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Veröffentlicht am 26.04.2018

Wie aus einem örtlich begrenzten Konflikt der 30-jähirge Krieg wurde

Die Reiter der Apokalypse
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Historiker Georg Schmidt hat mit diesem ausführlichen Buch über den Dreißigjährigen Krieg ein umfassendes Werk zu Papier gebracht.
Auf 800 Seiten (davon 695 Seiten reiner Text, danach Anhang, Literaturverzeichnis ...

Historiker Georg Schmidt hat mit diesem ausführlichen Buch über den Dreißigjährigen Krieg ein umfassendes Werk zu Papier gebracht.
Auf 800 Seiten (davon 695 Seiten reiner Text, danach Anhang, Literaturverzeichnis und Personenregister) wird dem interessierten Leser erklärt, wie es zu diesem mehr als 30-jährigen Konflikt kommen konnte.

• Prolog
• Spuren
• Dreißig Jahre
• Der Frieden
• Epilog
• Anhang

Das Buch ist gut gegliedert und umfasst neben Prolog und Epilog drei große Kapitel, die jeweils noch unterteilt sind, sodass man diese komplexen Vorgänge in kleinen Happen lesen kann. Hin und wieder wird der aufmerksame Leser das eine oder andere nachschlagen müssen, da der Autor doch einiges an Wissen voraussetzt.

Die ersten 107 Seiten befassen sich mit der politischen Vorgeschichte. Nicht verschwiegen werden die gesellschaftlichen Auf- und Umbrüche, die ebenfalls den Ausbruch des Krieges förderten. So nimmt Georg Schmidt den Aberglauben der Menschen, die in einem Kometen Unheil sahen, und die damit verbundenen Hexenverfolgungen in seinen Bericht auf. Auch die „Kleine Eiszeit“, die zu Ernteausfällen und Hungersnöten führte, werden beschrieben. Das 17. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Bedrohung Europas durch die Osmanen.

Was als örtlich begrenzter Konflikt zwischen dem Wahlkönigreich Böhmen und der Erbmonarchie des Hauses Habsburg beginnt, endet im Flächenbrand über ganz Europa. Mit dem berühmten Prager Fenstersturz im Mai 1618 beginnt ein gewaltiger Krieg, der bis 1648 Millionen Menschenleben fordern.

Mehrmals haben es die beteiligten Herrscher in der Hand den Krieg zu beenden und Frieden zu schließen. Aus Ignoranz und auch mit falschen (oft geistlichen) Ratgebern unterlassen sie dies und so dauert der Konflikt eben die bekannten 30 Jahre.

Detailliert legt der Autor dar, warum der Krieg nicht zu beenden war.

Meine Meinung:

Auffallend ist, dass im letzten Jahr noch zwei Bücher zum Dreißigjährigen Krieg erschienen sind: „Der Dreißigjährige Krieg: Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648“ (Herfried Münkler, 20.10.2017) und „Der Dreißigjährige Krieg: Eine europäische Tragödie“ (Peter Wilson, 09.10.2017).
Bis heute ist diese bis dahin beispiellose historische Katastrophe von Mythen und Schauermärchen überwuchert. Georg Schmidt gelingt es, als großem Kenner dieser Epoche, aus Anlass des 400. Jahrestages des Beginns dieser Auseinandersetzung eine, auf dem neuesten Stand der Forschung basierende Gesamtdarstellung des Dreißigjährigen Krieges, darzustellen.

Georg Schmidt legt eine übersichtliche, auch für den interessierten Laien gut lesbare Gesamtdarstellung vor. Immer wieder gelingt es ihm auch, Brücken in die Gegenwart zu schlagen.

Neben der Darstellung der Ursachen, werden auch die oft wechselnden Bündnisse, Bewaffnung und Taktikausführlich erörtert und dargelegt.

So findet das Nichteingreifen des englischen Königs zugunsten seines kurpfälzischen Schwiegersohns Friedrich V., der als „Winterkönig“ die böhmische Krone annimmt und sich damit gegen Kaiser und Reich stellt, Niederschlag. Wir erfahren von Schlachten und Kämpfen, in deren bekannteste Gestalt wohl Albrecht von Wallenstein (auf Seiten des Kaisers und der Katholischen Liga) war. Auf der Gegenseite sind der Schwedenkönig Gustav II. Adolf und die Könige Christian III. und IV. von Dänemark zu finden.

