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Veröffentlicht am 04.05.2020

Die Macht eines Sommers

Offene See
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„Dieser ferne Streifen Meer, wo Himmel und Wasser eins werden.“

"Offene See" ist ein schmales Büchlein voller starker Worte und einer einfachen Geschichte. Man könnte es auch in die Coming-of-Age-Sparte ...

„Dieser ferne Streifen Meer, wo Himmel und Wasser eins werden.“

"Offene See" ist ein schmales Büchlein voller starker Worte und einer einfachen Geschichte. Man könnte es auch in die Coming-of-Age-Sparte stecken aber das würde dem Buch nicht gerecht werden.
Die Geschichte spielt kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges und wird im Rückblick erzählt. Der Schreibstil ist ruhig, poetisch, klar und dabei doch präzise und modern. Und genauso ist die Handlung: Man begleitet Robert ein Stück auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Sein Leben scheint vorgezeichnet zu sein aber manchmal ändern sich die Dinge eben. Robert begeistert sich für die Stille, für mit Mythen beladene Orte. Und so unternimmt er, kurz bevor er in des Vaters Fußstapfen tritt, eine Reise, die ihn zu Dulcie führt, einer emanzipierten, starken und doch tieftraurigen älteren Frau. Ihr Einfluss wird ihm helfen, sich zu dem Mann zu entwickeln, der in ihm steckt. Er wird die Lyrik entdecken, ein unkonventionelles Leben kennenlernen und seinen Horizont erweitern.

Benjamin Myers spricht auf wenigen Seiten sehr viele verschiedene Themen an: Zunächst ist da natürlich der 2. Weltkrieg, der in den Köpfen der Menschen auch 1 Jahr nach seinem Ende alle Gedanken beherrscht und dessen Verarbeitung noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird.

"Denn niemand gewinnte einen Krieg wirklich, manche verlieren bloß ein bisschen weniger als andere."

Dann ist da die wundervolle Natur, die Bienen, das geliebte Haustier und wie all das zur seelischen Heilung beitragen kann.

"Weil Honig flüssige Poesie ist. Er ist wie ein Scheibchen Sonne auf deinem Brot. Er ist die Essenz der Natur - die Essenz von Land und Insekt und Mann oder Frau, die in vollkommener symbiotischer Harmonie zusammenarbeiten. Bienen sind wahre Wunderwesen, die unermüdlich Pollen in Gold verwandeln."

Das Meer wird in seiner Zwiegespaltenheit dargestellt - ist es nun wunderschön, anziehend und ein Sehnsuchtsziel oder abstoßend, kalt und gefährlich? Und schlußendlich geht es um die Kraft der Freundschaft und was sie bewegen kann. Beschreibungen und Handlung halten sich dabei immer die Waage.

"Reisen ist die Suche nach sich selbst. Und manchmal genügt es schon alleine das Suchen."

Beide Protagonisten sind mir sofort ans Herz gewachsen, das ist auch eher selten. Dulcie wird durch ihre Schlagfertigkeit, ihre burschikose, einnehmende Art sofort symphatisch während Robert mit seinem stillen, scheuen, fleißigen Charakter punktet. Die beiden sind ein seltsames Paar. Die Interaktionen der Beiden sind schön zu verfolgen.

„Du redest nicht viel, und das gefällt mir. Im Schweigen liegt Poesie, aber die meisten nehmen sich nicht die Muße, sie zu hören. Sie reden und reden und reden, aber sie sagen nichts, weil sie Angst davor haben, ihren eigenen Herzschlag zu hören. Angst vor ihrer eigenen Sterblichkeit.“

"Offene See" ist zu einem meiner Lieblingsbücher bisher in 2020 geworden. Ich möchte es immerfort an meine Brust drücken und mit mir herzumtragen. Die Geschichte hat mich sehr berührt und hat sie völlig ohne eine turbulente Handlung sondern nur mit der Kraft der Worte geschafft.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.06.2018

Der schönste Sommer der Welt

Ein Sommer in Sommerby
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Obwohl ich nicht zur Zielgruppe des Buches gehöre (diese wunderbare Geschichte ist für Leser ab 10 Jahren geschrieben), hat es mich berührt und das Herz ganz warm gemacht.
Das Cover ist wunderschön und ...

Obwohl ich nicht zur Zielgruppe des Buches gehöre (diese wunderbare Geschichte ist für Leser ab 10 Jahren geschrieben), hat es mich berührt und das Herz ganz warm gemacht.
Das Cover ist wunderschön und der Name Sommerby erinnert mich irgendwie an Pipi Langstrumpf.
Im Buch geht es um die 12jährige Martha und ihre beiden jüngeren Brüder Mikkel und Mats. Nach einem Unfall der Mama kommen sie unfreiwillig zur schrulligen Oma aufs Land. Und was für ein Land das ist! Kein Internet, WLAN und Co dafür ganz viel Natur, Wasser, Tiere und Freiheit. Wer wünscht sich sowas nicht für seine Kinder?
Die Autorin zeigt mit dem Finger auf unsere Elektronik-verseuchte Welt, lässt die kleine Martha ganz hibbelig vor Glück werden wenn sie Rehkitze aus ihrem Fenster beobachtet oder die Einfachheit eines guten Buches schätzen lernt. Sie lässt Mats die Tiere lieb haben und Mikkel sich wichtig fühlen, wenn er ganz alleine die Eier holt.
Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können und die bekommen sie von „Frau Oma“ zur Genüge. Es ist hinreißend mitzuerleben, wie die Kinder lernen zu helfen und wie Oma und Kinder sich annähern bis die am Ende gar nicht mehr weg wollen.
Für mich ist dieses Buch ein wunderbares Familienbuch, zum Vorlesen, Lesen lassen und diskutieren.

Die Lesung von Julia Nachtmann ist hervorragend gelungen. Sie transportiert Stimmungen und leise Töne genauso wundervoll wie die Wutausbrüche von Mats. Sie lässt Sommerby vor unseren Augen real werden... gut gemacht!

Veröffentlicht am 29.05.2018

"Wann hat man schon eine Viertelstunde Zeit im Leben, und das Meer zu sehen?"

Sieh mich an
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Katharina entdeckt einen Knoten in ihrer Brust aber anstatt sofort zum Arzt zu gehen um abzuklären, um was für ein Scheusal es sich handelt, lebt sie ihr Familienleben weiter, funktioniert zwischen Wäsche, ...

Katharina entdeckt einen Knoten in ihrer Brust aber anstatt sofort zum Arzt zu gehen um abzuklären, um was für ein Scheusal es sich handelt, lebt sie ihr Familienleben weiter, funktioniert zwischen Wäsche, Einkauf und den Problemchen ihrer beiden Kinder. "Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch so ungeklärt sind." Diesen Satz wird wahrscheinlich jede Mutter verstehen. Mich berührt er tief.
Und das Buch ist voller solcher Sätze, am liebsten möchte ich sie alle markieren. Oder in eine Liste schreiben.
Während Kathi die großen und kleinen Herausforderungen ihres Alltags bewältigt, zwingt sie der Knoten in ihrer Brust zu Gedanken über den Sinn ihres Lebens und über dass, was nach dem Sterben bleibt, nachzudenken. Das macht sie für mich sehr menschlich und liebenswert. Mir gefällt Katharina sehr gut, ich kann mich mit ihrem Handeln identifizieren, Ihrem Wunsch danach alles richtig zu machen. Ich habe selbst 2 Kinder, ich kenne das Chaos, die Liebe, die Sorgen und Ängste. "Ich habe manchmal den Gedanken, ich könnte nur frei sein, wenn meine Kinder nicht mehr da wären. Solange sie leben, werde ich gefesselt und an sie gekettet sein, von Sorgen geplagt, von Zweifeln zerfressen, und niemals in der Lage, eine einzige Entscheidung für mein eigenes Leben zu treffen, die ihre Gefühle nicht mit berücksichtigt. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Wären sie nicht mehr da, wären sie tot. Und niemand auf dieser Welt ist unfreier als Eltern, die ihre Kinder verloren haben." Eine ganz wahre Aussage für mich.

Für Frauen, die vielleicht gerade zwischen Kindern und Arbeit feststecken eine klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 27.05.2018

Manchmal kannste nix machen, außer weiter

Wenn's einfach wär, würd's jeder machen
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Zu Beginn des Buches wird es einem nicht leicht gemacht, Annika zu mögen. Sie ist verwöhnt und bequem, macht nur Dienst nach Vorschrift, bleibt trotz der sehr freundlichen Aufnahme durch die neuen Lehrerkollegen ...

Zu Beginn des Buches wird es einem nicht leicht gemacht, Annika zu mögen. Sie ist verwöhnt und bequem, macht nur Dienst nach Vorschrift, bleibt trotz der sehr freundlichen Aufnahme durch die neuen Lehrerkollegen reserviert und unverbindlich...
Aber im Laufe der nächsten 9 Monate, die das Buch erzählt, vollzieht Anni eine richtig gute Wendung. Sie findet ihre Freude an der Musik wieder, stellt sich dem großen Angst-Problem ihrer Kindheit, überdenkt ihre Einstellung und bezieht Stellung. Ihre Reaktionen und Entscheidungen sind dabei immer nachvollziehbar, das macht sie und das Buch sympathisch.
Die Figuren und die Handlung sind so richtig aus dem Leben gegriffen und nebenbei wird dem Leser Hamburg schmackhaft gemacht.
Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, die vorausschaubar sein könnte, es aber nicht ist. Es macht riesen Spaß den beiden Protagonisten zuzuschauen, wie sie umeinander herum schleichen. Man fiebert mit, spürt das Knistern und zumindest ich habe mich riesig gefreut, als die Beiden endlich zusammenkamen.
Das Buch lehrt uns wieder einmal, dass man nicht perfekt sein muss, sondern Spaß an dem haben sollte, was man tut. Dass es ok ist, Fehler zu machen, wenn man dazu steht.
Alles in allem ist „Wenn‘s einfach wär, würd‘s jeder machen“ trotz der vielen ernsten Themen ein richtiger Gute-Laune-Roman, der zu Herzen geht aber gar nicht kitschig daherkommt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Charaktere
  • Erzählstil
  • Gefühl
  • Lesespaß
Veröffentlicht am 24.04.2018

hat mich komplett eingenommen

Kranichland
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Es ist bemerkenswert, dass dieses Buch ein Debüt ist, noch dazu von einer Autorin geschrieben, die zur Wende erst 11 Jahre alt war. Man meint, sie habe die DDR-Zeit selbst komplett durchlebt. Das Buch ...

Es ist bemerkenswert, dass dieses Buch ein Debüt ist, noch dazu von einer Autorin geschrieben, die zur Wende erst 11 Jahre alt war. Man meint, sie habe die DDR-Zeit selbst komplett durchlebt. Das Buch ist sehr gut recherchiert, gerade als ehemaliger DDR-Bürger fand ich mich selbst oft wieder, egal ob es das lange Anstehen am Konsum ist, ohne zu wissen, wofür oder der Besitz eines Micky-Maus-Heftchens, welches zum Schulverweis führen konnte oder das Gefühl mit dem Alubesteck an eine Amalgam-Zahnfüllung zu kommen. Fast 80 Jahre Geschichte (von 1936 – 2012) werden lebendig beschrieben. Es ist ein ehrlicher Roman, der anhand der Familie Groen zeigt, wie die Menschen in der DDR gelebt haben. Er verdeutlicht uns die Zerrissenheit der Menschen und des Systems.

Die Geschichte beginnt mit Johannes Groen, der den Selbstmord seiner Mutter verkraften und allein aus Schlesien fliehen muss. Nach Ende des 2. Weltkrieges findet er sich in Rostock wieder, wo er in einem Auffanglager erst Kolja kennenlernt, einen russischen Soldaten, der für ihn, obwohl er nur unwesentlich älter ist, zur Vaterfigur wird und fast gleichzeitig Elisabeth, die ebenfalls schwer vom Krieg gezeichnet ist und an die er sein Herz verschenkt. Elisabeth ist Krankenschwester und lebt gemeinsam mit ihrer Mutter Käthe im eigenen kleinen Häuschen in Rostock. Johannes und Elisabeth heiraten und bekommen Töchterchen Charlotte. Während Elisabeth von Familie und Harmonie träumt, wird aus Johannes Wanjuscha, ein Arbeitstier, der dynamisch bei der Errichtung eines neuen Staates mit anpackt und sich immer mehr im Netz von Partei und Staatssicherheit verheddert. So dauert es nicht lange, bis die junge Familie nach Berlin zieht, wo Johannes noch mehr arbeitet und Elisabeth immer einsamer wird. In dem jungen Arzt Anton Michalsky findet sie einen Menschen, der ihre Sehnsucht nach Zweisamkeit stillt. Elisabeth bekommt eine zweite Tochter, Marlene, die in ihrem Wesen völlig anders ist als der treue DDR-Spross Charlotte. Marlene interessiert sich für Kunst, ist anderem Denken gegenüber aufgeschlossen und eckt immer öfter an. Sie wird ihren Wunsch nach Freiheit teuer bezahlen müssen.

2012 versucht die jüngste Schwester Teresa zu entschlüsseln, warum gerade sie ein Haus in Rostock von der großen Schwester Marlene, die eigentlich schon seit Jahre tot ist, geerbt hat und wer der ominöse Miterbe Tom ist. Sie beginnt gemeinsam mit ihrer Tochter Anna die Vergangenheit Schicht um Schicht zu entknoten.

Was mir an dem Buch so gefallen hat, ist, dass jede Personen dazu beiträgt, zu verstehen, wie es, mal abgesehen von den Zwängen und Befehlen der Sowjetunion, denen die DDR folgen musste, überhaupt einerseits zur Gründung der DDR und andererseits zu deren Fall kommen konnte. Offiziell war die DDR eine Demokratie, doch faktisch regierte die SED in einer Einparteienherrschaft. Die viel zitierte Einigkeit gab es eben nicht. Die Parteispitze und Regierung ist im Laufe der Jahre immer weiter abgedriftet, lebte in einer Scheinwelt und war von den Wünschen der Bevölkerung weit entfernt. (was im übrigen wieder ein hochaktuelles Thema ist)

Die Handlung ist sehr interessant, jede Figur im Buch hat ihre eigene Persönlichkeit, das Geschehen und ihre Entwicklungen sind verständlich und ich bin mit allen Personen außer Elisabeth warm geworden. Ich habe oft geschmunzelt und manchmal auch geweint.

Der ständige Wechsel zwischen den Perspektiven und Zeiten verwirrt in diesem Buch nicht, sondern trägt zum besseren Verständnis bei. Man hat das Gefühl, einer wahren Begebenheit zu folgen, so fassbar werden die Figuren beschrieben. Ich könnte mir dieses Buch gut als Verfilmung und Schulliteratur für höhere Klassen vorstellen.

Kranichland gibt es auch als Hörbuch in einer Produktion des Audio Buch Verlag, gelesen von Beate Rysopp auf 2 MP3-CDs mit 704 Minuten Spielzeit. Beate Rysopp schafft es in der Lesung, die Personen lebendig werden zu lassen, sie liest flüssig, ausdrucksstark, emotional und dennoch ruhig, kann sowohl wie eine Nachrichtensprecherin klingen als auch die Panik in einer Stimme erkennbar machen, wenn etwas schreckliches passiert. Ich fand im Hörbuch die Sprechpausen nicht gut gelöst, das müsste vielleicht nochmal überarbeitet werden.

Für mich sind Buch und Hörbuch definitiv ein Lesehiglight des Jahres 2018!