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Veröffentlicht am 31.05.2018

Ein ganz anderer Blickwinkel

Weltmeister ohne Talent
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Per Mertesacker hat vor wenigen Tagen seine Fußballschuhe an den Nagel gehängt und übernimmt nun das Nachwuchszentrum seines letzten Clubs, Arsenal London. In diesem Buch erzählt der Sportler von einer ...

Per Mertesacker hat vor wenigen Tagen seine Fußballschuhe an den Nagel gehängt und übernimmt nun das Nachwuchszentrum seines letzten Clubs, Arsenal London. In diesem Buch erzählt der Sportler von einer Zeit bei seinem Heimatverein in Pattensen, bei den Bundesligisten in Hannover und Bremen, er berichtet von den Jahren in England und in der Nationalmannschaft.

Der nun ehemalige Fußballprofi wirkt in seiner Biografie absolut sympathisch und authentisch. Von seinen Eltern erzählt er als „Mama“ und „Papa“ und betont immer wieder, wie sehr die beiden ihm eine Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit mitgegeben haben, die ihn bis heute auszeichnet. Per Mertesacker gewährt sehr private Einblicke, unter anderem über die Zeit mit seinem Freund Robert Enke und dessen Tod, aber auch über seine früheren Beziehungen und darüber, wie er seine Frau kennengelernt und wie deren Vater ihn vor ihr „gewarnt“ hat. Er gibt sich als „der Junge von nebenan“ und das habe ich ihm auf jeder einzelnen Seite abgenommen. Während des Lesens hatte ich den Eindruck, dass er zusammen mit seinem Co-Autor seine Geschichte genau so aufgeschrieben hat, wie er sie in einem Gespräch erzählen würde. Das hat diesem Buch einen ganz besonderen Flair gegeben, denn ich hatte nicht das Gefühl, seine Worte zu lesen, sondern ihm zuzuhören.

Beeindruckt hat mich der Abschnitt über seine Zeit als Zivildienstleistender, die er in einer geschlossenen Anstalt absolviert hat. Man spürt, wie ihn diese Erfahrung geprägt hat, Heute sagt er, dass es ein Geschenk war, Menschen zu helfen, die auf Unterstützung angewiesen waren.

Gut gefallen haben mir auch seine Worte über (ehemalige) Kollegen und Trainer. Er verliert dabei kein böses Wort, äußert sich im Gegenteil sehr wohlwollen über die meisten von ihnen. Über Tim Wiese schreibt er beispielsweise, dass dieser polarisierte, aber hinter den Kulissen eher ruhig war und dass Wiese mit einem unglaublichen Willen an seinem Körper arbeitete, so wie er das jetzt noch tue, nur eben in die umgekehrte Richtung. Auch das hat mich beeindruckt, weil es auf einen seiner „wenigen engen Kollegen“ ein anderes Bild wirft, als das, was in der Presse von Tim Wiese gezeichnet wird.

Besonders angetan war ich von den Vergleichen, die Per Mertesacker zwischen der Nachwuchsförderung zu seiner Zeit und heute zieht. Während es heute darum geht, das finanziell Maximale für die Weltstars von Morgen abzuschröpfen und ihnen dabei alles bis auf den Gang zur Toilette abzunehmen, musste er sich seinerzeit selbst organisieren, mit dem Bus von der Schule zum Training fahren, nebenher für das Abi lernen. Doch das alles sieht er als seinen Vorteil und bedauert, dass die Nachwuchstalente von heute keine Ahnung mehr haben vom echten Leben.

Nach einem Interview mit dem Spiegel waren seine Aussagen über den Druck im Profigeschäft in aller Munde, manch einer zerriss sich das Maul darüber, dass er auf hohem Niveau jammert, weil er sich Brechreiz und Durchfall gut bezahlen lies. All diesen Kritikern kann ich nur raten, dieses Buch zu lesen und einen ganz anderen Blick auf Per Mertesacker zu werfen. Ich jedenfalls war so gefangen von den Erzählungen und Berichten, dass ich den Reader nicht mehr aus der Hand legen wollte und das ist mir bislang bei einer Biografie oder einem Sachbuch noch nie so ergangen.

