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Veröffentlicht am 05.03.2018

Am Ende des Weges

Die Geschichte des verlorenen Kindes
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„Längst wusste ich, dass jeder sich seine Erinnerungen zurechtlegt, wie es ihm passt, noch immer ertappe ich mich dabei, dass auch ich es tue. Aber es verstörte mich, dass man dahin kommen kann, den Fakten ...

„Längst wusste ich, dass jeder sich seine Erinnerungen zurechtlegt, wie es ihm passt, noch immer ertappe ich mich dabei, dass auch ich es tue. Aber es verstörte mich, dass man dahin kommen kann, den Fakten eine Ordnung zu geben, die sich gegen die eigentlichen Interessen richtet.“


Inhalt


Elena beschließt, nach Neapel zurückzukehren, denn als erfolgreiche Autorin sucht sie nun wieder die Nähe zur Heimat und hofft, den üblen Machenschaften endgültig die Stirn bieten zu können und sich als gebildete, weltgewandte Frau von den Streitigkeiten vor Ort distanzieren zu können. Mit ihren zwei Töchtern zieht sie in das gleiche Haus, in dem ihre Jugendfreundin Lila lebt und fortan verbindet sie wieder eine bereits verloren geglaubte Freundschaft, die sich durch die gemeinsame Erfahrung einer zeitgleichen Schwangerschaft noch verstärkt. Elena erwartet von ihrer großen Liebe ein drittes Kind, von dem Mann, mit den schönen Händen, dem bereits so viele Frauen verfallen sind. Doch kaum ist die gemeinsame Tochter Imma geboren, muss sie feststellen, dass Nino sich niemals auf sie festlegen wird, weder in nächster noch in ferner Zukunft. Seine Liebe ist universell, lässt sich nicht auf eine Frau beschränken und zeigt Elena, dass sie eigene Wege gehen muss, wenn sie wieder glücklich werden will. Lila hilft ihr dabei und hält ihr den Rücken frei, bis eines Tages ein Unglück geschieht, dem sich keine der Frauen entziehen kann und welches ihre Freundschaft erneut auf eine harte Probe stellt.


Meinung


Ich habe ihn sehnlichst erwartet, den vierten Band der Neapolitanischen Saga, der mich ein letztes Mal zu den beiden Freundinnen führen sollte, die auf ihrem bisherigen Lebensweg eine Art Hass-Liebe verband, die zwischen aufrichtiger Bewunderung und nagender Eifersucht schwankte. Nachdem ich insbesondere vom zweiten und dritten Band hellauf begeistert war, freute ich mich nun zu erfahren, wie sich das Leben der beiden im späteren Erwachsenenalter entwickelt und ob es ihnen gelingt, endlich eine tiefere, neidlose, bedingungslose Freundschaft aufzubauen, nach der sie sich zwar gesehnt haben, die ihnen aber bisher nicht möglich war. Der vorliegende Abschlussband fällt, wie ich finde aber wieder etwas von seiner umfassenden Beleuchtung der Befindlichkeiten ab und konnte mich ebenso wie der Auftakt der Tetralogie nicht ganz überzeugten, obwohl ich das Gesamtwerk durchaus als lesenswert und interessant einstufe – insbesondere was die Entwicklung einer lebenslangen Frauenfreundschaft anbelangt. Mit Elena und Lila führt uns die Autorin zwei gegensätzliche Individuen vor, die einander wie Magnete anziehen und sich zeitlebens immer wieder abstoßen, die einander die Welt bedeuten, nur um kurz darauf ein mühseliges Kopfschütteln hervorzurufen. Es ist der zwischenmenschliche Faktor begleitet durch die diversen Schicksalsschläge und persönlichen Verfehlungen zweier starker Frauen, die trotz ihrer differenzierten Sicht auf die Dinge eine gemeinsame, unwiderrufliche Vergangenheit haben und die Kontakt pflegen, weil sie ahnen, dass der Verlust der einen bei der anderen eine nicht zu füllende Lücke hinterlassen würde.


