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Veröffentlicht am 12.04.2018

Eine gewitzte Erdbeerschlacht!

Molle Maulwurf und die wilde Erdbeerjagd
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Molle Maulwurf und der winzige Drache Hugo sind gute Freunde von Stadthase Mucker und Feldmaus Rosine, deren Geschichten bereits sehr erfolgreich sind. Dies sind nun Geschichten für Leseanfänger zum Selbstlesen, ...

Molle Maulwurf und der winzige Drache Hugo sind gute Freunde von Stadthase Mucker und Feldmaus Rosine, deren Geschichten bereits sehr erfolgreich sind. Dies sind nun Geschichten für Leseanfänger zum Selbstlesen, aber man kann sie natürlich auch Vorlesen:

Der freundliche Maulwurf Molle, trägt eine Brille und kann daher prima sehen, das ist sehr hilfreich, wenn er am Fluss sitzt und angelt oder wieder irgendwelche Dinge baut. Heute sitzt Molle gemütlich am Fluss und angelt ein großes Brett heraus. Was man wohl damit anstellen kann? Schnell schlägt er Nägel ringsum halb herein, so daß das Brett eine Umrandung hat. Zufrieden betrachtet er sein Werk, als Drache Hugo vorbei kommt und fragt, ob das wohl schwimmt. Was für eine prima Idee! Sie können es als Floss benutzen. Mit einem Eimer voller Erdbeeren als Proviant, lassen sie das Floss zu Wasser, aber angebunden, damit sie nicht wegtreiben. So entdeckt sie der fiese Fuchs, der es auf die Erdbeeren abgesehen hat. Er droht, die Befestigungsleine zu kappen, sollten sie ihm die Erdbeeren nicht freiwillig überlassen. Doch Molle und Hugo lassen sich so leicht nicht einschüchtern und so beginnt eine wilde Jagd über den Fluss!

Natürlich kommen auch Fans von Mucker und Rosine auf ihre Kosten, denn diese spielen auch mit. Daher sind sie auch bereits vorne in der Vorstellungsrunde mit Bild und Charakterisierung abgebildet. Gemeinsam mit Molle, Hugo und dem bösen Fuchs. Dann sind die jungen Leser gleich gut vorbereitet, was für ein wildes Abenteuer da auf sie wartet. Auch wenn die Geschichte erst mal ruhig beginnt, so geht es doch mit dem Fuchs schon bald zur Sache! Dabei geht es nicht um die Wurst oder Leben und Tod, sondern um die Erdbeeren! Als echte Freunde teilen sie sie, jedoch nicht nur untereinander, sondern am Ende auch gemütlich mit Mucker & Rosine, die ihnen letztendlich beistehen. Auch für Erdbeeren gilt: gemeinsam schmecken sie noch mal so gut! So sind in diesem Abenteuer wunderbare kleine Botschaften versteckt: daß Freunde zusammenhalten, Leckereien gemeinsam teilen, man ruhig mal etwas ausprobieren soll, auch wenn man noch nicht weiß, was man da am Ende gebaut haben wird. Molle und Hugo sind nämlich echte Tüftler, während Molle das Floss gebaut hat, entwirft Hugo später das Trocknungsnetz, an dem er all ihre nassen Sachen aufhängen kann. Im Anhang des Buches findet sich daher auch eine Bauanleitung für beides, mit witzigen Hinweisen, daß man bitte nicht seine Haustiere auf dem Floss zu Wasser lassen möchte. Diese Anleitungen sind sehr gut verständlich und mit nummerierten Einzelschritten, Materialliste und illustriert. (Perfekte Vorbilder für die späteren Aufsatzübungen im 3. Schuljahr).

Die Illustrationen von Barbara Scholz sind wieder sehr charakteristisch. Meine Kinder haben ihren Stil sofort erkannt, auch wenn wir noch kein Mucker & Rosine Abenteuer bislang gelesen haben. Auch diesmal haben sie meiner Jüngsten richtig gut gefallen. Sie schafft es einfach immer wieder, die Gesichtsausdrücke herrlich einzufangen.

