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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.05.2026

Zwei Frauen, zwei Epochen und atemberaubende Orte

Die Meerglas-Schwestern
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Skara, Schottland, anfangs der 1930er-Jahre. Hier lebt die 20-jährige Iris mit ihren drei Schwestern auf einem stattlichen Landsitz. Doch der Schein trügt, das herrschaftliche Anwesen ist am Verwahrlosen: ...

Skara, Schottland, anfangs der 1930er-Jahre. Hier lebt die 20-jährige Iris mit ihren drei Schwestern auf einem stattlichen Landsitz. Doch der Schein trügt, das herrschaftliche Anwesen ist am Verwahrlosen: Beim Börsencrash 1929 hat ihr Vater das gesamte Vermögen verloren und den kläglichen Rest verspielt und versäuft er. Die liebevolle Mutter ist kürzlich gestorben und hat jeder Tochter einen einzigartigen Ring vermacht. Als letzte Rettung soll die älteste Tochter Iris nach Ceylon (heute Sri Lanka) reisen. Sie soll dort den verschollenen Bruder der Mutter finden, der eine Teeplantage betreibt und der Familie ein beträchtliches Darlehen schuldet. Wird es Iris gelingen, ihren Onkel zu finden und den endgültigen Ruin der Familie abzuwenden?

Im Australien der Gegenwart versucht die junge Roz ein traumatisches Ereignis hinter sich zu lassen, indem sie fluchtartig nach Grossbritannien reist. Sie stösst dort auf Briefe von Iris, noch nicht ahnend, wie eng die beiden Frauen aus zwei Epochen miteinander verbunden sind.

Die Autorin spannt einen gewaltigen Bilderbogen und schickt die Protagonistinnen an fantastische Orte. Das wilde Schottland, das exotische Ceylon, das romantische Paris, das pulsierende London und das unendlich weite Australien zogen mich in den Bann. Doch nicht nur die schönen Schauplätze, auch die Themenkreise Heimat, Zugehörigkeit und Sehnsüchte haben mich gepackt. Dies soll der Auftakt sein zu einer Serie von 4 Bänden. Ich freue mich darauf.

Wer die Bücher der leider verstorbenen Lucinda Riley liebt, wird in seiner Orientierungslosigkeit bei Eleanor Buchanan am richtigen Ort landen, um ein magisches Lesevergnügen voller Fernweh, Reiselust und Sehnsüchte zu geniessen.

Veröffentlicht am 15.04.2026

erschütterte Jugendfreundschaft

Der Sommer, der uns blieb
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Die langjährige Kinder- und später Jugendfreundschaft der damals eng zusammengeschweissten Freunde Britta, Pia und Martin wurde abrupt auseinandergerissen. Rund 20 Jahre haben sie sich komplett aus den ...

Die langjährige Kinder- und später Jugendfreundschaft der damals eng zusammengeschweissten Freunde Britta, Pia und Martin wurde abrupt auseinandergerissen. Rund 20 Jahre haben sie sich komplett aus den Augen verloren. Nun kehren sie aus unterschiedlichen Gründen in ihr beschauliches Heimatstädtchen zurück. Pia, die damals Hals über Kopf verschwunden ist, will noch eine einzige Lebensaufgabe erledigen, bevor es zu spät ist: Sie muss Britta und Martin endlich erzählen, was damals wirklich geschehen ist. Doch die Narben sitzen tief. Kann es gelingen, nach einer solchen Zäsur an die früheren Freundschaftsbande noch rechtzeitig anzuknüpfen?

Schicht für Schicht trägt die Autorin behutsam den Lack ab, bis die ganze Wahrheit verletzt und nackt offenliegt. In knackig-kurzen Kapiteln wird aus wechselnder Perspektive der Figuren erzählt. Die nötigen Zeitsprünge fügen sich organisch ein. Einfühlsam wird beschrieben, wie seltsam sich das Heimkommen bisweilen anfühlt und wie klein und beengt uns plötzlich alles vorkommt, wenn wir ins Elternhaus zurückkehren.