Die Besonderheit des vorliegenden Buches, oder besser der Geschichte in ihrer Gesamtheit ist die einseitig gewählte Erzählperspektive, die den Leser zwar immer wieder zeigt, welche Gedanken Elena als Ich-Erzählerin durch den Kopf gehen, die dennoch ihre Freundin Lila ins Zentrum des Geschehens stellt. So bekommt der Leser einen Eindruck von dieser Frau, die zwischen herzlicher Zuneigung, absoluter Aufrichtigkeit und bitteren Vorwürfen schwankt. Die trotz ihrer unprätentiösen Herkunft viel Ansehen erlangt hat und sich in der Armut ihrer Heimat einen festen Platz erarbeitet hat. Elena hingegen wirkt auf mich trotz ihrer Bildung und eines einigermaßen geradlinigen Lebensweges immer etwas Abseits, nie zollt sie ihrer eigenen Person den gebührenden Respekt und immer scheint sie die Antwort der Freundin zu brauchen, bevor sie bereit ist eigene Entscheidungen zu treffen. Besonders auffallend tritt dieses Unvermögen im vorliegenden Band auf. Gemeinsam mit Elena geht der Leser durch die Höhen und Tiefen ihres Privatlebens und vieles wirkt nicht nur übertrieben, sondern wird direkt als Drama inszeniert. Dieses emotionale Auf und Ab, hat mich hier etwas gestört, weil ich mir erhofft hatte, das mit zunehmenden Alter auch ein innerlicher Reifeprozess eintritt. Doch so sehe ich auch am Ende der Saga nach wie vor zwei individuelle Charaktere, die sich ihrem Leben unterschiedlich genähert haben und dennoch irgendwie auf der Stelle treten.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für den vorliegenden 4. Band der Neapolitanischen Saga, die ich in der Gesamtheit noch etwas besser bewerte als im Einzelnen. Es ist eine andauernde, für mich durchaus italienische Erzählung über die Wertigkeit einer lebenslangen Freundschaft mit all ihren Fallstricken. Der Autorin ist mit dem Gesamtwerk ein interessanter Wurf gelungen, den man sicher auch noch einmal lesen kann, weil er so intensiv und ausführlich über die allseits bekannten Belange eines Menschenlebens spricht. Zwei Frauen, die sich fanden, umeinander Halt zu geben, die sich um den gleichen Mann stritten, die Fehler und Zugeständnisse machen mussten und denen die andere immer wie ein Spiegel vorkam, ein Vorbild, welches nicht erreichbar aber immer im Herzen blieb – die andere Seite der Medaille, die nur so lange so schön glänzt, wie sie gemeinsam brillieren konnten. Ich empfehle die Lektüre in erster Linie Frauen, die auch eine so herausfordernde Beziehung kennen und um ihren unschätzbaren Wert wissen.


Veröffentlicht am 11.02.2018

Von Menschen, Möglichkeiten und Neuanfängen

Lied der Weite
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„Schauen Sie sich doch an. Eines Tages werden Sie sterben, ohne jemals im Leben genug Sorgen gehabt zu haben. Jedenfalls nicht die richtige Sorte. Das ist ihre Chance.“


Inhalt


Für Victoria, die mit ...

„Schauen Sie sich doch an. Eines Tages werden Sie sterben, ohne jemals im Leben genug Sorgen gehabt zu haben. Jedenfalls nicht die richtige Sorte. Das ist ihre Chance.“


Inhalt


Für Victoria, die mit 17 schwanger ist und von ihrer Mutter nicht mehr unterstützt wird, stellt sich die Frage, wohin sie soll, in ihrem Zustand und dann bald noch mit einem Baby. Ihre Vertrauenslehrerin Maggie hat da eine passable Idee: Am Stadtrand von Holt wohnen zwei ältere Herren, beide Farmer und ohne Familie. Sie ist der Ansicht, dass die beiden Männer und das junge Mädchen eine gelungene Zweckgemeinschaft werden könnten und konfrontiert die Herren, mit ihrem Vorschlag. Tatsächlich sind diese bereit, sich darauf einzulassen und so kann das Leben weitergehen. Doch in Holt gibt es noch mehr Baustellen. Männer, die von Frauen verlassen wurden, Kinder, die ohne Mutter aufwachsen, Schüler die andere ausbeuten und solche, die anderen helfen. Alte und Junge, Starke und Schwache, Schlaue und Dumme – das Kleinstadtleben mit all seinen Vorteilen aber auch den unvermeidlichen Nachteilen, geprägt von Menschen jeglicher Art ist das Herzstück dieses Romans und zeigt, wie es aussehen könnte … das Leben.


