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Veröffentlicht am 15.09.2016

Briefe an Gott

Tage mit Leuchtkäfern
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Ein junges Mädchen schreibt Briefe an Gott. Sie glaubt nicht wirklich an ihn, stellt sich aber eine übernatürliche Kraft vor und an irgendjemanden will sie ihr Tagebuch einfach adressieren.
So lernen wir ...

Ein junges Mädchen schreibt Briefe an Gott. Sie glaubt nicht wirklich an ihn, stellt sich aber eine übernatürliche Kraft vor und an irgendjemanden will sie ihr Tagebuch einfach adressieren.
So lernen wir Gandhi kennen.
Lange erfahren wir ihren wirklichen Namen nicht, Gandhi ist der Spitzname, den Noah und seine Clique ihr geben. Noah, Fabien, Fred, Lynn und Amira sind junge Menschen, die alle eins gemeinsam haben: sie haben versucht, sich umzubringen und sind glücklicherweise daran gescheitert. Sie haben sich gefunden und sind die ersten wirklichen Freunde, die Gandhi in ihrem Leben hat. Zwischen ihnen herrscht ein besonderes Verständnis, das Gandhi sonst nirgends in ihrem Umfeld hat, ihre Familie versteht ihre Probleme nicht wirklich, in der Schule wird sie gar verspottet und gemobbt und mit ihrer Therapeutin kommt sie auch nicht wirklich zurecht.

Eigentlich mag ich keine Bücher in Tagebuchform. Doch schnell hat mich diese Geschichte hier immer mehr fasziniert.

Das Buch umfasst nur knapp 200 Seiten, ist aber so voller Emotionen und wunderbarer Sätze, dass ich es einerseits kaum aus der Hand legen mochte, andererseits wollte ich möglichst langsam lesen, um nicht so schnell zum Ende zu kommen.

Es geht um ernste Themen, ernster, als ich nach dem ersten Blick auf das lila-pinke Cover vermutet hatte. Erst nach und nach entpuppt sich, was Gandhis Probleme sind. Von den Schicksalen der anderen erfahren wir nicht allzu viel, aber es genügt, um sich ein Bild zu machen und sich das Schlimmste vorzustellen. Durch die Tagebuchform ist man als Leser dafür sehr dicht an Gandhi selbst dran, spürt ihre Gedanken, ihre Traurigkeit und ihre Verzweiflung hautnah mit, erlebt auch die schönen Momente mit ihr, aber ebenso die darauf folgenden Abstürze.

Auch wenn ich persönlich sehr weit von Gandhis Problemen entfernt bin, habe ich hier sehr eindrücklich gespürt, wie sich Betroffene fühlen müssen. Für mich klang die Darstellung sehr authentisch, die Emotionen wirkten echt und schrecklich glaubwürdig.

Am Ende geschieht vieles sehr schnell und dann ist das Buch auch schon zu Ende. Vielleicht hätte ich mir an manchen Stellen etwas mehr Informationen gewünscht, letztlich ist es aber auch nicht so wichtig, die Botschaft kam auch so rüber und eigentlich reichen die Andeutungen völlig aus.

Ein intensives, emotionales Buch, trotz oder gerade wegen seiner Kürze!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Rätselhafte Familiengeschichte

Als wir Schwestern waren
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Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Einmal lernen wir Simone kennen, dieser Teil spielt in der Gegenwart im Jahr 2013. Simone ist Auktionsagentin, das bedeutet, dass sie im Auftrag ihrer Kunden Auktionen ...

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Einmal lernen wir Simone kennen, dieser Teil spielt in der Gegenwart im Jahr 2013. Simone ist Auktionsagentin, das bedeutet, dass sie im Auftrag ihrer Kunden Auktionen besucht und dort bestimmte Gegenstände ersteigert, so dass der eigentliche Käufer nicht in Aktion treten muss. Eines Tages erhält sie den Auftrag, eine Haushaltsauflösung in Hamburg Blankenese zu besuchen und dort zwei alte Schrankkoffer zu ersteigern. Das Besondere ist, dass sie den Auftrag anonym und per Brief erhält, ausreichend Geld liegt bei, aber sonst keinerlei Hinweise. Simone ist neugierig und nimmt den Auftrag dennoch an.

