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Veröffentlicht am 05.05.2026

»Zu gehen erfordert meistens mehr Mut als zu bleiben.«

Wild Roses & Fireflies
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„Wild Roses & Fireflies“ ist eine wunderschöne Romance, die von Freundschaft, Liebe und jenen Träumen erzählt, für die es sich lohnt, etwas zu riskieren. Anja Tatlisu spricht in ihrer gemütlichen Geschichte ...

„Wild Roses & Fireflies“ ist eine wunderschöne Romance, die von Freundschaft, Liebe und jenen Träumen erzählt, für die es sich lohnt, etwas zu riskieren. Anja Tatlisu spricht in ihrer gemütlichen Geschichte von zweiten Chancen, falschen Entscheidungen und der Freiheit, neu zu wählen.

Objektiv betrachtet hat sich das Leben von Emma nach ihrem Abschluss so entwickelt, wie sie es sich vorgestellt hat: Verlobt mit ihrem Jugendschwarm wohnt sie noch immer in der Nähe ihrer Familie und ist Teil der Kleinstadtgemeinschaft. Doch kam in ihrer Vorstellung statt Farmarbeit ein Rosengeschäft vor und weder das Fehlen ihres besten Freundes noch die lieb- und leidenschaftslose Beziehung, die mehr einer zusätzlichen Pflicht gleicht, standen auf dem Plan. Längst haben sich Em und Darren voneinander entfernt, wurden Gewohnheit.
Soll das wirklich schon alles gewesen sein? Das Schicksal – oder Channing – sagt eindeutig »Nein!« und so macht sich die junge Frau kurz entschlossen auf in ein Abenteuer.

Fünf Jahre sind vergangen, seit Channing Morgan sein Heimatstädtchen klanglos verlassen hat. Zwar hat ihn Boston nicht den einst gehegten Traumjob gebracht, dafür einen neuen Weg gezeigt: täglich riskiert der attraktive Good-Guy-Aufreißer selbstlos sein Leben, um andere zu retten. Als Firefighter hat Channing seine Bestimmung gefunden. Nun führt ihn ein Klassentreffen zurück nach Red Lodge, in den Tratsch und die Einfachheit, bevor eine ausgelassene, kribbelnde Hommage an Vergangenes seine beste Freundin zu ihm bringt. Im denkbar ungünstigsten Moment steht Emma Adeline Rose in ihrem schickesten Countrygirl-Outfit mit gepackten Taschen vor seiner Tür …

Emma und Channing waren immer ein Wir, immer Gemeinsam, und so beginnt eine turbulente Zeit auf engstem Raum.
Ems Ordnungsliebe prallt auf Channings Chaos. Ihre stillen Vorwürfe auf sein Großstadt-Sein.

»Ich hab Angst dich als Freund zu verlieren« (…) »Das wirst du nicht Emma Adeline Rose, egal was kommt oder geht, ich werde immer dein Freund sein.«

Anja Tatlisu hat mit „Wild Roses & Fireflies“ eine romantische Geschichte geschrieben, die von alltäglichen Momenten, von „einfach machen“, von „nach den Sternen greifen“ und diesen seltenen, besonderen Zufällen lebt und dabei ohne übermäßigen Kitsch und überzogene Dramatik auskommt. Dafür wartet Humor, der sich nicht nur in – ironisch anmutenden – Monologen und Gesprächen tummelt, sondern sich mitten in das Geschehen schlich, sich neben den rührenden Augenblicken, den vielfältigen Emotionen und (Selbst)Zweifeln platzierte. Ganz natürlich.

Channing ist ein charmanter Frauenheld, Typ Greenflag – aufmerksam, ehrlich, unterstützend, nicht gewillt, sich zu verbiegen, und stets bereit, alles stehen und liegenzulassen, wenn sein Job ruft.

Auch Emma überzeugt mit einem nahbaren Charakter, der sich im Verlauf entfaltet, sich Fehler eingesteht und weder vor direkten Worten noch vor Wagnissen zurückweicht. Stück für Stück überschreibt sie ihre Unsicherheiten und Zukunftsängste mit dem Glauben an sich selbst.