Für die meisten Erstklässler ist dieses Buch noch nicht wirklich geeignet, sondern eher für Zweitklässler. Die Schrift ist zwar schön groß, aber es ist nicht der Schrifttypus von Lesefibeln. Die Kapitel sind schön kurz und die Sätze ohne Fremdwörter, aber doch bisweilen reichlich Text pro Doppelseite. Für Kinder, die gerne lesen, ist das kein Problem, für jene, die sich mit dem Lesen jedoch schwertun, ist es eher abschreckend. Dann sollte man einfach noch etwas warten oder als Eltern die längeren Passagen eben schnell vorlesen, da das Kind ja wissen will, wie es weiter geht. Denn im Gegensatz zu typischen Büchern für Erstklässler, wird ihnen hier wirklich eine interessante und sprachlich ansprechende Geschichte angeboten. Das fordert die Leseanfänger natürlich bisweilen heraus, da auch zusammengesetzte Nomen wie „Wellentäler“ oder lange Partizipien wie „hinausgeschleudert“ zu „erlesen“ sind. Dafür werden die Kinder um so stolzer sein, wenn sie es schaffen und ein gutes Sprachgefühl entwickeln. Trotz der Kürze von etwas über 40 Seiten, also eine sehr kurzweilige, witzige Geschichte mit viel unterschwelligem Lernpotenzial. Super für alle Kinder (Jungs und Mädchen), die Mucker & Rosine schon lieben und endlich selbst Geschichten von ihnen lesen wollen oder aber auch als Einstieg in ihre Abenteuerwelt geeignet.

Veröffentlicht am 05.04.2018

Hier darf gerüttelt und geschüttelt werden!

Kleines Monster, komm da raus!
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Der englische Promi-Vater des Jahres 2016 Tom Fletcher hat selbst 2 Söhne und weiß, wie sehr kleine Jungs Monster lieben und sie aber auch gerade vor dem Einschlafen fürchten. Doch hier ist kein Monster ...

Der englische Promi-Vater des Jahres 2016 Tom Fletcher hat selbst 2 Söhne und weiß, wie sehr kleine Jungs Monster lieben und sie aber auch gerade vor dem Einschlafen fürchten. Doch hier ist kein Monster unterm Bett, nein, es versteckt sich in diesem wunderbar bunten, großen Bilderbuch! Moment, es ist doch eine Geschichte ab 3 Jahren zum Einschlafen, was soll da bloß ein Monster im Buch! Da hilft nix, da müssen Kinder und Eltern gemeinsam versuchen das kleine Monster zu vertreiben, mit allen Mitteln die sie haben: Schütteln, Schreien, LAUTER SCHREIEN!, Kippen, Rütteln, Pusten. Das macht gemeinsam richtig Spaß und ist aufregend, aber es macht auch ganz schön müde. Da kann man das kleine Monster eigentlich nur zudecken, streicheln und ihm eine gute Nacht wünschen, denn es ist Zeit ins Bett zu gehen. Und wenn man nun das Buch ganz leise nimmt und im Bücherregal zwischen all die anderen Bücher klemmt, dann kommt es auch garantiert in der Nacht nicht wieder heraus und schon gar nicht unters Bett oder in die Kinderträume!
Ein wunderschönes Buch zum gemeinsamen Toben und Kuscheln vor dem Einschlafen, das die Kleinen garantiert zum Strahlen bringt. Sie dürfen zusammen mit dem Vorleser viele Dinge machen, die sie sonst nicht dürfen, nur um das kleine Monster zu erschrecken. Das kleine Monster sieht übrigens wirklich sehr süß aus und macht ganz bestimmt keine Angst, sondern blickt einen mal ganz freundlich, mal etwas skeptisch von den großen bunten Buchseiten an. Ich habe es zusammen mit einer schwangeren Kunstlehrerin und Mutter von zwei Söhnen gelesen, sowie dem 3 jährigen Emil. Es hat sämtliche kritischen Tests bestanden. Wir alle hatten viel Spaß das kleine Monster mal nach rechts oder links zu kippen (sehr geschickt zum Üben von Rechts und Links), es zu kitzeln oder feste zu Pusten. Für Kindergarten Kinder ist es toll, dass sie alle Aufgaben alleine und mit dem Vorleser befolgen können, ein Erfolgserlebnis, das stolz macht und Kinderaugen strahlen lässt.
Die Übersetzung von Tanja Poestges ist sehr gelungen. Gerade bei Bilderbüchern, mit nur wenig Text, muß jedes Wort sitzen. Beim lauten Lesen macht es sich auch wirklich bemerkbar, wenn die Kinder etwas nicht verstehen oder die Satzmelodie hakt. Aber nein, jedes Wort sitzt, jedes Wort wird verstanden.
Wirklich toll für 3- 4 Jährige Kinder, um sich an gemeinsames Lesen und Kuscheln zu gewöhnen. Es lässt sich super als Schlafritual einführen und wird dann jeden Abend von Neuem eingefordert!
Sehr gelungenes Konzept von einem Vater für Eltern und Kleinkinder.
PS: so sehr wir uns auch angestrengt haben, das Monster hat das Buch nie verlassen!

