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Mianna

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.08.2018

Ein bewegtes Leben

Das rote Adressbuch
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Die schwedische Autorin Sofia Lundberg hat in ihrem ersten Roman ein bewegtes Leben beschrieben. Doris Alm wächst in den Zwanzigerjahren in Stockholm auf. Ihr Weg führt sie gezwungenermaßen nach Frankreich ...

Die schwedische Autorin Sofia Lundberg hat in ihrem ersten Roman ein bewegtes Leben beschrieben. Doris Alm wächst in den Zwanzigerjahren in Stockholm auf. Ihr Weg führt sie gezwungenermaßen nach Frankreich und mit großer Hoffnung nach Amerika. Im Alter ist sie zurück in Schweden und blickt auf ihr Leben zurück. Ein Rückblick auf Armut, Krieg, Haltlosigkeit.

Die Autorin beschäftigt sich mit einer ganzen Bandbreite an menschlichen Themen. Die Hauptfigur ist gefordert persönliche Stärke zu entwickeln, um zu Überleben und mit ihrer Haltlosigkeit umzugehen. Ein hartes Leben, ein hartes Los. Bemerkenswert dabei ist, das es Lundberg gelingt das Leben der Doris mit der geschichtlichen Atmosphäre mehrerer Jahrzehnte zu verknüpfen. Wahnsinnig interessant und ebenso berührend.

Doris ist eine sehr sympathische Hauptfigur, sie ist nicht zu beneiden. Gerade ihr Überlebenswillen, ihr Durchhaltevermögen, ihre Tapferkeit machen sie zu einer bemerkenswerten Person. Auch die anderen Persönlichkeiten, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnet sind interessant und reizvoll. Lundberg gibt den Charakteren Raum, lässt ihnen tief in ihre Seelen blicken.

Das Buch ist in viele Kapitel unterteilt, die mit den einzelnen Namen derjenigen Personen überschrieben sind, denen sie in ihrem Leben begegnet. Die Geschichte ist spannend und nimmt mit dem Wechsel von Kapitel zu Kapitel an Tempo auf. Die Ich-Perspektive sorgt dafür, dass die Geschichte nah geht und real wird. Die Idee eine Geschichte um das Adressbuch herum zu erschaffen ist interessant und das Durchstreichen der Namen, nach deren Tod macht das Ganze eindrücklich.

Lundberg schafft Atmosphäre und erzählt mit einer großen Wärme. Das Geschehen ist ergreifend, bedrückend und schockierend. Die Geschichte geht ins Dramatische und entfaltet sich in der ganzen Tragik. Gleichzeitig ist darin eben soviel Hoffnung enthalten.

Ein Rückblick auf ein bewegtes Leben über mehrere Jahrzehnte. Spannend geschrieben, sehr berührend und warmherzig.

Veröffentlicht am 29.07.2018

Akribische Menschenstudie

Kampfsterne
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Alexa Hennig von Lange schreibt in ihrem neuen Roman über die Elterngeneration der 80er Jahre und den schönen Schein. Hinter der Fassade des idyllischen Vorstadtlebens dreier Familien bröckelt es erheblich. ...

Alexa Hennig von Lange schreibt in ihrem neuen Roman über die Elterngeneration der 80er Jahre und den schönen Schein. Hinter der Fassade des idyllischen Vorstadtlebens dreier Familien bröckelt es erheblich. Alle Beteiligten leiden unter der angeblich großen Freiheit der 80er Jahre, der vermeintlichen Aufgeklärtheit und den Ansprüchen ihres bürgerlichen Lebens. Jeder für sich ist ein Kampfstern, in seinem eigenen Kosmos.

In ihrem neuen Roman ermöglicht die erfolgreiche deutsche Schriftstellerin Einsichten in das menschliche Zusammenleben. Sie lässt die unterschiedlichen Protagonisten zu Wort kommen und stellt unabhängig vom Alter deren Wahrnehmungen, Sehnsüchte und Verletzlichkeit dar. Ihre genaue Beobachtungsgabe und ihr wertschätzender Blick auf die Einzelnen ist dabei bemerkenswert. Ihre Charaktere zeichnen sich durch Vielschichtigkeit aus. Es geht um Neid, Frustration, Gewalt, Rückzug und viel Sehnsucht. Trotz der stark ausgeprägten „schlechten“ Eigenschaften haben alle Beteiligten etwas sympathisches. Die Entwicklungen sind sehr verdichtet aber trotzdem glaubwürdig. Einfühlsam und mit einer großen psychologischen Tiefe dringt sie in die Seelen der Eltern und Kinder, beschreibt die Dynamiken in diesem engen Zusammenleben der Vorstadt.