Veröffentlicht am 31.05.2018

Ungewollt einem Verbrechen auf der Spur

So bitter die Rache
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Die Protagonistin und ihre Geschichte
Ellen Holst war mehrere Jahre im Ausland und kehrt nach der Trennung von ihrem Mann mit ihrem Sohn nach Deutschland zurück. Nach ihrem Einzug in einer kleinen Siedlung ...

Die Protagonistin und ihre Geschichte
Ellen Holst war mehrere Jahre im Ausland und kehrt nach der Trennung von ihrem Mann mit ihrem Sohn nach Deutschland zurück. Nach ihrem Einzug in einer kleinen Siedlung in Heiligendamm erfährt sie, dass in ihrem Haus sechs Jahre zuvor drei Menschen ermordet wurden. Zunächst lässt sie sich davon nicht aus der Ruhe bringen, aber dann kommt es zu Vorfällen, die den Anschein haben, mit den Ereignissen von vor sechs Jahren in Zusammenhang zu stehen.

Meine Gedanken zum Buch
Hin und wieder hat mich diese Geschichte an „Das Nebelhaus“ erinnert. Eric Berg arbeitet auch in einem neuen Roman mit verschiedenen Handlungssträngen in unterschiedlichen Zeitebenen.
Der Leser erlebt nicht nur, wie Ellen Holst in ihr neues Heim einzieht, sondern erhält auch einen Rückblick auf den Einzug der ehemaligen Besitzer. Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um ein Geschwisterpaar, das in beiden Zeitebenen nach Heiligendamm kommt. Die Handlungsstränge sind gut durchdacht und fließen am Ende schlüssig zusammen.

Auch die Tatsache, dass der Leser zwar weiß, dass es zu Morden kam, aber erst nach und nach erfährt, wer damals überhaupt getötet wurde, erinnerte mich an „Das Nebelhaus“. Das ist aber keineswegs störend, sondern im Gegenteil, eher spannend, weil ich mir zwischendurch Gedanken darüber machen konnte, wer Täter und wer Opfer ist.

Die Idee, die Protagonistin eher ungewollt auf die richtige Spur zu bringen, hat mir gut gefallen, insbesondere, da Ellen es gar nicht darauf angelegt hat, die Morde aufzuklären. sie versucht lediglich, sich und ihren Sohn zu schützen. Sie hinterfragt die aktuellen Ereignisse und wird dadurch immer weiter in die Vergangenheit hineingezogen, bis am Ende alles wie ein offenes Buch vor ihr liegt.

Eric Berg konnte mich erneut überzeugen.

Veröffentlicht am 31.05.2018

Sehr bewegend und tiefgründig

Das Haus am Sunset Lake
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Jim Johnson ist mit knapp 40 Jahren auf dem besten Weg neuer CEO der Omari-Hotelkette zu werden. Doch zwischen ihm und dieser Beförderung liegt die Casa D´Or, jenes Haus in Savannah, Georgia, in dem er ...

Jim Johnson ist mit knapp 40 Jahren auf dem besten Weg neuer CEO der Omari-Hotelkette zu werden. Doch zwischen ihm und dieser Beförderung liegt die Casa D´Or, jenes Haus in Savannah, Georgia, in dem er vor zwanzig Jahren auf Jennifer Wyatt traf. Jennifer hatte gerade das College abgeschlossen und war in das Haus ihrer Eltern zurückgekehrt, als die Familie Johnson für einige Monate in ein Haus auf der gegenüberliegende Seite des Sunset Lake zog.

Lange Zeit verband Jennifer und Jim damals nur eine tiefe Freundschaft, weil sie sich ihre Gefühle füreinander nicht eingestehen wollten. Nachdem sie endlich zueinander gefunden hatten, war ihr Glück aber nur von kurzer Dauer, denn in der Casa D´Or ereignete sich eine Tragödie, die Jennifer dazu veranlasste, Jim wegzuschicken – die beiden haben sich nie wieder gesehen.