Veröffentlicht am 05.04.2018

Wohlfühlgeschichten mit Waschbär Henri ab 4 Jahren

Villa Wunderbar. Das Apfelfest
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In der Villa Wunderbar leben die gleichaltrigen Matilda und Joschi, die auch in dieselbe Klasse gehen. Im Erdgeschoss betreibt ihre Oma ein Café mit Waschsalon, in das sich vor zwei Jahren der kleine Waschbär ...

In der Villa Wunderbar leben die gleichaltrigen Matilda und Joschi, die auch in dieselbe Klasse gehen. Im Erdgeschoss betreibt ihre Oma ein Café mit Waschsalon, in das sich vor zwei Jahren der kleine Waschbär Henri eingeschlichen hat. Dieser kann sogar sprechen, aber das ist Matildas und Joschis Geheimnis. In diesem zweiten Band gibt es neue ausgewählte Geschichten aus den 20 Geschichten, den Buches: So trägt der Apfelbaum in Rocker Jimmys Garten reichlich Früchte, die sie wieder gemeinsam ernten, doch irgendwie ist es anders, als noch vor zwei Jahren, wundert sich Henri. Macht nichts, denn so viele leckere Apfelpfannkuchen sind schon ein Grund für ein kleines Fest unter Nachbarn. Matilda lernt nun Blockflöte in der Schule und übt auch ganz eifrig. Ihre Lehrerin ist ganz angetan und lobt ihr Talent, sie darf sogar als erste der Klasse, ein Lied einüben. Warum nur, will ihr niemand aus der Familie zuhören und verlangen, daß sie weniger übe? Wie kommen sie darauf, daß sie die Töne nicht träfe? Auch ein Ausflug in der Hitze des Sommers an den Waldsee kann mit zwei Familien und Waschbär ganz schön aufregend werden.
Dieses Hörbuch ist, trotz des inzwischen steigenden Alters immer noch für Kinder ab 4 Jahren sehr geeignet. Martin Baltscheit liest mit ruhiger melodiöser Stimme und dabei doch sehr lebendig. Er gibt den Personen eigene Stimmen und besonders Waschbär Henri gefällt mir sehr gut. Keine nervigen übertriebenen Stimmverstellungen und doch stets individuell. Dennoch strahlt er solch ruhige Zuversicht aus, daß selbst das Verschwinden von Waschbär Henri auch für ganz junge Zuhörer nicht beängstigend, sondern angenehm aufregend klingt. So werden diese kleinen Alltagsabenteuer stets zu etwas Besonderem.
Etwas Besonderes ist auch wieder die sehr liebevolle Klapphülle, die wunderschön dem von Nikolai Rieger illustrierten Kinderbuch entspricht. Diesmal kann man die Hülle zwar nicht zu einer Villa zusammenstecken, aber es liegt ein Bastelbogen dabei, aus dem man die für die Villa aus Band 1 noch fehlenden Bewohner ausschneiden kann: Waschbär Henri und die Kinder Matilda und Joschi stehen jetzt zum Bespielen bereit. Sehr süß und liebevoll. Meine 8 jährige Tochter hat es prima hinbekommen, aber 4-Jährigen sollte man besser noch beim Schneiden behilflich sein.
Die Geschichten sind jeweils sehr liebevoll und machen Mut. Selbst in ihrer mangelnden Perfektion akzeptieren sich die Bewohner der Villa Wunderbar und mögen einander so wie sie sind, mit all ihren Fehlern. Waschbär Henri hat zugenommen und kommt nicht mehr auf die Spitze des Apfelbaumes? Macht nichts, so ist er nur noch knuddeliger! Selbst Geschichten, die nicht ganz so positiv beginnen, wie z.B. die mangelnde Bereitschaft Matildas Blockflötenspiel zu lauschen, enden wirklich aufbauend und liebevoll. Es sind echte Wohlfühlgeschichten, sehr geeignet zum Einschlafen, Entspannen oder bei Unwohlsein. Mit Waschbär Henri wird das Ausruhen lustiger.
Mit 1 h und 9 Minuten mag dieses Hörbuch für einige ganz junge Hörer noch zu lang für die individuelle Konzentrationsspanne sein, doch ist durch die beigefügte Trackliste ein Wiedereinstieg nach einer Hörpause ohne weiteres möglich. Eine schöne CD auch für jüngere Kinder, die auch Eltern auf Autofahrten gerne mithören werden und an der auch ältere Geschwister ihre Freude haben werden.
Wir empfehlen dieses Hörbuch sehr gerne weiter und werden es auch immer wieder hören.
Unser herzlicher Dank geht an das Bloggerteam von Der Hörverlag.