Ein gefühlvoller und vielschichtiger Roman, verfasst aus der Weisheit eines gereiften Lebens heraus. Er zeigt uns, dass wir selbst entscheiden, welche Erinnerungen wir zulassen oder wegschliessen und welch heilsame Kraft das Vergeben sein kann. Viel Liebe zum Detail auch optisch: ein attraktiver Farbschnitt, eine farbenfrohe Überraschung im Buchinneren, und zum Auftakt der Kapitel jeweils personenbezogene Blütenskizzen und haiku-artige Zitate. Auch das liebevoll und stimmig eingebaute Zitat von Auden ist mir nicht entgangen. Von diesem Roman habe ich mich verstanden gefühlt.

Veröffentlicht am 04.04.2026

gekommen um zu bleiben?

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Die 25-jährige Studentin Sophie verbringt ihre Tage im eintönigen Alltagstrott in Süddeutschland. Das Studium interessiert sie nicht wirklich und der Nebenjob ödet sie an. Aus diesem Stumpfsinn heraus ...

Die 25-jährige Studentin Sophie verbringt ihre Tage im eintönigen Alltagstrott in Süddeutschland. Das Studium interessiert sie nicht wirklich und der Nebenjob ödet sie an. Aus diesem Stumpfsinn heraus tätigt sie einen Impulskauf im Internet: Mit so ziemlich den letzten 3'000 Euros ersteht sie ein Haus in einem winzigen Dorf in Ostdeutschland - natürlich ungesehen und ohne jegliche Ahnung von solchen Geschäften. Vor Ort entpuppt sich ihr neues Eigenheim als halb verfallene Ruine mit Loch im Dach, ohne Strom und Heisswasser. Die Dorfbewohner begegnen ihr mit Ablehnung, Misstrauen und Spott.

Sophie lässt sich nicht entmutigen und krempelt die Ärmel hoch. Sie muss bald lernen, dass die eigenhändige Sanierung eines Schnäppchenhauses doch nicht so mühelos funktioniert, wie die Tutorials im Internet das vermitteln. Zudem wird das Geld immer knapper. Gleichzeitig entdeckt die Studentin aber, wieviel Freude und Stolz sie verspürt, wenn sie Dinge selber reparieren und Neues erschaffen darf. Zudem wird ihr in der Abgeschiedenheit klar, wie wenig sie bisher über ihr ganzes Dasein nachgedacht hat. Was möchte sie eigentlich machen mit ihrem Leben?

Dieses herrlich erfrischende und extrem kurzweilige Buch bringt dich garantiert zum Lachen! Es steckt voller Selbstironie, Situationskomik und bissigem Sarkasmus. Dazu noch Gesellschaftsskritik, die zum Nachdenken anregt. Nebst all dem Humorvollen ist es aber auch ein zutiefst existenzieller Roman. Wofür würden wir unser allerletztes Geld ausgeben? Welche Rahmenbedingungen brauchen wir für ein sicheres und komfortables Leben und wo stecken wir vielleicht selbst fest in Abhängigkeiten, die uns gar nicht bewusst sind?

Ein unterhaltsames und atemloses Lesevergnügen mit Tiefgang. Meine persönliche Empfehlung für Lesende von Giulia Becker und Juli Zeh.

Veröffentlicht am 02.04.2026

Vom Gehen oder Bleiben

Der letzte Leuchtturm
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Muckle Flugga: nördlichste bewohnte Insel Grossbritanniens. Sturmumtost trotzt die Insel der Shetlands den Fluten der Nordsee. Als letzte Bastion der Menschheit wacht ein Leuchtturm und lotst die Schiffe ...