Der Text ist sehr nachdenklich und hat eine ungeheure Tiefe. In sehr unterschiedlich langen Kapiteln wird aus der Sicht der einzelnen Beteiligten erzählt. Einige Kapitel gehen über mehrere Seiten hinaus und andere sind nur einen Absatz lang. Durch die vielen Perspektivwechsel entsteht ein umfassendes Bild von der Situation. Dynamiken werden klarer, weil die Einzelnen kurz hintereinander zu Wort kommen. Es entsteht Spannung und ein gewisser Sog, sodass sich das Buch nicht so leicht aus der Hand legen lässt. Gleichzeitig ist die Geschichte durch diese schnell aufeinanderfolgenden Wechsel von Beginn an hochemotional und sehr berührend. Von Lange legt immer wieder den Finger in die Wunden, schreibt akribisch und schonungslos. Die klugen Zwiegespräche der Einzelnen sind ebenso spannend wie die emotionalen Interaktionen mit den Anderen.

Die Autorin hat grundsätzlich eine direkte und sehr klare Ausdrucksweise. Die Sprache ist zusätzlich durch viele Verniedlichungen und Verstärkungen gekennzeichnet. Mit ihrem Humor fängt sie die Schwere des Inhalts auf. Dadurch bekommt die Geschichte neben dem Erschütternden, Trostlosen auch etwas Herzerwärmendes und Hoffnungsvolles.

Eine akribische Menschenstudie, die hochemotional und schonungslos das Seelenleben der Einzelnen zeigt. Erschütternd und Herzerwärmend.

Veröffentlicht am 26.07.2018

Prägnante Satire!

Guten Morgen, Genosse Elefant
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Juri Zipit, ein einfältiger Junge, wird mit seinem Vater, einem Tierarzt, eines Nachts in Stalins Datscha gebracht. Dieser ist körperlich krank und paranoid, weswegen Juris Vater, wie alle Ärzte zuvor, ...

Juri Zipit, ein einfältiger Junge, wird mit seinem Vater, einem Tierarzt, eines Nachts in Stalins Datscha gebracht. Dieser ist körperlich krank und paranoid, weswegen Juris Vater, wie alle Ärzte zuvor, bald verschwindet. Juri verbringt getrennt von seinem Vater mehrere Wochen mit dem „Stählernen“, wird zu seinem Vorkoster. Und plötzlich ist er mittendrin im sowjetischen Machtzentrum. Er erlebt politische Intrigen, bekommt Einblicke in Stalins verquere Weltsicht und dessen körperlichen und geistigen Abbau.

Eine verworrene und absurde Geschichte, die Christopher Wilson in „Guten Morgen, Genosse Elefant“ geschrieben hat. Auf spannende Weise erzählt Wilson von politischen Absurditäten, einem paranoiden und wahnsinnigen Mächtigen und gleichzeitig von brutaler und menschenverachtender Realität. Eine gelungene und vielschichtige Erzählung.

Seine überzeichneten Charaktere werden immer wieder durch den Kakao gezogen, lächerlich gemacht und wirken dabei so einschüchternd und real. Die Geschichte wird in ihrer ganzen Tragik und Komik erlebbar. Neben den anderen Akteuren spielt Juri eine übergeordnete Rolle. Dieser naive Junge, mit seinen banalen Einschätzungen, seinen entwaffnenden Beobachtungen macht die Geschichte erlebbar. Er wirkt sympathisch und drollig. Die Geschichte aus der Sicht dieses Jungen zu erzählen macht den besonderen Reiz des Romans aus. Er bietet in dieser wahnwitzigen Geschichte Halt.

Wilson schreibt seine Geschichte mit viel Witz. Eine ganz große Satire, die all die brutale Realität enthält. Die Ereignisse gehen nahe und erschüttern. Er überzeichnet, verdeutlicht und schreibt leichtfüßig. Insgesamt ein gut lesbarer Text, der mitnimmt und begeistert. Seine Dialoge sind absurd und lustig, bieten kluge Einsichten, gehen ins poetische und sind vulgär. Der Autor erschafft über diese besondere Ausdrucksweise eine spürbare Atmosphäre.

Eine sehr prägnante und eindrückliche Satire. Leichtfüßig aus der Sicht des Jungen Juri erzählt. Spannende Einsichten in die Sowjetunion zu Zeiten Stalins. Insgesamt sehr gelungen!

Veröffentlicht am 17.05.2018

Das Drama um die Muse

Das Geheimnis der Muse
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In "Das Geheimnis der Muse" erzählt Jessie Burton von zwei besonderen Frauen mit ihren Träumen, Ambitionen, Verletzungen und Grenzen. Vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges um 1936 und dem London ...

In "Das Geheimnis der Muse" erzählt Jessie Burton von zwei besonderen Frauen mit ihren Träumen, Ambitionen, Verletzungen und Grenzen. Vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges um 1936 und dem London um 1967 geht es um ein Gemälde und ein erschütterndes Geheimnis.

