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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.04.2026

Ferienlager

Schneckenmühle
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Schneckenmühle nennt sich ein Kinderdorf in der Nähe von Liebstadt in der Sächsischen Schweiz, das es auch heute noch gibt.

Jens aus Berlin erlebte als 14jähriger hier 1989 seine Ferien. Seine naiven ...

Schneckenmühle nennt sich ein Kinderdorf in der Nähe von Liebstadt in der Sächsischen Schweiz, das es auch heute noch gibt.

Jens aus Berlin erlebte als 14jähriger hier 1989 seine Ferien. Seine naiven Erzählungen aus diesem geschichtsträchtigen Sommer haben mich mehrmals laut auflachen lassen. Gerade diese Naivität hat für mich den Reiz des Buches ausgemacht. Aber auch die Schilderungen der Örtlichkeiten, die ich als eine, die hier eine Wahlheimat gefunden hat, alle kenne, haben mich sehr angesprochen und mir noch einmal verdeutlicht, wie gut meine Wahl war. Erstaunlicher Weise hat sich – wenn man dem Buch glauben darf - vieles gar nicht so sehr verändert, wie man nach über 30 Jahren annehmen könnte. Allerdings fahren heute keine russischen Lastwägen mehr durch das Gebiet und Plumpsklos gibt es auch keine mehr.

Besonders gefallen haben mir Abschnitte, in denen der Unterschied zwischen Berlinerisch und Sächsisch deutlich wurden. Das Verschwinden von zwei Betreuern und die Spekulationen, wo sie hingegangen sein könnten, erinnern an die damalige Zeit und die schon absehbaren Veränderungen. Auch Jens ist verunsichert, als er noch vor dem offiziellen Ende von seinen Eltern im Auto abgeholt wird und spürt, dass etwas besonderes bevorsteht.

Fazit: Ein Buch, dessen Lektüre sich lohnt!

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Midlifekrise

Die Architektur des Knotens
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Die Autorin lässt uns an Yvonnes Gedanken teilhaben. Die hat alles, was sie sich einst erträumt hat und sollte sie eigentlich glücklich sein. Doch der Alltag in der Ehe zermürbt sie. Jonas und sie sprechen ...

Die Autorin lässt uns an Yvonnes Gedanken teilhaben. Die hat alles, was sie sich einst erträumt hat und sollte sie eigentlich glücklich sein. Doch der Alltag in der Ehe zermürbt sie. Jonas und sie sprechen nicht so miteinander, „dem anderen unter die Schädeldecke gucken zu wollen.“

Yvonne steckt in einer typischen Midlifekrise, wie auf Seite 35 deutlich wird:

„Jetzt ist Zeit etwas, wogegen ich ständig kämpfen muss. Sie läuft mir davon, sie geht einfach vorbei, ohne sich zu verabschieden. Manchmal steh ich im Wohnzimmer und stelle fest, dass mir schon wieder mehrere Jahre abhanden gekommen sind. Einfach weg.“

„ Ich denke kurz über all das Müssen und Sollen nach, das ständig in meinen Gedanken vorkommt, aber ohne wirkliches Ergebnis.“

Yvonnes Gedanken drehen sich im Kreis. Obwohl sie ihre Familie liebt, ist sie unzufrieden. Ihre Innenansichten geben ein gutes Bild ab, lassen Verständnis für ihren immer gleichen, geregelten Alltag aufkommen. Aus dem würde sie gerne ausbrechen, aber ohne jemanden zu verletzen. Doch das gelingt ihr nicht. Sie schläft mit einem anderen Mann und für Jonas bricht eine Welt zusammen… Er wirft sie aus dem gemeinsamen Haus und kümmert sich um die Kinder. Diese ungewohnte Aufgabe bringt ihn an den Rand seiner Existenz.

Mühsam suchen die beiden nach einer erträglichen Lösung für ihre Probleme, ohne ihre Ansprüche an sich selbst und an den Rest der Familie zu übersehen. Dabei wird das Bild des Knotens immer wieder sehr anschaulich. Ebenso wie auf dem Cover, auf dem zwei Menschen so nah zusammenstehen, dass sie wie ein doppelköpfiges Wesen aussehen.


Fazit: Ein Buch, das mich angesprochen hat, da mir so manche Gedanken bekannt vorkamen.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Elefanten in Afrika

Der weiße Knochen
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„Die Essenz des Daseins: die Schinderei, die kurze Erholung, die Schinderei…“

Grausam, das Leben der Tiere in Afrikas Steppe während einer lange anhaltenden Trockenperiode mitzuerleben!