Meinung


Der im Jahre 2014 verstorbene amerikanische Autor Kent Haruf hat die idyllische Kleinstadt Holt eigens für seine Geschichten erdacht und nimmt den Leser nun mit auf eine Reise ins Zentrum seines kleinen Universums. Dort, wo die Landschaft noch urig ist, die Menschen bodenständig leben und ihrer geregelten Arbeit nachgehen, dort wo der Ackerbau und die Viehzucht als Wirtschaftszweige dominieren, treffen wir Menschen aller Art, deren Charakterstärken und Ambitionen ebenso zu Tage treten wie ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten. Dieser Roman ist eine sehr liebevoll gezeichnete, unaufgeregte Menschenstudie über das Zusammenleben mehrerer Bewohner dieser Kleinstadt und gleichermaßen die Erzählmöglichkeit, wie es sein kann, wenn sich nicht jeder selbst am nächsten steht, wenn fast Fremde bereit sind, nur durch den ein oder anderen Kompromiss einne Neuanfang zu wagen, um den Gemeinschaftssinn zu stärken.


Zunächst einmal besticht der Roman durch einen humorvollen, ambitionierten Schreibstil, der ebenso Raum lässt für Gefühle wie Einsamkeit, Traurigkeit und Zuversicht als auch für ganz alltägliche, wenn auch leicht abschreckende Abläufe im ländlichen Tagesablauf. Mensch und Tier bildet eine Einheit, ist voneinander abhängig und wirkt aufeinander ein. Das Sterben, die Geburt, Krankheiten und Sorgen, die erste Liebe, der erste Verrat, das schlechte Gewissen, die elementare Wut – ganz egal was es ist, der Leser kann es nachvollziehen, selbst wenn der Autor aus einer übergeordneten Erzählperspektive heraus agiert und ersichtlich wird, das viele Menschen lieber schweigen als ihren Wünschen Ausdruck zu verleihen.


Mein persönlicher Kritikpunkt bezieht sich im Wesentlichen auf recht lose Erzählstränge, die immer wieder wechseln und dann doch recht oberflächlich aus der Außenperspektive schildern, was den Menschen widerfährt. Inhaltlich konzentriert sich die Geschichte auf mehrere Aspekte und Menschen, die mir durch den häufigen Wechsel nicht so recht ans Herz wachsen konnten. Am meisten gestört hat mich dabei die fehlende Reflexion über die Gefühlsebene. Der Leser weiß genau, wie viel Mut oder Überwindung hinter einer entsprechenden Verhaltensweise steckt, aber er entdeckt das nur über die Handlung, nicht über die inhaltliche Auseinandersetzung. Bereits nach der Hälfte des Buches war ich mir sicher, dass mich das Geschehen in einer verfilmten Variante noch mehr angesprochen hätte, da dort auch zwischenmenschliche Töne, wie Körpersprache oder Stimmvariationen wirken können.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen stillen, aber eindringlichen Roman, der Menschlichkeit und Aufopferungsbereitschaft fokussiert. Ich mag Bücher, in denen man eine echte Aussage, eine Botschaft findet und die man mit einem Lächeln zuklappen kann und all das bietet dieses Buch. Es zeigt, auf einfühlsame Art und Weise, wie Nähe entstehen kann, wenn man bereit ist, sie zuzulassen. Der große Vorteil des Buches ist seine leichte Hand, mit der es geschrieben scheint und deshalb auch so wirkt - gleichermaßen interessant wie verständlich, ebenso erschütternd wie aufrüttelnd und doch in sich geschlossen und mit einem hoffnungsfrohen Ende. Ich empfehle den Roman all jenen, die gerne Erzählungen hören, die viele Wahrheiten und lebensnahe Momente aufgreifen und dabei auch noch unterhalten.

Veröffentlicht am 09.02.2018

Mir geht es gut. Wie geht es dir?

