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Veröffentlicht am 23.07.2025

Ein von Trauer und Wut erfülltes feministisches Porträt der ermordeten Schwester

Lilianas unvergänglicher Sommer
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"Und während wir uns durch die Schatten der Tage schleppten, vermehrten sich die getöteten Frauen. Immer mehr Frauen wurden von der Welle der Gewalt mitgerissen, junge wie alte, aus Arbeiterhaushalten ...

"Und während wir uns durch die Schatten der Tage schleppten, vermehrten sich die getöteten Frauen. Immer mehr Frauen wurden von der Welle der Gewalt mitgerissen, junge wie alte, aus Arbeiterhaushalten wie aus wohlhabenden. Ihre Körper waren nichts als eine Randnotiz der tödlichen Rechnung des Staates (...)"

"Lilianas unvergänglicher Sommer" ist der Erinnerung der ermordeten Schwester der Autorin gewidmet und prangert gleichzeitig die patriarchalen Strukturen an, die Gewalt gegen Frauen ermöglichen und gleichzeitig totschweigen.
In dem Roman begleiten wir Liliana Rivera Garza beim Aufwachsen und erhalten ein umfangreiches und intimes Bild ihres Lebens und Wesens durch eine Mischung von Tagebucheinträgen, Briefen, Fotos sowie Erzählungen der Erinnerungen von Freunden und Familie bis zu dem Punkt, wo sie 1990 von ihrem Ex-Partner ermordet wird. Wir erfahren, wie ihre Familie und Freunde mit dem Tod umgehen, sowie von den Schwierigkeiten mit der Justiz Mexikos. Cristina RIvera Garza hat es mit diesem Buch geschafft, dass ihre kleine Schwester nicht in Vergessenheit geraten wird und mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Femizide und generell Gewalt gegen Frauen gelenkt. Der Fokus des Buches liegt auf dem Opfer und dem Leben, das ihr viel zu früh genommen wurde.

Das Buch ist sehr ergreifend und emotional und ich habe mehrere Tränen vergossen. Gleichzeitig ist es sehr schön und poetisch geschrieben und glänzt durch eine tolle Übersetzung, die es geschafft hat, dies ins Deutsche zu übertragen.
Was mir auch sehr gut gefallen hat, war, dass man sehr viel über die Anzeichen von häuslicher Gewalt und gefährlichen Beziehungen lernt, über die Gründe, wie Frauen in solche Beziehungen geraten und wieso es so schwierig ist da heraus zu kommen.

"Der einzige Unterschied zwischen meiner Schwester und mir ist, dass ich nie einem Mörder über den Weg gelaufen bin. Das ist der einzige Unterschied zwischen ihr und dir."

Ich bin mir sicher, dass dieses Buch mich noch lange begleiten wird.
Ich finde tatsächlich, dass jeder dieses Buch lesen sollte, besonders junge Frauen. Es ist allerdings wirklich keine leichte Kost und nichts für schwache Nerven. Ein wirklich wichtiges feministisches Manifest für Lateinamerika und die Welt. "Keine mehr!"

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.12.2025

Weibliche Selbstbestimmung und Erwachsenwerden im Faschismus

Was vor uns liegt
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In dem Roman aus dem Jahr 1938 geht es um 8 junge Frauen aus verschiedenen sozialen Schichten und Regionen Italiens, die während ihres Studiums in Rom zusammen in einem Konvikt leben, und alle unterschiedliche ...

In dem Roman aus dem Jahr 1938 geht es um 8 junge Frauen aus verschiedenen sozialen Schichten und Regionen Italiens, die während ihres Studiums in Rom zusammen in einem Konvikt leben, und alle unterschiedliche Wege gehen im Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Dieser Roman hat mir sehr gut gefallen. Wir erfahren viel über die Lebensrealitäten von jungen Frauen im Italien der 30er Jahre. Strenge Regeln und kaum Alternativen zu einem Leben als "nur" Ehefrau und Mutter. Der Konvikt ist für die Frauen wie ein Zwischenraum bevor es ins richtige Leben, in die Realität geht. Hier kommen Frauen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten zusammen, die sich sonst nie kennengelernt hätten. Alle haben unterschiedliche Hintergründe, Ziele und Bestrebungen und doch leiden alle gleichermaßen unter den strengen Konventionen für Frauen. Alle Charaktere sind interessant und haben ihre Stärken und Schwächen. Besonders beeindruckt hat mich, wie die nach den damaligen Konventionen moralisch fragwürdigen Entscheidungen der Mädchen behandelt werden -mit Erklärungen, Verständnis und Empathie und kaum moralischer Wertung.
Das Buch liest sich sehr gut und kurzweilig, was sicher auch der guten Übersetzung geschuldet ist. Generell ist es beachtlich wie modern der Roman wirkt und teilweise zeitlos, obwohl er fast 100 Jahre alt ist. Einige Handlungsstränge sind wirklich bemerkenswert für die Zeit und es ist offensichtlich warum das Buch verboten wurde im Faschismus.
Ich hätte mir nur gewünscht, dass es ein paar weniger Hauptcharaktere gäbe, da es am Anfang ein bisschen schwer ist den Überblick zu behalten und man so einige Handlungsstränge noch vertiefen hätte können.

