Ein Garten voller Geschichte, Hoffnung und Herz
Ein Ort, der bleibtManchmal braucht ein Buch keine lauten Knalleffekte, um richtig tief zu gehen. Ein Ort, der bleibt macht das eher auf die feine Art. Still, klug, warmherzig und plötzlich sitzt man da, liest von einem ...
Manchmal braucht ein Buch keine lauten Knalleffekte, um richtig tief zu gehen. Ein Ort, der bleibt macht das eher auf die feine Art. Still, klug, warmherzig und plötzlich sitzt man da, liest von einem Botanischen Garten in Istanbul und denkt sich: Na toll, jetzt hänge ich emotional an Pflanzen, Menschen und Orten, die ich vorher gar nicht kannte.
Sandra Lüpkes erzählt von drei Frauen, drei Generationen und einem Ort, der mehr ist als nur Kulisse. Magda, die mit ihrer Familie Deutschland verlassen muss, weil ihr Mann Alfred 1933 als Jude seine Stelle verliert. Mehpare, die im Botanischen Garten arbeitet und dabei nicht nur Pflanzen sortiert, sondern auch ihr eigenes Gefühlschaos irgendwie in den Griff bekommen muss. Und Imke, die viele Jahre später nach Istanbul kommt und merkt, dass Vergangenheit nie einfach brav im Archiv liegen bleibt.
Besonders schön ist, wie ruhig der Roman erzählt ist. Nicht langweilig ruhig, sondern eher wie ein Garten am frühen Morgen. Da raschelt es, da wächst etwas, da merkt man erst nach ein paar Seiten, wie viel Leben eigentlich zwischen den Zeilen steckt. Historisch wirkt das Ganze sehr sauber recherchiert, aber zum Glück nie wie eine Geschichtsstunde mit erhobenem Zeigefinger. Danke dafür, mein innerer Schulmuffel hat erleichtert aufgeatmet.
Ein kleiner Punkt Abzug bleibt, weil das Erzähltempo stellenweise schon sehr gemächlich ist. Da hätte ich mir ab und zu einen kleinen Schubs gewünscht. Aber emotional, atmosphärisch und thematisch hat mich das Buch absolut bekommen.
Ein Roman über Heimat, Verlust, Neubeginn und die Frage, wo man eigentlich Wurzeln schlägt, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Leise, berührend und definitiv ein Buch, das bleibt.