Ich mochte die Dynamik von Anfang an, war sie doch abwechslungsreich und spritzig, wankend zwischen alten Freunden, die alles voneinander kennen, und zwei Fremden, die erst noch ihren Rhythmus finden müssen.


Anjas Stil war hierbei durchweg authentisch, echt und voller Gefühl. Es war leicht, sich in Emma zu versetzen, mit ihr zu hadern und mutig zu sein, genau wie Channing, sein spurloses Abtauchen, zu verstehen. Beide sowie das sommerlich warme, von Anonymität und Möglichkeiten durchtränkte Setting wurden mit ausreichend Tiefe gezeichnet, sodass mensch sich problemlos zurücklehnen und in die Story fallen lassen, sie genießen kann. Dass Tatlisu uns nicht nur Teil von Emmas blumig-schönem Wunsch – Emma Adeline Rose's Roses – werden lässt, sondern auch von dem fordernden und gefährlichen Beruf eines Feuerwehrmanns, gibt der Handlung zusätzliche Relevanz. Neben den Protagonisten sind es Channings unterschiedliche Kollegen, die Amüsement einbringen, und Alanis – eine ehemalige Primaballerina, die für Emma so viel mehr als weise Worte übrig hat. Die Gespräche der Frauen, die sich entwickelnde Freundschaft, waren intensiv und passten perfekt in die Stimmung der Romance, die Wehmut und Aufregung, Neuanfang und Euphorie miteinander vereint.

Während verhaltene Unterhaltungen zu anzüglichem Geplänkel wachsen, fragwürdige Deals zwischen den Mitbewohnern auf Zeit entstehen, die Luft immer häufiger knistert, überdeckt die Bostoner Freiheit langsam Emmas Heimweh, führt sie auf Erkundungstouren und direkt in ihren längst begrabenen Traum …

„Wild Roses & Fireflies“ ist so ein Buch, in dem ich gerne noch viel länger verweilt hätte.

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Bewegend. Brisant – ein unerwartetes Highlight.

Night Circus
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Durch den historisch anmutenden Fantasy-Roman „Night Circus“ bin ich eher spontan innerhalb der sehr gut gesprochenen Hörbuchfassung gewandelt, aber ich möchte unbedingt meine Begeisterung ausdrücken – ...

Durch den historisch anmutenden Fantasy-Roman „Night Circus“ bin ich eher spontan innerhalb der sehr gut gesprochenen Hörbuchfassung gewandelt, aber ich möchte unbedingt meine Begeisterung ausdrücken – diese Geschichte ist weitaus mehr als eine typisch-seichte Romantasy, sie ist schmerzlich und bitter. Regelrecht tragisch.
Denn Izzy Maxen führt uns schonungslos in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts, als Frauen noch Gegenstand und Besitz waren. Als die Ehe der Frau Autonomie und Freiheit aberkannte, sie ihrer Unversehrtheit beraubte. Ungestraft. Vollkommen natürlich.

Seit zwei Jahren ist Harlow mit einem skrupellosen, verschuldeten Scheusal verheiratet. An ihrem Geburtstag zwingt er sie in die Vorstellung des Night Circus, der mit seinen mystischen Sensationen weltweit Aufsehen erregt, und auf die Bühne. Hier soll sie innerhalb einer Nummer den Zirkusdirektor küssen und ihm somit Jugend schenken. Tatsächlich wird aus dem Greis ein ebenso attraktiver wie bedrohlicher Mann ihres Alters.
Die Konsequenzen für Harlow sind brutal, doch beginnen diese erst in ihrem Anwesen, allein mit Alistair, und enden in einer Zeitschleife, aus der es kein Entkommen zu geben scheint …
Als die junge Adelige beschließt, mit Dante, dem die Wiederholung als Einzigen bewusst ist, zusammenzuarbeiten, und sie gemeinsam versuchen, den Fluch zu brechen, erwacht in ihnen eine berauschende Leidenschaft, etwas, das beide nicht loslassen wollen – und doch müssen. Denn nicht nur ihr Leben hängt von dem Bruch der Zeitschleife ab …

