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Veröffentlicht am 05.05.2026

Die Taffe und der Schnösel

Léon und die Frau im blauen Kleid
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An der Côte d’Azur herrscht Hochbetrieb. Trotz des Ansturms der Touristen bleibt es bei der Polizei ruhig. Offensichtlich macht die Hitzewelle auch Verbrechern zu schaffen. So hat der Polizeipräfekt Zeit, ...

An der Côte d’Azur herrscht Hochbetrieb. Trotz des Ansturms der Touristen bleibt es bei der Polizei ruhig. Offensichtlich macht die Hitzewelle auch Verbrechern zu schaffen. So hat der Polizeipräfekt Zeit, Guillaume Hoch in den Ruhestand zu verabschieden. Dem leitenden Commissaire Léon de Cavallier macht es schwer zu schaffen, nach zehn Jahren seinen Partner zu verlieren. Hat er schon im Allgemeinen Probleme mit Menschen, so trifft dies auf Kollegen, mit denen er eng zusammenarbeitet erst recht zu. Der gemütlichen Brigadier Loïc Duval soll Hochs Position übernehmen. Doch die neueste Direktive aus dem Innenministerium beschert Léon Commissaire Nadia Bentaleb, die aus der Pariser Banlieue stammt, als neue Partnerin. Zwei Welten prallen aufeinander.

Mit „Léon und die Frau im blauen Kleid“ startet Alexander Oetker seine neue Côte d’Azur-Reihe. Das gegensätzliche Ermittlerduo und die malerische Kulisse, die Abgründe verbirgt, sorgen für spannende Unterhaltung mit High Society-Flair.

Wer ist die tote Schöne im eleganten blauen Kleid und wie kommt sie an den Stand von Nizza? Während sich Frage zwei mithilfe von Überwachungskameras und eines fähigen Ozeanologen schnell beantworten lässt, führt die Identifizierung des Opfers die Ermittler ins benachbarte Fürstentum Monaco. Dort erweisen sich Recherchen in den Kreisen der Superreichen als nicht einfach. Doch bald haben Nadia und Léon nicht nur Tatverdächtige für den Mord festgenommen, sondern auch Beweise für Korruption bei der Gendarmerie maritime entdeckt. Eine weitere Spur führt nach Nice-Nord, ins Drogenviertel von Nizza.

Gegensätzlicher können zwei Ermittler nicht sein. Léon, der schwerreiche Sproß einer alten Grafenfamilie, „begehrtester Junggeselle der Côte d’Azur“, der sich mit Luxus wie Ferrari, Millionenyacht und Rolex umgibt. Dagegen Nadia aus einfachsten Verhältnissen, aufgewachsen im schlimmsten Viertel des Pariser Banlieue, die eine Traumkarriere bei der Polizei hingelegt und sich gegen Drogendealer und andere Widrigkeiten durchgesetzt hat. Wie Kollege Loïc sagt „Ich weiß noch nicht, was das mit Ihnen beiden wird, aber ich kann mir vorstellen, dass es richtig gut wird. Oder es explodiert, und er wirft Sie sofort wieder raus. Alles ist möglich.“ Bald zeigt sich, dass die beiden ungleichen Commissaires deutlich mehr verbindet als gedacht. Überraschenderweise passt die Chemie und ihre Geplänkel sind köstlich. Außerdem ergänzen sie sich prächtig. Während er auf dem „Bal de l’été“ überzeugt, rettet sie beide aus der Hölle von Nice-Nord.

Alexander Oetker schreibt wie immer bildhaft, mit viel Lokalkolorit und Sachkenntnis. So ist es spannend zu lesen, wie die Dinge zwischen Monaco und Frankreich laufen, was die französische Polizei beachten muss, wenn sie dort ermitteln will oder wie ein Ozeanologe vom Fundort einer Leiche am Strand ausgehend, feststellen kann, wo diese ins Wasser gestürzt ist.

Der Fall entwickelt sich spannend und wendungsreich. Auf den Täter wäre ich nicht gekommen, aber die Auflösung ist logisch und passt. Am Ende entwickelt sich der Krimi in eine andere Richtung, die sich vorher schon angedeutet hat. Ich bin zuversichtlich, dass die „feministische Anarcho-Polizistin“ und der „größte Snob der Welt“ weiterhin ein effizientes Team bilden, ergänzt vom gemütlichen Loïc am Computer.

Oetkers neue Côte d’Azur-Reihe hat mich angenehm überrascht. Zwar hätte es für mich etwas weniger Glamour sein dürfen, aber das ist wohl dem Auftaktband geschuldet. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung „Léon und der König der Riviera“ und hoffe, dass dann Capitaine Dalmasso bekommt, was er verdient.