Der Schreibstil ist einem Sachbuch angemessen. Manchmal scheint der Autor ein wenig detailverliebt, was aber verzeihlich ist. Dennoch ist das Werk nicht populärwissenschaftlich und bedarf einer gewissen Aufmerksamkeit beim Lesen. Er Beschreibt eben sehr genau Ursachen und Verlauf des Krieges. Manches hat Auswirkungen bis heute.

Besonders anspruchsvoll ist das Cover: Es zeigt einen Ausschnitt aus dem Bild „Triumph des Todes“ Pieter Bruegel d. Ä. (um 1560/62). Überhaupt ist die Aufmachung und Ausstattung des Buchs gediegen: gebunden und mit Lesebändchen. Die Schriftgröße des Anhangs ist ein wenig zu klein geraten, doch das ist Jammern auf allerhöchstem Niveau.

Das Buch endet mit folgenden Worten: "Wer sich hingegen mit den scheinbar bewährten historischen Einschätzungen zufriedengibt, für den bleiben die alten Mythen wie die Urkatastrophe und das Trauma des deutschen Volkes unvergängliche Wahrheiten." (S. 695)
Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Mit diesem Werk entzaubert Georg Schmidt den Dreißigjährigen Krieg von Mythen und Verklärung. Er liefert hier eine solide Gesamtdarstellung des Dreißigjährigen Krieges. Gerne gebe ich 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.04.2018

Eine beeindruckende Biografie

Theoderich der Große
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Historiker Hans-Ulrich Wiemer wagt sich nach Alexander dem Großen (erschienen 2015) an den nächsten antiken Herrscher: Theoderich dem Großen, Herrscher über das (West)Römische Reich von ca. 471 – 526 n. ...

Historiker Hans-Ulrich Wiemer wagt sich nach Alexander dem Großen (erschienen 2015) an den nächsten antiken Herrscher: Theoderich dem Großen, Herrscher über das (West)Römische Reich von ca. 471 – 526 n. Chr..

In vierzehn schön gegliederten Kapiteln erfahren wir vom wechselvollen Schicksal der (Ost)Goten vom späten 4. Jh. Bis zum Untergang ihres Reiches um 552 n. Chr..

Zu Beginn wird versucht die Herkunft der West- und Ostgoten anhand von Zuwandererströmen und Landkarten herzuleiten.
Kein einfaches Unterfangen, da die Anfänge nicht wirklich schriftlich dokumentiert sein. Die meisten bekannten Tatsachen (?) sind aus zweiter, manchmal auch aus dritter Hand. Nicht zu vergessen, dass die Goten kein Volk im genetischen Sinne sind. Sie gehören unterschiedliche Clans an, die sich im Bedarfsfall zu einer Kriegergemeinschaft zusammenschlossen.

Obwohl es recht spannend ist, wie sich Theoderich der Große (Es gab mehrere gotische Fürsten dieses Namens, was leicht zur Verwirrung beitragen kann.) vom Anführer einer, nun sagen wir es deutlich, reitenden Räuberbande bis zum König über das Weströmische Reich entwickelt, wirkt die Person recht farblos auf mich. Ja, er erschlägt Odovaker (Wiemer wählt den latinisierten Namen) eigenhändig und beendet die duale Herrschaft.

Was Theoderichs Herrschaft so interessant macht, ist eine Art „Gewaltenteilung“. Die Goten sind für die Sicherung der Grenzen und die Außenpolitik zuständig, die besiegten Römer für die Verwaltung inkl. Steuereinhebung und den wirtschaftlichen Wohlstand. Er akzeptiert die Römischen Lebensart und fordert dies auch von seinen Kriegern.

„Denn euch nützt es, wenn die Römer in Ruhe leben: Während sie unsere Kassen füllen, vervielfachen sie eure Donative“ (S. 226).

Mit diesem Balanceakt verschaffte er dem Weströmischen Teil des Imperiums noch einmal eine Zeit der politischen und ökonomischen Stabilität.

Theoderich gewährt die im weitesten Sinne Religionsfreiheit (ausgenommen hiervon sind nur heidnische Kulte), die auch die Juden miteinschließt denn,
„Wir können das Bekenntnis (religio) nicht befehlen, weil niemand sich zwingen lässt, gegen seinen Willen zu glauben.“ (S. 509)

Welch eine Einsicht! Allerdings darf dies nicht als „Toleranzpatent“ oder ähnliches gesehen werden. Theoderich wollte keinen Glaubenskrieg in seinem Reich.

