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Venatrix

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Veröffentlicht am 30.05.2018

Eine Familiensaga - keine leichte Kost

Mittelreich
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„Mittelreich“ ist die Geschichte einer deutschen Familie vom ausgehenden 19. Jahrhunderts über nahezu 100 Jahre bis in die Gegenwart.

Der alte Seewirt errichtet einen neuen Steg und stockt sein ohnehin ...

„Mittelreich“ ist die Geschichte einer deutschen Familie vom ausgehenden 19. Jahrhunderts über nahezu 100 Jahre bis in die Gegenwart.

Der alte Seewirt errichtet einen neuen Steg und stockt sein ohnehin schon protziges Gasthaus auf. Der idyllische See und die gute Küchen locken scharenweise Gäste an. Damit erwirtschaftet der alte Gastwirt einen gewissen Wohlstand, der ihn zwar nicht wirklich reich, sondern eben nur mittelreich werden lässt.

Man könnte zufrieden sein, doch der Erste Weltkrieg lässt die Träume von weiteren Expansionen vorerst einmal platzen. Toni, dem ältesten Sohn und Erben, zerstört eine Gewehrkugel nicht nur den Stahlhelm, sondern auch Teile des Gehirns. Diese Kriegsverletzung bringt ihn in weiterer Folge in die eine Anstalt für Geisteskranke.

Nun muss Pankraz, der zweite Sohn, die Wirtschaft übernehmen. Doch auch Pankraz hat sein Schicksalspäckchen zu tragen. Er wird im Zweiten Weltkrieg durch einen Granatsplitter am Bein verwundet. Eigentlich wollte er ja Opernsänger werden, doch für diese „Flausen“ hat der Vater kein Verständnis. Es kommt, wie es kommen muss. Pankraz gibt seinen Traum auf, heiratet die Bauerntochter Theresa, zeugt zwei Töchter und einen Sohn. Das Seewirtshaus floriert. Es könnte alles wunderbar sein, wenn, ja wenn, Panrkaz‘ unverheiratet gebliebenen und frömmlerischen Schwestern nicht ständig an Theresa herummäkeln würden, wenn nicht Kriegsflüchtlinge einquartiert würden, wenn Semi, der Sohn, ein wenig fügsamer wäre usw. usw..

Erst der Jahrhundertsturm, der beinahe die Existenz vernichtet reißt Pankraz aus seiner depressiven Lethargie.


Meine Meinung:

Der Autor schildert eine Gastwirtschaft an einem Bayerischen See während der beiden Weltkriege sowie in den Jahrzehnten danach. Wir erhalten Einblicke in unterschiedliche Charaktere, die sich in verschiedene Richtungen entwickeln.

Da ist zum einen Pankraz selbst, dann Sohn Semi, der im katholischen Internat von Erziehern missbraucht und gedemütigt wird. Ihm schenkt allerdings niemand Glauben, da nicht sein kann, was nicht sein darf.

Interessant sind auch die Auswirkungen des Krieges auf die jeweiligen Menschen: Kriegsverletzungen sowohl seelisch als auch körperlich, Flüchtlingsproblematik mit Umsiedlungen, Umgang mit dem Wissen über die Konzentrationslager oder das eigene Verhalten nach dem Krieg (Schuldgefühle oder Pflichterfüllung). Jeder verarbeitet diese Traumata anders oder eben gar nicht. So verüben einige der Protagonisten Selbstmord.


Andere brisante Themen wie die pädophilen Machenschaften in Klosterschulen oder die Generationskonflikte in den 1960er Jahren werden ebenfalls behandelt. Daneben wird der harte Bauernalltag im Wandel der Zeiten geschildert. Der Aufbruch in die Moderne macht auch vor dieser etwas lethargischen Ecke Bayerns nicht Halt. Sehr schön sind die Machenschaften rund um die Immobilienspekulationen herausgearbeitet, die ich sofort glaube.

Stellenweise ist der Bierbichlers Roman nicht leicht zu lesen, blicken wir doch immer wieder in menschliche Abgründe. Manche Charaktere sind dumpf, oft abstoßend. Manchmal gleiten die Beschreibungen von Land und Leuten ein klein wenig ins Langatmige ab.


Josef Bierbichler zeigt dem staunenden Leser ein wüstes Abbild bäuerlichen Lebens in der Nachkriegszeit. Trotzdem lässt einen die Geschichte nicht los.


Fazit:

Keine leichte Lesekost, aber ein Spiegel der Zeit(en). Gerne gebe ich 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.05.2018

Ein lesenswertes Buch ...

