Beurteile ein Buch nicht nach seinem Titel. Warum, zeigt Betty Boras in ihrem Debütroman „Das schönste aller Leben".
Vio, die Hauptfigur, macht sich schwere Vorwürfe nach einem Unfall ihres Kindes. Sie ...
Beurteile ein Buch nicht nach seinem Titel. Warum, zeigt Betty Boras in ihrem Debütroman „Das schönste aller Leben".
Vio, die Hauptfigur, macht sich schwere Vorwürfe nach einem Unfall ihres Kindes. Sie fürchtet eine sichtbare Narbe und quält sich mit dem Gefühl, als Mutter versagt zu haben.
Doch das ist nur einer von vier Erzählsträngen. Die Autorin spannt den Bogen zurück zu Vios Ahnin Theresia und zur Geschichte der Donauschwaben, die das Banat urbar machten. Sogar die Banater Erde bekommt eine Stimme, wie eine Mutter, die ihren flügge gewordenen Kindern ins Gewissen redet.
Es wird nach und nach klar, dass es nicht darum geht, ob Vios Tochter schön sein wird. Es geht darum, ob sie ihren eigenen Weg gehen darf, ohne sich kleinzumachen oder zu sehr anzupassen. Die zentrale Frage ist: Wird mein Kind sein schönstes aller Leben leben können?
Betty Boras ist ein Debüt gelungen, dass es geschafft hat, Themen zu einem stimmigen Roman zu verknüpfen, die alle alleine schon ein eigenes Buch füllen könnten: Herkunft, Mutterschaft, Schönheitsidealen, dem Umgang mit Schuldgefühlen und dem Ankommen in sich selbst.
Ein Blauwangenspint, eigentlich beheimatet in Nordafrika, wurde auf einer finnischen Ostseeinsel gesichtet und wie es der Zufall so will, hat die Redaktion von “Natur des Menschen” eine Redakteurin, die ...
Ein Blauwangenspint, eigentlich beheimatet in Nordafrika, wurde auf einer finnischen Ostseeinsel gesichtet und wie es der Zufall so will, hat die Redaktion von “Natur des Menschen” eine Redakteurin, die Hobby-Ornithologin ist.
Eva, die nicht nur diese Redakteurin, sondern auch Tochter der Chefredakteurin ist, macht sich auf den Weg zu Holly, die den Vogel gesichtet hat und auf einer abgelegenen Insel lebt. Dort geht es dann so gar nicht um den Vogel, sondern es treffen zwei Frauen aufeinander, die nicht unterschiedlicher sein könnten.
Holly ist um die 50, ehemals gefeierte Schauspielerin, die sich auf diese Insel zurückgezogen hat, um zu schreiben oder eventuell aus einem ganz anderen Grund. Eva lebt mit fast 30 immer noch bei ihrer Mutter, die ihr Leben auf ungesunde Weise bestimmt. Holly ist laut, fast schon vulgär und Eva leise, fast schon zwanghaft ordentlich und überdenkt jeden ihrer Schritte und sogar ihre Gedanken.
Es ist klar, dass sich da etwas Interessantes entwickeln wird - besonders als noch Roberto, Hollys Liebhaber überraschend auftaucht. Die Atmosphäre ändert sich und Eva wird die Insel als eine andere verlassen.
Untermalt wird die Erzählung durch die Verwendung von Vogelvergleichen und intensiven Farbbeschreibungen, ich habe irgendwann begonnen, mir die Vogelnamen und Farbvergleiche zu notieren, so ungewöhnlich fand ich es.
In Finnland wurde dieser Roman ziemlich gefeiert und auch ich bin begeistert von diesem Buch, hat Maisku Myllymäki doch genau so ein Buch geschrieben, wie ich es gerne lese.
Wenn du dich nicht komplett abschädelst, Haus und Hof versäufst und die Fassade nach außen nicht bröckelt, wird das Trinken von Alkohol in unserer Gesellschaft als völlig normal angesehen.
Bei Männern ...
Wenn du dich nicht komplett abschädelst, Haus und Hof versäufst und die Fassade nach außen nicht bröckelt, wird das Trinken von Alkohol in unserer Gesellschaft als völlig normal angesehen.