Seine kluge Politik erstreckt sich auch auf eine, auf Hochzeiten basierende Bündnispolitik. Lange vor den Habsburgern und ihrer „Tu Felix Austria Nube“-Politik, weiß Theoderich um die Stärke familiärer Bindungen zu anderen Germanenreiche, vor allem im westlichen Mittelmeer. Auch mit dem Oströmischen Reich und seinem Basileus verbindet ihn, ein, wenn auch nicht ein rechtlich klares, zumindest friedliches Verhältnis. Fast dreißig Jahre herrscht besonnener Friede.

In den letzten Jahren seiner Herrschaft beginnen die Probleme, die letztlich zum Untergang seines Reiches in Italien führen: Da sind zum einen recht willkürliche Todesurteile gegen Römische Senatoren wie Boethius (524 n. Chr.) und Symmachus (526 n. Chr.), die die Oberschicht gegen ihn aufbringen. Auch der Tod des Papstes Johannes I. in seiner Gefangenschaft, stößt die katholische Kirche vor den Kopf.
Einige seiner, durch Heiraten zustande gekommenen, Bündnisse mit anderen Germanenstämmen, scheitern Das Unvermögen, rechtzeitig einen Nachfolger zu benennen und den aufzubauen tut ein Übriges dazu, dass das komplexe Machtgefüge – das Reich erstreckt sich immerhin auch auf Südfrankreich und Spanien – in zwei Jahrzehnten nach Theoderichs Tod wieder zerfällt.

Was bleibt also von Theoderich dem Großen?

1. Das Papsttum wird unter Theoderichs Herrschaft vom Ostrom unabhängig. Er gewährt Religionsfreiheit, wahrscheinlich deswegen, weil er und seine Goten im Sinne der Katholische Kirche eigentlich als Ketzer gelten.
2. Er ist einer der wenigen, deren Leben in die Sagenwelt eingeht. Als „Dietrich von Bern“ ist er vielen ein Begriff. Die deutsche Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts adoptierte ihn quasi als „Vorläufer“ eines deutschen Herrschers, ähnlich wie Arminius.

3. Seine Bautätigkeit nicht nur in Ravenna, aber besonders dort. Millionen von Touristen bestaunen jedes Jahr Theoderichs Grabmal und die von ihm errichteten Sakralbauten wie Sant’Apollinare Nuovo.

Meine Meinung:

Der Autor beschreibt das wechselvolle Schicksal der (Ost)Goten vom späten 4. Jh. bis zum Untergang ihres Reiches in Italien 552 n.Chr. detailliert und gekonnt und bleibt sehr nahe an den überlieferten Texten der Quellen, wie z. B. die Schriften von Cassiodor.

Der Schreibstil ist einem Sachbuch angemessen – nüchtern und schnörkellos. Auf Basis der für Theoderichs Zeit gut überlieferten Schriftzeugnisse, präsentiert der Autor eine Vielzahl von Fakten. Das geht natürlich zu Lasten der Lebendigkeit. Ein Ereignis nach dem anderen wird aufgezählt, die Dramatik, die dahintersteckt, ist nur ansatzweise zu ahnen.

Fachleute dieser Epoche werden ihre Freude mit diesem Werk haben, der interessierte Laie könnte unter Umständen ein wenig Mühe mit dem Detailreichtum haben. Gut gefällt mir, dass viele Fotos, Abbildungen und Karten das Buch ergänzen.
Ein ausführliches Literaturverzeichnis, Anmerkung und Stammtafeln ergänzen dieses umfangreiche Werk.

Die Biografie Theoderichs hätte sich eine weite Verbreitung verdient. Doch es ist allerdings zu befürchten, dass dies aufgrund der akribischen Detailverliebtheit des Autors nicht so einfach sein wird.

Fazit:

Ich finde das Buch sehr interessant und gebe ihm gerne fünf Sterne.

Veröffentlicht am 17.04.2018

Fesselnd bis zur letzten Seite

Frankfurter Schattenjagd
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Frankfurt am Main ist die Hauptstadt der „Föderation der Europäischen Länder“, die nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 und der daraus folgenden Kettenreaktion von Explosionen ähnlicher Kernkraftwerke ...