Ein mögliches Leben
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Der aus dem Ruhrgebiet stammende Bergmann Franz Schneider steht mit seinen Kameraden 1944 in der Normandie und ist Teil Hitlers „Gegenoffensive“. Doch daraus wird nichts. Schneider und seine Kameraden ...

Der aus dem Ruhrgebiet stammende Bergmann Franz Schneider steht mit seinen Kameraden 1944 in der Normandie und ist Teil Hitlers „Gegenoffensive“. Doch daraus wird nichts. Schneider und seine Kameraden werden als Kriegsgefangene nach Amerika verschifft.

70 Jahre später will der fast 90-jährige noch einmal nach Amerika, genauer gesagt nach Texas, um das ehemalige Lager zu sehen.

Gemeinsam mit seinem Enkel Martin, einem arbeitslosen Grundschullehrer kehrt er an die Orte dieses Lebensabschnittes zurück.

Meine Meinung:

Autor Hannes Köhler ist ein bewegender Roman gelungen. Vielen Lesern ist wahrscheinlich unbekannt, dass auch die USA Kriegsgefangene gemacht und die Männer nach Amerika verbracht haben. Im Gegensatz zu den Lagern in Europa bzw. Russland, wurden die Männer in den amerikanischen Lagern recht ordentlich behandelt. Sie mussten zwar (Zwangs)Arbeit verrichten, wurden aber ordentlich verpflegt und untergebracht. Diese Tatsachen sind sauber recherchiert und macht Lust, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen.

Eindrucksvoll pendelt der Autor zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Wir lernen die Gedanken von Franz Schneider kennen und teilen mit ihm die Erinnerungen, die teils schön, teils schmerzlich sind. Endlich findet Franz Worte für das, was sein Leben seit damals verändert hat. Ein wenig klingt auch die verpasste Chance auf ein mögliches Leben durch.

Auf der Reise durch die Erinnerungen kommen Franz und Martin näher. Der Enkel erhält Einblicke in die Vergangenheit seiner Familie und beginnt langsam zu verstehen, warum sie so ist, wie sie ist.

Der Autor hat einen angenehmen Schreibstil. Die vielen Erkenntnisse, Eindrücke und Informationen werden subtil in die Geschichte eingeflochten. Niemals hat man den Eindruck mit „Infodump“ überschüttet zu werden. In der klaren Sprache schwingen viele Emotionen und Stimmungen mit, wodurch spannendes Kopfkino entstehen kann.

Ein witziges, aber stimmiges Detail ist das Cover: Das Bild der Landschaft ist hochkant gestellt. Nicht auf den Kopf, sondern nur um 90° verdreht. Das empfinde ich als Metapher auf Franz Schneiders Leben – nicht ganz auf den Kopf gestellt, aber ein bisschen.


Fazit:

Mein Fazit:
Ein lesenswertes Buch, das nicht nur die Vergangenheit einer Familie, sondern einer ganzen Generation beleuchtet

Veröffentlicht am 30.05.2018

Fesselnd bis zur letzten Seite

Inspektor Takeda und die Toten von Altona
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Inhalt:

Kenjiro Takeda, Kriminalinspektor aus Tokio, kommt auf Grund eines internationalen Austauschprogramms nach Hamburg.

Da der oberste Kripo-Chef von diesen aufgezwungenen Programmen genauso wenig ...

Inhalt:

Kenjiro Takeda, Kriminalinspektor aus Tokio, kommt auf Grund eines internationalen Austauschprogramms nach Hamburg.

Da der oberste Kripo-Chef von diesen aufgezwungenen Programmen genauso wenig hält wie von Frauen in der Mordkommission, werden Takeda und Kommissarin Claudia Harms zusammengespannt.
Auch Claudia ist alles andere als begeistert, weiß sie ja um die Gepflogenheiten ihres Chefs. Ein mögliches Scheitern des Teams wäre nur Wasser auf seine Mühlen.

So werden Ken und Claudia zum Suizid eines Ehepaares gerufen, der sich durch Kens Intuition doch als Mordfall herausstellt.

Claudia ergreift die Chance, und die beiden geraten in einen komplexen Kriminalfall, bei dem nichts ist wie es scheint.

Erzählstil/Spannung/Charaktere:

Henrik Seibold hat selbst lange Jahre in Japan gelebt und kann hier seine Erfahrungen als „Langnase“ und Fremder in einem völlig anderen Kulturkreis einbringen. Elegant wird die japanische Lebensart in die Handlung eingeflochten. Der Leser bekommt die fremde Kultur spielerisch vermittelt. Sehr gut gelöst!