„Night Circus: Verfluchter Kuss“ wird aus wechselnder Perspektive erzählt, sodass wir Teil von Harlows einengendem Dasein, der Gewalt und Unterdrückung, die sie erdulden muss, von ihren melancholischen, hoffnungslosen Gedanken werden und von ihrem Entschluss, den einzigen Ausweg zu gehen, der einer Frau ihrer Zeit bleibt. Es tat weh. Trotz der Umstände und ihres ernüchternden Wissens, was sie in der Gesellschaft wert ist, wirkt die 20-Jährige intelligent, ihrem Stand und der Epoche in vielen Teilen voraus und auf eine nicht übertriebene Weise taff. Die Zeitschleife schenkt ihr neben Irritation und Verzweiflung auch neue Möglichkeiten, eine Art Euphorie – etwas, das Dante verstärkt. Dieser ist in Rausch und Schuld gefangen, in Gleichgültigkeit, mimt lange den unnahbaren Direktor und ist doch nicht gewillt, die Dinge so weiterlaufen zu lassen. Denn die Auswirkungen jeder einzelnen Vorstellung sind verheerend. Und Harlows Rolle ist eine, die es dringend zu ergründen gilt.

Maxen schuf eine stimmige, wandelbare Dynamik, die sich gleichzeitig mit der Atmosphäre verdichtet, echt wird, ernst. Was aus einem erzwungenen Miteinander, mit Abneigung und Misstrauen, beginnt, wird intensiv. Weckt nie gekannte Empfindungen.
Beide Hauptcharaktere sowie der Zirkus selbst, sein Entstehen, erhielten Tiefe, während das Setting vorstellbar, von Geheimnissen umwoben, zur Geltung kam. Selten war die Stimmung frei und unbeschwert, eher schmiegt sich beständig etwas Bedrohliches um das Geschehen, etwas Kaltes, das sich festkrallt, eine nicht durchschaubare, wütende Präsenz.

Die widernatürliche Komponente war durchdacht ausgearbeitet, originell und hält düstere Überraschungen bereit. Hervorragend gelang der Autorin zudem der „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Aspekt. Wir sind uns sicher einig, dass die Gefahr, hierbei in Monotonie zu driften, groß ist – diese umgeht Izzy mühelos, indem sie uns unter anderem an den sich verändernden Bewertungen der Situation und den individuellen Versuchen, die Schleife zu durchbrechen und dem Ursprung auf den Grund zu gehen, teilhaben lässt. Auch die charakterlichen Entwicklungen hierbei wurden deutlich herausgearbeitet. Dante, der seinem Trott und dem Selbstmitleid überdrüssig wird, und Harlow, die ihre Chance auf ein wenig Leben, ein Stück Freiheit mutig ergreift. Aber nicht nur die Protagonisten und das Zwischenmenschliche erfreuen sich eines Wandels: Gerade Berta und Godfrey hinterlassen einen bleibenden, nahegehenden Eindruck, während Alistair, James und Harlows Mutter nichts als Abscheu wecken.

Geschrieben wurde übrigens in einem wunderbaren, klaren Ton, der Epoche angemessen, ohne hochtrabend zu klingen, und in vorstellbaren Worten, die nicht davor zurückschrecken, Missstände und Leid der damaligen Zeit direkt anzusprechen. Statt Spice, Kitsch und Drama wartet eine – die Themen betreffende – ergreifende, von Dunkelheit und Schatten durchzogene Geschichte, die perfekt endet.
„Night Circus: Verfluchter Kuss“ ist eine historische Romantasy über die harte Realität der Frau und der Andersartigkeit, über den Mut, zu gehen, statt ewig gefangen zu sein. Über Freiheit, Risiko und Liebe.