Veröffentlicht am 31.03.2018

Die Macht der Magie und der Worte

Wortwächter
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Der 12 jährige Tom aus Deutschland muß die Sommerferien bei seinem Onkel David in Stratford-upon-Avon verbringen, weil seine Eltern nun endlich ihre Hochzeitsreise nach Paris nachholen wollen. David ist ...

Der 12 jährige Tom aus Deutschland muß die Sommerferien bei seinem Onkel David in Stratford-upon-Avon verbringen, weil seine Eltern nun endlich ihre Hochzeitsreise nach Paris nachholen wollen. David ist einer der Brüder seiner englischen Mutter, den er jedoch noch nie zuvor getroffen hat. Als er auf dem Stammsitz seiner Familie, die auf William Shakespeare zurück geht ankommt, ist er entsetzt: kein Handynetz, kein Fernsehen, nichts als Bücher. Das versprechen die langweiligsten Ferien seines Lebens zu werden, doch mit der Einschätzung täuscht er sich gewaltig. Nachts gehen seltsame Dinge in dem alten Herrenhaus vor sich. Dunkle Schatten schleichen durchs Haus und Tom sieht mit an, wie sein Onkel entführt wird. Im Keller findet er einen geheimen Raum in dem sich noch mehr Bücher stapeln und eine Seite, auf der wie von Zauberhand Worte auftauchen, die Toms Leben zu beschreiben scheinen. Als er Davids treuen Diener Will davon berichtet und dann auch noch ein fremdes, hübsches Mädchen (Joséphine) vor der Tür steht, überstürzen sich die Ereignisse und das Abenteuer seines Lebens beginnt.
Dieses fantastische Abenteuer zieht seinen Zauber nicht aus Drachen, Zauberern oder Einhörnern, sondern aus der Magie der Worte, der großen Literaten der Weltgeschichte und ihren Werken. Für leidenschaftliche Leser ein Fest, es gibt so viele Anspielungen zu entdecken, ohne daß es langweilt, weil die großen Meister geschickt über ihre steinernen Abbilder die zu Leben erweckt werden, in die Geschichte mit eingeflochten werden. Dabei sind es aber vor allem Autoren und Werke, die auch Kinder im Alter von 11 – 13 Jahren etwas sagen und bedeuten können, so wie C.S. Lewis oder J.R.R. Tolkien, die geistigen Väter von Narnia und des Auenlandes. Dennoch ist die Geschichte eigen, ich wurde in den Bann gezogen, ohne mich zu ärgern, weil ich eben nicht das Gefühl hatte, es wäre alles nur geklaut. Im Gegenteil, ich wollte stets unbedingt wissen, wie es Tom und Joséphine denn nun gelingen könnte, die mächtige goldene Feder in ihren Bestandteilen