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buecherbelle

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.06.2017

Hummerköniginnen

Die Hummerkönige
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„Aus den Tiefen heraufreichende Ungeheuer waren nicht nötig. Das Wasser nimmt sich schon genug.“ (S. 77)

Zusammenfassung. Seit drei Jahrhunderten sind die Kings die ungekrönten Könige der Insel Loosewood ...

„Aus den Tiefen heraufreichende Ungeheuer waren nicht nötig. Das Wasser nimmt sich schon genug.“ (S. 77)

Zusammenfassung. Seit drei Jahrhunderten sind die Kings die ungekrönten Könige der Insel Loosewood Island, die so zwischen Kanada und den USA liegt, dass niemand genau weiß, zu welchem Land sie nun gehört. Alle auf der Insel leben im weiteren oder engeren Sinne vom Hummerfang - oder von dem, was sich mit dem Lokalprominenten, Maler und ersten Inselbewohner Brumfitt Kings verdienen lässt. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Märchen und echten Geschehnissen immer mal wieder.

Erster Satz. Wir sind die Kings, und wenn es auf Loosewood Island so etwas wie eine Königsfamilie gibt, kommen wir dem am nächsten.

Cover. Das Cover ist einer der Gründe, weswegen ich mich ziemlich direkt in dieses Buch verliebt habe. Das Farbspektrum ist toll, das Motiv erst recht und überhaupt... Optisch ein ziemlich ansprechendes Werk. Der Titel wäre aber natürlich im Englischen sehr viel wortwitziger.

Inhalt. Mich beschlich zwischendurch sehr stark das Gefühl, dass das Buch selbst gar nicht so richtig wusste, wo es hinwollte. Die ersten zwei Drittel zogen sich sehr, weil für mein Gefühl nicht viel passierte, und erst als es gegen Ende wirklich spannend wurde, konnte mich das Buch richtig packen.
Was aber schon von Beginn an toll war, war zum einen die Sprache, die die märchenhafte Stimmung ganz wunderbar unterstützt; außerdem die Bezüge, die immer wieder auf Brumfitts Gemälde aufgreifen und so zum Teil in Worte fassen, was kaum in Worte zu fassen ist.

Personen. Leider musste die Hauptfigur und Ich-Erzählerin hart um meine Sympathien kämpfen, denn so richtig meins war sie einfach die ganze Zeit nicht. Sie erinnerte mich zwischenzeitlich immer etwas zu sehr an ein Kleinkind (nicht so sehr wie andere Protagonistinnen, mit denen ich schon das Vergnügen hatte, aber doch genug, um mich ein, zwei Mal mit den Augen rollen zu lassen) statt an eine erwachsene Frau.
Aber als gut gelungen drängt sich dann an der Stelle praktisch auf, dass die Figuren alle eine eigene Persönlichkeit haben und der auch treu bleiben. Das hat mir gut gefallen.

Lieblingsstellen. „Ich schätze, jeder verdient eine zweite Chance?“ [...] „Eine zweite Chance, aber keine dritte.“ (S. 201)
„Es braucht keine Ungeheuer, um das Bild so bedrückend zu machen, es reicht die ruhige See, ein leeres Boot und ein einzelnes Wort hinten auf der Leinwand, der Titel des Bildes: Verschwunden.“ (S. 328)
Und ganz große Liebe für die ganze Seite 346, die ich aus Spoilergründen hier leider nicht zitieren kann.

Fazit. Dieses Buch hinterlässt mich etwas ratlos. Es fiel mir über zwei Drittel der Seiten echt schwer, zum Weiterlesen motiviert zu sein, obwohl die Sprache und das Märchenhafte mir so unheimlich gut gefallen haben - somit könnten die Schwierigkeiten, am Ball zu bleiben, auch an mir gelegen haben.
Und als zum Ende hin alles zunahm: Spannung, Emotionen und Sympathien, da mochte ich das Buch kaum noch weglegen.

Veröffentlicht am 28.05.2018

Nette Story

Miss Gladys und ihr Astronaut
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Ein fehlgeleiteter Anruf stellt Kontakt her zwischen Gladys, dement und derzeit zuständig für ihre zwei Enkel, und Thomas, der sich auf einer Mission ohne Rückkehr in Richtung Mars befindet. Während besonders ...

Ein fehlgeleiteter Anruf stellt Kontakt her zwischen Gladys, dement und derzeit zuständig für ihre zwei Enkel, und Thomas, der sich auf einer Mission ohne Rückkehr in Richtung Mars befindet. Während besonders er zunächst wenig Interesse daran hat, diese Bekanntschaft fortzuführen, wird er Gladys‘ Familie dann aber doch nicht so richtig wieder los und sieht sich schließlich in die familiären Dramen hineingezogen.