Ein schönes Paar
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„Sie hatte Angst um ihn, um sich, um den Jungen, der in seinem Zimmer schlief, um die Zeit, ja, auch um die Zeit hatte sie Angst. Sie hatte ein Gefühl für die Zeit entwickelt, dafür, wie sie verrann.“


Inhalt


Philipp ...

„Sie hatte Angst um ihn, um sich, um den Jungen, der in seinem Zimmer schlief, um die Zeit, ja, auch um die Zeit hatte sie Angst. Sie hatte ein Gefühl für die Zeit entwickelt, dafür, wie sie verrann.“


Inhalt


Philipp Karst beschließt nach dem Tod seiner Eltern nicht nur das Haus auszuräumen, sondern sich auch intensiv mit der Lebensgeschichte und Liebesgeschichte von Herta und Georg auseinanderzusetzen. Vielleicht wird es ihm gelingen, aus der Gegenwart heraus die Beweggründe seiner Mutter zu verstehen, die sowohl seinem Vater als auch ihm schon vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hat. Möglicherweise kommt er auch der immerwährenden Sehnsucht auf die Spur, die seinen Vater dazu veranlasst hat, sich keine „neue“ Frau zu suchen und stattdessen auf die wenigen glücklichen Jahre an der Seite seiner Mutter zurückzublicken. Und mit viel Glück gelingt es ihm aufzudecken, warum in seinem Elternhaus immerzu nur Schweigen, stille Vorwürfe und mangelnde Erklärungen an der Tagesordnung waren. Hilfreich ist ihm dabei eine Kamera, ein Erinnerungsstück, welches die Geschicke seines Elternpaares wesentlich beeinflusst hat und mit dem auch er als Fotograf vieles verbindet. Wenn da nur nicht sein persönliches Unvermögen wäre, Gefühle zum Ausdruck zu bringen …


Meinung


Der deutsche Autor Gert Loschütz, der bereits zahlreiche Auszeichnungen für seine Werke bekommen hat und 2005 mit dem Roman „Dunkle Gesellschaft“ auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, thematisiert in seinem aktuellen Buch nicht nur die jüngere deutsche Vergangenheit, in der eine unüberwindbare Trennlinie mitten durch das Land verlief, sondern greift geschickt zu einer ganz persönlichen Lebensgeschichte, die rückblickend erzählt wird und den Leser dafür sensibilisiert, unter welchen Rahmenbedingungen Liebende während der politischen Teilung leben mussten und wie sie individuell damit umgegangen sind.


Die Handlung des Romans basiert im Wesentlichen jedoch auf einem Rückblick, den der erwachsene Sohn auf die Beziehung der Eltern wirft, die mit leichter Hand das Geschehen bestimmen und den Ich-Erzähler weit in den Hintergrund treten lassen. Es sind wenige glückliche Momente, denen er sich widmet und viele kleine Episoden, die dem Leser deutlich machen, wie aus einem landläufig „schönen Paar“ zwei sehr einsame Menschen werden können, denen nicht einmal der gemeinsame Sohn eine innere Verbundenheit schenken konnte.


Der gewählte Schreibstil wirkt sehr professionell, gediegen und schwermütig. Er schildert distanziert, sachlich und fast schon schmerzhaft objektiv die Gedankengänge und Handlungen der Protagonisten. Die Sätze greifen leicht und doch miteinander verwoben in die Erzählung ein, sie zwingen zum aufmerksamen Lesen und hallen nach. Gerade dieser ruhige, unaufgeregte Ton, der mit Attributen wie Beklemmung, Traurigkeit und Melancholie besetzt ist, macht einen großen Reiz des Buches aus. Allein die Art zu erzählen konnte mich für den Roman einnehmen, weil sie es ermöglicht selbst zu reflektieren.


Besonders positiv hervorheben möchte ich die handelnden Personen, die Gert Loschütz hier ins Feld führt. Sie bestreiten zu dritt ganz wesentliche Bestandteile der Geschichte, sie wirken in sich geschlossen, ausgewogen und berechenbar. Ihre Wünsche und Erwartungshaltungen werden transparent gemacht, jedoch immer nur aus der Eigenperspektive, so dass es dem Sohn als Ich-Erzähler dennoch unmöglich wird, die wahren Beweggründe seiner Eltern zu verstehen, auch wenn er ihnen nachspürt, um ihnen näher zu kommen, gelingt es ihm nicht im gewünschten Maße.