zu vereinen und Toms entführten Vater und Joséphines Vater zu befreien. Eine Befreiung die nicht selbst verständlich ist und die natürlich ohne Hilfe der Polizei erfolgen muß, nicht weil die Entführer es so fordern, sondern weil ihnen doch sowie so niemand ihre Geschichte geglaubt hätte. Zu aberwitzig ist die Welt der Wortwächter, in die Tom ungeahnt und Joséphine ganz bewußt, eingedrungen sind. Neben wirklich gut gewählten Zitaten aus großen Werken der Literatur, führt die Zwei ihre Mission auch an absolut sehenswerte Orte der Welt. Wohin die Reise sie bringt, will ich eigentlich nicht vorweg verraten, aber es läßt sich eigentlich auch schon dem Cover entnehmen.
Die Sprache ist sehr wort- und bildgewaltig, aber nicht im Sinne, von einschüchternd, nein, sie lässt einfach vor dem inneren Auge wundersame Abenteuer entstehen, denen man sich einfach nicht entziehen kann.
Die Gestaltung des Buches ist wirklich sehr ansprechend. In den Buchklappen befinden sich Weltkarten, mit denen man unseren Abenteurern auch auf der Karte folgen kann. Eine weitere optische Besonderheit im Text, möchte ich lieber verschweigen, um nicht zu viel zu verraten.
Neben den sympathischen Helden, der spannenden Geschichte, den ungeahnten Wortwelten, hat die Geschichte den besonderen Reiz, daß sie in sich schlüssig ist. Ich habe es nicht nur genossen, vielen meiner literarischen Helden zu begegnen, sondern mich auch über ein gelungenes Ende gefreut, daß Raum für eine Fortsetzung lässt, aber auch ohne eine solche in sich abgeschlossen ist. Es ist einfach alles noch möglich und hoffentlich auch ein Hörbuch, ich fände es nämlich toll, diese Geschichte noch mehrfach miterleben zu können.
Dieses Buch ist ein echtes Lesehighlight und ich möchte niemandem den Spaß verderben, indem ich schon zu viel verrate. Aber so viel sage ich gerne: ich habe nichts gefunden, was mir nicht gefallen hätte. Ich lege es jeden Bücherfan dringend ans Herz und auch die Fantasyliebhaber kommen voll auf ihre Kosten.

Veröffentlicht am 31.03.2018

sehr berührend

Geflüchtet. Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien
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Als in Syrien die Aufstände gegen das brutale Willkürregime von Assad beginnen. Niemand hätte damit gerechnet, daß die Bevölkerung, der es relativ gut ging, auf die Straße geht. Syrien war von der Bevölkerung ...

