entlang wandeln. Für mich ist dies ein sehr wichtiges Buch für unsere Zeit.

Eine absolute Leseempfehlung für diesen mit Recht preisgekrönten Roman!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.05.2024

Eine berührende Odyssee durch ein geschundenes Georgien

Vor einem großen Walde
0

Als der Erzähler Saba nach 18 Jahren als Flüchtling in England zurück in Georgiens Hauptstadt Tiflis ankommt, scheint er im Inneren genauso zersplittert und aufgewühlt zu sein wie sein Herkunftsland. Man ...

Als der Erzähler Saba nach 18 Jahren als Flüchtling in England zurück in Georgiens Hauptstadt Tiflis ankommt, scheint er im Inneren genauso zersplittert und aufgewühlt zu sein wie sein Herkunftsland. Man schreibt das Jahr 2010. Georgien hat gerade einen zerstörerischen Krieg und einen schwierigen Waffenstillstand hinter sich. (Kaukasuskrieg 2008 mit Russland und den von Russland unterstützten, international nicht anerkannten Republiken Südossetien und Abchasien auf der anderen Seite.) Dem Konflikt folgten Jahre des Bürgerkriegs, die das Land an den Rand der Katastrophe brachte.

Gerade zu Sabas Ankunft ist die Stadt nach einem Unwetter überflutet, dass gar die Tiere aus dem Zoo ausgebrochen sind. Was für eine düstere, fast makabere Ausgangslage. Eine Suchaktion voller Hindernisse startet, denn es stehen nicht nur ein Nilpferd im Weg, das die Straße blockiert, oder ein lauernder Tiger im Gebüsch, sondern auch eine korrupte Bürokratie und Beschattung durch die Polizei.

Über Saba schwebt sowieso schon seine eigene schicksalhafte Gewitterwolke. Als achtjähriges Kind entkam er mit seinem älteren Bruder Sandro und seinem Vater Irakli den Bürgerkriegswirren nach dem Zerfall der Sowjetunion nach England. Die Mutter der Kinder musste der Vater damals aus Mangel an Geld für ein Visum in dem nun unabhängigen Georgien zurücklassen. Mittlerweile ist Mutter Eka verstorben. Sabas Vater ist vor kurzem in die Heimat zurückgekehrt und gilt als verschollen. Schon lange hatte er davon fabuliert, sich von den Orten der Vergangenheit verabschieden zu wollen. Bruder Sandro folgte seinen Spuren und verschwand ebenfalls. Nun ist es an Saba, sie beide zu finden. Schon bei der Zwischenlandung in Kyjiw/ Ukraine warnt ein Unbekannter Sabo vor der Weiterreise. Auf georgischem Boden wird er gleich von der Polizei wegen seines Nachnamens kritisch beäugt. Sein Vater hätte einen Mord begangen, wird ihm erzählt und gleich sein Pass eingezogen. Das nennt man üble Startbedingungen.

Saba folgt nun einer Art von “Brotkrumen-Spur”, ein bildreiches Spiel in Anlehnung an das grimm’sche Märchen von Hänsel und Gretel, das Sandro und Saba in ihrer Kindheit gespielt haben. Die Spuren die Saba verfolgt, sind voller literarischer Verweise, z.B. auf Märchen, Shakespeare, Charles Bukowski. Allerdings agiert er hierbei nicht wie ein engagierter Detektiv, sondern wie ein desorientierter Fremder in einer ihm unkenntlich gewordenen Ursprungsheimat.

Gut, dass Saba nicht allein bleibt auf der Suche nach Sandros Graffitis und weiteren Hinweisen. Rasch steht ihm ein georgischer Taxifahrer, Nodar, zur Seite. Was für ein offenherziger, tapferer Schicksalsgefährte für den liebenswerten Saba in diesem bedrohlichen Umfeld!

Nodar trägt schwer an dem Schicksal seiner eigenen Familie. Seine siebenjährige Tochter Natja ist seit dem Krieg in Südossetien vermisst, als Nodar und seine Frau Ketino überstürzt fliehen mussten.
Trotz dieses Kummers hat der lebenserfahrene Nodar schnell einen humorigen Spruch auf den Lippen. Frei nach dem Dschungelbuch erklärt er Sabo zu Mogli und schreibt sich selber so die Rolle des bärigen Balu zu. Das passt, denn Nodar trägt eine ganz besondere Weisheit.

