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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.05.2018

Wer wagt, gewinnt

Ans Meer
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Der Linienbusfahrer Anton mag seinen Beruf nicht mehr, steht unter dem Pantoffel seiner Mutter und ist zudem unglücklich verliebt. Als ihn eine langjährige, schwer krebskranke Passagierin bittet, sie mit ...

Der Linienbusfahrer Anton mag seinen Beruf nicht mehr, steht unter dem Pantoffel seiner Mutter und ist zudem unglücklich verliebt. Als ihn eine langjährige, schwer krebskranke Passagierin bittet, sie mit dem Bus in ihre italienische Heimat ans Meer zu fahren, kommt er ihrem Wunsch nach. Schließlich mag seine Angebetete mutige Männer. So steuert Anton den Bus nebst mehreren Insassen in den Süden. Leider setzt dies eine Verfolgungsjagd der Polizei in Gang, die ihm mehrfache Freiheitsberaubung vorwirft. Und auch seine Angebetete fährt ihm nach.
Nur 140 Seiten ist dieser Roman lang. Doch liegt wie so oft in der Kürze die Würze. Es ist eine wunderschöne Geschichte, die zu lesen sich wirklich lohnt. Nicht nur gibt es auf diesem ungewöhnlichen Roadtrip so manch unerwarteten, manchmal humorigen Zwischenfall. Auch jeder der Businsassen hat einen spezifischen Charakter und entwickelt sich auf der kurzen Fahrt weiter. Während anfangs so mancher nur widerwillig mitfährt, wird der Zusammenhalt allmählich immer stärker und am Ende sind alle eine eingeschworene Gemeinschaft. Der traurige Anlass für die Fahrt tritt fast völlig in den Hintergrund, stimmt auf jeden Fall überhaupt nicht traurig. Abwechslung bringen Einschübe, in denen es um die Nachfahrt von Antons Freundin geht und in denen sie über ihre Beziehung zu Anton sinniert mit dem Fazit positiver Selbsterkenntnisse.
Klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 22.04.2018

Eine tragische Außenseiterliebe

Nicu & Jess
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Schon äußerlich und formal ist das Buch ein Hingucker, etwas ganz Besonderes – knallorangefarbener Seitenschnitt, weißes Lesebändchen, (nicht reimender) Versroman (der wohl eine Spezialität der Mitautorin ...

Schon äußerlich und formal ist das Buch ein Hingucker, etwas ganz Besonderes – knallorangefarbener Seitenschnitt, weißes Lesebändchen, (nicht reimender) Versroman (der wohl eine Spezialität der Mitautorin Crossan ist), abwechselnde Erzählperspektiven, von denen Nicus Part in „Kauderwelsch“ abgefasst ist. Inhaltlich übertrifft die Geschichte dann noch die dadurch geschürten Erwartungen. Die beiden Fünfzehnjährigen Nicu und Jess lernen sich bei Sozialstunden kennen, zu denen sie wegen Ladendiebstählen verdonnert wurden. Der Romajunge ist erst seit kurzem in London. Seine Eltern wollen schnell Geld verdienen, um ihren Sohn – gegen dessen Willen - dann in Rumänien verheiraten zu können; die passende Braut ist schon gefunden. Nicu jedoch will um keinen Preis der Welt zurück in seine arme Heimat, auch wenn er vor allem aufgrund seiner schlechten Sprachkenntnisse gemobbt wird. Jess kommt aus einem sozialen Randmilieu und wird mit ihrer Mutter vom Stiefvater drangsaliert. Ganz allmählich freunden sich die beiden an, woraus sogar eine zarte Liebe wird. Zur Bewährung kommt es, als sie von zu Hause abhauen.
Dieses Buch ist in erster Linie für Jugendliche gedacht, in deren Milieu es spielt - Cliquen, die Schwächere mobben und nur denjenigen akzeptieren, der mit ihren Regeln konform geht. Es ist schon erschreckend, welch harte Umgangsformen unter Jugendlichen gelten. Doch auch Erwachsene wie ich werden Gefallen an dem Buch finden, zumal auch Themen wie das Versagen von Lehrern und Eltern oder eine von Vorurteilen geprägte Gesellschaft angerissen werden. Bestechen tut das Buch vor allem durch seine Sprache, insbesondere in Nicus Part, der in Kauderwelsch-Deutsch verfasst ist, um deutlich zu machen, welche Sprachbarrieren sich für einen Migranten auftun und dass Sprache für eine gelungene Integration so wichtig ist. Auf jeden Fall weckt die Geschichte gerade in Zeiten zunehmender Flüchtlingswellen Verständnis für Migranten. Offen bleibt am Ende eigentlich nur, welcher Teil des Buchs von Sarah Crossan und welcher von ihrem Schriftstellerkollegen Brian Conaghan geschrieben wurde.