Die Spannung ist recht hoch. Besonders als sich herausstellt, dass nicht nur Rechte sondern auch Linke in die Morde verstrickt sind. An die RAF-Terroristen denkt heutzutage kaum jemand mehr. Sehr gefinkelt eingefädelt!

Ken und Claudia sind sich ebenbürtig. Beide mit Beziehungen gescheitert, Außenseiter im Hamburger „Stern“, wie das Polizeipräsidium in Altona genannt wird, und dennoch ergänzen sie sich wunderbar.
Köstlich, wie Ken jedes Wort wiederholt um schneller sein Deutschkenntnisse zu verbessern.

Nachdem Takedas Aufenthalt für zwei Jahre anberaumt ist, kann der erfahrene Leser eine Fortsetzung erwarten. Das ist gut so!

Fazit:

Ein vielschichtiger Krimi, der die nähere und weiter zurückliegende Vergangenheit anreißt, ohne die es vermutlich die derzeitigen Probleme in der Hafenstadt nicht so massiv gäbe.

Ich hoffe, auf eine baldige Fortsetzung.

Veröffentlicht am 30.05.2018

Fesselnd bis zur letzten Seite

Inspektor Takeda und der leise Tod
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In ihrem zweiten gemeinsamen Fall bekommen es Hauptkommissarin Claudia Harms und der japanische Austauschpolizist Kenjiro Takeda mit der Tötung eines Babys zu tun, die selbst die hart gesottenen Hamburger ...

In ihrem zweiten gemeinsamen Fall bekommen es Hauptkommissarin Claudia Harms und der japanische Austauschpolizist Kenjiro Takeda mit der Tötung eines Babys zu tun, die selbst die hart gesottenen Hamburger Polizisten an ihre emotionalen Grenzen bringen. Nach dem Geständnis des drogenabhängigen Stiefvaters, scheint der Fall gelöst.

Doch der nächste Fall, die Tötung des umtriebigen Hamburger Geschäftsmannes Markus Sassnitz, gibt ihnen einige Rätsel auf. Wieso ist die Leiche bis auf Socken nackt? Und wieso hat er Verletzungen, an denen er dreimal sterben konnte?
Der Verdächtigen gibt es viele. Ken und Claudia ermitteln auf ihre jeweils eigenwillige Art und Weise.

Meine Meinung:

Ein vielschichtiger Krimi, der uns Lesern zeigt, wie schnell Chrystal Meth aus den Konsumenten Zombies macht. Man liest mit Schaudern, wie sich die Psyche eines Abhängigen verändert, wie sie zu schrecklichen Taten fähig sind.

Mit Ken Takeda und Claudia Harms hat der Autor zwei sehr unterschiedliche Charaktere geschaffen, die sich aber trotzdem sehr ähnlich sind. Beide haben kein geregeltes Privatleben (mehr), beide sind so eine Art „Wundertier“ in der Dienststelle. Claudia wegen ihrer kompromisslosen Art zu ermitteln und Ken, naja, ein Japaner in Hamburg?
Claudia sieht sich selbst als „Beziehungslegasthenikerin“ und verhätschelt ihre Pflanzen im Büro. Ken, eher ein Asket, der dann aber ein Verhältnis mit einer Verdächtigen anfängt – was aber Claudia nicht sonderlich überrascht.

Eine recht witzige Figur ist auch der Gerichtsmediziner Dr. Terzian, der eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist und immer wieder mit seinem trockenen Humor punktet.

Als Hamburg-Fan begleite ich Claudia und Ken durch die Hafen-City, auf de Reeperbahn, barfuss auf dem Elbstrand und die vielen anderen Ecken der Hansestadt, die abseits des Touristenstroms liegen. Elegant ist diesmal die Geschichte und Entwicklung des „Schanzenviertels“ in den Krimi eingebettet. So mag ich das!

Fazit:

Ein vielschichtiger Krimi, der einige Überraschungen für die Leser bereithält. Dafür wird er mit 5 Sternen und einer Lesempfehlung belohnt.

Veröffentlicht am 30.05.2018

Fesselnd bis zur letzten Seite

Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder
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Während einer Exkursion stößt Simon Kallweit eine ihm völlig unbekannte Frau vor die einfahrende U-Bahn. Das behaupten zumindest die Klassenkollegen.

Die Überwachungskameras können allerdings keinen ...

Während einer Exkursion stößt Simon Kallweit eine ihm völlig unbekannte Frau vor die einfahrende U-Bahn. Das behaupten zumindest die Klassenkollegen.

Die Überwachungskameras können allerdings keinen stichhaltigen Beweis liefern.