„Es heißt, so was bringt Unglück. […] Du musst sie bis zum Ende vorlesen, auch wenn dein Kind schon eingeschlafen ist.“ S. 117

Bald tummeln sich in Sabas Kopf die imaginären Stimmen der Menschen, die er längst verloren hat. Sie ziehen ihn für Momente aus der Gegenwart heraus, während sie ihm zusprechen, unterstützen, ermahnen oder an etwas erinnern. Ein Unterstützer ist sein betrunkener Nachbar aus der frühen Kindheit, der ihn beispielsweise vor georgischen Krankenhäusern warnt. Erinnern wird ihn immer wieder die Kindheitsfreundin Nino. Sie ist immer eine gefährliche Kommentatorin, denn sie trägt ihm etwas nach: Sabas kindlicher Versuch sie zu beschützen, hat sie damals das Leben gekostet.

So hangeln sich Saba und Nodar an Erinnerungsorten, an den hinterlassenen Graffitibotschaften des Bruders, und kryptischen Seiten eines väterlichen Theaterstückes entlang, die immer voller Magie, Literatur und mystischen Bildern sind. Nebenbei tauchen sie ein in die tragische Geschichte Georgiens, seine Kultur und Natur.

Doch irgendwann kommt der Moment, wo die „Brotkrumen“ enden, weil der Bruder selber zum Gejagten wird. Nun muss sich Saba selbstständig seinen schicksalhaften Weg bahnen. Das ist der Augenblick, wenn der Roman zu einem ganz großen Wurf anhebt.

Fazit
Schon der Titel des Romans ist voller märchenhafter Magie, denn er bezieht sich auf den finsteren, bedrohlichen Wald der Gebrüder Grimm, in den Hänsel und Gretel geführt werden, wo die Hexe lauert. Nodar beginnt dieses Märchen mit den Worten „Vor einem großen Walde…“ . Der dunkle, bedrohliche Wald zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Der Autor benutzt ihn als Metapher und als Realität. Es ist ein verlorener Ort, der mal Schutz, dann auch wieder Gewalt, Verrat und Tod birgt. Der Ursprung des Bildes der kindermordenden Baba Yaga (Hexe), des Bösen, wird zunehmend klarer und realer.

„Bruder, jeder Wald in Georgien hat seine Hexen, Süßigkeiten, die an Zweigen hängen und Baba-Jaga-Hütten, die auf Hühnerbeinen herumhüpfen." S. 358

Vardiashvilis Sprache ist ungemein poetisch, mit einem außerordentlichen Reichtum an Bildern und Magie. Dazwischen steht herrlich Nodar mit seinem augenzwinkernden, oft schwarzen Humor. Gleichzeitig berührt der Roman durch seine ganz klare Darstellung der bedrückenden Konsequenzen von Krieg, dem Konflikt durch die Aggression Russlands. Dem Autor gelingt es, dass wir das Leid spüren, das Blut fließen sehen.
Ganz speziell sind die Stimmen der Toten, die Saba unablässig begleiten und oft auch quälen.

Vollkommen eingenommen bin ich durch die authentischen Charaktere, die mir sofort ans Herz gewachsen sind. Sogar die imaginären Stimmen in Sabas Bewusstsein sind voll ausgestaltet.

Ich kann sofort Sabas Wunsch nachvollziehen, durch die Spurensuche seine Familie wieder zu komplettieren. Der Vorwärtsschub, der einen durch Tiflis, weitere Städte bis ins Hinterland Georgiens treibt, ist intensiv zu fühlen Finsternis und Verlust sind ständige Begleiter. Sowohl Saba als auch Nodar sind traumatisiert beim Versuch, die verlorenen Teile wieder zusammenzufügen.

Nodar wird ganz unerwartet ein sehr wichtiger Charakter im Handlungsverlauf. Mir gefällt vor allem sein Galgenhumor. Dieser ist sein Versuch, um mit der Tragik seiner Lage umzugehen, um den Mut nicht zu verlieren. Mir kommt es so vor, als könnte diese Art typisch georgisch sein.