Dieser Roman löst eine ganze Welle von Gefühlen in mir aus, angefangen beim Unverständnis für die Mutter, die mit vollem Bewusstsein die Familie verlässt und sich nicht nur vom Mann, sondern auch vom Sohn trennt, bis hin zum Vater, der keine Erklärungen geben kann oder will. Gefangen in dieser lieblosen Umgebung, in der das Schweigen oberste Priorität hat, begegnet man einem Jungen, der sich nichts sehnlicher wünscht als Kontakt und Nähe und doch immer mehr in das einsame Lebensmodell seiner Eltern hineingezogen wird. Und darin sehe ich auch meinen Hauptkritikpunkt, es ist tatsächlich ein persönlicher. Denn Familie Karst lebt so weit von meinen Idealvorstellungen entfernt, dass mir nicht einer der Protagonisten ans Herz gewachsen ist, ganz im Gegenteil ich bin immer wütender geworden, wie man so leben und handeln kann. Wie das Unvermögen zu Bindung hier als dominantes Thema hervortritt und drei Menschenleben so bitter und nachhaltig beeinflusst. Dadurch tritt die Ursprungshandlung, die ihr Übel in der politischen Teilung Deutschlands sieht, immer weiter in den Hintergrund, so dass es letztlich ein sehr intensiver Roman über Menschen wird, die wegen mangelnder Kommunikationsfähigkeit ihre Familie zerrütten.


Und dennoch eine für mich geniale Geschichte, mit der es dem Autor gelungen ist, Momente, Menschen und Entscheidungen einzufangen, denen ich zwar nichts abgewinnen kann, die aber derart mitreißend und in sich schlüssig ist, dass ich davor den Hut ziehen muss. Selten hat mich ein Roman so gefesselt und bewegt, obwohl er keinerlei Parallelen und Verständnis in mir weckt, obwohl ich weder emotionalen noch praktischen Bezug dazu habe.


Fazit


Ich vergebe sehr gute 4 Lesesterne für diese Aufarbeitung eines Sohnes, der erkannt hat, seinen Eltern weder im Leben noch nach deren Tod näher kommen zu können und der dennoch versucht, zu akzeptieren was war. Dieses Buch rüttelt wach, es hält absolute Distanz und wertet nicht, beschreibt, seziert und zeigt, wie Menschen handeln können, denen es vielleicht nicht an Liebe mangelt aber zumindest am Vermögen ihre Bedürfnisse in Worte zu fassen. Als Leser muss man sich auf die Geschichte einlassen, denn sie pachtet keine Sympathiewerte, sie hält Abstand und bewegt dennoch. Man darf keine emotionale Auseinandersetzung erwarten und muss auch damit leben können, dass es auf persönliche Fragen keine Antworten geben wird. Wenn man dazu bereit ist, empfehle ich dieses Buch unbedingt zu lesen, denn literarisch hat es mich voll und ganz überzeugt.

Veröffentlicht am 29.01.2018

Was vom Volk noch übrig bleibt ...

Unter der Drachenwand
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„Ein heimatloser Flüchtling, ein heimat-und staatenloser Mensch, unter falschem Namen, mit falschen Papieren, mit falschem Blut, in der falschen Zeit, im falschen Leben, in der falschen Welt.“


Inhalt


Für ...