Frankfurt am Main ist die Hauptstadt der „Föderation der Europäischen Länder“, die nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 und der daraus folgenden Kettenreaktion von Explosionen ähnlicher Kernkraftwerke in Asien, Millionen von Flüchtlingen beherbergen muss. So ist Frankfurt von rund 750.000 Einwohnern auf 8 Millionen angewachsen, was zu logistischen Problemen sondergleichen führt. Wohnraum ist extrem knapp und die Menschen leben in Containern, Kojen und beengten Wohnungen. Und dort, wo Mangel und viele Menschen auf einem Fleck konzentriert sind, ist das organisierte Verbrechen nicht weit. Rivalisierende Banden unterschiedlicher Herkunft machen der Polizei das Leben schwer. Das ist so das Umfeld, in das uns der Autor entführt.

Der junge, deutsch-chinesische Kommissar Xaver Xiang, genannt Dex, muss sich mit einer grausamen Mordserie an Mitgliedern der mongolischen und russischen Mafia beschäftigen. Handelt es sich um einen ganz normalen Bandenkrieg zwischen rivalisierenden Mafiafamilien? Dex und sein Team, das wie die Bevölkerung allgemein aus unterschiedlichen Ethnien zusammengesetzt ist, ermitteln fieberhaft. Doch kaum scheinen sie der Lösung des Rätsels nähergekommen zu sein, finden sie die nächste zerstückelte Leiche.

Dann erhält Dex Unterstützung von einer gänzlich unerwarteten Seite, die auch sein Leben ziemlich durcheinanderbringt. Ist diese Hilfe wirklich so selbstlos oder verfolgt diese Person eigene Ziele?

Meine Meinung:

Autor Dieter Aurass bietet in seinem neuesten Werk einen Krimi der Extra-Klasse. Angesiedelt in der Kategorie „Alternative Geschichtsschreibung“ kann er seiner Fantasie freien Lauf lassen. Dabei flicht er gekonnt aktuelle Themen wie Flucht, unterschiedliche Glaubensbekenntnisse und Ethnien sowie deren Konflikte ein. Allerdings keimt auch die Hoffnung auf, dass die eine oder andere Ursache von Kontroversen durch ein wenig Toleranz von allen Seiten beigelegt werden könnte.

Die Vorstellung, zwecks Identifikation, einen Barcode auf dem Handrücken eintätowiert zu haben, erinnert an die Nummern in den Konzentrationslagern der Nazis. Da ist es mir ein wenig kalt über den Rücken gelaufen, obwohl die Aussicht, die aktuelle Passwortmisere und Zutrittskontrollen mittels implantierten Mikrochip zu beenden, einen gewissen Reiz hätte. Allerdings wären wir dann wirklich die „gläsernen Menschen“. „Big brother is watching you“ schrieb schon George Orwell.

Der Autor stellt uns der Reihe nach die Mitglieder des Ermittlerteams vor. Jede/Jeder hat ein Spezialgebiet, das die Mannschaft zu einem kompakten und effizienten Team vereint. Nicht alle haben eine friktionsfreie Vergangenheit und diese bestimmt nach wie vor ihre Persönlichkeiten und Handlungen.

Der Schreibstil ist, wie wir es vom Autor gewöhnt sind, fesselnd und flüssig. Die Spannung wächst von Seite zu Seite.
Das plötzliche Auftauchen von Lilith lässt die Leser überrascht in eine falsche Richtung denken. Ja, das ist schon ein meisterlicher Griff in die Trickkiste.

Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen und habe es nahezu in einem Stück gelesen. Faszinierend finde ich, dass die Szenarien so echt und lebendig dargestellt sind, dass ich nachdenken musste, ob 1987 wirklich eine „Große Hungersnot“ auf Grund der Atomkatastrophen stattgefunden hat.

Fazit:

Ein neuer Krimi-Stil, ein neues Team – bitte unbedingt mehr davon. Ich kann Dieter Aurass im Allgemeinen und dieses Buch im Besonderen nur ausdrücklich empfehlen. 5 wohlverdiente Sterne.

Veröffentlicht am 15.04.2018

Zwei Leben für den Kaiser

Der Löwe des Kaisers
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Kaiser, Papst und Gegenpapst, Ehrgefühl über alles, Intrigen zwischen den Herzögen, Auflösung kinderloser Ehen – das ist die Zeit, in die uns die Autorin entführt.


Historischer Hintergrund:

Wir befinden ...