Immer wieder scheint die Liebe zu Georgien hindurch. Man erlebt die schönen Seiten der georgischen Kultur (wie z.B. die große Gastfreundschaft trotz eigenem Hunger oder Not). Doch auch die negativen Seiten wie z.B. die Korruption werden offen dargestellt. Man nimmt etwas Wissen über die Geschichte Georgiens mit. Sogar die Überflutung des Zoos von Tiflis und der Ausbruch der Tiere sind tatsächlich passiert (im Jahr 2015).

Mir hat ganz besonders gefallen, dass der Autor Saba nach dem zweiten Drittel des Buches die Verfolgung der „Brotkrumen-Spur“ erlässt. Dadurch bekommt die Handlung noch einmal einen ganz eigenen, berührenden Charakter. Mitzuerleben, wie Saba in den Bergen des Kaukasus die schlimmeren Konsequenzen des Krieges erlebt und wie er emotional damit umgeht, ist herzzerreißend. Der Gegensatz von lustig zu grausam, wird hier immer härter und nimmt einem den Atem, treibt einem schließlich die Tränen in die Augen.

Für mich gehört dieser Roman schon jetzt zu meinen Lese-Highlights dieses Jahres.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.03.2024

Spannende Reise in die japanische Mythologie

Die Perlenjägerin
0

Die amerikanische Autorin Miya T. Beck folgt mit großer Neugier den Spuren ihrer japanischen Herkunft. Diese Wurzeln führen sie zu den Mythen und Legenden Japans, aus denen sie eine ganz neue fantastische ...

Die amerikanische Autorin Miya T. Beck folgt mit großer Neugier den Spuren ihrer japanischen Herkunft. Diese Wurzeln führen sie zu den Mythen und Legenden Japans, aus denen sie eine ganz neue fantastische Geschichte für Jugendliche webt. Auch für mich als Erwachsene war es ein großer Lesegenuss in diese Bilderwelt einzutauchen.

‘Eintauchen‘ ist da die passende Metapher, denn mit den beiden Hauptcharakteren, den Zwillingen Kai und Kishi lernen wir zwei blutjunge Perlentaucherinnen kennen. Kai stellt ihre Familie vor, in der die Frauen die Aufgabe des Tauchens übernehmen. Eine gefährliche Tätigkeit, so mussten sie vor nicht allzu langer Zeit erleben, wie die geliebte Tante Hamako ihr Leben dabei verlor. Kein Wunder, dass die Eltern nun natürlich noch vorsichtiger sind und strenge Regeln aufstellen.

So hat Kishi jüngst den Schritt getan und hat sich beim Perlentauchen ihre Tauchkappe verdient. Kai muss sich da noch bemühen, denn es fällt ihr schwer, sich geduldig und folgsam den Anweisungen der Mutter zu fügen. Diese verlangt zum Beispiel, dass bei einem Tauchgang auch nur ein Perlenfund mit an die Wasseroberfläche geholt werden darf.
Doch genau so ein Regelverstoß Kais führt dazu, dass Kishi in die Fänge des legendären Geisterwals gerät und in die Tiefen der Unterwelt verschleppt wird. Ihre Zwillingsschwester Kai lässt sich nicht daran hindern, alles zu versuchen, Kishi zu retten. Doch wer kann verhindern, dass die Schwester ins Reich der Toten übergeht?

Kai zögert nicht, in Verhandlung mit dem mythischen Drachenkönig zu treten, einen Handel mit der Göttin der Unterwelt einzugehen und zu versuchen, die verlangte magische Perle der Königin der Fuchsdämonen zu erringen. Eine abenteuerliche, gefahrvolle Reise steht Kai bevor, die sie fort vom geliebten Meer in die Lüfte, auf die Berge, in Höhlen und auf den Rücken eines Pferdes führen wird.
Nicht jeder, der ihr Hilfe anbietet, stellt sich als Freund heraus. Nicht jeder, der sie verletzt, ist ein Feind.

Fazit
Zunächst möchte ich mal meine Begeisterung über die bezaubernde Cover- und Buchschnitt-Gestaltung ausdrücken. Das Cover greift einige Elemente der Geschichte auf und bringt sie so fantastisch ins Bild.

Durch das Cover wird man gleich auch in den japanischen Background eingeführt. Genau diese Bilderwelten der japanischen Mythologie und Legenden hatten mich interessiert. Sie werden sehr einfühlsam und bildreich in die Geschichte eingewoben, sodass man nie überfordert ist. Doch auch mit der Härte, Gewalt und Grausamkeit jener Zeit wird man konfrontiert.