„Ein heimatloser Flüchtling, ein heimat-und staatenloser Mensch, unter falschem Namen, mit falschen Papieren, mit falschem Blut, in der falschen Zeit, im falschen Leben, in der falschen Welt.“


Inhalt


Für Veit Kolbe, der mutig im Krieg gekämpft hat, haben sich alle Illusionen verflüchtigt. Für ihn bedeutet seine Kriegsverletzung vor allem eines: dem Schrecken entkommen, wenigstens für ein paar Monate nicht mehr an der Front zu kämpfen, sondern sich im Hinterland erholen. In der kleinen Gemeinde Mondsee gelegen im Salzburger Land, direkt unter der majestätischen Gebirgskette der Drachenwand findet er eine bescheidene Unterkunft und versucht sich nun angestrengt mental über Wasser zu halten. Seine Kriegserlebnisse holen ihn immer wieder ein, er leidet unter einer posttraumatischen Störung und ist bald schon auf Medikamente angewiesen, die seine Angstzustände mindern. Und auch, wenn die feindlichen Bomber anderswo sind, merkt er, wie die restliche zivile Bevölkerung auch: Der Krieg hat alles vernichtet, ganze Städte, tausende Menschenleben und selbst die Aussicht auf einen Neubeginn – am Boden zerstört sind die Überlebenden und gewonnen hat nur die lange Hand der Zerstörung. Für Veit wird jeder Tag in Mondsee wertvoll, denn er findet dort eine echte Liebe, ein Quäntchen Glück im Zerfall eines ganzen Landes, doch das Damoklesschwert schwebt bedrohlich über ihm. Wie lange noch, kann er sich mit gefälschten Unterlagen vor der Vaterlandspflicht freikaufen? Wann holt ihn sein ärgster Feind wieder ein?


Meinung


Arno Geiger, der österreichische Autor, der bereits mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, fängt in dieser Erzählung ganz vortrefflich die Aussichtslosigkeit und das Unverständnis der Menschen ein, die in den Krieg geraten sind, ohne ihn jemals wirklich forciert zu haben. Das ganze Ausmaß ihrer Verzweiflung wird nun, im Winter 1944/ 1945 besonders deutlich, denn ein Sieg ist nicht mehr zu erwarten und der Schrecken des Krieges, seine allumfassende Vernichtungswirkung trifft jeden zivilen Bürger, trifft Alte, Junge, Frauen und Kinder, Städte und Menschen – die Welt liegt in Schutt und Asche und doch scheint es Hoffnung zu geben. Irgendwo zwischen Entmutigung, Verzweiflung, Sorgen und Überlebenskampf, glimmt die kleine Flamme des möglichen Neuanfangs.


Das Buch besticht durch mehrere Erzählungen und auch diverse Erzählstimmen, die leider nicht immer klar voneinander abgegrenzt sind. Dadurch entsteht ein sehr umfassendes, allumgreifendes Portrait dieser Zeit, welches nicht durch ein einziges, trauriges Schicksal wirkt, sondern eher durch das Ineinandergreifen mehrerer schwerer Ereignisse. Der Leser begegnet Menschen, die fliehen, um ihrer persönlichen Verfolgung zu entgehen, anderen die trotzig versuchen ihren Charakter zu bewahren, auch wenn Rückgrat in der Meinungsbildung gesellschaftlich nicht anerkannt wird. Es gibt die Ausgebombten, deren größter Wunsch ein Bett, etwas zu Essen und Wärme ist und es gibt die Resoluten, die selbst in der ausweglosesten Situation einen kühlen Kopf bewahren und besonnen ihren Weg durch Trümmer und Tränen beschreiten. Diese Vielfalt an Eindrücken macht im Wesentlichen auch den Reiz des Buches aus, weil dadurch das Gefühl einer intensiven, lebensnahen Geschichte entsteht, die das Ausmaß der kriegerischen Handlungen kurz vor Ende des 2. Weltkrieges authentisch und bedrückend zugleich einfängt.