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Veröffentlicht am 15.04.2026

Wie immer ein Roman von Woods mit überraschender Relevanz

Das Geheimnis des Geigenbauers
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„Das Geheimnis des Geigenbauers“ ist ein weiterer unglaublich bewegender, in seiner Relevanz überraschender Roman von Evie Woods, der uns erneut in eine Geschichte führt, die sich über Generationen hinweg ...

„Das Geheimnis des Geigenbauers“ ist ein weiterer unglaublich bewegender, in seiner Relevanz überraschender Roman von Evie Woods, der uns erneut in eine Geschichte führt, die sich über Generationen hinweg erstreckt, Schicksale, die sich so nie gekreuzt hätten, verbindet und uns daran erinnert, dass es Hoffnung gibt. Gerechtigkeit. Magie.


Im Fundbüro des Flughafens von Heathrow kann Devlin, einst selbst leidenschaftlicher Musiker, sich der Anziehung einer alten Geige nicht verwehren und steht plötzlich mit einer vermutlich gestohlenen, unsagbar wertvollen Violine vor der Tür seines ehemaligen Lehrers.

Walter hat abgeschlossen, mit sich und seinem Dasein. Doch das Auftauchen von Devlin, sein mysteriöses Fundstück und seine wilde Geschichte katapultieren ihn zurück in das pure Leben. Erfüllen ihn mit längst vergessener Euphorie. Die Geige führt die beiden zu der Gutachterin Gabrielle. Wildings Kenntnisse über das filigrane Streichinstrument und ihre Kontakte könnten helfen, um der Herkunft der Violine und ihrem Wert näherzukommen.

Gabrielle versucht händeringend, das Erbe ihres Vaters vor dem Ruin zu retten. Als ihr zwei Fremde eine Geige präsentieren, die sie – gleichzeitig gestraft wie gesegnet mit musikalischer Finesse und Talent – sofort in ihren Bann zieht und fasziniert, ist ihr Interesse geweckt. Dabei setzt die nüchterne, einsame Gutachterin sonst auf Kontrolle, versteckt ihre Gefühle hinter hohen, dichten Mauern. Zu vieles wurde ihr bereits durch ihre vermeintliche Berufung genommen.

Was Walter, Gabrielle und Devlin nicht ahnen? Ihre gemeinsame detektivische Recherche führt sie an andere Orte, in ein turbulentes Abenteuer und endlich wieder näher zu sich selbst; trägt sie über ihre Ängste und Traumata hinweg und vermag es sogar, ihre Selbstzweifel zum Verstummen zu bringen.

„Das Geheimnis des Geigenbauers“ ist ein vielschichtiger Roman, dessen Komplexität sich Stück für Stück entfaltet und Zeit braucht, um tief, sehr tief zu treffen. Die anfänglich nicht zueinander passenden Stränge verlaufen mit voranschreitender Handlung gekonnt ineinander, verbinden sich zu einer ergreifenden Erzählung, die von seelischen Narben und Heilung spricht, von zweiten (Lebens)Chancen und einer immer währenden, nie gänzlich versiegten Hoffnung.

Nachdem wir die Hauptakteure und ihre nahbaren, individuellen Probleme kennenlernten, verfolgen wir ihre erstarkende Dynamik, sehen, wie sie einander unbemerkt bereichern und ergänzen, sich wortlos helfen und verstehen. Dass Geheimnisse zwischen ihnen liegen, ein Hauch Misstrauen und Vorsicht, sich seichte Funken der Sehnsucht entzünden, gestaltet das sich entwickelnde Miteinander unerwartet aufregend. Alle drei Protagonisten kämpfen mit in der Vergangenheit geschlagenen, unsichtbaren Wunden, mit Schmerz; kämpfen mit sich selbst, mit allem, was verloren ging, und dem Laufe der Zeit.