Die Riege der Protagonisten ist zwar vielfältig, aber auch gut überschaubar. Die junge Perlentaucherin Kai schildert aus ihrer Sicht das Geschehen. Man kann sich wunderbar mit dieser Figur identifizieren, die viele Abenteuer und eine rasante persönliche Entwicklung durchlebt. Die Zwillinge sind sehr gegensätzliche Charaktere, lieben sich aber innig. Kai sieht sich eher als den „bösen“ Zwilling. Tatsächlich ist sie anfangs ungeduldig und ungehorsam, aber ihr Durchsetzungswillen und Zielstrebigkeit sind es, die sie als tapfere Heldin durch ihr Abenteuer hindurch tragen werden. Ihre Liebe und Ergebenheit zu Kishi lassen sie treu ihre Mission durchhalten. Diese gefahrvolle Reise lässt sie reifen, erwachsen werden und Verantwortung übernehmen. Immer wieder stehen schmerzhafte Entscheidungen vor ihr. Von Anfang an zieht Kai aus den Mythen ihrer Heimat, die sie seit Kindertage begleiten, Weisheit und Kraft. Vielleicht schafft sie damit sogar einen neuen Heldenmythos. Das mitzuerleben ist sehr bereichernd.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.04.2026

Die Magie der Falter

Das Jahr der Schmetterlinge
0

Der Titel hat mich gleich angezogen, doch das Cover der deutschen Ausgabe dieses Buches zeigt für meinen Geschmack zu viele ablenkende Details, zu viel grelles Pink zwischen dem der Schmetterling fast ...

Der Titel hat mich gleich angezogen, doch das Cover der deutschen Ausgabe dieses Buches zeigt für meinen Geschmack zu viele ablenkende Details, zu viel grelles Pink zwischen dem der Schmetterling fast untergeht. Das dänische Originalcover gefällt mir weitaus besser. Die Konzentration auf den Falter, darum geht es doch eigentlich.

Der Wunsch, sich näher mit heimischen Schmetterlingen zu beschäftigen, hat die dänische Journalistin Lea Korsgaard schon mehrere Jahre bewegt. Doch im dunklen, kalten Winter 2022 beschließt sie, ihn endlich in die Realität umzusetzen. Binnen eines Jahres möchte Korsgaard alle dänischen Schmetterlingsarten in der Natur sehen. Was sie damals noch nicht ahnt, wie dieses Jahr der Schmetterlinge ihr Leben und ihr Bewusstsein verändern wird.

Zunächst versucht sie, eine Liste sämtlicher tagaktiven Schmetterlinge anzulegen, die (noch) in Dänemark zu finden sind. Die erste Hürde ist bereits die Liste selber, denn Korsgaard geht ziemlich ahnungslos an dieses Unternehmen. Über Schmetterlinge weiß sie eigentlich kaum etwas. Der dänische Biologe und Schmetterlingsexperte Michael Stoltze kann ihr weiterhelfen. Tatsächlich kommen nur noch 65 Tagschmetterlingsarten in Dänemark vor. Es wird klar, dass die Suche nach ihnen kein Kinderspiel sein wird: viele Arten sind nicht leicht zu entdecken, ihr Erscheinen beschränkt sich auf bestimmte Monate. Teilweise haben sie auch nur sehr kurze Lebensspannen (Wochen, Tage). Lea Korsgaard macht sich trotzdem voller Zuversicht und Engagement auf den Weg.

Neben dem aufwändiger werdenden Schmetterlingsprojekt läuft der Alltag der Autorin mit turbulenten Familienleben mit drei Kindern, Ehemann und Job weiter. Korsgaard verwebt die Geschichte ihrer Schmetterlingssuche, die Recherche und Gedanken rund um dieses Thema, mit ihrem persönlichem Leben und den Problemen, alles zusammen zu bewerkstelligen.