Kaiser, Papst und Gegenpapst, Ehrgefühl über alles, Intrigen zwischen den Herzögen, Auflösung kinderloser Ehen – das ist die Zeit, in die uns die Autorin entführt.


Historischer Hintergrund:

Wir befinden uns im Hochmittelalter, 12. Jahrhundert. Die deutschen Lande sind in viele kleine oder größere Fürstentümer aufgeteilt. Über ihnen allen herrscht Friedrich I, genannt Barbarossa als „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“. Diese Kaiserwürde ist nicht erblich, sondern die sieben Kurfürsten (drei geistliche und vier weltliche) wählen „ihren“ Kaiser. Bestechung, Korruption und Machtmissbrauch sind die gängigen Mittel um dem „richtigen“ Kandidaten auf den Thron zu verhelfen. Ganze Fürstentümer werden hin- und her geschoben, bis endlich ein Kaiser gewählt wird, der als „kleinster gemeinsamer Nenner“ gilt. So mancher Kaiser ist bald wieder in der Versenkung verschwunden, Friedrich nutzt die Gunst der Stunde. Allerdings legt er sich recht bald mit dem Papst in Rom an. Mehrmals zieht er gegen die Lombardei zu Felde und vor Rom verliert er einen großen Teil seiner Truppen durch die Malaria.

Inhalt:

Die Zwillinge Einhard und Gunnar von Arsberg wachsen als junge Knappen auf der Burg Wallberg heran. Die Brüder können nicht unterschiedlicher sein: Gunnar ist ein Womanizer, Einhard bedächtig.

Kurz bevor sie in den Ritterstand erhoben werden, reißt die Geschichte das Brüderpaar auseinander. Der eine, Gunnar folgt Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der andere, Einhard wird Gefolgsmann Herzogs Heinrich, genannt der Löwe.

Durch die damals vorherrschende Primogenitur (nur der älteste Sohn erbt, aber dafür alles), bleibt für die beiden jüngeren nur der Weg, durch eigene Ruhmestaten Lehen und Ansehen zu verdienen.

Durch ein Missverständnis, gehen sie einander aus dem Weg. Werden sie sich aussöhnen?

Erzählweise/Spannung:

Autorin Cornelia Kempf schafft es, durch penible Recherche einer Vielzahl von geschichtlichen Details die Welt des Mittelalters vor uns Lesern wieder auferstehen zu lassen. Dabei vermittelt sie das Wissen so geschickt, dass der Leser niemals den Eindruck hat, Wissen vermittelt zu bekommen. Die Informationen werden subtil und spielerisch dargeboten. Es fehlt der moralische Zeigefinger. Die Leser können sich selbst ein Urteil über die Protagonisten bilden. Sei es ob man lieber Gunnar und seine zahlreichen Liebschaften mögen, oder eher die Sympathie seinem Zwillingsbruder Einhard schenken soll. Genauso verhält es sich mit den Mächtigen jener Zeit. Friedrich oder Heinrich, das ist hier die Frage.

Durch geschicktes Aneinanderreihen von Szenen bzw. Aussparen derselben ist der Leser verführt, ständig und unablässig weiterzulesen, obwohl vielleicht andere Dinge wie die Hausarbeit oder das Bett rufen.

Sehr klug und sehr spannend!

Einige Personen werden unvermutet eingeführt. Nicht immer ist deren Rolle gleich sichtbar. Doch einige entwickeln sich rasant und warten darauf im zweiten Teil dieses Mittelalterepos ihren Platz zu finden.

Charaktere:

Gunnar und Einhard sind sich als Zwillinge sehr, sehr vertraut. Daher ist es für beide ein Leichtes, den anderen zu verletzen.
Stolz und eigensinnig sind sie auch, daher ist der Weg zu Versöhnung im wahrsten Sinn spitz und schmerzhaft.
Diese Fähigkeiten hat die Autorin sehr gut herausgearbeitet.

Friedrich I. ist wie alle Mächtigen der Welt von Schleimern, Schmeichler und Intriganten umgeben. Daher schätzt er Gunnars ehrliche Worte, auch wenn sie manchmal ziemlich ungehörig sind. Für weniger freche Worte sind schon häufig die Köpfe gerollt.

Heinrich der Löwe ist machthungrig dargestellt. Er ist wie Friedrich ein Kind seiner Zeit. Geld, Macht und Einfluss sind ihm wichtig – je mehr desto besser.