Die Suche nach Hinweisen auf die Herkunft der Geige, auf den Ursprung ihrer unbeschreiblichen Wirkung, ist intensiv und nicht hürdenfrei, scheint manches Mal hoffnungslos und wird von Tag zu Tag gefährlicher – denn mit dem Besitz des Diebesgutes machen sich Walter, Gabrielle und Devlin zur Zielscheibe. Um dieses mysteriöse Musikinstrument sponn die Autorin ein Netz aus Lügen, Gräuel, Bedrohung und Mysterien, das letztlich für alle Beteiligten so viel offenbart: Erkenntnisse, Stärke, Mut und frische Perspektiven. Alte und neue Leidenschaften. Die eigene, verloren geglaubte Stimme. Freunde und Liebe …

Die eigentliche Geschichte, die der Geige, beginnt 1812, und so werden wir von der Gegenwart mehrfach zurückkatapultiert. In Tragik, Eifersucht und Neid, aber auch in große Gefühle Woods schafft es, mit ihren eindringlichen, nahezu poetischen Worten einem leblosen Gegenstand nicht nur eine tragende Rolle zuzuweisen, sondern ihm Lebendigkeit einzuhauchen. „Das Geheimnis des Geigenbauers“ wurde wunderschön und malerisch geschrieben, stimmt nachdenklich. In keinem Moment versiegen Neugier, Charme oder die durchweg mitklingende subtile Spannung. Dicht nebeneinander schweben Melancholie und Zuversicht, Schwere und Humor.
Es war erstaunlich, wie sich die Figuren im Verlauf, mit- und dank einander, veränderten, wie sie von pragmatischen Verbündeten zu Freunden und Vertrauten, wie wir zu einem Teil dieser besonderen Selbstfindung wurden.

Was ich bei Evie Woods’ Romanen, die stets einen gesellschaftskritischen Kern besitzen, immer wieder zu schätzen weiß, sind die feministischen Aspekte, die unbequemen Tatsachen, die aufgegriffenen Missstände und die Themenvielfalt, die oft genug Erkennen verursacht. Gänsehaut. In keiner ihrer Erzählungen steht die Romantik im Vordergrund, sondern Tragik und Trauer, gebrochene Charaktere, die erst noch erblühen müssen, der Wunsch nach Gerechtigkeit und Heilung.

Abschließend lässt sich daher nur sagen, dass auch dieses Buch mehr zu bieten hat als lediglich eine herrliche Optik, dass dieses Buch so viel mehr enthält …

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Veröffentlicht am 15.04.2026

Glaubhaft erzählt, bittersüß, humorvoll und rührend

Love Me Tomorrow
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Mit der Trennung ihrer Eltern verlor Emma Nakamura-Thatcher ihren Glauben an die Liebe und an »Für immer«.
Aus dem hoffnungsvollen Kind wurde eine pragmatische, introvertierte Teenagerin mit einem Händchen ...

Mit der Trennung ihrer Eltern verlor Emma Nakamura-Thatcher ihren Glauben an die Liebe und an »Für immer«.
Aus dem hoffnungsvollen Kind wurde eine pragmatische, introvertierte Teenagerin mit einem Händchen für das Geigenspiel und zurückhaltenden Träumen. Denn Emma hat nicht vor, ihre Mutter, die unter einer vorzeitigen Arthritis in den Händen leidet, und ihren – seltsamen – Großvater Jiji nach dem Abschluss zu verlassen, um an einem entfernten College zu studieren.
Doch kurz nachdem sie auf dem Tanabata-Fest um ein Zeichen dafür bittet, dass die wahre Liebe wirklich existiert, erreichen sie mysteriöse Briefe. Aus der Zukunft.
Das kann doch nur ein blöder Scherz sein, oder?
Ist es nicht.
Und so verbringt Emma ihren Sommer damit, die Identität von thechronosproject1 im Jetzt aufzudecken. Und lernt dabei so viel mehr über sich, die Liebe und das Leben …

