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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.04.2026

erschütterte Jugendfreundschaft

Der Sommer, der uns blieb
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Die langjährige Kinder- und später Jugendfreundschaft der damals eng zusammengeschweissten Freunde Britta, Pia und Martin wurde abrupt auseinandergerissen. Rund 20 Jahre haben sie sich komplett aus den ...

Die langjährige Kinder- und später Jugendfreundschaft der damals eng zusammengeschweissten Freunde Britta, Pia und Martin wurde abrupt auseinandergerissen. Rund 20 Jahre haben sie sich komplett aus den Augen verloren. Nun kehren sie aus unterschiedlichen Gründen in ihr beschauliches Heimatstädtchen zurück. Pia, die damals Hals über Kopf verschwunden ist, will noch eine einzige Lebensaufgabe erledigen, bevor es zu spät ist: Sie muss Britta und Martin endlich erzählen, was damals wirklich geschehen ist. Doch die Narben sitzen tief. Kann es gelingen, nach einer solchen Zäsur an die früheren Freundschaftsbande noch rechtzeitig anzuknüpfen?

Schicht für Schicht trägt die Autorin behutsam den Lack ab, bis die ganze Wahrheit verletzt und nackt offenliegt. In knackig-kurzen Kapiteln wird aus wechselnder Perspektive der Figuren erzählt. Die nötigen Zeitsprünge fügen sich organisch ein. Einfühlsam wird beschrieben, wie seltsam sich das Heimkommen bisweilen anfühlt und wie klein und beengt uns plötzlich alles vorkommt, wenn wir ins Elternhaus zurückkehren.

Ein gefühlvoller und vielschichtiger Roman, verfasst aus der Weisheit eines gereiften Lebens heraus. Er zeigt uns, dass wir selbst entscheiden, welche Erinnerungen wir zulassen oder wegschliessen und welch heilsame Kraft das Vergeben sein kann. Viel Liebe zum Detail auch optisch: ein attraktiver Farbschnitt, eine farbenfrohe Überraschung im Buchinneren, und zum Auftakt der Kapitel jeweils personenbezogene Blütenskizzen und haiku-artige Zitate. Auch das liebevoll und stimmig eingebaute Zitat von Auden ist mir nicht entgangen. Von diesem Roman habe ich mich verstanden gefühlt.

Veröffentlicht am 04.04.2026

gekommen um zu bleiben?

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Die 25-jährige Studentin Sophie verbringt ihre Tage im eintönigen Alltagstrott in Süddeutschland. Das Studium interessiert sie nicht wirklich und der Nebenjob ödet sie an. Aus diesem Stumpfsinn heraus ...

Die 25-jährige Studentin Sophie verbringt ihre Tage im eintönigen Alltagstrott in Süddeutschland. Das Studium interessiert sie nicht wirklich und der Nebenjob ödet sie an. Aus diesem Stumpfsinn heraus tätigt sie einen Impulskauf im Internet: Mit so ziemlich den letzten 3'000 Euros ersteht sie ein Haus in einem winzigen Dorf in Ostdeutschland - natürlich ungesehen und ohne jegliche Ahnung von solchen Geschäften. Vor Ort entpuppt sich ihr neues Eigenheim als halb verfallene Ruine mit Loch im Dach, ohne Strom und Heisswasser. Die Dorfbewohner begegnen ihr mit Ablehnung, Misstrauen und Spott.

Sophie lässt sich nicht entmutigen und krempelt die Ärmel hoch. Sie muss bald lernen, dass die eigenhändige Sanierung eines Schnäppchenhauses doch nicht so mühelos funktioniert, wie die Tutorials im Internet das vermitteln. Zudem wird das Geld immer knapper. Gleichzeitig entdeckt die Studentin aber, wieviel Freude und Stolz sie verspürt, wenn sie Dinge selber reparieren und Neues erschaffen darf. Zudem wird ihr in der Abgeschiedenheit klar, wie wenig sie bisher über ihr ganzes Dasein nachgedacht hat. Was möchte sie eigentlich machen mit ihrem Leben?