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Veröffentlicht am 03.05.2026

Mörderquote

Blind Date im Heu
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Revierinspektorin Marie Unterholzer freut sich auf den Jakobsweg. Morgen soll die Pilgerreise beginnen und ihr Rucksack ist gepackt. Doch daraus wird nichts, denn in Marienschlag ruht das Verbrechen nie. ...

Revierinspektorin Marie Unterholzer freut sich auf den Jakobsweg. Morgen soll die Pilgerreise beginnen und ihr Rucksack ist gepackt. Doch daraus wird nichts, denn in Marienschlag ruht das Verbrechen nie. Zum Auftakt der neuen trashigen Kuppelshow „Blind Date im Heu“, die ausgerechnet in Maries Heimatdorf stattfindet, gibt, es einen Toten. Einer der „Stadl-Prinzen“, wie die liebeshungrigen Mitspieler genannt werden, bricht vor laufender Kamera tot zusammen. Ermitteln statt pilgern ist für Marie angesagt.

Herbert Hirschler nimmt den Leser in "Blind Date im Heu" zum zweiten Mal ins malerische Alpenvorland mit. Herausgekommen ist eine originelle Krimi-Komödie für alle, die schwarzen Humor und österreichisches Flair schätzen.

Obwohl der Marienschlager Arzt Dr. Speckhammer einen Herzinfarkt diagnostiziert, wird der Tod von Ewald Schachinger, dem zweifachen Landesmeister im Bodybuilding, als verdächtig eingestuft. Marie ermittelt im Dorf und bei den Fernsehleuten. Doch anscheinend hatte niemand ein Motiv, den Ewald zu ermorden. Während die Ermittlungen noch andauern, wird die alte Bäuerin Dorothea Flonner tot in ihrem Kuhstall gefunden. Auch sie starb durch eine Gewalttat. Als noch ein weiteres Mordopfer im Umfeld der Kuppelshow auftaucht, schlägt die Stunde des LKA.

Die sympathische Marie ist eine engagierte Polizistin, die geradlinig und durchsetzungsfähig ermittelt. Sie kann sich auf ihr Bauchgefühl verlassen und ruht nicht, bevor ein Verbrechen aufgeklärt ist. Als eine gute Freundin unter Verdacht gerät, lässt sie sich nicht beirren. Computer-Nerd Tobi und die gelangweilte Künstlergattin Janine unterstützen Marie tatkräftig. Auch die anderen Charaktere sind bodenständig und überzeugen.

Mit seinem neuen Fall nimmt der Autor das Reality-TV-Genre ins Visier. In kurzen Kapiteln erfahren wir, wie mit jedem weiteren Toten die Quoten durch die Decke schießen. Die Fernsehleute verhalten sich nur vermeintlich pietätvoll. Sie geben alles für höhere Einschaltzahlen. Da fließt der Alkohol in Strömen, Schnulzen und Flachwitze sorgen für Stimmung und selbst die privateste Szene wird vor die Kamera gezerrt und live dem voyeuristischen Zuschauer präsentiert. Alles bestürzend nah an der Realität.

Herbert Hirschler schildert das Geschehen so bildhaft und glaubwürdig, da steckt garantiert Insiderwissen dahinter. So kommt es zu teilweise entlarvenden aber auch witzigen Szenen, ohne dass die Geschichte in Klamauk ausartet. Der Kriminalfall wird dabei nicht vernachlässigt und der Spannungsbogen hält bis zuletzt. Nicht nur Maries Chef Hans Schlurf sieht sich mit mehr als einem Tatverdächtigen konfrontiert. Schließlich wird der Fall aufgeklärt, ohne dass ich dem Täter auf die Spur gekommen bin. Die Einteilung nach Wochentagen und die kurzen Kapitel passen gut, allerdings fand ich manche Info zu knapp. So blieben ein, zwei Fragen am Ende offen. Insgesamt ist der Krimi unterhaltsam und witzig. Für Liebhaber von Cosy Crime mit österreichischem Alpenflair und Trash-TV kritischen Untertönen unbedingt empfehlenswert.

Das Glossar am Buchende hilft allen, die mit dem Dialekt Probleme haben. Ein Hinweis darauf wäre am Krimistart sinnvoll.

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Veröffentlicht am 02.05.2026

Süßes Gift

Inselmord & Sahnewölkchen
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Siggi wird von ihrer besten Freundin Simone um Hilfe gebeten. Der Ex ihrer kleinen Schwester Katharina wurde ermordet - auf Sylt! Wie sich bald herausstellt ist die Hobbydetektivin dem Toten am Vortag ...