Emma führt uns durch ihre außergewöhnliche Geschichte, sodass wir die junge Frau, ihre oft bedrückenden, ernsten Gedanken und ihre Situation genau kennenlernen können. Ihre knapp bemessene Freizeit verbringt sie entweder damit, ihre schulischen und musikalischen Leistungen auszubauen, oder damit, das dringend benötigte Geld bei einem der zahlreichen Putzjobs zu verdienen, um ihre Mutter zu entlasten. Nur Kindheitsfreund und Nachbarsjunge Theo sowie die etwas eigensinnige, aber unglaublich liebenswürdige Delia lässt sie wirklich an sich heran.
Nun, erster könnte definitiv der Briefe(und Email)schreiber sein. Aber was ist mit Ezra, der ganz plötzlich Notiz von ihr nimmt und an ihr Geigentalent glaubt? Oder den reichen Schnösel Colin, der sie langsam aber hartnäckig, mit Einfühlungsvermögen und Aufrichtigkeit von ihren Vorurteilen gegenüber den Rich Kids befreit?
Während sich Emma immer mehr in Abwägungen und „Könnte sein“ verfängt, von Enttäuschungen übermannt wird, die Gegenwart und ihre eigenen Wünsche vergisst, ist es an ihrem Vater, sie zusätzlich aus dem Konzept zu bringen. Scheint dieser doch, im Gegensatz zu ihrer Mum, weiterzugehen, mit Madison und Camille vorwärtszublicken …

Emiko Jean erzählt „Love me tomorrow“ in einem klaren, wunderbaren Ton, der trotz der einfachen Worte reich an poetischen, nachklingenden Aussagen und an Realität ist. Obwohl sich „richtungsweisende Briefe aus der Zukunft“ fantastisch anhört, ist dieses Buch glaubhaft geschrieben, mitreißend konzipiert und mit Tiefe unterlegt. Die Zerrissenheit von Scheidungskindern, die Schuldgefühle, sind echt, wahr und nachvollziehbar. Ich, die ebenfalls jahrelang unter der Trennung ihrer Eltern litt und in Streit und Machtkämpfe verwickelt wurde, fand mich zumindest schmerzlich in Emmas Gedanken wieder. Zudem spricht die Autorin Alltagsrassismus und die Bürde der Armut an, Themen, die ebenso nahegehen wie Emmas Abneigung gegen die Liebe, gegen romantische Gefühle. Immerhin hat sie selbst gesehen, dass nichts ewig hält, dass immer jemand, auf die eine oder andere Weise, gehen wird. Wie sich Jean in ihrem unterhaltsamen Jugendroman mit der prägenden, kindlichen Konsequenz auseinandersetzt, war originell, herzerwärmend und absolut gelungen. Im Verlauf, mit jeder neuen Mail aus der Zukunft, jeder gegenwärtigen Hürde, jedem Gespräch mit Colin, Theo und Ezra lernt die 17-Jährige etwas dazu. Bis sie am Ende versteht, dass Liebe ein Schmerz ist, der sich lohnt, der Erinnerungen schafft, wo Leere herrscht.
Bis sie erkennt, dass sie ihr Jetzt nicht von einem Irgendwann lenken lassen darf.

Abgesehen von der äußerst charmanten und bodenständigen Protagonistin, die trotz ihrer Rationalität und ihrer Erfahrungen zu Einsichten und Entwicklungen neigt, fand ich ihre Freundin Delia und ihren Großvater einfach gigantisch – super verschrobene Figuren! Auch Greenflag Colin bereichert die Handlung im selben Maße, wie es etliche skurrile, schräge Szenen, sanfte Romantik und der Humor vermögen. Neben spritzig-frechen Schlagabtauschen und einer Menge Ironie waren es Wehmut und Melancholie, die an die Seiten fesseln. Der bittere Geschmack, der auf Verlassen und Veränderungen folgt. Und auch die anschwellende Euphorie, die Aufregung, die Hand in Hand mit Loslassen, Weitermachen und Neuanfangen geht. Emma hat recht, es gibt keine Garantie für eine erfolgreiche, glückliche Zukunft, keine, die eine nie endende Liebe verspricht. Aber der Versuch allein, der ist es wert …
Obwohl die Handlung in meinen Augen rund abgeschlossen ist, hinterlässt die Autorin auf der letzten Seite ein »Fortsetzung folgt«.