Dieses herrlich erfrischende und extrem kurzweilige Buch bringt dich garantiert zum Lachen! Es steckt voller Selbstironie, Situationskomik und bissigem Sarkasmus. Dazu noch Gesellschaftsskritik, die zum Nachdenken anregt. Nebst all dem Humorvollen ist es aber auch ein zutiefst existenzieller Roman. Wofür würden wir unser allerletztes Geld ausgeben? Welche Rahmenbedingungen brauchen wir für ein sicheres und komfortables Leben und wo stecken wir vielleicht selbst fest in Abhängigkeiten, die uns gar nicht bewusst sind?

Ein unterhaltsames und atemloses Lesevergnügen mit Tiefgang. Meine persönliche Empfehlung für Lesende von Giulia Becker und Juli Zeh.

Veröffentlicht am 02.04.2026

Vom Gehen oder Bleiben

Der letzte Leuchtturm
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Muckle Flugga: nördlichste bewohnte Insel Grossbritanniens. Sturmumtost trotzt die Insel der Shetlands den Fluten der Nordsee. Als letzte Bastion der Menschheit wacht ein Leuchtturm und lotst die Schiffe ...

Muckle Flugga: nördlichste bewohnte Insel Grossbritanniens. Sturmumtost trotzt die Insel der Shetlands den Fluten der Nordsee. Als letzte Bastion der Menschheit wacht ein Leuchtturm und lotst die Schiffe durch diese schwierige Passage. Einzige verbliebene Bewohner sind der jähzornige, verwitwete Leuchturmwärter und dessen 19-jähriger Sohn Ouse. Beide vermissen die verstorbene Mutter des jungen Mannes auf ihre Weise: Ouse mit tiefer Liebe und Empathie im Herzen; sein Vater mit Brutalität und Verbitterung. Es scheint besiegelt, dass Ouse ebenfalls Leuchtturmwärter werden soll. Er hat kaum menschliche Kontakte. Seine Familie sind Krabben, Robben, Möwen und Papageientaucher. Er kennt jeden Winkel des Eilands und bei Langeweile spricht er mit dem Geist von Robert Louis Stevenson. Der imaginierte Freund steht ihm auch bei, wenn der Vater wieder zugeschlagen hat.

Die Dynamik ändert sich, als ein Hausgast eintrifft. Firth, ein lebensmüder, erfolgloser Schriftsteller möchte auf der Insel seine allerletzte Lebensaufgabe vollbringen. Er erkennt als Einziger das kreative, künstlerische Talent in Ouse und ermutigt ihn, dieses zu fördern. Dazu müsste er jedoch die geliebte Insel verlassen. Ouse muss sich entscheiden.

Der Roman lebt von der poetischen Sprache, die sich so tänzerisch emporschwingt, dass einem manchmal schwindlig wird. Scheinbar mühelos webt der Autor den Mikrokosmos dieser Insel um den Leser herum. In lebendigen Bildern beschreibt er die ungezähmte Natur, die Definition von Heimat und das breite Feld der Emotionen der Protagonisten. Hoffentlich nicht der letzte Roman des Lyrikers. Meine Empfehlung für Leser, denen "Öffnet sich der Himmel" von Sean Hewitt gefallen hat.

Veröffentlicht am 26.03.2026

Ode an alles Lebendige

Das Jahr der Schmetterlinge
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Mitten im dänischen Winter hat die Journalistin, Ehefrau und Mutter eine Vision: Sie möchte in einem Kalenderjahr sämtliche dänischen Tagfalter sehen. Lea hat keine Ahnung, wieviele das sind, wo diese ...

Mitten im dänischen Winter hat die Journalistin, Ehefrau und Mutter eine Vision: Sie möchte in einem Kalenderjahr sämtliche dänischen Tagfalter sehen. Lea hat keine Ahnung, wieviele das sind, wo diese leben und ob dieser Plan neben ihrem dicht getakteten Berufs- und Familienalltag realisierbar ist. Zitat ihres Mannes: "Du bist nicht ganz dicht." Doch Lea spürt, dass sie diesem Ruf folgen muss.