Als in Syrien die Aufstände gegen das brutale Willkürregime von Assad beginnen. Niemand hätte damit gerechnet, daß die Bevölkerung, der es relativ gut ging, auf die Straße geht. Syrien war von der Bevölkerung her liberal und offen. Es sah auf eine lange blühende Kultur zurück, es hätte alles so schön sein können, wäre da nicht dieser Autokrat, dessen unberechenbare Brutalität, die Meinungsfreiheit einschränkte. Die Angst war auch damals ein ständiger Begleiter in diesem Land. Abdullah hat das Glück in einer sehr gebildeten, liebevollen und wohlhabenden Familie aufzuwachsen. Nie hätte er es sich vorstellen können, woanders zu leben. Er wollte Abitur machen und studieren, wie seine Eltern, Brüder und Cousins. Doch als der IS in Rakka die Oberhand gewinnt und auch der Tod nicht vor seiner Familie halt macht, beschließt sein ältester Bruder, das neue Familienoberhaupt, daß ein Bleiben für sie unmöglich ist. Sie können es sich leisten zu fliehen, sie können sich sogar mehrere Fluchtversuche leisten, eine Wahl die nicht alle haben. Denn auch Wohlstand macht die Flucht nicht sicherer. Als Abdullah als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UmF) in einer kleinen Kinderheimwohngruppe ankommt, ist alles fremd, er ist allein und einsam.
Abdullahs Geschichte beginnt kurz vor dem Ausbruch der Aufstände in Syrien. Man erlebt, wie das Land, trotz der Autokratie durch die Bevölkerung ein offenes, tolerantes Leben zwischen den verschiedenen Religionen ermöglicht. Sehr schön finde ich dabei, daß man wirklich einen guten Alltag in Abdullah Alltag bekommt. Hierdurch bekommt man ein besseres Verständnis für die dortigen Verhältnisse und dafür, wie fremd er sich hier fühlen muß. Neben der Schilderung seines Integrationsprozesses und der Widerstände durch Verständigungschwierigkeiten, wird in Rückblenden von seinem Leben in Syrien und der Flucht erzählt. Obwohl Abdullah unvorstellbares Leid mit ansehen mußte, gerade auch bei Hinrichtungen am Straßenrand durch den IS oder Bomben, ist es dennoch so geschrieben, daß es für Jugendliche verträglich ist. Es geht nicht um unnötige Gewaltexzesse oder blutrünstige Schilderungen. Vor allem Abdullahs Gefühle und Gedanken als Reaktion auf den Terror und die Gewalt, lernt der Leser kennen. Heimat ist für ihn Syrien, aber dort gibt es für ihn keine Perspektive. Für seine Familie ist Bildung sehr wichtig und die ist in Syrien nicht mehr gewährleistet. Im Heim im Harz merkt er auch, wie wichtig Sprache ist, um seine Gefühle und seine Gedanken ausdrücken zu können. Ohne Sprache kommt es zu völlig unnötigen Missverständnissen, Ablehnung und Ausgrenzung. Sehr verständnisvoll erzählt Abdullah, wie er im Harz dann doch Freunde fand und sein Ziel des Studiums weiter verfolgt.
Auch wenn Abdullah den Horror des Krieges und die Gefahren der Flucht nicht ausschmückt sondern relativ knapp schildert, kann jeder Leser begreifen, daß diese Flucht, keine Flucht aus Wunsch nach Wohlstand war, sondern ein Kampf ums Überleben und um verpasste Chancen. Sehr gut gefiel mir aber auch, dass er einem Einblick in sein Leben, seinen Alltag und seine liberale Reliogionsausübung gibt. Wie er mit seinen Freunden freiwillig für ein Gebet in der Moschee das Fussballspiel unterbricht und wie schrecklich es wurde, dies unter Druck, mit vorgehaltenem Maschinengewehr es durch den IS wurde. Die Atmosphäre des Friedens und der Ruhe ging völlig verloren. Abdullah erfährt sowohl im Heim, als auch in der Schule viel Misstrauen und Abneigung, bis man ihn persönlich kennt und teilweise darüber hinaus. Wie wichtig war dann jedes Lächeln und jedes freundliche Wort. Ich bin auch sehr froh, von ihm einiges gelernt zu haben, um die syrische Freundin meiner jüngsten Tochter besser zu verstehen.
Heute ist Abdulla 19/20 Jahre und ist mit seinem Fachabi beschäftigt, er möchte nun Medizin studieren, wie seine Brüder. Beim Verfassen dieses Erlebnisromans (es ist sehr persönlich geschrieben und nimmt einen gefangen, ein Gefühl, das ich bei Biografien und Sachbüchern so sonst nicht habe) war ihm die 1973 geborene Journalistin Kerstin Kropac behilflich, damit aus seiner persönlichen Geschichte auch ein packender Roman wird.
Ein wirklich tolles Buch, daß ich ganz dringend empfehle und von dem ich hoffe, daß es viele Schulklassen lesen werden. Wer einem Nicht-Muttersprachler begegnet und nicht weiß wie er reagieren soll: Ein Lächeln ist international und durchbricht Barrieren.