Es beginnt mit dem Erwerb des notwendigen (aber fehlenden) Basiswissen: z.B. auf welche Weisen die Schmetterlinge den Winter überstehen, was man unter Metamorphose versteht, die Verbindung und Abhängigkeiten der gesuchten Schmetterlingen zur umgebenden Natur. Das mag auch für die Leserschaft oft nicht in allen Details bekannt zu sein.
Ihre „Jagd“ nach den Sommervögeln („sommerfugl“ = dänisch für Schmetterling) führt sie in Landschaften, von denen sie vorher nicht wusste, dass sie existieren. Sie wird von Leuten, die ihr Hilfe versprochen haben, zu abgelegenen Orten geführt: Wiesen, Wälder Feuchtgebiete, die sie und auch wir vermutlich sonst nie aufgesucht, sondern übersehen hätten. Im Laufe der Zeit wächst die Erfahrung der Autorin und sie vergleicht die Planung ihrer Exkursionen mit der eines militärischen Manövers.
„Ich war eine Jägerin. Ich wusste über Dinge Bescheid. Ich kannte Fachausdrücke wie Fouragieren, Rast und Imago.“ S. 271

Die Herausforderung, sich den Schmetterlingen anzunähern, führt sie auch zu interessanten Exkursionen in die Welt der Literatur, Mythologie, Philosophie und Umweltwissenschaften. Diese sind gut nachvollziehbar, eröffnen neue Perspektiven und wecken Neugierde, könnten aber gern konzentrierter und weniger ausufernd sein.

Der Fortlauf des Jahres strukturiert die Schmetterlingssuche. So geben die Monate des Jahres die Kapitelaufteilung vor. Eingestreut in den Text sind Illustrationen der Schmetterlinge mit Zeitpunkt und Ort der Sichtung durch die Autorin. Das ist sehr schön zur Erläuterung. Leider fehlt mir die Angabe, wer diese Illustrationen angefertigt hat. Denn die Autorin war mit der Kamera und nicht mit Stift oder Pinsel unterwegs. Das Fehlen von Fotos mag manche/r beklagen.

Sehr eindringlich sind die Mahnungen der Autorin bezüglich der Vernichtung von Lebensräumen und dem Aussterben in der Tierwelt, das ein unfassbares Ausmaß und Tempo angenommen hat. „Was unsere Natur angeht, steht sie seit hundert Jahren in Flammen. … Der Artenschwund geht schneller voran als jemals zuvor in der Erdgeschichte.“ S. 228
Korsgaard hat eine ganz persönliche und vermutlich für ein Sachbuch unerwartete Art, über ihre Suche zu schreiben. Ihr Ziel ist es, dass die Leser*innen selber beginnen, die Natur mit neuem Blick anschauen und vielleicht kleine Details, die einem vorher entgangen sind, entdecken.

Ich hätte mir dafür noch einen größeren Schwerpunkt auf die einzelnen Schmetterlinge selber und ihren Lebensraum gewünscht.
„Verantwortung entsteht, wenn wir in der Lage sind, die Schönheit wahrzunehmen, die uns umgibt.“S. 262
Und um diese Schönheit wahrzunehmen, würde ein bisschen mehr Wissen über z.B. den jeweiligen Falter und seine ganz spezifischen Bedürfnisse helfen. Denn diese genauere Betrachtung geht schnell unter zwischen den vielen Exkursen in andere Bereiche. Die zunehmenden Fähigkeiten der Autorin, ganz in die Natur einzutauchen, bewahrt sie davor, dass die Suche am Ende nur zu einer reinen Trophäenjagd wird.

Auf jeden Fall kann das Buch motivieren, selber mehr über Schmetterlinge in Erfahrung zu bringen. Auch als Ermutigung, eigene Herzensprojekte endlich anzugehen, könnte es bei dem/der einen oder anderen dienen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.01.2026

Die magische Stimme der Themse

Die Jagd nach den magischen Münzen
0

Hier kommt lernt man London wirklich von einer unerwarteten Seite kennen! Da die Themse von den Gezeiten der Nordsee beeinflusst wird, gibt sie zweimal an jedem Tag bei Niedrigwasser den Flussschlamm ihrer ...

Hier kommt lernt man London wirklich von einer unerwarteten Seite kennen! Da die Themse von den Gezeiten der Nordsee beeinflusst wird, gibt sie zweimal an jedem Tag bei Niedrigwasser den Flussschlamm ihrer Ufer frei. Plötzlich können im Schlamm jahrhundertealte, auch durchaus wertvolle Objekte in sehr gutem Zustand auftauchen.
Wie auf dem stimmungsvollen Cover des Romans abgebildet, durchwühlten arme Londoner Straßenkinder in den vergangenen Jahrhunderten systematisch den Schlamm am Themse-Ufer nach angeschwemmten Gegenständen, die sie verwenden oder verkaufen konnten. Natürlich hofften sie alle auf einen möglichen Schatz. Man nannte sie die Mudlarks (zu Deutsch Schlammlerche, im vorliegenden Roman Schlammschwalbe). Auch heute tummeln sich übrigens noch Mudlarks und Hobbyarchäologen dort im Themseschlamm.