Jetzt, zwanzig Jahre später, will Jims Chef unbedingt die Casa D´Or kaufen, um dort ein weiteres Hotel zu eröffnen. Obwohl Jim sich im Klaren darüber ist, dass ein Besuch am Sunset Lake alte Wunden aufreißen wird, nimmt er Kontakt zu den Wyatts auf.

Tasmina Perry startet ihr Erzählung im Jahr 1995 in Savannah. Von dort springt die Geschichte 20 Jahre weiter und der Leser lernt zunächst Jim Johnson und später auch Jennifer Wyatt kennen und erfährt, was in ihrer beider Leben gerade passiert. In der Folge erzählt die Autorin in mehreren Rückblenden, was sich Mitte der 1990er Jahre in Savannah zugetragen hat. Lange Zeit deutet die sie nur an, was damals passiert ist und was zur Trennung des jungen Paares geführt hat. Bis zur Hälfte des Buches empfand ich die Geschichte zwar als völlig unaufgeregt aber überaus spannend.

So bedächtig dieser Teil des Buches auch ist, im weiteren Verlauf überschlagen sich die Ereignisse und stürzen die Protagonisten gleich mehrfach in ein Gefühlschaos von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Die Wendungen, die die Geschichte nimmt, haben mich stellenweise völlig überrumpelt und immer, wenn ich dachte, Jennifer und Jim finden endlich zueinander, ereignete sich etwas, womit ich niemals gerechnet hätte. Dies hatte auch zur Folge, dass ich mir bis zum Ende des Buches nicht sicher war, ob es ein Happy End für die beiden Protagonisten geben wird.

„Das Haus am Sunset Lake“ ist ein sehr bewegender und tiefgründiger Roman, den ich, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen konnte, bis ich jedes schonungslose Detail kannte und wusste, ob es eine zweite Chance für Jennifer und Jim gibt.

Veröffentlicht am 07.05.2018

Hab mich mit dem Buch sehr wohl gefühlt

Barfuß im Sommerregen
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Die Protagonistin und ihre Geschichte
Die Singlemama Romy braucht dringend einen Job und eine neue Wohnung und das am besten außerhalb von München, weil die Stadt schlichtweg zu teuer für sie geworden ...

Die Protagonistin und ihre Geschichte
Die Singlemama Romy braucht dringend einen Job und eine neue Wohnung und das am besten außerhalb von München, weil die Stadt schlichtweg zu teuer für sie geworden ist. Nach einen gescheiterten Bewerbungsgespräch entdeckt sie eine Annonce. Es wird eine Haushälterin für den Rentner Alfred gesucht, gegen kostenlose Unterbringung auf seinem Hof. Das wäre ideal für Romy und den vierjährigen Tommi.

Nach einigen Startschwierigkeiten entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen Alfred und Romy und die junge Frau hat auch schon einige Ideen, wie die beiden ihre Kasse aufbessern können. Als dann auch noch Hannes in ihr Leben tritt, fühlt Romy sich angekommen. Doch dann wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Meine Gedanken zum Buch
Während Romy anfangs eine übervorsichtige Mutter ist, kommt Alfred etwas rauhbeinig daher, doch Romy und Tommi können Alfreds Herz gewinnen und Alfred macht Romy seinerseits klar, dass Tommi seine Freiheiten braucht, um seine eigenen Erfahrungen machen zu können. Zwischen den beiden entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft. Nach und nach offenbaren sie sich und erzählen aus ihrer Vergangenheit. So erfährt der Leser, dass Romy aus einer schweren Enttäuschung heraus ihren Beruf und Alfred seinen Traum, zur See zu fahren, aufgegeben hat.

Angelika Schwarzhuber hat es erneut geschafft, mir Bilder von Landschaften in den Kopf zu zaubern. Die Geschichte ist bis hin zu Kleinigkeiten wie den Schwierigkeiten einer allein erziehende Mutter bei der Jobsuche, den Mietpreisen in München und dem Zusammenhalt auf dem Dorf authentisch. Ich habe mich mit dem Roman, bei dem es um Zusammenhalt, Freundschaft und Liebe geht, sehr wohl gefühlt.