Siggi wird von ihrer besten Freundin Simone um Hilfe gebeten. Der Ex ihrer kleinen Schwester Katharina wurde ermordet - auf Sylt! Wie sich bald herausstellt ist die Hobbydetektivin dem Toten am Vortag begegnet und Markus hat einen denkbar schlechten Eindruck auf sie gemacht. Trotzdem beschließt Siggi Simones Bitte zu erfüllen, schon um die sympathische Kathie von jedem Verdacht zu befreien. Doch die Ermittlungen erweisen sich als zäh. Fehlt Siggi etwa Kommissar Martin Christiansen, der auf Djerba Urlaub macht?

Auf Sylt ruht das Verbrechen nie. In "Inselmord und Sahnewölkchen" ermittelt die pfiffige Siggi, Kosmetikerin und Hobbydetektivin, bereits in ihrem fünften Fall. Dorothea Stiller unterhält ihre Leser erneut mit einem spannenden Kriminalfall und reichlich Inselflair.

Schnell steht fest, dass Markus Kronthaler mit einer Praline vergiftet wurde. Ausgerechnet! Damit rückt seine Ex-Frau Kathie endgültig auf Platz eins der Verdächtigenliste. Denn sie stellt das süße Naschwerk selber her und versorgt Sylts Cafés und Teeläden mit ihren handgefertigten Pralinen. Siggi findet heraus, dass der Tote an einem Retreat für "echte Männer" teilnahm, das ein smarter Influencer veranstaltet. Naturgemäß gerät die Sylter Miss Marple hier an ihre Grenzen. Doch Freundin Alix hat die zündende Idee und spendiert Siggis Mann Törtchen ein Schnupperwochenende für High-Performer. Während er die "starken Männer" ausspioniert, sucht seine Frau nach möglichen Verdächtigen. Siggi muss dieses Mal auf die Unterstützung ihrer Freundinnen verzichten, dafür kommt ihr ein alter Bekannter, Privatdetektiv Artem Pawelczuk, zu Hilfe. Trotz seiner Unterstützung und obwohl sich Törtchen als nützlicher Sidekick erweist, stagnieren die Ermittlungen. Siggi beschließt schweren Herzens den Fall der Polizei zu überlassen. Da bringt ein völlig unerwartetes Ereignis die Wende.

Siggi ist eine patente, sympathische Frau mit dem Herz auf dem rechten Fleck und ausgeprägtem Schnüffeltalent. Unterstützt wird sie von ihrem loyalen Mann Torsten bzw. Törtchen, und mehreren Freundinnen. Sie alle sind bodenständige Charaktere mit Ecken und Kanten. Die Autorin punktet neben einer spannenden Ermittlung mit reichlich Inselflair und Lokalkolorit. "Kluntjeknieper" lautet bspw. der Name der Teestube in der Kathi arbeitet. Auch das Privatleben ihrer Spürnase kommt nicht zu kurz, ohne überhandzunehmen. Besonders gefallen hat mir die kleine Beziehungskrise zwischen Siggi und Torsten. Beide lassen ihrer Fantasie freien Lauf und erschaffen gedanklich Horrorszenarien anstatt miteinander zu reden.

Schließlich gelingt es Siggi und Artem das Verbrechen aufzuklären. Es bleiben keine Fragen offen, obwohl sich der Fall als ziemlich knifflig erweist. Mich hat der Cosy Crime gut unterhalten. Er kommt mit erfreulich wenig Gewalt aus und ist trotzdem spannend. Siggis Privatleben und der humorvolle Ton sind angemessen dosiert. Das Inselflair bekommt genügend Raum und Sylt wird erfrischender Weise mal aus der Perspektive nicht prominenter Einwohner gezeigt.

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Veröffentlicht am 28.04.2026

Wenn dein schlimmster Albtraum wahr wird

Einsam wie der Tod
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In einer True-Crime-Episode auf YouTube wird der Fall „Halvard Bjørnstad“ aus dem Jahr 2009 thematisiert. Seinerzeit hatte dieser zwei Morde begangen und plante einen erweiterten Suizid mit seinen Töchtern. ...