Bei Männern wird auch das "einen über den Durst Trinken" eher mit einem Augenzwinkern gesehen als bei Frauen. So gibt es viele in unserer Gesellschaft, ungefähr ein Drittel der Erwachsenen, die entweder schon alkoholkrank sind oder als gefährdet gelten.
Einer, der dazu gehört, ist der Autor Daniel Schreiber. Er hat mit "Nüchtern Über das Trinken und das Glück" ein Buch über seinen persönlichen Weg aus der Sucht geschrieben und dabei liefert er nebenbei eine treffend Gesellschaftsanalyse.
Alkohol zu trinken oder das Gefühl zu haben, ihn zu brauchen, hat viel mit Selbstbetrug zu tun und oftmals fällt erst spät auf, dass die Grenze zur Abhängigkeit überschritten wurde, Dann klappt es zwar, eine Weile gar keinen Alkohol zu trinken, sobald dann aber die selbst auferlegte trinkfreie Zeit vorbei ist, wir das Verpasste oftmals nachgeholt.
Schreiber schreibt nicht davon, wie schrecklich es mit dem Alkohol und ihm war, sondern wie er sich aus dieser Beziehung gelöst hat, welche Schritte für ihn wichtig waren. Es war kein Zusammenbruch, Entzug mit Zittern und Schwitzen, sondern ein Prozess, bei dem die Unterstützung einer Selbsthilfegruppe besonders wichtig war.
Er erzählt vom Verzeihen, sich selbst Verzeihen, um erfolgreich als Abhängiger ohne Alkohol leben zu können. Er hat gelernt, ohne Alkohol glücklich zu sein und beschreibt dies zwar persönlich, aber ohne uns einem Seelen-Striptease auszusetzen. Er geht auf gesellschaftliche Phänomene ein wie die Tatsache, dass solange bei der Arbeit abgeliefert wird, Alkohol kein Problem zu sein scheint, ja, sogar dazu gehört.
Es ist interessant zu verfolgen, wie er in seinem neuen Leben angekommen ist und es gab vieles, was mich zum Nachdenken gebracht hat. Auch hat er es in wirklich schöne Worte gekleidet.
„Die Riesinnen“ ist ein Buch, das einen festen Platz in meinem Regal bekommen wird, ein Buch, das ich mehr als einmal lesen möchte. Es hat mich ganz und gar aufgesogen und mich mit einem Buchkater zurückgelassen, ...
„Die Riesinnen“ ist ein Buch, das einen festen Platz in meinem Regal bekommen wird, ein Buch, das ich mehr als einmal lesen möchte. Es hat mich ganz und gar aufgesogen und mich mit einem Buchkater zurückgelassen, so gut hat es mir gefallen.
Doch was genau hat mir so gut gefallen? Zum einen die Geschichte dreier Frauengenerationen, die ein wenig anders sind, nicht in der Mitte, sondern eher am Rand einer Gemeinschaft stehen, aber bei sich sind, auch wenn das nicht leicht für sie ist. Sie suchen ihren Platz, eine Heimat, einen Ort, wo sie Wurzeln lassen können, aber auch frei sein können. Das ist eines der Hauptthemen für mich in diesem Buch.
Es ist ohne Pathos, aber sprachgewaltig erzählt. Man fühlt die Sprachlosigkeit, in der besonders Liese lebt. Eine Frau mit geradem Rücken und Prinzipien, die nicht viele Worte braucht und mit ihrer großen Wut zu kämpfen hat.
Alle drei Frauen verbindet ihre äußerliche Andersartigkeit, ihr gerade Rücken und die Liebe zur Natur zum Wald, der für alle drei ein Anker ist. Dort gehen sie hin, wenn sie traurig, wütend oder was auch immer sind. Er gibt ihnen Ruhe, die Möglichkeit, wieder in sich zurückzukehren, wenn sie sich zwischendurch mal verlieren und schenkt ihnen Kraft. Das mag sich jetzt kitschig anhören, ist es aber nur, weil ich nicht so schöne Worte wie Hannah Häffner dafür finde.