Veröffentlicht am 22.04.2018

Der Werdegang eines Exilautors

Ich wollte nur Geschichten erzählen
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Dieses Hörbuch mit einer Gesamtlänge von 244 Minuten, unterteilt in 74 Kapitel, macht Lust darauf, Erzählungen und Romane des aus Syrien stammenden Exilautors zu lesen oder – besser noch – sich von ihm ...


Dieses Hörbuch mit einer Gesamtlänge von 244 Minuten, unterteilt in 74 Kapitel, macht Lust darauf, Erzählungen und Romane des aus Syrien stammenden Exilautors zu lesen oder – besser noch – sich von ihm persönlich auf einem seiner zahlreichen Erzählabende erzählen zu lassen. Es ist keine Biografie im eigentlichen Sinne, obschon Schami seinen Werdegang darstellt von seinen schriftstellerischen Anfängen als Jugendlicher in seiner Heimat Syrien über seine Entscheidung im Jahr 1971, als 26jähriger zwecks Vermeidung einer langjährigen Haftstrafe bzw. des Todes ins deutsche Exil zu gehen, bis hin zu seinen allmählichen Erfolgen als in deutsch schreibender und erzählender (weil kein arabischer Verlag ihn veröffentlichen wollte) Exilautor. Wirklich beeindruckend ist der Werdegang von Rafik Schami, der zu seinen beiden besten Entscheidungen zählt, Damaskus für ein Leben in Freiheit verlassen und seinen Vollzeitjob als Chemiker in Deutschland zugunsten der Schriftstellerei an den Nagel gehängt zu haben. Man kann sich kaum vorstellen, welche Mühe er auf sich genommen hat, um deutsche Literatur schreiben und diese akzentfrei in freier Rede auf deutsch erzählen zu können. Er schrieb doch tatsächlich die „Buddenbrooks“ Wort für Wort ab. Genauso interessant wie sein persönlicher Werdegang ist die von ihm geäußerte Kritik am syrischen Regime von Assad und den arabischen Verhältnissen. Sie wecken viel Verständnis gerade in Zeiten der Flüchtlingsströme aus Syrien. Die in den 74 Kapiteln behandelten Themen sind so zahlreich, dass jeder für sich Interessantes herausfiltern kann, z.B. über Heimat, Heimweh, Gastfreundschaft. Dieses Hörbuch kann man auf jeden Fall mehrfach hören und wird immer wieder neue Aspekte entdecken. Bezugnahmen auf andere große Schriftsteller regen an, sich auch mit deren Werken z beschäftigen. Das Tüpfelchen auf dem i wäre gewesen, wenn diese Lesung von Schami selbst, der doch ein begnadeter Erzähler ist, vorgetragen worden wäre, wenngleich Wolfgang Berger sehr gelungen gelesen hat.

Veröffentlicht am 17.03.2018

Eine wunderschöne Liebesgeschichte in leiser Tonart

Eine Liebe, in Gedanken
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Im Hamburg der 60er Jahre verliebt sich Antonia in Edgar. Sie - das Leben genießend, beruflichen Erfolg und Selbständigkeit anstrebend, etwas naiv; Er – etwas steif, vorsichtig, zahllose romantische Briefe ...

Im Hamburg der 60er Jahre verliebt sich Antonia in Edgar. Sie - das Leben genießend, beruflichen Erfolg und Selbständigkeit anstrebend, etwas naiv; Er – etwas steif, vorsichtig, zahllose romantische Briefe schreibend. Antonias Traum von einem gemeinsamen Leben erfüllt sich nicht. Sein Versprechen, sie zu sich nach Hongkong zu holen, wo er für seine Firma ein Außenhandelsbüro aufbaut, hält Edgar nie, obwohl Antonia zu Hause für ihn schon Wohnung, Arbeit und Familie aufgebeben hat und auf gepackten Koffern sitzt. 50 Jahr später, in der Zeit der Trauer um ihre gerade verstorbene Mutter, geht Antonias Tochter der Frage nach, warum es für Antonia und Edgar keine gemeinsame Zukunft gab.
Dies ist eine wunderschöne Liebesgeschichte der leisen, nachdenklichen Tonart, die, wie von Anbeginn aufgrund des Klappentextes bekannt, kein Happy End hat. Auf die Frage nach dem Grund hierfür wird sich jeder Leser letztlich eine eigene Meinung bilden müssen. Sehr interessant ist es zu lesen, welche Rolle einer jungen Frau in den 60er Jahren in Deutschland zugedacht war und wie sehr Antonia von eben diesem Erwartungsbild abwich. Als junge Frau in einer eigenen Wohnung zu leben, einem Beruf nachzugehen und Karriere zu machen, mit einem Mann das Leben zu genießen, ja sich sogar die Pille verschreiben lassen zu wollen, wurde von der Gesellschaft wie auch von der eigenen Familie argwöhnisch beäugt. Wie schön ist es doch dagegen, ein halbes Jahrhundert später als Frau ganz selbstverständlich selbstbewusst und eigenbestimmt leben zu können. Wir haben es aber nicht nur mit einer Liebesgeschichte zu tun. Zusätzlich wird das Mutter-Tochter-Verhältnis beleuchtet. Das geschieht sehr berührend, indem die namenlos bleibende Erzählerin = Antonias Tochter noch in der Phase der Trauer Zwiegespräche mit der toten Mutter führt. Beide Stränge werden abwechselnd fortgeführt.
Ein Roman, den zu lesen ich ans Herz lege.

Veröffentlicht am 22.02.2018

Mehr Roman denn Krimi

Kühn hat Ärger
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Das Schöne an dem vorliegenden Buch ist, dass es eine breite Leserschaft anspricht. Zum einen die Leser von Romanen der Gegenwartsliteratur, zum anderen Krimi-Fans. Wie es sich letztlich einordnen lässt, ...

Das Schöne an dem vorliegenden Buch ist, dass es eine breite Leserschaft anspricht. Zum einen die Leser von Romanen der Gegenwartsliteratur, zum anderen Krimi-Fans. Wie es sich letztlich einordnen lässt, mag jeder für sich entscheiden. Da eine Leiche und ein Kommissar allein noch keinen Krimi ausmachen, würde ich selbst die Geschichte eher als Roman einordnen. Der Krimi-Plot bildet lediglich den Rahmen um vielfältige aktuelle gesellschaftspolitische Themen.
Wie im früheren Buch des Autors „Kühn hat zu tun“ – das ich nicht gelesen habe und man nach meiner Meinung um des besseren Verständnisses willen nicht unbedingt zuvor gelesen haben muss – steht der Münchener Hauptkommissar Martin Kühn im Mittelpunkt. Als aktuellen Fall hat er ein Tötungsdelikt zu Lasten eines jungen Libanesen aus schlechten sozialen Verhältnissen aufzuklären, der ihn in die Welt der wohlhabenden Bürger aus Grunwald führt, zu denen der Getötete neuerdings Zugang hatte. Parallel dazu beschäftigen Kühn diverse private Probleme – das kaum bezahlbare Wohnen in einem kreditfinanzierten Reihenhaus im teuren Münchner Umland, das zudem auf chemisch verseuchtem Grund errichtet ist; rechtsradikale Aktivitäten in seinem Wohnumfeld; die Konkurrenz mit seinem Untergebenen bei der Bewerbung auf eine Beförderungsstelle; der Verdacht der ehelichen Untreue seiner Frau und eine diesbezügliche eigene Versuchung; eine ungeklärte Erkrankung.
Diese Themen sind so aktuell und vielfältig, dass man sich in dem einen oder anderen durchaus wiederfinden kann. Der Kriminalfall wird ganz allmählich gelöst und gibt genügend Gelegenheit, selbst mitzuraten. Kühn ist ein eher eigenbrötlerischer Ermittler mit geschickten Verhörmethoden. Interessant sind die Einblicke in die inneren Strukturen der Kriminalpolizei, etwa die Art und Weise, in der der Polizeirat Kühn zur Teilnahme an einem Seminar für Führungskräfte zwingt. Das Drumherum um dieses Seminar ist übrigens wie auch andere Passagen durchaus humorvoll. Die Grundidee der Handlung empfinde ich als etwas irreal. Ein krimineller Jugendlicher mit Migrationshintergrund dürfte kaum mit so offenen Armen von den Eltern seiner ihm erst kurze Zeit bekannten Freundin aus einer völlig anderen Welt aufgenommen werden. Natürlich haftet diesem Aspekt auch etwas Märchenartiges an. Angetan war ich von so manchem Detail, mit dem die Geschichte gekonnt und passend ausgeschmückt wird, z.B. betreffend das IKEA-Sofa „Kivik“.
Da einige Aspekte aus Kühns Privatleben nicht zu Ende geführt werden, darf wohl mit einer Fortsetzung gerechnet werden, die ich ganz gewiss lesen werde, nachdem mir dieser Band so gut gefallen hat.