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Veröffentlicht am 04.08.2018

Ein Roman wie ein Gemälde

Von Vögeln und Menschen
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Immer wieder schafft es Margriet de Moor, ihre Leser zu überraschen: kein Roman weist Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger auf. Dabei geht es in ihren Aussagen doch stets um Menschen, ihr Tun und die Beweg- ...

Immer wieder schafft es Margriet de Moor, ihre Leser zu überraschen: kein Roman weist Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger auf. Dabei geht es in ihren Aussagen doch stets um Menschen, ihr Tun und die Beweg- und Abgründe, die dahinter stehen.

In „Von Vögeln und Menschen“ geht es um ganz unterschiedliche Frauen, die auf unterschiedliche Weise miteinander in Beziehung stehen. Den Dreh- und Angelpunkt jedoch bildet Marie Lina. Ihr Leben gerät nicht erst als Erwachsene aus den Fugen, da sie eine Tat begeht, die sie ins Gefängnis bringt, sondern schon in Kinderjahren, als ihre Mutter eine Zuchthaustrafe verbüßen muss - für einen Mord, den sie nicht begangen hat. Warum hat Louise Bergman ein falsches Geständnis abgelegt? Wer ist der wahre Täter und warum bleibt er im Hintergrund? Stück für Stück trägt de Moor eine spannende Geschichte zusammen, nicht chronologisch, sondern in Zeitsprüngen und wechselnden Erzählperspektiven.

Die Autorin besitzt die Fähigkeit, mit Worten Bilder zu erschaffen. Ihr ruhiger, sachlicher Stil und ihre Art, besonders anschaulich zu beschreiben, erinnern mich an alte holländische Gemälde: Wie in einem Bild festgehalten erscheinen die Personen in diversen Situationen: mal als idyllisches Familienporträt, ein andermal als Momentaufnahme einer Ausnahmesituation, wobei der Hintergrund stets ein wenig vage im Dunkel bleibt. Und - wie bei einem Gemälde - empfindet der Leser/Betrachter doch stets eine gewisse Distanz zu den Protagonisten, obwohl er zahlreiche Details erfährt.

Auch wenn das Ende des Romans eigentlich zu Beginn bereits bekannt ist: Margriet de Moor versteht es brilliant, uns in das Geschehen hineinzuziehen und zu fesseln.

Veröffentlicht am 23.07.2018

Aufbruch

Ida
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Ida Bauer - als Siegmund Freuds „Fall Dora“ erlangte sie Berühmtheit. Doch abgesehen von Freuds Darstellung ihrer Psyche in der Hysterie-Analyse ist über ihr Leben nicht viel bekannt. Idas Urenkelin, ...

Ida Bauer - als Siegmund Freuds „Fall Dora“ erlangte sie Berühmtheit. Doch abgesehen von Freuds Darstellung ihrer Psyche in der Hysterie-Analyse ist über ihr Leben nicht viel bekannt. Idas Urenkelin, Katharina Adler, versucht nun in ihrem Buch, dem Wesen ihrer Urgroßmutter näher zu kommen.
Mit Bedacht versetzt sich die Autorin in die Person Ida Adler-Bauers. Sie schildert deren Situation stets aus dem Blick ihrer Protagonistin und verknüpft sie mit den vorherrschenden sozialen und politischen Bedingungen des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Ida prägen. Dabei geht die Autorin in ihrem Roman allerdings nicht chronologisch vor, sondern „springt“ in der Zeit, während sie uns Ida in unterschiedlichen Altersphasen nahe bringt - immer wieder einmal unterbrochen von kurzen Auszügen aus Freuds Hysterie-Analyse als Kontrast zu Idas eigenem Erleben. Liegt der berühmte Psychologe richtig mit seinen Deutungen? Ida selbst denkt anders darüber als ihr Arzt und wehrt sich auf ihre Weise.
Katharina Adler präsentiert dem Leser auf unterhaltsame Art die Ergebnisse ihrer Familien-Recherche, wobei manche Frage offen bleiben muss; denn die Protagonistin selbst kann ihre Erklärungen nicht mehr abgeben. Dennoch: aus einer Mischung aus realen Ereignissen und Fiktion ist eine spannende Romanbiografie entstanden, die Idas Leben - vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund - veranschaulicht. Nicht die Patientin als medizinischer Fall steht hier im Mittelpunkt, sondern Ida, der Mensch, und ihr Schicksal.