Muckle Flugga: nördlichste bewohnte Insel Grossbritanniens. Sturmumtost trotzt die Insel der Shetlands den Fluten der Nordsee. Als letzte Bastion der Menschheit wacht ein Leuchtturm und lotst die Schiffe durch diese schwierige Passage. Einzige verbliebene Bewohner sind der jähzornige, verwitwete Leuchturmwärter und dessen 19-jähriger Sohn Ouse. Beide vermissen die verstorbene Mutter des jungen Mannes auf ihre Weise: Ouse mit tiefer Liebe und Empathie im Herzen; sein Vater mit Brutalität und Verbitterung. Es scheint besiegelt, dass Ouse ebenfalls Leuchtturmwärter werden soll. Er hat kaum menschliche Kontakte. Seine Familie sind Krabben, Robben, Möwen und Papageientaucher. Er kennt jeden Winkel des Eilands und bei Langeweile spricht er mit dem Geist von Robert Louis Stevenson. Der imaginierte Freund steht ihm auch bei, wenn der Vater wieder zugeschlagen hat.

Die Dynamik ändert sich, als ein Hausgast eintrifft. Firth, ein lebensmüder, erfolgloser Schriftsteller möchte auf der Insel seine allerletzte Lebensaufgabe vollbringen. Er erkennt als Einziger das kreative, künstlerische Talent in Ouse und ermutigt ihn, dieses zu fördern. Dazu müsste er jedoch die geliebte Insel verlassen. Ouse muss sich entscheiden.

Der Roman lebt von der poetischen Sprache, die sich so tänzerisch emporschwingt, dass einem manchmal schwindlig wird. Scheinbar mühelos webt der Autor den Mikrokosmos dieser Insel um den Leser herum. In lebendigen Bildern beschreibt er die ungezähmte Natur, die Definition von Heimat und das breite Feld der Emotionen der Protagonisten. Hoffentlich nicht der letzte Roman des Lyrikers. Meine Empfehlung für Leser, denen "Öffnet sich der Himmel" von Sean Hewitt gefallen hat.

Veröffentlicht am 26.03.2026

Ode an alles Lebendige

Das Jahr der Schmetterlinge
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Mitten im dänischen Winter hat die Journalistin, Ehefrau und Mutter eine Vision: Sie möchte in einem Kalenderjahr sämtliche dänischen Tagfalter sehen. Lea hat keine Ahnung, wieviele das sind, wo diese ...

Mitten im dänischen Winter hat die Journalistin, Ehefrau und Mutter eine Vision: Sie möchte in einem Kalenderjahr sämtliche dänischen Tagfalter sehen. Lea hat keine Ahnung, wieviele das sind, wo diese leben und ob dieser Plan neben ihrem dicht getakteten Berufs- und Familienalltag realisierbar ist. Zitat ihres Mannes: "Du bist nicht ganz dicht." Doch Lea spürt, dass sie diesem Ruf folgen muss.

Mit viel Literatur, Kartenstudium, Kontakt zu Hobby-Entomologen im Internet und Treffen mit Fachpersonen bereitet sie sich systematisch vor. Sie weiss, der grösste Feind wird die Zeit sein. Viele Arten sind an einzelne Futterpflanzen gebunden und auch die Lebenserwartung ist unterschiedlich. Manche Falter fliegen nur in einem Zeitfenster von 3 bis 4 Wochen.

Auf ihrer Suche quer durch die wildesten Landschaften Dänemarks wird dem Lesenden eine Fülle von wissenschaftlichen Fakten über den faszinierenden Kosmos der Schmetterlinge vermittelt: ihr Leben, die Fortpflanzung, die Metamorphose und der innere Kompass, der die Insekten führt. Daneben überraschen auch geschichtliche Hintergründe, Themen aus Philosophie, Kunst und Psychologie im Zusammenhang mit diesen Kreaturen. Besonders berührend ist die Thematik rund um den Artenschwund. Dieser verleiht die Autorin eine besonders persönliche Note, indem sie das Verschwinden einiger Arten mit ihrem Geburtsjahr und der Zeitachse ihres eigenen Lebens abgleicht, und erschrickt.

Schön, dass die Autorin dem inneren Ruf gefolgt ist. Sie hat die Schmetterlinge dabei nie gefangen und aufgespiesst, sondern fotografiert und gemalt - jeden entdeckten Falter. Diese Illustrationen sind ein wunderschöner Bonus. Nach diesem Buch wirst Du Schmetterlinge noch mehr bewundern!