Die zweite Handlungseben beginnt im Jahr 1916, in Hamburg. Elisabeth und Viviane sind Schwestern und Töchter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Elisabeth ist seit einer Pockenerkrankung als Kind von Narben entstellt und somit auf dem Heiratsmarkt praktisch unvermittelbar. Dementsprechend setzen die Eltern alle Hoffnungen auf die bezaubernde jüngere Viviane. Doch diese will sich nicht in das Korsett der elterlichen Erwartungen schnüren lassen und als sie den französischen Kunstreiter Philippe kennenlernt, folgt sie ihrem Herzen.

Simone findet in den ersteigerten Koffern alte Zirkuskostüme und Briefe. Zuerst hat sie ein schlechtes Gewissen, dennoch fängt sie an zu Lesen und ist schnell fasziniert von der Geschichte, die sich ihr hier offenbart. Sie fängt an, nachzuforschen und reist schließlich sogar nach Frankreich, um das Rätsel aufzulösen. Hier findet sie dann sogar viel mehr, als sie je erwartet hätte.

Ich mag Familiengeschichten auf mehreren Zeitebenen und so hat mich dieses Buch sofort angesprochen. Beide Handlungsstränge konnten mich überzeugen, wobei ich die Vergangenheitshandlung vielleicht noch etwas spannender fand als die Gegenwart. Doch auch Simone ist eine interessante Figur und ich habe mich mit ihr keineswegs gelangweilt.

Eine wunderschöne Geschichte, voller Liebe, Drama, dunkler Geheimnisse und mit einem äußerst warmherzigen Ende!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Historien-Epos für hartgesottene Leser

Die Herren der Grünen Insel
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Vom Verlag beworben mit "George RR Martin trifft Diana Gabaldon" – da war mir klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen will. Um das Fazit vorwegzunehmen, Diana Gabaldon habe ich weniger darin gefunden, ...

Vom Verlag beworben mit "George RR Martin trifft Diana Gabaldon" – da war mir klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen will. Um das Fazit vorwegzunehmen, Diana Gabaldon habe ich weniger darin gefunden, der Vergleich mit Game of Thrones hingegen trifft es ganz gut. Viel Gewalt, viele Tote, viel Dreck und Blut – das ist definitiv kein historischer Roman für zartbesaitete Leser!

Auf knapp 1000 Seiten breitet Kiera Brennan (ein neues Pseudonym der Erfolgsautorin Julia Kröhn) die Geschichte Irlands zur Zeit der Eroberung durch die Normannen vor uns aus. Verschiedene Handlungsstränge schildern das Schicksal von ganz unterschiedlichen Personen und Familien.

Zum einen ist da Caitlín O'Bjólan, die von Ascall von Toora entführt und schließlich zur Frau genommen wird. Ihr Bruder Riacán schwört Rache. Gleichzeitig hat er mit seiner eigenen Frau, seiner Geliebten und seiner Rolle als Anführer seiner Männer, die ihn nicht wirklich respektieren, zu kämpfen. Sein Bruder Faolán ist Barde und ihm keine große Hilfe.
Ascall wird zu Beginn als wahres Monster dargestellt, doch schnell stellt sich heraus, dass die Wahrheit deutlich komplizierter ist. Eine wichtige Rolle spielt auch Ascalls jüngerer Bruder Ailillán

Parallel dazu lernen wir den Waffenhändler Pól kennen, der vom Wunsch des irischen Hochkönigs nach Frieden gar nicht begeistert ist und seine eigenen Pläne schmiedet. Gemeinsam mit seiner Tochter Róisín begibt er sich auf eine Reise, in deren Verlauf er den irischen König Diarmait dazu anstachelt, sich seine Krone zurückzuholen. Dessen Tochter Aoife wiederum entwickelt sich im Laufe der Handlung von einem unbedarften Mädchen zu einer eiskalt planenden und intrigierenden jungen Frau.

