Wenn Liebe zur Sehnsucht nach Anerkennung wird
Die LiebeshungrigenKarine Tuil schreibt in "Die Liebeshungrigen" mit einer Kälte, die nicht gefühllos ist, sondern hellwach. Ihr Roman seziert Menschen, die nach Liebe suchen und doch oft etwas anderes meinen: ...
Karine Tuil schreibt in "Die Liebeshungrigen" mit einer Kälte, die nicht gefühllos ist, sondern hellwach. Ihr Roman seziert Menschen, die nach Liebe suchen und doch oft etwas anderes meinen: Bestätigung, Einfluss, Bewunderung, einen Platz im Licht. Genau darin liegt seine Stärke. Tuil zeigt nicht das große Gefühl als romantische Erlösung, sondern als etwas Unruhiges, Hungriges, manchmal Beschämendes.
Besonders beeindruckt hat mich, wie sicher sie die Mechanik zwischen Innenleben und Außenwirkung beherrscht. Ihre Figuren wirken nie einfach sympathisch oder unsympathisch. Sie sind eitel, verletzt, klug, bedürftig, selbstgerecht, manchmal geradezu verloren — und dadurch erstaunlich glaubwürdig. Man erkennt in ihnen keine Helden, sondern Menschen, die sich vor anderen inszenieren und dabei sich selbst immer weniger entkommen.
Der Roman hat eine elegante Härte. Tuil schreibt präzise, ohne trocken zu werden, und sie vertraut auf Zwischentöne: auf Gesten, kleine Verschiebungen, Blicke, Machtverhältnisse, die nicht ausgesprochen werden müssen, um spürbar zu sein. Gerade diese Genauigkeit macht die Lektüre so intensiv. Nichts wirkt zufällig, und doch bleibt genug Luft für Ambivalenz.
Was "Die Liebeshungrigen" für mich besonders lesenswert macht, ist seine Gegenwärtigkeit. Das Buch erzählt nicht einfach von Beziehungen, sondern von einer Welt, in der Liebe, Ruhm, Jugend, Körper, Erfolg und moralische Haltung ständig miteinander verrechnet werden. Tuil hält dieser Welt keinen erhobenen Zeigefinger vor, sondern einen Spiegel — und der ist stellenweise unangenehm klar.
Ein kluger, scharf beobachteter und stilistisch sehr souveräner Roman. Nicht bequem, nicht gefällig, aber genau deshalb so stark. Für mich volle 5 Sterne.