Manchmal jedoch tritt die Handlung etwas auf der Stelle, wirkt die Erzählung sehr träge und ausgelaugt auf mich, so wie eben auch die Menschen, die sie schildern. Der Mangel an glücklichen Momenten, die vielen kleinen aber auch größeren Rückschläge der Protagonisten stimmen mich selbst sehr traurig und führen die Entbehrung jeglicher Notwendigkeit dieser kriegerischen Handlung erst Recht vor Augen. Mir fehlte auch etwas der Blick nach vorn, zunächst der nach vorn an die Front, dann aber auch der zwischenmenschliche Faktor. Denn die Interaktion zwischen den Personen verläuft ein bisschen wie zwischen Seifenblasen – man hält Distanz zueinander, lässt sich treiben und gerät in Gefahr zu zerplatzen, wenn man einander zu nahekommt. Letztlich wirkt das Leben des Einzelnen ebenso kostbar wie zerstörerisch und manchmal sind es nur Momente oder minimale Abweichungen, die den Verlauf der Zukunft willkürlich ändern können.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen ernsten, ruhigen Roman über die Schrecken und Wirkungen des Krieges im Hinterland. Er setzt sich mit zahlreichen Emotionen auseinander und veranschaulicht, warum die Menschen verzweifeln, was sie noch antreibt, wenn es scheinbar keinen Motivator mehr gibt und welche Gefühle dennoch auf der Strecke bleiben, gerade weil der Krieg nicht nur Häuser zerstört, sondern auch die Seelen der Menschen. Facettenreich und ansprechend erzählt der Autor eine Geschichte des Schreckens, in deren Materie man hier als Leser eintauchen kann, man muss aber auch bemüht sein, wieder aus dem Sumpf herauszufinden.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Mein Sommer, mein Freund, meine Berge

Acht Berge
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„Denn ein Ort bewahrt immer auch die eigene Geschichte, damit man sie bei jedem Besuch aufs Neue Revue passieren lassen kann. Und solche Berge kann es nur einmal im Leben geben. Im Vergleich dazu sind ...

„Denn ein Ort bewahrt immer auch die eigene Geschichte, damit man sie bei jedem Besuch aufs Neue Revue passieren lassen kann. Und solche Berge kann es nur einmal im Leben geben. Im Vergleich dazu sind alle anderen bedeutungslos, sogar der Himalaja.“


Inhalt



Pietro und Bruno lernen sich als Heranwachsende in den Alpen kennen, während der erste jedes Jahr mit seinen Eltern den Sommer in den Bergen und die restlichen Jahreszeiten in der Stadt verbringt, lebt Zweiterer immer dort und wächst als Sohn eines Bergbauern auf. Gemeinsam erkunden sie die Natur, unternehmen Ausflüge auf die Berge und teilen Geheimnisse. Bruno ist unschlagbar, was die Ortskenntnis und das Verhalten der Natur betrifft und Pietro hat immer wieder neue Ideen, so dass ihre Freundschaft, wenn auch zeitlich begrenzt jedes Jahr in eine neue Spielzeit wechselt und nicht abbricht. Doch Pietro beginnt ein Studium, zieht nach Turin, lebt in Mailand und führt als junger Mann ein allzu städtisches Leben, während Bruno eine klassische Maurerausbildung absolviert und seine Heimat nicht verlässt. Als Pietros Vater stirbt und ihm eine Schutzhütte in den Bergen von Grana vermacht, finden die beiden erneut zueinander. Denn Pietro möchte die Hütte gerne bewohnbar machen und Bruno weiß, wie das geht. Noch einmal verbringen sie viel Zeit gemeinsam und müssen doch erkennen, dass jeder ein eigenes Leben hat und ganz andere Ansprüche an die Menschen stellt …


Meinung



Dieses Buch prägt nicht nur ein ganz besonders stimmungsvolles Coverbild und ein interessanter Titel sondern es verspricht auch eine Antwort auf eine philosophische Lebensfrage: Ist es besser dort zu bleiben, wo man alles kennt oder liegt der größte Nutzen darin, sich ins Ungewisse zu wagen und Neuland zu erschließen. Der Leser begegnet in diesem italienischen Bestsellerroman, der sich allein in seinem Heimatland mehr als 70.000 mal verkauft hat zwei Freunden, die versuchen einen richtigen Weg zu finden, jeder für sich erkennt, was ihn ausmacht und muss gleichzeitig Abschied nehmen, von dem was er nicht vermag, obwohl ein Gefühl der Unzulänglichkeit dadurch bestehen bleibt.


Sehr positiv aufgefallen ist mir das ausführliche Vorwort zum Roman, in dem man nicht nur ein Interview mit dem Autor präsentiert bekommt, sondern auch erfährt, wie viel Wahrheitsgehalt in der folgenden Erzählung steckt und welche Handlungsschwerpunkte gesetzt werden. Eine wirklich gelungene Einführung in die Thematik Mensch und Natur, Selbstfindung und Abgrenzung, Gemeinschaft und Alleinsein.


Der Autor arbeitet intensiv an seinen beiden Hauptcharakteren, er beschränkt sich nicht nur auf die Schilderung ihrer jeweiligen Lebensumstände, sondern grenzt sie deutlich voneinander ab. Er beschwört eine Männerfreundschaft herauf, die kontinuierlich gewachsen ist und auch von Rückschlägen nicht außer Kraft gesetzt wird. Trotzdem legt er besonderes Augenmerk auf die Entwicklung des Individuums, zeigt wie Herzen, die einst im gleichen Takt geschlagen haben, nun eher holprig nebeneinander schlagen. Werte wie Lebenserfahrung, persönliche Einsichten, differenzierte Wahrnehmung nehmen einen immer größeren Stellenwert ein, so dass der Leser zwei sehr unterschiedliche Männer vorfindet, die zwar eine gemeinsame Vergangenheit haben, denen es aber nur mäßig gut gelingt, ihre Unvoreingenommenheit aus jungen Jahren in ihre Gemeinschaft der Gegenwart mitzunehmen.


Es ist ein Buch der leisen Töne, unaufgeregt und beständig, mit wenig Spannung und seltenen Highlights. Damit fügt sich die Erzählung fast unsichtbar in die heraufbeschworene Bergwelt ein, eine Natur voller schroffer Felsen, endloser Schneefelder und saftiger Wiesen. Unantastbar, majestätisch und über alles Irdische erhaben. Menschen werden wieder klein im Angesicht der Bergwelt und sind nur winzige Rädchen im großen Getriebe. Und so wie sich der Bergbach über die Jahre verändert, tun es auch die Menschen – manchmal mit Getöse, meist jedoch im Vorbeigehen ohne genau sagen zu können, warum derjenige genau an dieser Stelle in ebenjene Richtung gegangen ist.


Kritikpunkt


Was mir an diesem naturinspirierten Roman gefehlt hat, waren eindeutig die Emotionen, das Zwischenmenschliche, die Gespräche, die Nähe mittels Worten. Dadurch, dass man die Charaktere nur in ihren Handlungen beobachten kann, war es mir nicht möglich eine echte Bindung zu ihnen aufzubauen. Zu vieles bleibt ungesagt, weil es nie angesprochen wurde. Es gibt kaum Streit, keine Versöhnung, keine Aufregung, kein echtes Gefühl zwischen den Protagonisten. Meist schweigen sie sich an und versuchen durch ihre Handlungen etwas auszudrücken. In der Realität mag das vielleicht funktionieren, doch in einem Roman, der sich mit Freundschaft auseinandersetzt, war es mir eindeutig zu wenig.


Paolo Cognetti schafft es dennoch einen aussagekräftigen Roman zu schreiben, der einfach und beständig daherkommt und viele Werte aufnimmt, sie aus diversen Perspektiven betrachtet und ein abschließendes Urteil fällt. Mit diesem Buch schließt sich ein Kreis, zeigt sich der Lauf des Lebens, die verschlungenen Pfade der Menschen und die Unabänderlichkeit des Einzelnen. Man kann sich anpassen, sich verbiegen oder ausbrechen, kann suchen oder akzeptieren, kann neugierig bleiben oder in sich ruhen – man wird einander nicht ändern, auch wenn das bedeutet sich irgendwann fremder zu werden und allein weiterzugehen, wenn eine allumfassende Gemeinsamkeit nicht mehr möglich scheint.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen ruhigen, naturverbundenen Roman, in dem Menschen agieren, deren Liebe zur Bergwelt ganz elementar und umfassend ist und die sich in Hochgebirgen bewegen wie die dort lebenden Zeitgenossen – einsam, schweigsam, zufrieden, genügsam und auf dem Sprung, immer auf der Suche nach einem guten Versteck vor sich selbst und der Kraft der Natur. Wenn man mit etwas weniger Zwischenmenschlichkeit leben kann und sich in eine Szenerie hineinversetzen möchte, ist dieses Buch sehr empfehlenswert, wer mehr Gefühlsnähe sucht, könnte etwas enttäuscht werden.