„Love me tomorrow“ ist eine zauberhafte, amüsante und berührende Young-Adult-Romance und eines dieser Bücher, die ich in meiner Jugend gebraucht hätte.

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Veröffentlicht am 08.04.2026

Manchmal müssen wir ein Stück zurück, um den richtigen Weg zu finden.

The Night We Met
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Für mich zählt Abby Jimenez zu den wenigen Autorinnen, die es verstehen, Ernst und Humor auf natürliche, authentische Weise zu kombinieren, Geschichten mit ungeahnter Tiefe und sensiblen Inhalten auszustatten, ...

Für mich zählt Abby Jimenez zu den wenigen Autorinnen, die es verstehen, Ernst und Humor auf natürliche, authentische Weise zu kombinieren, Geschichten mit ungeahnter Tiefe und sensiblen Inhalten auszustatten, ohne dabei an Romantik, Leichtigkeit und Amüsement einzubüßen.
So auch in „The Night We Met“:

Seit Kindesbeinen bewegt sich Larissa mit ihrer Mutter am Existenzminimum, kämpft gegen die Schulden des Mannes, der längst kein Teil mehr der Frauen ist. Larissa nutzt jede Chance, um Geld zu verdienen, arbeitet unermüdlich. Hauptsache nicht werden wie Nancy, die nur zu gerne ihre Fehler wiederholt, sich aushalten lässt und auf die falschen Kerle setzt.
Bei einem Konzert trifft die Kellnerin auf Chris und Mike und muss sich entscheiden, welcher der beiden sie nach Hause fahren soll. Statt sich dem unnahbaren und mürrisch dreinblickenden Chris aufzudrängen, steigt sie zu dem weitaus offener wirkenden Mike ins Auto – und so beginnt eine unvergessliche, schmerzlich echte Liebesgeschichte … nur nicht so, wie es sich das Trio in dieser Nacht voller Möglichkeiten und Aufregung vorgestellt hat.

Erzählt wird aus wechselnder Perspektive, so erfahren wir, dass Chris nicht nur unter dem Verlust seiner Mum, sondern auch unter Schuldgefühlen, Alpträumen und Einsamkeit leidet. Schnell zeigt sich, dass der Apotheker anstandslos und jederzeit für seinen besten Freund da ist, ihn deckt und für ihn lügt, während Mike lediglich auf sich, Sport und Partys fokussiert zu sein scheint. So springt Chris selbst für den Klempner/Personaltrainer ein, wenn es um dessen neue Freundin geht. Larissa. Die ihre eigenen Päckchen zu tragen hat. Die es verdient, glücklich zu sein. Die weder nach Hilfe fragen will noch diese annehmen kann. Die Bücher und Diskussionen so liebt wie er.

Als Chris und Larissa beginnen, sich das Sorgerecht für ihr Findelkind, den ausgesetzten und vernachlässigten Mischling Wufferine, zu teilen, teilen sie auch Erinnerungen, Anekdoten und ihre Hoffnungen, lernen einander immer besser kennen, entdecken Gemeinsamkeiten. Werden zu Vertrauten, Freunden und mehr. Chris kann sich der Tatsache, wie falsch seine Gefühle sind, nicht versperren und kann Larissa doch nicht aus dem Weg gehen. Dabei wissen beide, wie falsch das ist.
Aber ist es das wirklich?