Veröffentlicht am 02.07.2018

Staub

Staub
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Sein Leben in Berlin erscheint dem jungen Arzt Jonas Blaum sinnlos. Seine Tablettensucht und die Unfähigkeit, dauerhafte Beziehungen einzugehen, bekämpft er vergeblich. Daher nimmt er die Einladung seines ...

Sein Leben in Berlin erscheint dem jungen Arzt Jonas Blaum sinnlos. Seine Tablettensucht und die Unfähigkeit, dauerhafte Beziehungen einzugehen, bekämpft er vergeblich. Daher nimmt er die Einladung seines arabischen Freundes Bassan nach Saudi Arabien an. Hier, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat, scheint sein Wirken als Mediziner wieder einen Sinn zu erhalten; denn er wird um ärztlichen Rat und Hilfe gebeten. Es erscheint ihm wie ein Wink des Schicksals, dass er sich um Alim kümmern soll, einen zehnjährigen Jungen, der an Progeria leidet, einer Genmutation, welche die frühzeitige Vergreisung im Kindesalter bewirkt. Amman, das Leben in Palästina und die Erfahrungen mit Alim lassen bei Jonas Erinnerungen an seine Kindheit und Familie aufleben. Besonders die Ereignisse um seine jüngste Schwester Semjon, die eigentlich ein Junge sein wollte, haben bei ihm ein Trauma hinterlassen.
Svenja Leiber verwebt geschickt Vergangenheit und Gegenwart miteinander, wobei die Erinnerungen an Semjon wesentlich klarer hervortreten als diejenigen an die anderen Familienmitglieder. Der Stil der Autorin lässt sich zwar leicht lesen, ist aber überaus reich an Bildern und Metaphern, die den Leser immer wieder animieren, inne zu halten und zu grübeln - bereits der Buchtitel ist von allegorischer Bedeutung und wirft Fragen auf. Staub als Symbol von Vergänglichkeit und Schwäche? Oder wird hier „Staub aufgewirbelt“?
So unscheinbar und unwichtig Staub erscheint - er kann enorme Wirkung erzielen. Sehr bildhaft erzählt Leiber von Amman und Jerusalem, die sie aus eigenem Erleben kennt. Und ebenso eindrücklich schildert sie Jonas, einen jungen Mann, der versucht, ein Trauma seiner Kindheit aufzuarbeiten. Er ist ein Mann auf der Suche, vordergründig nach einem Kind, tatsächlich aber auch nach einem Sinn in seinem Leben.

Sein Leben in Berlin erscheint dem jungen Arzt Jonas Blaum sinnlos. Seine Tablettensucht und die Unfähigkeit, dauerhafte Beziehungen einzugehen, bekämpft er vergeblich. Daher nimmt er die Einladung seines arabischen Freundes Bassan nach Saudi Arabien an. Hier, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat, scheint sein Wirken als Mediziner wieder einen Sinn zu erhalten; denn er wird um ärztlichen Rat und Hilfe gebeten. Es erscheint ihm wie ein Wink des Schicksals, dass er sich um Alim kümmern soll, einen zehnjährigen Jungen, der an Progeria leidet, einer Genmutation, welche die frühzeitige Vergreisung im Kindesalter bewirkt. Amman, das Leben in Palästina und die Erfahrungen mit Alim lassen bei Jonas Erinnerungen an seine Kindheit und Familie aufleben. Besonders die Ereignisse um seine jüngste Schwester Semjon, die eigentlich ein Junge sein wollte, haben bei ihm ein Trauma hinterlassen.
Svenja Leiber verwebt geschickt Vergangenheit und Gegenwart miteinander, wobei die Erinnerungen an Semjon wesentlich klarer hervortreten als diejenigen an die anderen Familienmitglieder. Der Stil der Autorin lässt sich zwar leicht lesen, ist aber überaus reich an Bildern und Metaphern, die den Leser immer wieder animieren, inne zu halten und zu grübeln - bereits der Buchtitel ist von allegorischer Bedeutung und wirft Fragen auf. Staub als Symbol von Vergänglichkeit und Schwäche? Oder wird hier „Staub aufgewirbelt“?
So unscheinbar und unwichtig Staub erscheint - er kann enorme Wirkung erzielen. Sehr bildhaft erzählt Leiber von Amman und Jerusalem, die sie aus eigenem Erleben kennt. Und ebenso eindrücklich schildert sie Jonas, einen jungen Mann, der versucht, ein Trauma seiner Kindheit aufzuarbeiten. Er ist ein Mann auf der Suche, vordergründig nach einem Kind, tatsächlich aber auch nach einem Sinn in seinem Leben.

Veröffentlicht am 01.07.2018

Hintergründig

Der Graben
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Beruflich und gesellschaftlich erfolgreich und absolut von sich selbst überzeugt, zeigt der Amsterdamer Bürgermeister Robert Walter dennoch eine nicht unbedeutende Schwäche: ihn plagt die Eifersucht. In ...

Beruflich und gesellschaftlich erfolgreich und absolut von sich selbst überzeugt, zeigt der Amsterdamer Bürgermeister Robert Walter dennoch eine nicht unbedeutende Schwäche: ihn plagt die Eifersucht. In dem Dezernenten Maarten Van Hoogstraaten glaubt er einen Konkurrenten um die Gunst seiner Frau zu erkennen. Nun sucht er nach Hinweisen für eine mögliche Affäre der beiden und interpretiert jedes Wort, jede Geste seiner Frau und seines Arbeitskollegen.
Doch es geht dem Autoren nicht nur um Walters Unsicherheit und Skepsis. Herman Koch spricht ganz aktuelle, ernste Themen an, wie etwa Flüchtlingsproblematik, Fremdenhass, Umweltprobleme, Selbstmord und erweiterten Suizid. Hautnah und gänzlich ungefiltert erhalten wir Einblick in die Gedankenwelt des Protagonisten und erleben gewissermaßen durch seine Sicht seinen Alltag.
Wie gewohnt schlägt Koch bei seinen Milieuschilderungen einen lockeren, leichten Ton an. Mit Witz und Ironie zeigt er menschliche Schwächen auf und verbindet auf geistreiche Art Unterhaltung mit Tiefsinn. So wie Robert Walter als Protagonist und Mittelpunkt des Romans fungiert, so empfindet er sich auch selbst als Zentrum, sein ganzes Denken kreist um sein Ego. Und das ist nicht der einzige „Graben“, der sich zwischen Walters Sicht auf die Welt und der Realität auftut.
Mein Fazit: Ein hintergründiger Roman, der es schafft, auf spannende und amüsante Art zum Nachdenken anzuregen.

Veröffentlicht am 26.06.2018

Auch heute noch aktuell

Von dieser Welt
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„Children have never been very good at listening to their elders, but they have never failed to imitate them. They must, they have no other models.“ ( „Kinder haben noch nie sehr gut auf ihre Eltern gehört, ...

„Children have never been very good at listening to their elders, but they have never failed to imitate them. They must, they have no other models.“ ( „Kinder haben noch nie sehr gut auf ihre Eltern gehört, aber sie haben sie bisher noch immer nachgeahmt. Sie haben keine anderen Vorbilder.“)
Dieses Zitat von James Arthur Baldwin könnte thematisch - unter anderem - seinem Buch zugrunde liegen. Sein Roman trägt unverkennbar zahlreiche autobiografische Züge. Der Schriftsteller lässt eigene Erfahrungen einfließen, wenn er sehr eindringlich die Seelenqualen seines 14jährigen Protagonisten John Grimes beschreibt, der mit Mutter, Stiefvater und jüngeren Geschwistern im Harlem der 30er Jahre aufwächst. In die Rahmenhandlung um John, welcher der fanatischen Gläubigkeit seines älteren Freundes Elisha und dessen „Erweckung“ in der afroamerikanischen Kirchengemeinde nachzueifern sucht, hat Baldwin (1924 – 1987) einzelne Kapitel eingebettet, die die Geschichte seiner Vorfahren (und somit auch Johns Entwicklung) verdeutlichen. In einer wunderbaren Sprache, reich an Bildern und Vergleichen, erzählt Baldwin die Lebensgeschichten des Stiefvaters, der Mutter und der Tante Florence, die teilweise noch als Sklaven im Süden der USA ihr Leben fristeten. Gesellschaftliche Unterdrückung und Gewalt prägen das Leben dieser Randgruppe, ihre Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit treibt sie in die Arme der Kirche. Und so nehmen Kirche und Glauben im Frust des täglichen Lebens der schwarzen Bevölkerung eine exponierte Stellung ein; die Erwartung eines besseren Lebens nach dem Tod und der damit verbundene Trost im Diesseits, Predigten, Bibelzitate und Gospels beherrschen das Leben in Johns Familie. Passenderweise heißt der Originaltitel des Romans (erstmals erschienen im Jahre 1953) denn auch „Go tell it to the Mountain“. In deutscher Übersetzung kam Baldwins Buch allerdings erst 1966 auf den Markt - doch die Thematik ist auch heute noch von großer Aktualität.