Auf zwei Zeitebenen entspinnt sich eine nachdenkliche und sehnsuchtsvolle Geschichte um die beiden Hauptfiguren. Thematisch geht es um Frauen und Kunst, Leben in und gegen Konventionen, Freiheit und Einsamkeit, Einwanderung. Dabei wird das Zeitgeschehen spannend und glaubwürdig aufgearbeitet.

Odelle und Olive sowie die anderen Figuren um sie herum werden eindrücklich beschrieben, bekommen Tiefe. Die Autorin und der Übersetzer haben es geschafft Stimmung zu transportieren - so sind Freude, Unsicherheit, Angst und andere Gefühle gut spürbar. Das Seelenleben der Beiden und ihre Suche nach dem eigenen Weg werden umfassend und einfühlsam dargestellt.

Es entsteht ein Sog in die Geschichte, obwohl die Geschehnisse in ihrer Tragik eher abschrecken. Die Entwicklungen sind gut nachvollziehbar und fördern die Spannung weiter.

Das Buch wirkt mit dem Coverbild und durch einzelne Zeichnungen vor den Kapiteln sehr ästhetisch. Das passt gut zum Thema Kunst und den beiden talentierten Frauen.

Die Geschichte liest sich fließend, die zwei Zeitebenen sind immer klar zu erkennen. Besonders ist die bildreiche und poetische, sogar kunstvolle Sprache. Doch Vorsicht. Dieser Roman ist inhaltlich und sprachlich eher schwerwiegend, keine leichte Lektüre. Und gleichzeitig emotional und inhaltlich sehr bereichernd.

Ein beeindruckendes Buch, mit der vollen Dramatik zweier starker Frauen, die keine andere Wahl haben als sich ihrem Leben zu stellen.

Veröffentlicht am 09.05.2018

Gelungener Jubiläumsband

Kluftinger
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Im zehnten Band in der Reihe um den Algäuer Kommissar Kluftinger geht es um ihn selbst. Anfänglich sind es ein frisches Grab, auf dem ein Kreuz mit seinem Namen steht und eine Todesanzeige in der Zeitung, ...

Im zehnten Band in der Reihe um den Algäuer Kommissar Kluftinger geht es um ihn selbst. Anfänglich sind es ein frisches Grab, auf dem ein Kreuz mit seinem Namen steht und eine Todesanzeige in der Zeitung, die Anlass zur Sorge geben. Bedroht durch einen Unbekannten muss sich Kluftinger, dessen Vornamen in diesem Buch nun endlich verraten werden, mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Und zwar schnell, denn es gibt ein konkretes Datum für seinen Tod und gleich mehrere Verdächtige. Sein Team ermittelt.

Mit diesem Jubiläumsband haben die Autoren Klüpfel und Kobr in gelungener Weise an die spannenden Vorgängerbände angeknüpft. Es wird an alte Fälle erinnert und mit ihnen tauchen frühere Verdächtige und andere bekannte Personen wieder auf. Auch Leser, für die dies das erste Buch aus der Reihe ist und Andere, denen nicht mehr alle Vorgängerbände präsent sind, werden hier gut ins Geschehen eingeführt.

Kommissar Kluftinger und andere Nebenfiguren werden wie bisher vielschichtig mit ihren sympathischen und eher skurrilen und abstoßenden Seiten dargestellt. Für Leser, die schon die anderen Bände durch haben wird die Entwicklung der Figuren, besonders von Kluftinger deutlich. Spannend sind insbesondere die Rückblenden in Kluftingers Leben, seine Berufslaufbahn und bspw. sein Kennenlernen mit seiner Frau Erika. Dabei zieht der Kommissar sein Resümee.

Dieser Band war anfänglich etwas schwierig zu lesen, zeitweise zu ausführlich mit dem Randgeschehen (z.B. seinem Sohn und dem Enkelkind). Die Geschichte zieht sich und lässt sich nicht einfach so weg lesen. Dies ist letztendlich aber nicht schlimm, die langsam entstehende Spannung gleicht dies aus. Diese steigert sich zum Ende hin noch. Trotzdem es schon der zehnte Teil der Reihe ist, entsteht kein Überdruss. Die Geschichte ist gelungen, wenn auch nicht allzu komplex. Die Geschehnisse machen beklommen, ängstlich und lassen die Lesenden schmunzeln und mitfiebern.

Sprachlich liest sich die Geschichte sehr gut, alles ist nachvollziehbar. Wie in den Vorgängerbänden schaffen es die Autoren insbesondere den Allgäuer Dialekt in den Dialogen und die Eigenheiten dieser Region sowie die Dynamik in der Dorfgemeinschaft darzustellen.

Klüpfel und Kobr haben in gelungener Weise an die Vorgängerbände angeknüpft und eine neue spannende Geschichte geschrieben: zum Miträtseln, Mitfiebern und Schmunzeln.