Zwischen Nähe und Entfernung
Fast ein LebenKiran Millwood Hargrave erzählt in diesem Roman nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern zugleich ein intensives Porträt zweier Menschen, die über Jahrzehnte hinweg miteinander verbunden bleiben. Die Handlung ...
Kiran Millwood Hargrave erzählt in diesem Roman nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern zugleich ein intensives Porträt zweier Menschen, die über Jahrzehnte hinweg miteinander verbunden bleiben. Die Handlung beginnt im Paris der späten siebziger Jahre und entwickelt sich danach über viele Jahre hinweg weiter, ohne jemals an emotionaler Wirkung zu verlieren.
Besonders gelungen ist die Art, wie gesellschaftliche Entwicklungen und persönliche Lebenswege ineinandergreifen. Die politischen Veränderungen, die Atmosphäre der einzelnen Jahrzehnte und die Herausforderungen des jeweiligen Zeitgeists fließen ganz selbstverständlich in die Geschichte ein. Dadurch wirkt der Roman glaubwürdig und vielschichtig.
Erica und Laure stehen dabei weniger für eine klassische Romanze als vielmehr für die Frage, wie sehr bestimmte Begegnungen das eigene Leben prägen können. Beide Figuren bleiben angenehm unperfekt. Ihre Zweifel, ihre Unsicherheiten und ihr Schweigen machen sie menschlich und nahbar.
Der Schreibstil wirkt ruhig und anspruchsvoll, zugleich aber sehr zugänglich. Viele Passagen entfalten ihre Wirkung erst zwischen den Zeilen. Besonders die stillen Szenen und unausgesprochenen Gefühle hinterlassen Eindruck. Trotz des Umfangs bleibt die Geschichte fesselnd, weil die Autorin ihren Figuren Raum zur Entwicklung gibt. Manche Kapitel wirken beinahe wie Momentaufnahmen eines ganzen Lebens und genau darin liegt die Stärke dieses Romans.
Mich hat vor allem beeindruckt, wie fein hier über verpasste Möglichkeiten, Sehnsucht und Erinnerung geschrieben wird. Ein kluger, atmosphärischer Roman, der lange nach dem Lesen im Kopf bleibt.