In einer True-Crime-Episode auf YouTube wird der Fall „Halvard Bjørnstad“ aus dem Jahr 2009 thematisiert. Seinerzeit hatte dieser zwei Morde begangen und plante einen erweiterten Suizid mit seinen Töchtern. Er ertrank, aber die Kinder überlebten. Angeblich ist jetzt ein Zeuge aufgetaucht, der behauptet, dass der mörderische Vater nicht gestorben ist, sondern entkommen konnte. Diese Information schockiert Sanna und Elin, die überlebenden Kinder. Sofort engagiert Sanna ihren Chef, den Privatdetektiv Rolf „Wolf“ Larsen, um die Wahrheit herauszufinden. Sie und Elin müssen unbedingt wissen, ob ihr Peiniger tatsächlich tot ist. Wolf ermittelt und entdeckt, dass Halvard Bjørnstad, Doppelmörder und Kinderschänder, möglicherweise noch lebt.

„Einsam wie der Tod“ ist der dritte Band der Norwegenkrimireihe von Bernhard Stäber. Als Neueinsteigerin habe ich mich gut zurechtgefunden. Obwohl die Gewalt und der Missbrauch, dem die Mädchen ausgesetzt waren, erschütternd sind, hat mich der Fall schnell gefesselt.

Wolf und Sanna finden heraus, dass der Informant des YouTubers Vidar Kvernberg ein ehemaliger Polizist, Einar Åsen, ist. Dieser bestätigt, dass damals in unmittelbarer Nähe der Stelle, wo Bjørnstad ins Meer stürzte, ein junger Sportsegler auf dem Weg zu den Orkneyinseln ankerte. Diese mögliche Spur wurde seinerzeit nicht weiter verfolgt, weil der Sohn einer sehr reichen Familie erfolgreich von Anwälten abgeschirmt wurde. Åsen gibt den Detektiven zwar den Namen des Seglers, aber ihre Ermittlungen stagnieren. Nach zwei Monaten hält Elin, die an einer Borderline-Störung leidet, die Ungewissheit nicht mehr aus. In einer Nacht- und Nebelaktion dringt sie zu dem reichen Erben vor und fragt ihn, ob er Bjørnstad zu den Orkneyinseln mitnahm. Ihr schlimmster Albtraum wird wahr.

Stäbers Charaktere haben mich überzeugt. „Wolf“ Rolf Larsen, vom Tod seiner Frau erschüttert, benötigt einen Neuanfang und verlässt Oslo und Kripos in Richtung Provinz. Er ist gut vernetzt, sympathisch und nutzt seine Berufserfahrung für den neuen Job. Sanna arbeitet als Journalistin und stundenweise für Wolf als freie Mitarbeiterin. Sie kommt mit ihrer dissoziativen Identitätsstörung einigermaßen klar und findet sich im Leben zurecht, aber das Grauen ihrer Kindheit hat sie nie ganz losgelassen. Ihr Vater, Halvard Bjørnstad, betrachtet sich als tief religiösen Menschen. Tatsächlich hat er sich eine Welt konstruiert, die seine gewalttätigen Ausbrüche rechtfertigt und die Schuld für seinen pädophilen Missbrauch einem kleinen Mädchen bzw. dem Dämon, der in sie gefahren sein soll, anlastet.

Der Fall „Halvard Bjørnstad“ wird auf zwei Zeitebenen erzählt.
2009 als die Gewalttaten und Übergriffe eines toxischen Vaters gegen seine Familie eskalierten und mit dem angeblichen Tod des Verbrechers endeten. Die Ereignisse werden aus wechselnden Perspektiven geschildert. Was die Mädchen erdulden mussten, ist genauso unerträglich, wie die Rechtfertigungsversuche des Täters.

In der Gegenwart wühlt eine True-Crime-Sendung die Vergangenheit wieder auf, die die Schwestern bis heute belastet. Bernhard Stäber vermittelt nachvollziehbar, warum die Schwestern mit der Ungewissheit nicht leben können, die ihre mühsam errungenen Fortschritte gefährdet. Sie müssen die Wahrheit erfahren und haben keine Wahl. Erneut lautet die Alternative: Er oder wir!

Die Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen. Es war erschütternd zu lesen, was Sanna und Elin widerfahren ist und sie dauerhaft verletzt hat. Um so stärker fand ich ihre Weigerung, erneut die Opferrolle anzunehmen. Sie beschließen vielmehr aktiv zu werden und das Übel zu bekämpfen. Das sorgte bei mir für Gänsehaut. Ebenfalls Anteil an der eher düsteren Atmosphäre des Romans hat die gelungene bildhafte Beschreibung der wilden Natur Norwegens und der Orkneyinseln.

Der Spannungsbogen hält bis zum Showdown am Ende. Ich hoffe, dass die Reihe fortgesetzt wird und dann noch ein paar offene Fragen beantwortet werden. Bernhard Stäber hat mich so gut unterhalten, dass ich Band 1 und 2 noch lesen werde.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Mord in besseren Kreisen

Verrat an der Loire
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Baron Philippe du Pléssis, neuerdings auch Duc de Cotignac, hat nicht nur den Titel und ein marodes Schloss geerbt. Sondern auch lästige Pflichten wie die Teilnahme am Begräbnis des Vicomte Claude de Murot. ...

