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Veröffentlicht am 26.04.2026

Berlin 1964

Die Berlinreise
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Hanns-Josef Ortheil reiste 1964 mit seinem Vater nach Berlin. Der hatte dort vor dem Krieg zusammen mit seiner frisch Angetrauten gelebt und wollte nun seinen 12jährigen Sohn an seinen Erinnerungen teilhaben ...

Hanns-Josef Ortheil reiste 1964 mit seinem Vater nach Berlin. Der hatte dort vor dem Krieg zusammen mit seiner frisch Angetrauten gelebt und wollte nun seinen 12jährigen Sohn an seinen Erinnerungen teilhaben lassen. Hanns-Josef konnte sehr gut beobachten und hatte während dieser Reise viele Aufzeichnungen gemacht, die er zu einem kleinen Reiseroman ausarbeitete und seinem Vater zu Weihnachten schenkte. Der las es wohl unzählige Male, und nahm dann und wann einige kleinere orthographische und stilistische Korrekturen am Text vor. Ansonsten, so erzählt der Autor in den Vorbemerkungen, sei die vorliegende Fassung unverändert und wurde im Nachhinein nicht weiter korrigiert.

Sehr erheitert hat mich der Vergleich von „Liebesgrüße aus Moskau“ mit „Winnetou I“. Emotional aufgeladen ist der Übertritt von West- nach Ostberlin über den Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße geschildert, in dem auch der Pflichtumtausch von 5 Mark West in Fünf Mark Ost erwähnt wird. Der Junge erzählt naiv und gleichzeitig altklug von all seinen Erlebnissen.

Ich habe dieses Buch, dem man sprachlich den jungen Autor anmerkt, mit viel Freude gelesen. War ich doch selbst ab dem Sommer 1966 häufig in der Geburtsstadt meiner Mutter. Von 1973 bis 1975 durfte ich dort sogar studieren und habe viele der in dem Buch beschriebenen Orte selbst erforscht. So hat mir das Buch nicht nur das Reiseerlebnis des Jungen nahegebracht, sondern auch viele eigene Erinnerungen ins Gedächtnis gerufen.

Gleichzeitig habe ich wieder einmal zusätzliche Informationen von dem Autor erhalten, von dem ich vor allem die Bücher über selbst Erlebtes schätze. Denn er hatte als nachgeborener Sohn keine einfache Kindheit. Seine vier älteren Brüder verstarben alle viel zu früh und machten die Mutter sprachlos, so dass auch er lange Zeit stumm vor sich hin lebte, ehe ihn sein Vater zum Schulbeginn endlich in die gesprochene Sprache einweihte.


Fazit: Hier liegt uns ein gelungenes Zeitdokument aus dem Berlin von 1964 vor – ein Jahr nach dem Mauerbau.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Vom Moderator zum Menschen

Ich denk nicht dran
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Jo Failer war einst als Sportmoderator viel unterwegs. Doch seit er die Diagnose Frühdemenz vom Alzheimer Typ erhalten hat, ist sein Leben grundlegend anders geworden. Hier legt er einen sehr berührenden ...

Jo Failer war einst als Sportmoderator viel unterwegs. Doch seit er die Diagnose Frühdemenz vom Alzheimer Typ erhalten hat, ist sein Leben grundlegend anders geworden. Hier legt er einen sehr berührenden Bericht vor, von der Suche nach der Diagnose (er hat schon lange gespürt, dass sich etwas in seinem Kopf verändert) über die Beschreibung seiner Ausfälle bis zum heutigen Leben und seinen Zukunftsaussichten. Zu Letzeren gehört dieses Buch, mit dem er seinen Kindern etwas Bleibendes hinterlassen will, bevor er sie nicht mehr erkennt.