Claudia Harms und Ken Takeda sind mit den Ermittlungen betraut und je weiter sie in das Umfeld von Simon eindringen, desto mehr Gründe für und wider zu seiner Täterschaft tauchen auf. Simon widerruft sein Geständnis und muss frei gelassen werden. Dann gibt es einen zweiten Toten. Wieder steht Simon als möglicher Täter im Visier der Ermittler. Der siebzehnjährige Sohn des Justizsenators von Hamburg macht es der Polizei nicht ganz leicht. Sein Dauergrinsen, das sich mit unterschwelliger Aggression abwechselt, bringt vor allem Claudia Harms zur Weißglut. Der stoische Japaner Takeda erkennt einige seiner eigenen Wesenszüge an Simon, und versucht sein Verhalten zu ergründen.

Welchen perfiden Abgründe sich dann vor den Augen der Ermittler auftun, lest bitte selbst.

Meine Meinung:

Der dritte Fall für Claudia Harms und den japanischen Austausch-Polizisten Ken Takeda hat es in sich. Obwohl den beiden wenig Grausamkeiten fremd sind, müssen sie sich mit einem neuen Phänomen der Jugendlichen auseinandersetzen. Dem völligen Versinken in eine virtuelle Welt, grausamer Riten und Rollenspiele inclusive. Takeda hat hier den bedeutsamen Wissensvorsprung, da diese Auffälligkeiten der Jugendlichen in Japan schon längst an der Tagesordnung sind.

Der Autor macht es weder den Ermittlern noch den Lesern leicht, sich für Schuld oder Unschuld von Simon zu entscheiden. Ist er zum Täter geworden, weil er jahrelang Opfer sadistischer Quälereien seiner Mitschüler geworden ist? Oder ist alles nur eine Intrige gegen seinen Vater, den Justizsenator, der in Immobilienspekulationen verwickelt ist?

Mehrmals werden Harms und Takeda genauso in die Irre geführt wie die Leser. Was als Erfolg versprechende Spur beginnt, endet in einer Sackgasse.


Aktuelle Probleme wie Social Media, Flüchtlinge und die zunehmende Perspektivenlosigkeit der Jugendlichen werden genauso thematisiert, wie korrupte Politiker und Ausbeutung von ausländischen Arbeitern.

Der Spannungsbogen wird durch kurze Kapitel und häufigen Perspektivenwechsel sehr hoch gehalten. Der Schreibstil ist flüssig und durchaus humorvoll. Dazu tragen die herrlichen Dialoge zwischen Claudia und Ken bei. Ein kleines Beispiel gefällig?

„Sie lesen Manga? Was kommt als nächstes? Füttern Sie Ihr Tamagochi?“ - „Nein ich zeige Ihnen den Hello –Kitty Sticker, den ich auf meine Dienstmarke geklebt habe.“


Dieser Ausspruch gefällt mir besonders, denn er legt den Finger auf eine offene Wunde: „Auch die künftige Elite hat ein Recht darauf erzogen zu werden. Vielleicht sind Sie in Deutschland ein wenig nachlässig in dieser Hinsicht.“

Henrik Siebold vermittelt Details aus Japan und der japanischen Lebensweise so ganz nebenbei und ohne Infodump, so dass es ein wirkliches Vergnügen ist, diese für uns Europäer doch fremde Kultur näher kennenzulernen.

Die Charaktere sind wie immer ausgefeilt und facettenreich. Claudia, die Impulsive und Ken, der Stoiker ergänzen sich prächtig. Jeder nimmt vom anderen die eine oder andere kleine Marotte an. Takeda übernimmt immer häufiger Wortschöpfungen seiner Kollegin „strahlkotzen“ ist so eine Redewendung, die er in seinen Wortschatz aufnimmt. Das ungleiche Paar, Harms und Takeda, hat mehr gemeinsam, als beide wahrhaben wollen. Es scheint, als bahne sich langsam aber sich eine, über die berufliche Zusammenarbeit hinausgehende, Beziehung an.

Als bekennender Hamburg-Fan gefällt mir die Beschreibung des Umfelds in dem die beiden ermitteln sehr gut. So bringen Recherchen den Leser in die „Vorstadthölle“ von Poppenbüttel oder auf den Ohlsdorfer Friedhof. Lachen musste ich über die Szene in der Anzugträger Ken mit der St. Pauli-Pudelmütze im Lokal sitzt.

Fazit:

Ich bin, wie bei den beiden Fällen zuvor, hellauf begeistert und kann hier nur wieder 5 Sterne vergeben.