Baron Philippe du Pléssis, neuerdings auch Duc de Cotignac, hat nicht nur den Titel und ein marodes Schloss geerbt. Sondern auch lästige Pflichten wie die Teilnahme am Begräbnis des Vicomte Claude de Murot. Insgeheim empfindet er es als Ironie des Schicksals, dass der Verstorbene, seit mehr als vierzig Jahren Vorstand der Jagdvereinigung Vénerie de Sologne, ausgerechnet durch einen Jagdunfall gestorben ist. Doch seine energische Tante Aude verkündet, dass Claude ermordet wurde und verpflichtet ihren widerstrebenden Neffen als Privatdetektiv. Tatsächlich stößt Philippe auf Ungereimtheiten und informiert Commissaire Charlotte Maigret über seinen Verdacht. Nur widerstrebend beginnt diese zu ermitteln. Aber bald steht fest: Tante Aude hat wieder einmal recht.

Auch in seinem dritten Fall ermittelt Philippe du Pléssis im Loiretal. Obwohl er seine Ermittlerrolle eigentlich aufgegeben hat, lässt ihm Tante Aude keine Wahl. Der amüsante Cosy Crime ist auch für Neueinsteiger gut geeignet.

Wie so oft fehlt anscheinend das Motiv für einen Mord. Denn Claude hatte nur ein Kind, Olivier, das gemeinsam mit seiner Mutter erbt. Für die beiden ändert der Todesfall wenig. Der Titel bringt dem Erben eher Nachteile, da er sich lieber mit seinen skurrilen Hobbys als mit Verwaltung und sonstigen Pflichten beschäftigt. Seine Eltern hatten ohnehin „ein Arrangement wie Trump und Melania“ so Tante Aude und die Witwe wird weiterhin in Saint-Tropez oder Monte-Carlo leben. Also wer hatte ein Motiv für den Mord? Und wie passt der Tod eines Joggers ins Bild, den ein riesiger Hund getötet haben soll?

Baron Philippe erscheint auf den ersten Blick ein oberflächlicher Lebemann und notorischer Frauenheld zu sein. Wird er mit Problemen konfrontiert, tröstet er sich mit leckeren Delikatessen oder teuren Outfits darüber hinweg. Seit seine große Liebe Juliette gestorben ist, lässt er sich auf keine ernsthafte Beziehung mehr ein. Seine Intuition als Ermittler ist allerdings überdurchschnittlich. Meine Lieblingsfigur ist Philippes achtzigjährige Tante Aude, die stets unverblümt ihre Meinung kundtut, am Schießstand ihren Neffen abzieht und messerscharf analysiert. „Das Versagen quillt ihm wirklich aus jedem Knopfloch“ urteilt sie über den Erben. Sie liebt Klatsch und hat immer ihren Flachmann dabei. Auch die anderen Charaktere, allen voran die undurchsichtige Charlotte Maigret, haben mich überzeugt.

Catherine Duval unterhält mit ihren bildhaften Beschreibungen der Handlungsorte, der adligen Gesellschaft und dem französischen Savoir-vivre. Sie beschreibt die Jagd aus der Sicht von Befürwortern und Gegnern. Philippe ist kein Jäger. Obwohl oder weil er schon als Kind von Hochstand zu Hochstand geschleppt wurde, kann er sich für die Jagd nicht erwärmen. Seine panische Angst vor Hunden, die auf einem Kindheitstrauma beruht, macht ihm bei den Ermittlungen schwer zu schaffen. Bekommt er es doch gleich mit zwei Hundemeuten und deren Piqueure (Hundeführer) zu tun.

Die Spannung kommt nicht zu kurz. In einem rasanten Showdown wird der Fall schließlich gelöst und der Täter gestellt. Der französische Cosy Crime kommt mit relativ wenig Gewalt aus, obwohl die Hetzjagd mit ein paar schaurigen Details aufwartet. Wie in allen bisherigen Bänden spielt eine historische Persönlichkeit, hier Leonardo da Vinci eine gewisse Rolle. Abgesehen von kleinen Längen im Mittelteil, die sich aus Philippes Befindlichkeiten ergeben, wurde ich sehr gut unterhalten. Ich bin schon auf den nächsten Loire-Fall gespannt und frage mich, wie es mit dem Liebesleben des Barons weitergeht.
4,5 Sterne

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