Mit Mobbing, Demenz, Fehlgeburt, Armut und Stigmatisierung spricht „Miss Gladys und ihr Astronaut“ eine ganze Menge harter Themen an und immer wieder war ich mir nicht so ganz sicher, ob es dem Buch gelingt, das in angemessener Weise zu tun. Ich finde einfach, dass diese wirklich wichtigen Aspekte nicht klamaukig in Szene gesetzt werden sollten, aber das ist sicherlich Geschmacksache – und ganz klar, das Buch ist nicht überwiegend albern, es ließ mich nur an einigen Stellen überlegen, ob ich die geschilderten Situationen gerade passend finde.

Vieles an diesem Buch hat mir sehr gut gefallen, die Idee an sich beispielsweise und die Hintergrundgeschichte des Astronauten. In dem Zusammenhang muss ich übrigens erwähnen: Die Frage aufzuwerfen, ob Luke wohl „die Death Star“ am Ende gesprengt hat oder nicht, lässt mich doch arg an den popkulturellen Hintergründen des Übersetzers oder der Übersetzerin zweifeln. Ganz im Ernst, Star Wars sollte man da gut genug kennen, und wenn man das nicht tut, dann wäre dieser Job ein geeigneter Zeitpunkt gewesen, sich wenigstens einmal den Wikipedia-Artikel durchzulesen.

Ein weiterer, kleinerer Kritikpunkt ist für mich, dass vieles etwas zu haargenau zusammen passt, beispielsweise, dass der Jüngste der Familie bei einem Wettbewerb exakt die Summe an Geld gewinnen kann, die die Familie benötigt. Bei diesem Aspekt habe ich jedoch beschlossen, ihn als Ironie zu verstehen.

Insgesamt ist „Miss Gladys und ihr Astronaut“ in meinen Augen kein Buch, das man gelesen haben muss, man kann aber. Es schneidet relevante Themen an, die im Alltag der Protagonisten halt einfach so vorkommen, und auch wenn es mir zwischendurch etwas an Ernsthaftigkeit gerade bei diesen Themen mangelte, finde ich ihr Vorkommen in alltäglicher Literatur gut und sinnvoll. Und am Ende gelang es dem Roman sogar, mir mit seiner Auflösung das ein oder andere Tränchen aufs Auge zu drücken.

Veröffentlicht am 28.03.2018

Spannend und doch unverständlich

Hochdeutschland
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Aus der Perspektive des Investmentbankers Victor erleben wir in „Hochdeutschland“ einen zynischen Blick auf das Deutschland unserer Zeit. Seine Ehe ist gescheitert, sein Job scheint ihn nicht auszufüllen ...

Aus der Perspektive des Investmentbankers Victor erleben wir in „Hochdeutschland“ einen zynischen Blick auf das Deutschland unserer Zeit. Seine Ehe ist gescheitert, sein Job scheint ihn nicht auszufüllen und überhaupt scheint ein Leben, das kaum bis keine Herausforderungen mehr bietet, bei genauerer Betrachtung gar nicht so erstrebenswert zu sein.

Tja, aber was genau passiert dabei nun? Irgendwie nicht so richtig viel, aber das, was passiert, verbirgt sich hinter (teils gewollt wirkenden) komplizierten Phrasen und Fachbegriffen. Victor schreibt Pitches, er steigt ziemlich detailreich in die Funktionsweise eines Wasserkraftwerks ein, dessen Eigentumsverhältnisse anscheinend politisch betrachtet Signalwirkung entfalten, aber es passiert einfach nichts.

Dabei ist die Atmosphäre, die geschaffen wird, durchaus reizvoll. Der Blick hinter die Kulissen eines Lebens, in dem rein gar nichts fehlt – jedenfalls finanziell gesehen nicht –, ließ mich mit der Frage zurück, wie nah an der Realität das wohl schon heute sein mag. Ist das noch Dystopie oder ist es schon Lebenswirklichkeit? Das ist ein Spannungsfeld, das mir persönlich sehr zugesagt hat.
Und trotzdem: Mein Problem mit „Hochdeutschland“ war, dass ich das Buch einfach nicht verstanden habe. Ganz besonders trifft das aufs Ende zu: Was um alles in der Welt passiert da? Und warum bitte? Für mich hat dieses Ende ein Buch, das durch seine Atmosphäre vielleicht eigentlich ganz okay war, erheblich nach unten gezogen.

Veröffentlicht am 27.03.2018

Verwirrung im Kaff-Flair

Das Kaff
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"An Erinnerungen hat mich immer genervt, dass man sie nicht beherrschen kann." (S. 100)

So ganz wird man seine Heimat niemals los – diese Erfahrung macht auch Michael Schürtz, der eigentlich keineswegs ...

"An Erinnerungen hat mich immer genervt, dass man sie nicht beherrschen kann." (S. 100)

So ganz wird man seine Heimat niemals los – diese Erfahrung macht auch Michael Schürtz, der eigentlich keineswegs vorhatte, in das Kaff seiner Heimat zurück zu kehren. Er tut es trotzdem, für einen Job, aber ist das alles, was ihn dort hält?