Dieser abenteuerliche Jugendroman erzählt die Geschichte des zwölfjährigen Mädchens Bo Delafort, eine Halbwaise, die im armen, industrialisierten Londoner Stadtteil Battersea direkt am südlichen Ufer der Themse lebt. Stolz nennt sie sich “Schlammschwalbe” (Mudlark), als sie auf den unbekannten Billy River, einen Waisenjungen vom jenseitigen Ufer trifft. Zusammen werden sie sich auf die Jagd nach magischen Münzen begeben. Denn als Bo eine wertvolle Schmuckscheibe aus dem Schlamm befreit, vernimmt sie plötzlich die magische Stimme des Flusses, der ihr unter bestimmten Bedingungen die Rückkehr eines geliebten Menschen verspricht.
Bo ist gerade in großer Sorge um ihren blutjungen Bruder Harry, der nun in den großen Krieg ziehen muss, den man später den 1. Weltkrieg nennen wird. Billy und Bo haben bereits geliebte Menschen verloren, die sie herbei sehnen, sie sind bitterarm und könnten den Erlös eines Schatzes gebrauchen. Doch nicht nur die beiden sind an dem ungewöhnlichen Schatz interessiert.

Diese Geschichte ist eigentlich mehr als eine Jagd nach einem Schatz wie der Titel verspricht. Sie verwebt die Schatzsuche mit Magie und „Mystery“ vor einem ungewöhnlichen historischen Hintergrund. Anfänglich glaubt man sich durch die Stimmung in die viktorianische Epoche zurückversetzt. Doch der erste Weltkrieg macht sich bitter und grausam bemerkbar.
Mir gefällt Bo, die als unerschrockener Charakter durch die Geschichte führt und an den Herausforderungen wachsen muss. Ihre Entwicklung ist sehr authentisch dargestellt. Einige Charaktere sind sehr ungewöhnlich wie Billy, der sich erst selber ein Bild von sich machen muss, der bösartige Mr. Muncaster, seine Verlobte und Bos neue Lehrerin.
Niemand erweist sich so, wie er auf den ersten Blick erscheint. Bo muss mit Täuschungen und Enttäuschungen umgehen lernen. Das sind auch Herausforderungen für die junge Leserschaft.

Eine sehr wichtige Rolle spielt der Fluss selber. Die Themse ist fast wie ein Charakter in der Geschichte, denn für die Bewohner ihrer Ufer ist sie ein lebendes Wesen. Ein Hort von Schätzen, die es zu geben und nehmen vermag, voller Erinnerungen und verlorener Dinge. Der Fluss hat eine unkontrollierbare Macht, die man zu respektieren hat. Und manchmal entscheidet die Flussströmung, Menschen Schätze oder auch Einsichten zu schenken.
Das anfängliche ruhige Tempo steigert sich, die Suche wird zu einem hindernisreichen Rennen gegen die Zeit. Die Wendungen sind sehr überraschend, zumal sie offenbaren, dass es hier um mehr als eine magische Schatzjagd mit vielen Gruselelementen geht.
Das Thema Freundschaft ist sehr wichtig, aber auch Verlust, Schmerz, Gier, Hass und Tod spielen elementare Rollen. Das sollte man wissen. Die Handlung hat durchaus eine emotionale Tiefe.

Ich empfinde den Spannungsbogen als gelungen. Aufmerksame junge Leser und Leserinnen können im Laufe des Buches manche Täuschungen vorher entdecken. Doch ich hätte mir gewünscht, dass die Trigger wie Tod und Verlust in einem kurzen Vorwort erwähnt werden. Ansonsten passen diese Themen sehr gut in die Geschichte als unerwarteter Drehpunkt und Entwicklungsmoment der Protagonisten.
Die Altersempfehlung vom Verlag ist 10-14 Jahre. Ich persönlich denke, dass das Buch bei 12 bis 14 jährigen auf eine geeignete Zielgruppe treffen würde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere