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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.05.2018

"Wann hat man schon eine Viertelstunde Zeit im Leben, und das Meer zu sehen?"

Sieh mich an
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Katharina entdeckt einen Knoten in ihrer Brust aber anstatt sofort zum Arzt zu gehen um abzuklären, um was für ein Scheusal es sich handelt, lebt sie ihr Familienleben weiter, funktioniert zwischen Wäsche, ...

Katharina entdeckt einen Knoten in ihrer Brust aber anstatt sofort zum Arzt zu gehen um abzuklären, um was für ein Scheusal es sich handelt, lebt sie ihr Familienleben weiter, funktioniert zwischen Wäsche, Einkauf und den Problemchen ihrer beiden Kinder. "Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch so ungeklärt sind." Diesen Satz wird wahrscheinlich jede Mutter verstehen. Mich berührt er tief.
Und das Buch ist voller solcher Sätze, am liebsten möchte ich sie alle markieren. Oder in eine Liste schreiben.
Während Kathi die großen und kleinen Herausforderungen ihres Alltags bewältigt, zwingt sie der Knoten in ihrer Brust zu Gedanken über den Sinn ihres Lebens und über dass, was nach dem Sterben bleibt, nachzudenken. Das macht sie für mich sehr menschlich und liebenswert. Mir gefällt Katharina sehr gut, ich kann mich mit ihrem Handeln identifizieren, Ihrem Wunsch danach alles richtig zu machen. Ich habe selbst 2 Kinder, ich kenne das Chaos, die Liebe, die Sorgen und Ängste. "Ich habe manchmal den Gedanken, ich könnte nur frei sein, wenn meine Kinder nicht mehr da wären. Solange sie leben, werde ich gefesselt und an sie gekettet sein, von Sorgen geplagt, von Zweifeln zerfressen, und niemals in der Lage, eine einzige Entscheidung für mein eigenes Leben zu treffen, die ihre Gefühle nicht mit berücksichtigt. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Wären sie nicht mehr da, wären sie tot. Und niemand auf dieser Welt ist unfreier als Eltern, die ihre Kinder verloren haben." Eine ganz wahre Aussage für mich.

Für Frauen, die vielleicht gerade zwischen Kindern und Arbeit feststecken eine klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 27.05.2018

Manchmal kannste nix machen, außer weiter

Wenn's einfach wär, würd's jeder machen
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Zu Beginn des Buches wird es einem nicht leicht gemacht, Annika zu mögen. Sie ist verwöhnt und bequem, macht nur Dienst nach Vorschrift, bleibt trotz der sehr freundlichen Aufnahme durch die neuen Lehrerkollegen ...

Zu Beginn des Buches wird es einem nicht leicht gemacht, Annika zu mögen. Sie ist verwöhnt und bequem, macht nur Dienst nach Vorschrift, bleibt trotz der sehr freundlichen Aufnahme durch die neuen Lehrerkollegen reserviert und unverbindlich...
Aber im Laufe der nächsten 9 Monate, die das Buch erzählt, vollzieht Anni eine richtig gute Wendung. Sie findet ihre Freude an der Musik wieder, stellt sich dem großen Angst-Problem ihrer Kindheit, überdenkt ihre Einstellung und bezieht Stellung. Ihre Reaktionen und Entscheidungen sind dabei immer nachvollziehbar, das macht sie und das Buch sympathisch.
Die Figuren und die Handlung sind so richtig aus dem Leben gegriffen und nebenbei wird dem Leser Hamburg schmackhaft gemacht.
Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, die vorausschaubar sein könnte, es aber nicht ist. Es macht riesen Spaß den beiden Protagonisten zuzuschauen, wie sie umeinander herum schleichen. Man fiebert mit, spürt das Knistern und zumindest ich habe mich riesig gefreut, als die Beiden endlich zusammenkamen.
Das Buch lehrt uns wieder einmal, dass man nicht perfekt sein muss, sondern Spaß an dem haben sollte, was man tut. Dass es ok ist, Fehler zu machen, wenn man dazu steht.
Alles in allem ist „Wenn‘s einfach wär, würd‘s jeder machen“ trotz der vielen ernsten Themen ein richtiger Gute-Laune-Roman, der zu Herzen geht aber gar nicht kitschig daherkommt.

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  • Erzählstil
  • Gefühl
  • Lesespaß
Veröffentlicht am 24.04.2018

hat mich komplett eingenommen

Kranichland
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Es ist bemerkenswert, dass dieses Buch ein Debüt ist, noch dazu von einer Autorin geschrieben, die zur Wende erst 11 Jahre alt war. Man meint, sie habe die DDR-Zeit selbst komplett durchlebt. Das Buch ...

Es ist bemerkenswert, dass dieses Buch ein Debüt ist, noch dazu von einer Autorin geschrieben, die zur Wende erst 11 Jahre alt war. Man meint, sie habe die DDR-Zeit selbst komplett durchlebt. Das Buch ist sehr gut recherchiert, gerade als ehemaliger DDR-Bürger fand ich mich selbst oft wieder, egal ob es das lange Anstehen am Konsum ist, ohne zu wissen, wofür oder der Besitz eines Micky-Maus-Heftchens, welches zum Schulverweis führen konnte oder das Gefühl mit dem Alubesteck an eine Amalgam-Zahnfüllung zu kommen. Fast 80 Jahre Geschichte (von 1936 – 2012) werden lebendig beschrieben. Es ist ein ehrlicher Roman, der anhand der Familie Groen zeigt, wie die Menschen in der DDR gelebt haben. Er verdeutlicht uns die Zerrissenheit der Menschen und des Systems.

Die Geschichte beginnt mit Johannes Groen, der den Selbstmord seiner Mutter verkraften und allein aus Schlesien fliehen muss. Nach Ende des 2. Weltkrieges findet er sich in Rostock wieder, wo er in einem Auffanglager erst Kolja kennenlernt, einen russischen Soldaten, der für ihn, obwohl er nur unwesentlich älter ist, zur Vaterfigur wird und fast gleichzeitig Elisabeth, die ebenfalls schwer vom Krieg gezeichnet ist und an die er sein Herz verschenkt. Elisabeth ist Krankenschwester und lebt gemeinsam mit ihrer Mutter Käthe im eigenen kleinen Häuschen in Rostock. Johannes und Elisabeth heiraten und bekommen Töchterchen Charlotte. Während Elisabeth von Familie und Harmonie träumt, wird aus Johannes Wanjuscha, ein Arbeitstier, der dynamisch bei der Errichtung eines neuen Staates mit anpackt und sich immer mehr im Netz von Partei und Staatssicherheit verheddert. So dauert es nicht lange, bis die junge Familie nach Berlin zieht, wo Johannes noch mehr arbeitet und Elisabeth immer einsamer wird. In dem jungen Arzt Anton Michalsky findet sie einen Menschen, der ihre Sehnsucht nach Zweisamkeit stillt. Elisabeth bekommt eine zweite Tochter, Marlene, die in ihrem Wesen völlig anders ist als der treue DDR-Spross Charlotte. Marlene interessiert sich für Kunst, ist anderem Denken gegenüber aufgeschlossen und eckt immer öfter an. Sie wird ihren Wunsch nach Freiheit teuer bezahlen müssen.

2012 versucht die jüngste Schwester Teresa zu entschlüsseln, warum gerade sie ein Haus in Rostock von der großen Schwester Marlene, die eigentlich schon seit Jahre tot ist, geerbt hat und wer der ominöse Miterbe Tom ist. Sie beginnt gemeinsam mit ihrer Tochter Anna die Vergangenheit Schicht um Schicht zu entknoten.

Was mir an dem Buch so gefallen hat, ist, dass jede Personen dazu beiträgt, zu verstehen, wie es, mal abgesehen von den Zwängen und Befehlen der Sowjetunion, denen die DDR folgen musste, überhaupt einerseits zur Gründung der DDR und andererseits zu deren Fall kommen konnte. Offiziell war die DDR eine Demokratie, doch faktisch regierte die SED in einer Einparteienherrschaft. Die viel zitierte Einigkeit gab es eben nicht. Die Parteispitze und Regierung ist im Laufe der Jahre immer weiter abgedriftet, lebte in einer Scheinwelt und war von den Wünschen der Bevölkerung weit entfernt. (was im übrigen wieder ein hochaktuelles Thema ist)

Die Handlung ist sehr interessant, jede Figur im Buch hat ihre eigene Persönlichkeit, das Geschehen und ihre Entwicklungen sind verständlich und ich bin mit allen Personen außer Elisabeth warm geworden. Ich habe oft geschmunzelt und manchmal auch geweint.

Der ständige Wechsel zwischen den Perspektiven und Zeiten verwirrt in diesem Buch nicht, sondern trägt zum besseren Verständnis bei. Man hat das Gefühl, einer wahren Begebenheit zu folgen, so fassbar werden die Figuren beschrieben. Ich könnte mir dieses Buch gut als Verfilmung und Schulliteratur für höhere Klassen vorstellen.

Kranichland gibt es auch als Hörbuch in einer Produktion des Audio Buch Verlag, gelesen von Beate Rysopp auf 2 MP3-CDs mit 704 Minuten Spielzeit. Beate Rysopp schafft es in der Lesung, die Personen lebendig werden zu lassen, sie liest flüssig, ausdrucksstark, emotional und dennoch ruhig, kann sowohl wie eine Nachrichtensprecherin klingen als auch die Panik in einer Stimme erkennbar machen, wenn etwas schreckliches passiert. Ich fand im Hörbuch die Sprechpausen nicht gut gelöst, das müsste vielleicht nochmal überarbeitet werden.

Für mich sind Buch und Hörbuch definitiv ein Lesehiglight des Jahres 2018!

Veröffentlicht am 07.05.2026

Erfolg ist nicht alles

Einatmen. Ausatmen.
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Marlene Buchholz steht kurz vor einem hart erarbeiteten Karrieresprung, sie soll Vorstandsvorsitzende der Aviola Group werden. Nur eine letzte kleine Hürde gilt es noch zu überwinden – ein Achtsamkeitsseminar ...

Marlene Buchholz steht kurz vor einem hart erarbeiteten Karrieresprung, sie soll Vorstandsvorsitzende der Aviola Group werden. Nur eine letzte kleine Hürde gilt es noch zu überwinden – ein Achtsamkeitsseminar in der brandenburgischen Pampa um Ihre Empathiefähigkeit und Sozialkompetenz zu schulen. Unwillig reist Marlene, die ihr Leben lang nur dem Leistungsgedanken gefolgt ist, und Freundschaften und Beziehungen eher für nebensächlich hält, in das „Umerziehungslager“. Ihr Mentor, Axel Grow, hat schon vielen Klienten dabei geholfen, ihre mentalen Stärken zu finden, allerdings steckt er momentan selbst in einer tiefen Krise. Auch wirtschaftlich läuft „die Acadamy“ nicht so gut und so kommt das Angebot von Marlenes Vorgesetzten, sämtliche Business-Coachings des Konzerns bei ihm abzuhalten, wenn er Marlene erfolgreich „hinbiegt“, gerade recht.
Erzählt wird die Geschichten aus abwechselnden Perspektiven von Marlene und Alex. Maxim Leo spielt dabei gewohnt mit den Emotionen des Lesers, mal ist es schreiend komisch, mal finden leise, traurige Töne ihren Weg in die Geschichte, die zum Nachdenken anregen. Der Schreibstil ist flüssig, sehr unterhaltsam und humorvoll. Ich mochte die Mischung aus der ironischen Marlene, die sich emotional so sehr abgrenzt und dem verständnisvollen Alex, der es allen recht machen will.
Natürlich ist es ist nicht besonders glaubhaft, dass eine einzige, noch dazu von außen aufgezwungene, Fortbildung zur kompletten Lebensveränderung führt. Und dennoch beschreibt Leo die Wandlung von Marlene glaubhaft. So spielt das Treffen mit dem Hausmeister, der Tiere Menschen vorzieht, eine größere Rolle für Marlenes innere Reise als all die Angebote der Acedamy. Ich mochte ihre Suche nach sich selbst und nach ihren Wurzeln. Wir haben in unserer Familiengeschichte ein ähnliches Schicksal wie bei Oma Inge, deshalb kann ich das Schweigen gut nachvollziehen. Auch das offene Ende finde ich richtig gut.
Fazit: Obwohl ich das Buch innerhalb von 2 Tagen weggelesen habe, wird es hängenbleiben. Ich habe mich bestens unterhalten.

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Veröffentlicht am 16.07.2020

Ist das Glück "flüchtig" oder kann man es festhalten?

flüchtig
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"Flüchtig" gibt viele Einblicke in viele unterschiedliche Leben.
Hauptprotagonisten sind jedoch Eva Maria Magdalena, eine 55igjährige Bankangestellte, die eine große Lücke in ihrem Leben durch ...

"Flüchtig" gibt viele Einblicke in viele unterschiedliche Leben.
Hauptprotagonisten sind jedoch Eva Maria Magdalena, eine 55igjährige Bankangestellte, die eine große Lücke in ihrem Leben durch Sport und gesunde Lebensweise zu schließen versucht und ihrem Ehemann Herwig, ein 60igjähriger Musiklehrer und Grasraucher, der sich in seine jüngere Kollegin verliebt. Als Maria von der Affaire ihres Mannes erfährt, bricht sie alle Brücken hinter sich ab und verlässt nicht nur ihren Mann sondern ihr gesamtes bisheriges Leben.

In Rückblicken wird die Geschichte der Beiden erzählt. Die Trennungsgeschichte von Maria und Wig bildet dabei nur den Rahmen der Geschichte; viele Randfiguren kommen zu Wort, die, obwohl sie "flüchtig" sind, doch eine Erinnerung hinterlassen.

„Flüchtig wie die angezupften Töne der Bouzouki waren die Begegnungen mit diesen Menschen. Dennoch hinterließ jeder von ihnen eine Melodie in meinem Herzen, die weiterschwingt.“

Gern hätte das Buch dafür einige Seiten mehr haben dürfen.

Mir gelang es sehr gut, mich sowohl in Maria als auch in Herwig hineinzuversetzen. Beide Charaktere werden tiefgründig beleuchtet. Und die kleinen Geschichten in der Geschichte ließen mich die Personen besser verstehen.

Maria ist auf der Flucht - vor sich selbst, vor ihrer Vergangenheit und auch vor ihrer Zukunft.

„Immer noch war jemand da, der sie nicht losließ… jene Seele, die sie vor dreißig Jahren kurze Zeit unter ihrem Herzen getragen hat.“

Sie und ihr Mann haben sich auseinander gelebt. Was passiert mit 2 Menschen während ein langen Ehe? Was wird aus all der Liebe und der Sehnsucht, wenn man in die Jahre kommt? Ist die "Flucht" Marias, die über verschiedene Zwischenstationen in Griechenland landet, eine Lösung?

Achleitner gelingt es auf geschickte Art und Weise, tiefsinnige Betrachtungen über Gott und die Welt in seine Literatur einfließen zu lassen. Dabei wird es auch mal politisch, manchmal philosophisch, ab und zu erotisch. Auch Musik spielt immer wieder eine Rolle. Einige Male habe ich die Lieder sogar gegoogelt und den Roman dann zu den genannten Klängen weitergelesen. Man merkt dem Roman deutlich an, dass ein wortgewandter, lebenserfahrener Mann seine Gedanken schweifen lässt.

In seiner Gesamtheit ist ihm ein warmherziger, kluger, taktvoller Roman gelungen. Ein Buch, das durch seine charmante, bildhafte Sprache hervorsticht. Eines zum Wiederlesen.

Schönstes Zitat:
„Doch wie viel Erfüllung vertragen wir? Was passiert, wenn wir übergehen vor Glück? Musste es nicht auch unerfüllte Tage geben? War eine schattenlose Welt nicht genauso schlimm wie eine ohne Licht? Braucht unser Leben nicht beides? Ist es nicht unsere Bestimmung, um das Licht zu tanzen wie die Erde um die Sonne? Und ihm immer wieder den Rücken zuzuwenden?“ (S134)

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