Liebe spielt auch eine Rolle in dem Buch, ganz besonders die Liebe der Frauen zueinander, die Mutter-, Großmutter- und Enkeltochterliebe, aber auch das Liebenlernen eines Kindes. Es ist nicht immer einfach für die einzelnen Frauen und jede hat ihre ganz eigenen Herausforderungen. Das macht das Buch auch noch einmal besonders. Es wird nicht dieses eine Schicksal immer weiter vererbt, sondern sie sind ganz eindeutig äußerlich verwandt und kämpfen auch jede auf ihre Weise um Freiheit und ihren Platz im Leben, aber jede hat ihr Thema.
Die Entwicklung von den 60er Jahren bis zur Jetztzeit mitzuerleben, ist spannend. Liese, die unter gesellschaftliche Konventionen zu leiden hatte, Cora, die eine große Freiheit erleben durfte und immer wieder zweifelte, ob sie ihre Welt wirklich so klein wie Wittenmoos lassen sollte und dann Eva, die ganz anders über ihr Leben entscheiden kann, als es Mutter und Großmutter konnten und die die Generationen verbindet.
Es gibt interessante Nebenfiguren, die sich durchs Buch ziehen und man wünscht sich, dass so manches Geheimnis aufgeklärt wird, dass zwischen den Zeilen schwebt. Da ist nichts künstlich Inszeniertes, keine glückliche Fügung, die aufgesetzt wirkt, es wirkt so wirklich. Schicksalsschläge werden nicht locker überwunden, sondern lassen die Figuren mit inneren Narben zurück, mit denen sie leben lernen müssen. Es gibt Entscheidungen, vor denen so einige schon gestanden haben und die nicht leicht waren.
Als das erzählt in einer für mich ungewöhnlich schönen Sprache, in die ich einfach eingetaucht bin und die mich mit ihren Wechseln von spröde bis zu ganz gewaltig begeistert hat. Eine der großen Stärken liegt für mich in den Naturbeschreibungen, in denen ein Gewitter spürbar wird oder der Wald wie ein lebendiges Lebewesen erscheint.
Es ist einfach eine richtige gute Geschichte, die mich zum genau richtigen Zeitpunkt gefunden hat. Eine ganz große Leseempfehlung!
Jude, Adele und Wendy treffen sich wie jedes Jahr in Sylvies Strandhaus, um gemeinsam Weihnachten zu verbringen. Doch dieses Jahr ist es anders, Sylvie fehlt, sie ist gestorben und die drei Freundinnen ...
Jude, Adele und Wendy treffen sich wie jedes Jahr in Sylvies Strandhaus, um gemeinsam Weihnachten zu verbringen. Doch dieses Jahr ist es anders, Sylvie fehlt, sie ist gestorben und die drei Freundinnen treffen sich, um das Haus zu entrümpeln.
Schon bei der Beschreibung der Anreisen wird klar, dass es ausreichend Konfliktpotential und Ungeklärtes zwischen den hart an der 70 kratzenden Freundinnen gibt.
Jude, distanziert und bossy, daran gewöhnt zu bestimmen, trägt seit Jahren ein Geheimnis mit sich herum. Adele, noch ganz gut in Schuss, aber Geld- und frisch Beziehung-los, ist in einer Gedankenschleife um sich selbst gefangen und die intellektuelle Feministin Wendy hadert mit ihrer schlechten Beziehung zu ihren Kindern und dem Missfallen von Jude, die nicht begeistert ist, dass Wendy ihren dem Enten Hund Finne mitbringt.
Sylvie hat die ungleichen Frauen zusammengehalten und während sich Schrank für Schrank leert, wird deutlich, was die Frauen trennt und was sie noch zusammenhält.
Sie kennen sich in und auswendig, sprechen schonungslos aus, was sie übereinander denken und sind doch füreinander der Fels in der Brandung.
Charlotte Wood gelingt es, dies ohne Pathos zu erzählen, sondern bleibt bissig witzig dabei. Viele von uns werden sich da wieder finden und schmunzeln und das Gefühl der Dankbarkeit für lebenslange Freundschaft nachvollziehen können, auch wenn man sie ab und an auf den Mond schießen könnte.