Jimenez macht es uns unglaublich leicht, sich in diese verquere dreier Dynamik, die aufkommende Anspannung und das Gefühlschaos zu versetzen. Ich verstand Chris' und Larissas Gewissensbisse, ihre Versuche, sich gegen die Verbindung, die sie unbestreitbar zueinander zieht, zu sträuben, um Mike zu schützen und den stabilen Freundeskreis nicht zu gefährden. Mikes Bequemlichkeit, seine Selbstüberschätzung und die Ignoranz, mit der er seine mentale Verfassung bedachte, machten es hingegen schwer, seine Liebesschwüre nachzuvollziehen. Gleichzeitig sind seine Probleme offensichtlich. Larissa beginnt indes immer häufiger, an ihm und seinen hochtrabenden Worten, auf die selten Taten folgen, zu zweifeln. Hat sie sich damals für den Falschen entschieden?
Dieser Gedanke lässt Larissa einfach nicht los. Denn im Gegensatz zu Mike, der mit Unzuverlässigkeit und Ausreden glänzt, unterstützt Chris sie, hört ihr zu, lacht und schweigt mit ihr, sorgt sich um sie …

Egal ob als Freunde, Hunde-Eltern, Mitbewohner – Larissa und Chris waren perfekt, unglaublich stimmig und harmonisch im Miteinander, sich ergänzend und bereichernd.
Chris ist hierbei eine absolute Greenflag. Er geht stets achtsam mit Larissa und deren schwerer Nussallergie um, supportet sie bedingungslos – auch wenn sie nichts davon ahnt. Und Larissa gibt ihm dieselbe Aufmerksamkeit zurück.
Im Verlauf knistert es gewaltig, erst im Stillen, dann deutlicher zu vernehmen. Heimlich, verzweifelt und wortlos.
Bis alle Lügen und Halbwahrheiten ans Licht kommen, Enttäuschung und Schmerz, Wehmut und Zerrissenheit die Geschichte fluten. Dabei ist „The Night we Met“ frei von aufgebauschten Dramen und unnötigen Konflikten. Reale, bittere, sensible Themen untermalen Abbys Lovestorys nicht nur, sie begleiten sie und spielen eine essenzielle Rolle, die sich an Aus- und Aufarbeitung erfreut. Nichts wirkt gehetzt oder überstürzt – weder Zusammenfinden noch Entwicklungen oder Erkennen.
Stilistisch liest sich dieses Buch wieder sehr modern, klar und einfühlsam. Die Settings waren bildreich inszeniert, die Empfindungen mit einer poetischen Nuance bestückt und die Charaktere geben Raum, um sich mit ihnen zu identifizieren. Spritzige, interessante und bewegende Gespräche warten im gleichen Maße wie zarte Romantik, Freundschaft und Humor.
Es braucht Zeit, bis Chris und Larissa uns und einander an ihren Ängsten teilhaben, ihre Mauern vollends fallen lassen, sich verletzlich und echt, ungefiltert zeigen. Durch den anderen und gemeinsam hinterfragen sie eigene Muster und Prinzipien, lassen los, was ihnen schadet, egal wie weh es tut. Denn wie soll sich etwas ändern, wenn du immer durch dieselbe Tür trittst?

Abgesehen von den Protagonisten und Mike, der die wohl größte Veränderung durchleben muss, sind auch Xavier, Jesse, Samantha und Becca, die wir bereits in anderen Romanen von Jimenez kennenlernen durften, sowie Larissas beste Freundin Lexi präsente Figuren. Für allerhand Skurrilität ist Wufferine, vor dem weder Müll noch Tiere sicher sind, verantwortlich und auch etliche andere Szenen sind so schräg, dass mensch gar nicht anders kann, als laut zu lachen und mitzuschmunzeln. Viele, viele Aussagen drängen zum Nachdenken und berühren tief. Wir werden in dieser Slow-Burn-Romance u. A. mit den Hürden von KellnerInnen und ApothekerInnen, mit Suchterkrankungen, Allergien und Trauer konfrontiert, mit toxischen Beziehungsmustern, Traumata, Narzissmus und Abhängigkeit.
Abby Jimenez erzählt von frischen Wegen, neuen Zielen und dem Glauben an sich selbst, davon, dass das Herz will, was es will, und davon, dass Hilfe anzunehmen kein Zeichen von Schwäche ist.
Ich hoffe auf baldigen Nachschub.

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