Berlin 1964
Die BerlinreiseHanns-Josef Ortheil reiste 1964 mit seinem Vater nach Berlin. Der hatte dort vor dem Krieg zusammen mit seiner frisch Angetrauten gelebt und wollte nun seinen 12jährigen Sohn an seinen Erinnerungen teilhaben ...
Hanns-Josef Ortheil reiste 1964 mit seinem Vater nach Berlin. Der hatte dort vor dem Krieg zusammen mit seiner frisch Angetrauten gelebt und wollte nun seinen 12jährigen Sohn an seinen Erinnerungen teilhaben lassen. Hanns-Josef konnte sehr gut beobachten und hatte während dieser Reise viele Aufzeichnungen gemacht, die er zu einem kleinen Reiseroman ausarbeitete und seinem Vater zu Weihnachten schenkte. Der las es wohl unzählige Male, und nahm dann und wann einige kleinere orthographische und stilistische Korrekturen am Text vor. Ansonsten, so erzählt der Autor in den Vorbemerkungen, sei die vorliegende Fassung unverändert und wurde im Nachhinein nicht weiter korrigiert.
Sehr erheitert hat mich der Vergleich von „Liebesgrüße aus Moskau“ mit „Winnetou I“. Emotional aufgeladen ist der Übertritt von West- nach Ostberlin über den Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße geschildert, in dem auch der Pflichtumtausch von 5 Mark West in Fünf Mark Ost erwähnt wird. Der Junge erzählt naiv und gleichzeitig altklug von all seinen Erlebnissen.
Ich habe dieses Buch, dem man sprachlich den jungen Autor anmerkt, mit viel Freude gelesen. War ich doch selbst ab dem Sommer 1966 häufig in der Geburtsstadt meiner Mutter. Von 1973 bis 1975 durfte ich dort sogar studieren und habe viele der in dem Buch beschriebenen Orte selbst erforscht. So hat mir das Buch nicht nur das Reiseerlebnis des Jungen nahegebracht, sondern auch viele eigene Erinnerungen ins Gedächtnis gerufen.
Gleichzeitig habe ich wieder einmal zusätzliche Informationen von dem Autor erhalten, von dem ich vor allem die Bücher über selbst Erlebtes schätze. Denn er hatte als nachgeborener Sohn keine einfache Kindheit. Seine vier älteren Brüder verstarben alle viel zu früh und machten die Mutter sprachlos, so dass auch er lange Zeit stumm vor sich hin lebte, ehe ihn sein Vater zum Schulbeginn endlich in die gesprochene Sprache einweihte.
Fazit: Hier liegt uns ein gelungenes Zeitdokument aus dem Berlin von 1964 vor – ein Jahr nach dem Mauerbau.