Insgesamt ist es aber ein sehr besonderes Buch, das mich auf andere Bücher der Autorin neugierig gemacht hat und mir auf jeden Fall in Erinnerung bleiben wird. Ich würde es allen empfehlen, die Interesse an vielfältigen und starken Frauencharakteren und an der Geschichte von Frauenrechten haben.

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Veröffentlicht am 23.07.2025

Ausbrechen aus einer Lebenskrise und die Macht der Freundschaft

Der Schlaf der Anderen
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"Jetzt, denke ich, jetzt wäre ein guter Moment um aufzuwachen. Endgültig Schluss zu machen mit alldem hier. Ich will hier nicht sein. Nicht auf dieser Kreuzung, nicht bei diesen Menschen. Nicht in diesem ...

"Jetzt, denke ich, jetzt wäre ein guter Moment um aufzuwachen. Endgültig Schluss zu machen mit alldem hier. Ich will hier nicht sein. Nicht auf dieser Kreuzung, nicht bei diesen Menschen. Nicht in diesem Leben."

Sina und Janis lernen sich kennen, als Sina in die Schlafklinik kommt, in der Janis als Nachtwache arbeitet. Die Begegnung und der Beginn einer einzigartigen Freundschaft ist der Auslöser für einen Wendepunkt im Leben der beiden Frauen. Sie haben zwar auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam außer ihrem Alter, doch sie beide sind in gewisser Weise festgefahren und befinden sich schon lange in einer Art Überlebensmodus. Sie sind beide überfordert mit ihrem Leben insgesamt und teilen ein Gefühl von Einsamkeit sowie den Kampf mit Depressionen. Ihre Begegnung ist der Moment in dem beide Frauen aus ihrer Situation ausbrechen und ihr Leben ändern.

Das Buch hat mir sehr gefallen, da die besondere Prämisse sehr gut umgesetzt wurde. Die zwei Protagonistinnen sind authentisch und man kann sich gut in sie hineinversetzen. Besonders Sina ist eine Figur, die sehr real wirkt und mit der sich viele Frauen identifizieren können. Die Geschichte setzt sich damit auseinander, wie schwierig es ist, seinen eigenen Weg zu gehen und wie viele sich einfach von der gesellschaftlichen Norm mitreißen lassen und am Ende unglücklich sind. Es geht darum, den Mut zu haben, anders zu sein, auch wenn man auf Unverständnis vom Umfeld stößt. Und vor allem geht es um den Wert von echten Freundschaften, die bei vielen Menschen im Laufe des Erwachsenlebens auf der Strecke bleiben.

Der Schreibstil passt zur Geschichte und den Charakteren. Der Schlaf bzw. das Nichtschlafen wird wunderbar als Representation der Gefühlswelt der Figuren benutzt und ist der Faden, an dem sich die Geschichte leitet. Besonders der erste Satz und der letzte Satz sind sehr gut gewählt und bieten einen perfekten Rahmen für die Geschichte.

Alles in allem hat mich das Buch von Anfang an gepackt, sodass ich es locker in 2 Tagen durchgelesen habe und ich danach erst mal über das Gelesene nachdenken musste. Eine klare Leseempfehlung für mich.

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Veröffentlicht am 15.05.2026

Verstörend, absurd und satirisch

Yesteryear
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"Yesteryear" hat mich wirklich komplett in seinen Bann gezogen und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, sodass ich es innerhalb von 2 Tagen durchgelesen habe. Es hat sich angefühlt, wie eine Mischung ...

"Yesteryear" hat mich wirklich komplett in seinen Bann gezogen und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, sodass ich es innerhalb von 2 Tagen durchgelesen habe. Es hat sich angefühlt, wie eine Mischung aus einem verstörenden Albtraum und einer absurden Realityshow.

Ich finde die Idee eine "Tradwife"-Influencerin mit der Realität des Lebens einer Hausfrau auf einer Farm im 19. Jahrhundert zu konfrontieren absolut genial und die Umsetzung hat mir auch gut gefallen, obwohl es doch sehr anders war, als ich erwartet habe.
Im Prinzip ist es eine Satire, die aufzeigen soll, wie heuchlerisch viele der fundamentalen christlichen Influencer sind. Es ist stellenweise sehr verstörend und beklemmend, aber auch absurd witzig und behandelt viele aktuelle gesellschaftlichen Themen wie die Internetphänomene "Manosphere" und "Tradwife", sowie Missbrauch von Kindern bei sogenannten "Familienvlogs", generell der Kontrast zwischen Schein vs. Realität in den sozialen Medien, das Leben in strengen christlichen Regeln und vor allem das Patriarchat.
Natalie ist wahrscheinlich eine der unsympathischsten Protagonisten, die ich je erlebt habe und es war teilweise sehr schwierig Mitleid mit ihr zu haben, da man sie und ihre Gedanken so sehr hasst. Trotzdem ist sie super geschrieben, denn sie ist absolut komplex und wirkt realistisch.
Ich hätte das Buch perfekt gefunden, wenn es ein bisschen mehr Zeit im 19. Jahrhundert verbracht hätte, denn das kam mir ein bisschen zu kurz und die Teile in der Gegenwart haben sich manchmal ein bisschen gezogen. Auch das Ende hat mich nicht zu 100 Prozent überzeugt.

Insgesamt aber ein super spannendes Buch, über das man viel nachdenken und diskutieren kann und ich würde es jedem weiterempfehlen!

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