Da ich selbst schon zweimal als pflegende Angehörige in die Krankheit involviert war, hat mich sein Buch nicht nur sehr interessiert, sondern auch erstaunt. Konnte ich mir doch nicht vorstellen, wie er zu so einer detaillierten Beschreibung seines Zustandes in der Lage war. Da er aber schon jahrelang gewohnt war, seine Erlebnisse schriftlich festzuhalten, hat er nach eigener Angabe im Aufschreiben seines Lebens einen Halt für sich gefunden. Dazu kommt, dass er seine Diagnose schon sehr früh, nämlich mit 51 Jahren, erhalten hat. Im Nachwort erklärt er auch, dass er sehr lange an diesem Buch gearbeitet hat und es Tage gab, an denen er nicht mehr wusste, was er am Vortag geschafft hat.

Getroffen haben mich seine Worte über die Einsamkeit, den Verlust von Freunden (und seiner Ehefrau). Einzig seine Zwillingsschwester war seit Beginn an seiner Seite, kannte sie die Krankheit doch schon von der Mutter. Auch deren Zustand, den er früher nicht verstand, kommt zur Sprache.

Während er in seinem früheren Leben große Angst vor Fehlern hatte, findet er sich heute gezwungener Maßen mit seinen (mit gesunden Augen gesehenen) „Unzulänglichkeiten“ ab.

Diesem Autor kann man große Hochachtung zollen. Ich jedenfalls staune über seinen Umgang mit der Krankheit, vor der sich so viele Menschen fürchten. Um Alzheimer mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, möchte ich das Buch jedem empfehlen. Jo Failers Mut und seine Sicht auf sein Leben sind bewundernswert!

Der Schauspieler Herbert Schäfer bringt die Worte hervorragend zur Geltung. Knapp sechseinhalb Stunden lässt er die Zuhörer eintauchen in ein Leben, das sich niemand für sich selbst wünscht.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Wo, wer und warum?

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Dieses Buch zu lesen, wirft viele Fragen auf. Es entfacht einen richtige Sog, spielt in einer gottverlassenen Gegend und beschreibt das langweilige Leben von 40 Frauen in einem Gefängnis tief unter der ...

Dieses Buch zu lesen, wirft viele Fragen auf. Es entfacht einen richtige Sog, spielt in einer gottverlassenen Gegend und beschreibt das langweilige Leben von 40 Frauen in einem Gefängnis tief unter der Erde. Während Tag und Nacht elektrisches Licht brennt, werden sie von drei Männern bewacht, die eines Tages plötzlich verschwinden; dabei aber zum Glück der Frauen die Käfigtür offen lassen So suchen die ihre "Freiheit" und irren in der ihnen unbekannten, einsamen Gegend mehr oder weniger hilflos umher.
Die namenlose Erzählerin ist die Jüngste unter ihnen. Sie kam schon als Kind hierher und kennt weder ihre Eltern noch die Heimat. Für sie sind die Erinnerungen der anderen Frauen Märchen:
„Du machst dir keine Vorstellung davon, wie das richtige Leben war – du kannst gar nicht begreifen, wie sinnentleert unseres hier ist.“
Dafür ist sie draußen in der „Freiheit“ die Mutigste von allen. Die Frauen wachsen in ihrem neuen, einsamen Leben immer stärker zusammen. Sie müssen nicht hungern, da sie genügend Vorräte zum Überleben finden. Allerdings machen ihnen das zunehmende Alter und diverse Krankheiten zu schaffen. Die Gruppe wird kleiner und die Erzählerin bleibt schließlich allein zurück.

Dieses Buch zu lesen ist ein Erlebnis. Es entwickelt trotz – oder gerade wegen – der vielen offenen Fragen einen starken Sog. Die unterschiedlichen Charaktere der Frauen sind sehr anschaulich dargestellt. Es zeigt nicht nur, wie Tatenlosigkeit einen Menschen deprimiert, sondern auch, wie viel Überlebensdrang trotz allem vorhanden ist. Die jetzt herausgekommene Neuübersetzung aus dem Französischen empfand ich als sehr angenehm zu lesen.

Die belgische Schriftstellerin Jacquelin Harpman (*1929 +2012) veröffentlichte diesen Roman 1995, zehn Jahre nach Margaret Atwoods „Der Report der Magd“, woran er mich beim Lesen entfernt erinnert hat. „Ich, die ich die Männer nicht kannte“ spielt in einer unbekannten Welt, die auf der Erde sein könnte - oder auf einem anderen Planeten, auf dem die Jahreszeiten nicht so ausgeprägt sind. Der Sinn, weshalb die Frauen im unterirdischen Gefängnis verharren müssen, bleibt offen – ebenso warum es in der Freiheit keinen anderen Menschen mehr gibt.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Nevabacka

Moorhöhe
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„Das Spinnrad surrt am brennenden Feuer, und wir weben der Sagen Band. Lodere Feuer der Vorzeit! Erleuchte unsere Tat! Leuchte durch die Zeit – führe die Söhne zurück zum Hof ihrer Väter!“

Dieses ...

„Das Spinnrad surrt am brennenden Feuer, und wir weben der Sagen Band. Lodere Feuer der Vorzeit! Erleuchte unsere Tat! Leuchte durch die Zeit – führe die Söhne zurück zum Hof ihrer Väter!“

Dieses Gedicht von Alexander Slotte läutet auf Seite 163 das 19. Jahrhundert ein. Doch die Geschichte des Hofes Nevabacka beginnt bereits im 17. Jahrhundert. Sie erzählt vom Aberglauben der frühen Bewohner, von Angst und Respekt vor den Moorgeistern, von Wiedergängern und Abtrünnigen. Sehr deutlich zeigt es die Veränderung der Lebensweise über die Jahrhunderte hinweg. Wunderschöne Naturbeschreibungen lassen vor dem inneren Auge ein Bild der Gegend hoch oben im Norden entstehen; an der Grenze zwischen Schweden und Finnland.

Die 1977 geborene Autorin hat in ihrem ersten Buch für Erwachsene unterschiedliche Schreibstile verwendet,;mal wird von außen erzählt, ein anderes Mal sind es Briefe, die tief ins Innere einer Person hineinschauen lassen. Auch Tagebucheinträge einer 13-jährigen lockern den Stil auf.

So bekommt man als LeserIn einen guten Eindruck über die Entwicklung der Menschen und der Gegend über die Jahrhunderte hinweg, bis der Hof schließlich in der Jetztzeit dem Verfall nahe ist.


Die früheren Jahrhunderte mit ihrem Aberglauben, den Amuletten und Talismane waren mir noch sehr fremd, doch je weiter ich las, desto mehr fesselte mich diese ruhige Erzählung. Die Bewohner und die Besucher des Hofes wuchsen mir ans Herz und ich hätte gerne noch mehr davon gelesen.


Fazit: Ein besonderes Leseerlebnis!

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Veröffentlicht am 23.04.2026

Einfühlsam

Solange ein Streichholz brennt
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Wenn ich etwas von Journalisten lese, die sich für Schwächere einsetzen, ist das mein Thema. Deshalb habe ich nicht lange gezögert, mir dieses Hörbuch zuzulegen. Immerhin geht es um eine junge Journalistin, ...

Wenn ich etwas von Journalisten lese, die sich für Schwächere einsetzen, ist das mein Thema. Deshalb habe ich nicht lange gezögert, mir dieses Hörbuch zuzulegen. Immerhin geht es um eine junge Journalistin, die eine Reportage über einen Menschen machen will, der auf der Straße lebt. Hatte sie doch selbst schon Angst, bald zu den mittellosen Obdachlosen zu gehören.

Ganz einfach war es für sie nicht, ein „Opfer“ zu finden. Erst ein unerwarteter Zufall brachte sie mit dem Ziel ihrer Begierde zusammen.

Dieses Hörbuch ist ein wahrer Schatz! Zeigt es doch all die Irrwege auf, die Menschen gehen, um zu überleben. Es nimmt uns mit in eine Welt voller Ängste und Widrigkeiten. Aber es ist auch voll zugewandter Menschenliebe. Bei mir hat es einen wahren Sog entwickelt, was auch an den beiden Sprechern Robert Stadlober und Maria Wördemann liegt, deren Stimmen Emotionen wecken können und uns ganz tief in die Geschichte eintauchen lassen.

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