„Am Mittag ...

„Die Essenz des Daseins: die Schinderei, die kurze Erholung, die Schinderei…“

Grausam, das Leben der Tiere in Afrikas Steppe während einer lange anhaltenden Trockenperiode mitzuerleben!

„Am Mittag brennt die Sonne vom Himmel, die aufgepickte Stelle am Bein pocht. Der Körper fühlt sich an wie ein Felsblock, der nicht weiter rollen will, die Kehle ist ein trockener rauer Krater und der Geist versinkt in Erinnerung, schlüpft von einem vergangenen Ereignis zum nächsten, durch Löcher hindurch, die damals Pausen, Geheimnisse, Missverständnisse waren.“

Die kanadische Schriftstellerin Barbara Gowdy hat für ihren Roman Elefanten als Hauptdarsteller gewählt. Sie erzählen aus ihrem Leben in der afrikanischen Steppe, so dass LeserInnen unmittelbar daran teilhaben können.

Um sie auseinander zu halten, bekamen sie sehr fantasievolle Namen. Bei der Protagonistin Matsch wurde gerade der Geburtstunnel gegraben, was bedeutet, dass sie nun ein Kalb erwartet. Und, wie es bei Elefanten üblich sein soll, bekommt sie einen neuen Namen: „Sie-Schmollt“ aus der Familie der „Sie“. Doch sie möchte ihren alten Namen behalten…

Matsch hat also sehr menschliche Eigenschaften, ebenso wie die anderen Familienmitglieder eindeutig zu erkennen sind. Das hat mich beim Lesen sehr erheitert.

Weniger lustig war das Gemetzel, das sie durch Menschen ausgesetzt waren. Die Größe der Steppe wird beim Lesen der Wanderungen erfahrbar.


Insgesamt ist der Roman gut lesbar, allerdings ging mir zwischendurch die ständige Namensnennung etwas auf die Nerven. Andererseits sind einige Stellen im Buch ausgesprochen spannend. Das Buch beginnt mit mit Matschs Geburt und endet mit der Geburt ihres Kalbes, wodurch es passend abgerundet ist. Gut fand ich die Aufstellung der Elefantenfamilien um die es im Buch geht. Auch die Übersichtskarte am Anfang des Buches habe ich des öfteren benutzt.


Fazit: Da Elefanten mich schon immer fasziniert haben, habe ich es sehr gern gelesen. Ich habe einiges neues über sie erfahren und vergebe vier Sterne.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Sehen und gesehen werden

Mit anderen Augen
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„Nichts wird sich jemals ändern, wenn man sich nicht selbst ändert“

Obiges Zitat kann man auch als Quintessenz des Buches sehen. Denn welche Frau fühlt sich nicht manchmal übersehen, unsichtbar? ...

„Nichts wird sich jemals ändern, wenn man sich nicht selbst ändert“

Obiges Zitat kann man auch als Quintessenz des Buches sehen. Denn welche Frau fühlt sich nicht manchmal übersehen, unsichtbar? Die australische Autorin Jane Tara lässt ihre Protagonistin Tilda, die Mutter von erwachsenen Zwillingstöchtern und von ihrem Mann verlassen ist, an Unsichtbarkeit erkranken. Es beginnt mit einem fehlenden Finger, geht weiter mit einem Ohr und dem Hals … Ihre Ärztin bezeichnet das als unheilbare Krankheit und empfiehlt ihr eine Selbsthilfegruppe. Dort trifft die Fotografin auf Frauen, bei denen eine gar nicht mehr zu sehen ist. In der Gruppe wird gejammert und geklagt. Doch Tilda findet eine Therapeutin, die sie überzeugt, dass es Heilung gibt – die dann tatsächlich eintritt. Während die Leiterin der Selbsthilfegruppe plötzlich völlig von der Bildschirmfläche verschwindet, werden die Teilnehmerinnen der Gruppe zu Freundinnen, die gemeinsam füreinander einstehen, kämpfen und nach und nach wieder sichtbar werden.

Dieses Buch ist nicht nur ein märchenhafter Roman, sondern auch ein psychologischer Ratgeber mit bewährten Rezepten und vielen guten Ideen. Er enthält auch ein wenig Liebe, doch Selbstliebe und Freundschaft stehen eindeutig im Vordergrund.