Obwohl das, was ich als „Kaff“ bezeichnen würde, keine eigene Fußballmannschaft hätte und damit noch um einiges kleiner ist als das Kaff, das in diesem Roman beschrieben wird, konnte ich mich mit dem Titel doch direkt identifizieren. Hier wird genau das eingefangen, was das Gefühl meines Aufwachsens ausmacht und obgleich ich niemals das Bedürfnis hatte, aus der heimeligen Dörflichkeit auszubrechen, konnte ich mich tatsächlich in den Protagonisten Micha, der genau das energisch versucht hat, hineinversetzen.

Als etwas anstrengend habe ich das Geschwisterverhältnis zwischen Micha und seinem Bruder sowie seiner Schwester empfunden. Durch die Perspektive bekommt man nur den Blickwinkel von Micha selbst mit, doch von dort erschien es mir zwischenzeitlich, als ginge das einzige Problem von ihm selbst aus, als provozierte er die Konflikte beinahe vorsätzlich, wenn nicht bewusst, dann doch mindestens unterbewusst. Aber möglicherweise funktionieren alte Beziehungen, in denen eine Menge schiefgelaufen ist, auch einfach so, und am Ende ist keiner alleine verantwortlich.

Vieles an diesem Roman hat mir gut gefallen, auch wenn es mich im Endeffekt nicht auf die Dauer fesseln konnte. Dabei wäre das Potential durchaus da gewesen, da mir sowohl das Setting als auch der Stil und die Atmosphäre gut gefallen haben. Besonders schön fand ich es, das Gefühl zu haben, dass noch viel mehr hinter den alten Geschichten steckt, als wir erfahren. Das gibt dem Ganzen eine Tiefe, die einen nicht unerheblichen Teil des Reizes ausmacht.

Veröffentlicht am 10.02.2018

Spannende Geschichte ausbaufähig erzählt

Das schweigende Klassenzimmer
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„Es ist schlimm für einen Staat, wenn er von politischen Hohlköpfen regiert wird.“ (S. 135)

Ein erschütternder Bericht mitten aus den relativen Anfängen der DDR ist es, der mit „Das schweigende Klassenzimmer“ ...

„Es ist schlimm für einen Staat, wenn er von politischen Hohlköpfen regiert wird.“ (S. 135)

Ein erschütternder Bericht mitten aus den relativen Anfängen der DDR ist es, der mit „Das schweigende Klassenzimmer“ vorliegt. Diese Geschichte um eine Schulklasse, die mit einer Kleinigkeit die Obrigkeiten derart aus dem Konzept bringt, dass sich die Angelegenheit immer weiter hochschaukelt und beinahe zur Staatsaffäre wird, bietet ungewohnt tiefe Einblicke in die Funktionsweise eines dysfunktionalen Staats.

Man muss dieses Buch vielleicht aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachten, mit zweierlei Maß messen: Zum einen die Geschichte, zum anderen die Art und Weise, wie sie erzählt ist.
Naturgemäß ist die Handlung wirklich spannend. Sie bietet Einblicke in die DDR, ihre Funktionsweisen und ihre Machtzentralen, die mir bis dahin ziemlich fremd gewesen sind. Sie machen die Unsicherheit greifbar, in der sich die handelnden Figuren befanden, in der sie lebten, und die für uns heute so unvorstellbar ist, und allein dadurch ist sie reizvoll.
Dazu kommt, dass bei allem, was man im Geschichtsunterricht über die DDR gehört hat, diese Geschichte nicht vorkam und ich nach der Lektüre ein wenig ungläubig recherchiert habe, um festzustellen: Das ist tatsächlich ganz wirklich so passiert.

Zum Glück, muss ich sagen, besitzt „Das schweigende Klassenzimmer“ dieses Feature der spannenden, wirklichen Geschichte, denn sprachlich und erzählerisch konnte es mich nicht so richtig überzeugen. Die Struktur irritierte mich immer wieder, die zeitliche Abfolge schien bisweilen nicht so richtig zu passen – jedenfalls nicht chronologisch – und immer mal wieder wurden Dinge erwähnt, die schon mehrfach vorher Erwähnung gefunden hatten.
Das macht „Das schweigende Klassenzimmer“ leider zu einem Buch, bei dem das Lesevergnügen dem intellektuellen Vergnügen im Wege steht.

„Die ängstliche Vorsicht wurden wir nicht los. Sie war die Besatzungsmacht in uns selbst.“ (S. 21)
„Die Wirklichkeit ereignete sich außerhalb der wahnhaften Verknüpfungen ihres ideologischen Spinnennetzes.“ (S. 153)

Ich kann das Buch trotzdem empfehlen, allerdings nur für Menschen, die schon Interesse für die Geschehnisse mitbringen und keinen mitreißend erzählten, romanähnlichen Erzählstrang erwarten. Das, was wir hier vorfinden, scheint ausführlich recherchiert zu sein, es ist umfassend und informativ, aber man braucht ein gewisses Durchhaltevermögen, um dabei zu bleiben.