Nun zu den Frauengestalten: wir begegnen gemeinsam mit Einhard der großen Liebe, die keine Zukunft hat. Wir stürzen uns mit Gunnar in die Arme zahlreicher Liebschaften.
Oda, die Witwe nach Wolfram, der Zwillinge großer Bruder und Mutter des Erben Bernhard, ist einerseits zänkisch andererseits die beschützende Mutter, die ihren einzige Sohn lieber einem Kloster anvertraut als ihn Ritter werden zu lassen.
Dann Agnes, sie kennen Einhard und Gunnar aus ihrer Zeit als Knappen auf Wallburg, ist mit dem Fiesling Walther verheiratet. Sie beginnt mit Einhard ein Verhältnis und bringt ihn dadurch in tödliche Gefahr. Sieht so wahre Liebe aus?
Dann hätten wir da noch Luzia, die in Gunnars Leben eine nicht unbedeutende Rolle spielt.

Hier, bei den Frauen, ist der einzige Punkt in dem ich mit der Autorin nicht ganz d’accord gehe. Ehebruch durch die Frau wird mit aller Härte bestraft. Und das wissen die Damen des Adels. Ob sie wirklich so schnell, beinahe leichtfertig, eine Liebschaft eingegangen sind?

Fazit:

Ein wunderschönes Buch, das den interessierten Lesern das Mittelalter und seine Lebensart völlig unaufgeregt und unterschwellig näherbringt. Die verwirrende Politik rund um die Deutschen Fürstentümer, den Kaiser und die Macht der Päpste ist gekonnt mit dem Leben von Gunnar und Einhard verflochten.
Ein echter Glücksgriff und eine absolute Empfehlung für die Liebhaber von historischen Romanen.
Voll Ungeduld und Spannung warte ich auf den zweiten Teil, dessen Untertitel „der Fall“ ein böses Ende erwarten lässt. Doch für wen?

Veröffentlicht am 11.04.2018

Fast vergessen - altes Handwerk

Das große Buch vom Handwerk
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Der „Servus-Verlag“ beschenkt seine an altem Handwerk interessierten Leser mit diesem wunderbar gestaltetet Buch.
Achim Schneyder hat beinahe vergessene Handwerkskunst in acht Gruppen zusammengefasst, ...

Der „Servus-Verlag“ beschenkt seine an altem Handwerk interessierten Leser mit diesem wunderbar gestaltetet Buch.
Achim Schneyder hat beinahe vergessene Handwerkskunst in acht Gruppen zusammengefasst, liebevolle Fotos und informative Texte zusammengetragen.

• Töne & Klänge
• Von Knopf bis Fuß
• Essen & Wohnen
• Draußen vor der Tür
• Farben & Formen
• Sport & Freizeit
• Kind & Kegel
• Edel & Schön

Wir schauen bei Instrumentenbauern, Schirmherstellern, Glaskünstlern vorbei, lassen uns Blaudrucken und Pfauenfedernsticken erklären und staunen wie filigran geschnitzte Tischkreuze sein können.

Ein Highlight ist auch der Besuch der Zuckerlmanufaktur und der Vergolderwerkstatt, in der nicht nur Blattgold für die Restaurierung alter Sakralgegenstände, sondern auch essbare Dekoration für rauschende Feste geschlagen wird.

Die alte Tradition des Vogelverscheuchens durch einen Klapotetz wird in der Steiermark nach wie vor gepflegt wie die Sonnenuhren aus der Werkstatt von Johann Jindra.

Von der Präzisionsarbeit der Büchsenmacher und den Aufgaben des Beschussamtes in Ferlach habe ich mich schon höchstpersönlich überzeugen können.

Eine ausgefallene Idee sind die Ringe aus Zirbenholz, die mit Edelsteinen verziert sind. Auf so eine Idee muss man erst kommen! Lauter Unikate und mit Liebe gefertigt.

Wenn ein Salzburger von seinem „Lateiner“ spricht, ist nicht immer ein Lehrer der alten Sprache gemeint, sondern häufiger das Segelboot, das ohne Konstruktionspläne, nur aufgrund mündlicher Überlieferung gebaut wird.

Fazit:

Wer sich gerne mit alter Handwerkskunst beschäftigt, wird dieses Buch lieben. Auch als Geschenk eine gute Investition.
Gerne gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung.