Glück war nicht für ihn gemacht: Berührender Roman über Obdachlosigkeit
Solange ein Streichholz brenntIn Christian Hubers Roman „Solange ein Streichholz brennt“ treffen zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten aufeinander.
Da ist zum einen Bohm, der seit fünf Jahren auf der Straße lebt. ...
In Christian Hubers Roman „Solange ein Streichholz brennt“ treffen zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten aufeinander.
Da ist zum einen Bohm, der seit fünf Jahren auf der Straße lebt. Über seine Vergangenheit und weshalb er auf der Straße landete, darüber schweigt er.
Auf der anderen Seite ist da Alina, eine Journalistin, die um ihre Karriere bangen muss, und die mit einer Reportage über Obdachlosigkeit noch eine Chance von ihrem TV-Sender bekommt.
Widerwillig lässt Bohm sich von ihr durch seinen Alltag begleiten – er braucht dringend Geld, um die Tierartzrechnung seines schwer verletzten Hundes Fox zu begleichen.
Womit beide nicht rechnen, sind die zarten Gefühle, die sie füreinander entwickeln ...
Mich hat der Roman von Anfang an emotional sehr berührt. Vor allem die zarte Darstellung der aufkeimenden Gefühle war sehr bewegend.
„Etwas in Alinas Brust machte einen Sprung.
Sie konnte sich nicht helfen, aber dieser Mensch rührte sie. Ein Gedanke versuchte, sich in ihrem Kopf zu manifestieren: Sie fand ihn … Er war … Alles, was Bohm gemacht hatte, war … war nett. Sie fand Bohm nett. Konnte man einen Obdachlosen nett finden? Klar. Jeden Menschen konnte man nett finden. Das war nicht die Frage. Aber war es in ihrem Fall professionell?“
Die Szene mit der Begegnung zwischen Bohm und Alinas Eltern hat mich mitten ins Herz getroffen
„[...] ‘Er schläft nicht gern in völliger Dunkelheit’, sprach er weiter. ‘Er mag Licht.’
‘Weil er Angst hat, überfallen zu werden?’, fragte Alinas Vater.
Bohm wiegte den Kopf hin und her. ‘Genau.’ Er wartete noch ein wenig ab, dann sagte er: ‘Er will eigentlich mit niemandem etwas zu tun haben. Wollte’, korrigierte er und schaute in Alinas Augen. ‘Ihrer Tochter ist es zu verdanken, dass sich das ändert.’
Er spürte, dass Alina ihn etwas fragen wollte.
Stattdessen sprach ihre Mutter: ‘Es gibt immer einen Grund, warum Leute durch das Raster fallen, oder?’
‘Irgendeinen Grund gibt es immer’, bestätigte Bohm.
‘Also glauben Sie nicht, dass dieses Schicksal jeden treffen kann?’
Bohm dachte nach. Er schaute wieder in die Runde. ‘Doch. Das glaube ich schon. Und das ist tragisch. Und traurig. Und macht einen wütend vor Hilflosigkeit. Ein einziger Moment kann alles verändern. Oder wie Sie sagen: das Schicksal. Aber manche Menschen sind das Schicksal.’“
Durch die Perspektivwechsel konnte man sich sehr gut in Alinas und Bohms Innenleben hineinversetzen. Dem Autor sind sowohl die Darstellung von Alinas Selbstzweifeln und Sorgen als auch Bohms täglichem Kampf gegen Kälte, Hunger und Gefahren überzeugend gelungen, ohne klischeehaft oder reißerisch zu werden.
Lediglich zum Ende hin fand ich die Handlung nicht mehr komplett realistisch; Bohms Vergangenheit und sein Weg in die Obdachlosigkeit war für mein Empfinden zu konstruiert und nicht glaubwürdig.
Auch das Ende konnte mich nicht ganz überzeugen; es kam mir dann alles etwas zu schnell - obwohl es andererseits doch hoffnungsvoll ist.
Ich vergebe 4 Sterne für diesen ruhigen, emotionalen Roman über Obdachlosigkeit und die skrupellose Sensationsgier der Medien.
Vielen Dank an den dtv Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