Mit viel Literatur, Kartenstudium, Kontakt zu Hobby-Entomologen im Internet und Treffen mit Fachpersonen bereitet sie sich systematisch vor. Sie weiss, der grösste Feind wird die Zeit sein. Viele Arten sind an einzelne Futterpflanzen gebunden und auch die Lebenserwartung ist unterschiedlich. Manche Falter fliegen nur in einem Zeitfenster von 3 bis 4 Wochen.

Auf ihrer Suche quer durch die wildesten Landschaften Dänemarks wird dem Lesenden eine Fülle von wissenschaftlichen Fakten über den faszinierenden Kosmos der Schmetterlinge vermittelt: ihr Leben, die Fortpflanzung, die Metamorphose und der innere Kompass, der die Insekten führt. Daneben überraschen auch geschichtliche Hintergründe, Themen aus Philosophie, Kunst und Psychologie im Zusammenhang mit diesen Kreaturen. Besonders berührend ist die Thematik rund um den Artenschwund. Dieser verleiht die Autorin eine besonders persönliche Note, indem sie das Verschwinden einiger Arten mit ihrem Geburtsjahr und der Zeitachse ihres eigenen Lebens abgleicht, und erschrickt.

Schön, dass die Autorin dem inneren Ruf gefolgt ist. Sie hat die Schmetterlinge dabei nie gefangen und aufgespiesst, sondern fotografiert und gemalt - jeden entdeckten Falter. Diese Illustrationen sind ein wunderschöner Bonus. Nach diesem Buch wirst Du Schmetterlinge noch mehr bewundern!

Veröffentlicht am 19.03.2026

Über die Definition von Norm

Sie wollen uns erzählen
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Der 9-jährige Oz ist ein besonderes Kind. Aufmüpfig, ungeduldig, mag keine Regeln, spielt nicht wie andere Kids, kann sich schlecht konzentrieren, hat Mühe sich zu regulieren und wild tanzende Gedanken ...

Der 9-jährige Oz ist ein besonderes Kind. Aufmüpfig, ungeduldig, mag keine Regeln, spielt nicht wie andere Kids, kann sich schlecht konzentrieren, hat Mühe sich zu regulieren und wild tanzende Gedanken in Situationen, wo er sich beherrschen sollte. Im Regelschulsystem fällt er früh auf, wird abgeklärt und beurteilt - wieder und wieder.

Es ist die Geschichte eines neurodivergenten Jungen und seiner Familie, die an ihre Grenzen stossen. Wir begleiten die zermürbende und oft verzweifelte Suche nach einer richtigen Diagnose, geeigneten Therapien, Behandlungen, Medikamenten, alternativen Schulen. Die Mutter ist selbst sehr impulsiv, labil und hangelt sich beruflich von einer Befristung zur nächsten. Sie und ihr Mann haben sich längst gegenseitig aufgerieben im schwierigen Alltag. Alles an ihr ist müde. Doch unermüdlich bleibt sie im Kampf für ihren Sohn. Denn auch das ist ihr Kind: sehr empathisch, freundlich zugewandt, fantasievoll, mit überdurchschnittlicher Beobachtungs- und Auffassungsgabe, ein Schnelldenker. Sieht denn keiner sein Potenzial? Als nun seine schräge Oma Zäzilia aus dem Krankenhaus verschwindet, spitzt sich die Lage vollends zu...

Die Autorin lässt ein lebendiges Setting entstehen und direkt ab der ersten Seite bist du mittendrin in dieser Familienkonstellation. Die komplexe Thematik über Kinder ausserhalb der Norm hat auch mich als Nichtmutter zutiefst berührt und ins Reflektieren gebracht. Frau Birnbacher ist eine äusserst einfühlsame Betrachterin. Sie gibt die Gedankenwelt der Protagonisten ehrlich und als reinste Essenz wieder und hält der Familie damit durchgehend den Raum.