Veröffentlicht am 01.05.2018

Bezaubernd und beeindruckend

Versuchen wir das Glück
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Die Protagonisten und ihre Geschichte
Helene "Lene" Thomas ist Ende 40, verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Ihr Mann, ein Unternehmensberater, betrügt sie mit seiner wesentlich jüngeren Assistentin.

Ludwig ...

Die Protagonisten und ihre Geschichte
Helene "Lene" Thomas ist Ende 40, verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Ihr Mann, ein Unternehmensberater, betrügt sie mit seiner wesentlich jüngeren Assistentin.

Ludwig Breuer ist ein Jahr älter als Helene. Er hat seinen Traum, Journalist zu werden und aus den Krisengebieten der Welt zu berichten, verwirklicht.

Als Helene auf dem Münchner Hauptbahnhof auf ihre Jugendliebe Ludwig trifft, ist die Magie zwischen ihnen sofort wieder spürbar, zaghaft zwar noch, aber ausreichend genug, um sich nicht direkt wieder zu trennen sondern zusammen einen Kaffee trinken zu gehen. Sie erzählen sich, was in den letzten 25 Jahren passiert ist, erinnern sich daran, wie unzertrennlich sie waren und wie es trotzdem zum Scheitern ihrer Beziehung kam. Sie blicken sich in die Augen, sie berühren sich - zunächst schüchtern  - und am Ende des Nachmittags steht die Frage "Versuchen wir das Glück".

Meine Gedanken zur Geschichte
Als ich mit diesem Buch begonnen hatte, hatte ich keine Vorstellung davon, wie sehr es mich berühren würde, zwischendurch habe ich mich gefragt, wie Barbara Leciejewski es schafft, mich so in den Bann der Geschichte zu ziehen, obwohl die beiden Protagonisten einen größeren Teil des Buches nur an einem Tisch in einer Bahnhofsgaststätte sitzen und reden und am Ende war ich einfach sprachlos und absolut begeistert.

Diese Kapitel, die in der Gegenwart in einer Bahnhofsgaststätte spielen, sind so unspektakulär und ruhig und dennoch konnte ich nicht erwarten, zu erfahren, wie es mit Helene und Ludwig weiter geht. Im Wechsel dazu erzählt die Autorin von der gemeinsamen Vergangenheit der beiden, von ihrem Kennenlernen, ihrer tiefen Freundschaft, ihrer Beziehung und dem jähen Ende der großen Liebe. Diese Kapitel sind sehr abwechslungsreich und Barbara Leciejewski nimmt oft Bezug auf reale Ereignisse wie den Fall der Mauer oder das Geiseldrama von Gladbeck, aber auch hier hat sie die eher nachdenklichen und leisen Töne gewählt. Es gibt meiner Meinung nach einen einzigen Paukenschlag und selbst der ist in wenigen ruhigen Worten abgehandelt.

Die beiden Protagonisten stehen in der Mitte ihres Lebens und so geht die Autorin in dieser Geschichte auch ganz gezielt auf die zwischenmenschlichen Sorgen und Nöte dieser Altersgruppe, wie zum Beispiel das Bedürfnis, nach einer Trennung nicht allein sein zu wollen, ein. Darüber hinaus haben sowohl Helene als auch Ludwig mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen und auch diesen Themen nähert sich Barbara Leciejewski behutsam an.

"Versuchen wir das Glück" ist kein Liebesroman, den man einfach zwischendurch weglesen kann. Es ist die Geschichte einer Frau und eines Mannes, die noch einmal dort beginnen könnten, wo sie vor 25 Jahren aufgehört haben, mit den gleichen Unwegsamkeiten wie damals, aber mit 25 Jahren mehr Lebenserfahrung.

Barbara Leciejewski hat es geschafft, mit einem völlig unaufgeregten Schreibstil ein wunderbares Buch zu schaffen, das mich bezaubert und tief beeindruckt hat.