So weit in aller Kürze die Hauptfiguren. Wie man daraus wahrscheinlich schon erkennen kann, ist die Handlung ziemlich komplex. Ich hatte kurz davor ein anderes Buch gelesen, das die Eroberung Irlands durch die Normannen aus anderer Perspektive schildert, so dass ich die historischen Rahmendaten schon teilweise kannte. Dennoch sind die Fakten unglaublich kompliziert, auch wenn sie hier im Buch natürlich schon vereinfacht dargestellt werden.

Wer in einem Buch liebenswerte, sympathische Charaktere braucht, der wird hier wahrscheinlich Schwierigkeiten bekommen. Die Figuren sind genauso komplex wie die Handlung, sie leben in einer schwierigen Zeit und in einem harten Umfeld und dementsprechend agieren sie auch. Wer andere Bücher der Autorin kennt, weiß, dass ihre Figuren immer für Überraschungen gut sind, so ist es hier auch. Ich habe sie dadurch alle als ziemlich spannend empfunden, wirklich mögen konnte ich kaum einen von ihnen, das ist für mich aber auch keine Voraussetzung, um ein Buch gut zu finden.

Sprachlich unterscheidet sich das Buch auch deutlich von anderen Büchern der Autorin. Erst vor kurzem habe ich einen historischen Roman unter ihrem echten Namen Julia Kröhn gelesen, dort war die Sprache merklich weicher und weniger derb.

Die Handlung war mir an manchen Stellen etwas zu detailliert, ich kann mir aber vorstellen, dass das einfach nötig war, um den komplexen Sachverhalt, die ständig wechselnden Bündnisse und Parteien der damaligen Zeit auch nur ansatzweise darzustellen.

Eine Karte und ein Personenregister erleichtern den Durchblick dann aber doch wieder.

Ein zweiter Band ist in Arbeit, dieser erste Teil endet aber nicht mit einem gemeinen Cliffhanger, sondern ist ein guter Abschluss, so dass das Buch auch problemlos für sich allein stehen kann.

Fazit: eine komplexe historische Geschichte, detailreich und spannend aufgearbeitet, mit glaubwürdigen und interessanten Figuren, aber auch viel Gewalt und einer relativ derben Sprache, die aber ja auch wieder gut zur rauen Zeit damals passt!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Poetisch erzählt, teilweise etwas kitschig

Der schönste Grund, Briefe zu schreiben
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Porvenir ist ein kleiner Ort in Spanien. Dort lebt Sara und arbeitet als Postbotin. Eines Tages erhält sie die unerfreuliche Mitteilung, dass das kleine Postamt geschlossen werden soll. Wie es mit ihr ...

Porvenir ist ein kleiner Ort in Spanien. Dort lebt Sara und arbeitet als Postbotin. Eines Tages erhält sie die unerfreuliche Mitteilung, dass das kleine Postamt geschlossen werden soll. Wie es mit ihr weitergehen wird, ist noch unklar, eine Versetzung nach Madrid steht im Raum. Für Sara, die in Porvenir aufgewachsen ist, dort ihre Familie und Freunde hat, wäre dies eine Katastrophe. Auch ihre Nachbarin Rosa ist entsetzt von der Aussicht, ihre junge Freundin und deren Familie zu verlieren. Immerhin kennt sie Sara schon, seit diese ein Kind war und hat sogar bei der Geburt ihres Sohnes geholfen! Und Sara ist immer für die alte Dame da, wenn es nötig ist.