Das erste Drittel empfand ich als spannend und nachdenklich machend – wie ein Blick in den Spiegel. Als es um Meditation ging, musste ich aussteigen, da mir diese Erfahrungen fehlen. Dass die Autorin vor allem auf deren Wirksamkeit hinweisen will, erfuhr ich erst im Nachwort. Im letzten Drittel fand ich manches übertrieben. Doch geblieben sind die positive Grundeinstellung zu sich selbst, dem Leben an sich und dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Jedes der 66 Kapitel beginnt mit einem aussagekräftigen Zitat, wie beispielsweise

„Im Grunde geht es nur um eine veränderte Sicht auf die Dinge“

Fazit: Lesenswert!

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Klassiker von 1908

Das Tränenhaus. Roman
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„Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge“.

An der blumigen und farbenfrohen Schreibweise merkt man von Beginn an, dass das Buch vor langer Zeit geschrieben ...

„Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge“.

An der blumigen und farbenfrohen Schreibweise merkt man von Beginn an, dass das Buch vor langer Zeit geschrieben wurde. Was mich anfänglich mit Ausdrücken wie „Schelmerei", „wunderbar hold“ und „beseligte Erinnerung“ begeisterte, erschwerte mir mit zunehmender Seitenzahl die Freude am Lesen. So ausschweifende Ausschmückungen zu lesen sind wir heute nicht mehr gewohnt.

Wobei das Erzählte schon interessant ist: Eine junge Frau aus gutem Haus, der einst die Ehe versprochen wurde, sitzt schwanger und verlassen im „Haus der Tränen“, das sehr einfach und alles andere als heimelig ist. Sie teilt ihr Los mit mehreren, viel jüngeren Leidensgenossinnen, die ihre Kinder hinter verschlossenen Türen zur Welt bringen müssen, um die Moral zu halten. Dazu kommt, dass die Herbergsmutter nicht gerade zimperlich mit den Mädchen umgeht.

„Keine von ihnen ließ sich die Kosten für ihren Aufenthalt bei der Uffenbacher von ihrem Liebhaber bezahlen – durch Erniedrigung der bittersten Art, durch Schluchzen und Jammern vor Basen und Onkels hatten sie es alle erreicht, die jungen Männer von dieser Steuer zu befreien, um nur ja nicht darüber ihrer Neigung verlustig zu gehen.“

Einzig Cornelie versuchte sich die Ausgaben durch das Schreiben von Artikeln, also durch eigene Arbeit zu verdienen. Sie erreichte dadurch Anerkennung und konnte es sich so auch erlauben, sich nicht jede Boshaftigkeit ihrer Wirtin gefallen zu lassen. Es gelang ihr sogar, auch für ihre Leidensgenossinnen eine Milderung der Umstände zu erreichen.


Dieses Buch gewährt einen tiefen Einblick in den Beginn des vorigen Jahrhunderts, als die besser gebildeten Frauen kräftig für ihre Emanzipation kämpften, die Mädchen auf dem Land aber noch völlig dem Einfluss von Eltern und Mann ausgesetzt waren. Im Tränenhaus kämpften sie füreinander und versuchten alles, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Während ich nach der anfänglichen Begeisterung im Mittelteil meine Schwierigkeiten mit dem blumigen Text hatte, hat mich das Ende des Romans mitgerissen. Das sind wahrscheinlich gerade die Stellen, die beim Erscheinen des Buches den Skandal auslösten. Hier wird sehr ausführlich das Leid der Frauen bei der Geburt beschrieben, von dem Männer häufig nichts wissen wollten.


Gabriele Reuter wurde 1859 in Ägypten geboren. Die Schriftstellerei war der Tochter eines Import- und Exporthandels von der Urgroßmutter in die Wiege gelegt worden. Ihre Kindheit verbrachte sie zwischen Alexandria und Dessau. Nach dem Tod des Vaters begann sie schon 16jährig mit Texten für die Magdeburger Zeitung das Familieneinkommen aufzubessern. Ihren ersten Roman „Aus guter Familie“ veröffentlichte sie mit 19. Er wurde zum ersten Bestseller des S. Fischer Verlags und war damals sogar bekannter als die gleichzeitig erschienene „Effie Briest“ von Theodor Fontane. Wie ich dem Anhang des vorliegenden Buches, das übrigens sehr ansprechend aufgemacht ist, entnehmen konnte, hat sie im Tränenhaus auch Teile ihres eigenen Lebens aufgearbeitet.


Fazit: eine durchaus empfehlenswerte Leseerfahrung.

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