Doch dann hat Rosa eine Idee. Wenn das Postamt geschlossen werden soll, weil nicht mehr genug Briefe in Porvenir verschickt werden, müssen eben mehr Briefe geschrieben werden, so dass es einen guten Grund gibt, Saras Posten zu erhalten. Rosa selbst beginnt die Briefkette, indem sie einen langen Brief an ihre beste Freundin aus ihrer Jugend schreibt, die sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Sie adressiert ihren Brief an Luisa an deren Elternhaus, obwohl dort eigentlich niemand mehr wohnt. Doch zufällig ist gerade Luisas Enkelin Anna dort und liest den Brief. Dann schreibt sie ihrerseits einen weiteren Brief und so wird die Kette in Gang gesetzt. Die Regeln sind ganz einfach: es ist egal, an wen man schreibt, egal, ob der Brief lang oder kurz ist, es gibt keine Vorgaben zum Inhalt – nur der Absender bleibt anonym und Briefträgerin Sara darf nichts davon erfahren, was die Einwohner von Porvenir da für sie tun.

Eine wunderhübsche Geschichte, sehr warmherzig geschrieben und schön zu lesen, ein richtiges Wohlfühlbuch.
Allerdings fehlten mir auch ein paar Ecken und Kanten, ein bisschen mehr Schwierigkeiten. Die Geschichte verläuft sehr ruhig, man lernt viele unterschiedliche Personen und Schicksale kennen, aber es fehlt zwischendurch doch ein bisschen an Spannung. Dass die Handlung nicht wirklich realistisch ist, hat mich dabei nicht einmal gestört, es hat eben etwas märchenhaftes, auf das man sich einlassen muss, aber der Kitschfaktor war mir streckenweise einfach zu groß.

Dennoch auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch für alle, die poetisch erzählte, ruhige Geschichten lieben!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ruhig erzählter Kriminalroman über Rache, Schuld und Vergeltung

Die Schattenbucht
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Ina Bartholdy ist Psychologin und hat aktuell gleich zwei schwierige Fälle. Die Bäckersfrau Marlene Adamski hat ohne ersichtlichen Grund versucht, sich umzubringen, indem sie von ihrem Balkon sprang. Ina ...

Ina Bartholdy ist Psychologin und hat aktuell gleich zwei schwierige Fälle. Die Bäckersfrau Marlene Adamski hat ohne ersichtlichen Grund versucht, sich umzubringen, indem sie von ihrem Balkon sprang. Ina tappt im Dunklen. Marlene scheint eine glückliche Ehe zu führen, ihre Bäckerei läuft gut, sie ist beliebt und engagiert in ihrer Gemeinde. Was hat diese allseits beliebte Frau zu einem Selbstmordversuch getrieben?
Außerdem betreut Ina den Teenager Christopher, dessen Mutter vor einiger Zeit spurlos verschwunden ist. Hat sein Vater etwas mit ihrem Verschwinden zu tun?
Als dann auch noch Inas Tochter Stefanie unerwartet bei ihrer Mutter auftaucht, wird auch Inas Privatleben ziemlich aufgemischt.

Die ersten beiden Romane des Autors hatten mich sehr schnell gefesselt, hier brauchte ich ein paar Seiten länger, bis für mich wirklich Spannung aufkam. Auch vermisste ich zu Beginn die besondere Atmosphäre, die mir in „Das Nebelhaus“ und „Das Küstengrab“ so gut gefallen hatten. Auch dieses Buch spielt wieder an der mecklenburgischen Küste, aber eigentlich spielt die Gegend diesmal keine große Rolle. Das Buch steigerte sich im weiteren Verlaf aber zum Glück immer mehr, die Spannung stieg und nach und nach fügten sich die verschiedenen Handlungsstränge zusammen und ergaben ein erstes Bild, bei dem aber noch viele Puzzlestückchen fehlten.

Als Leser erfährt man zwar schon recht früh von Ereignissen, die sich in der näheren Vergangenheit im Umfeld der Adamskis abgespielt haben und wie es dazu kam. Wohin das alles führte und wie es mit den heutigen Geschehnissen zusammenhängt, ergibt sich dann aber erst langsam und bis zum Ende kann der Autor noch mit einigen Überraschungen aufwarten, die mich schließlich ziemlich fassungslos zurückließen!

Ein ruhig erzählter Kriminalroman über Rache, Schuld und Vergeltung sowie die Eigendynamik, die manche Entscheidungen entwickeln können!