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Veröffentlicht am 07.07.2018

Glücksbuch

Das Mädchen, das in der Metro las
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Jeden Tag fährt Juliette mit der Metro zur ihrer Arbeit in einem Maklerbüro, um der Eintönigkeit zu entgehen, hat sie immer ein Buch dabei. Und sie beobachtet ihre Mitfahrer, am liebsten die mit Büchern. ...

Jeden Tag fährt Juliette mit der Metro zur ihrer Arbeit in einem Maklerbüro, um der Eintönigkeit zu entgehen, hat sie immer ein Buch dabei. Und sie beobachtet ihre Mitfahrer, am liebsten die mit Büchern. Was lesen die anderen? Wo mögen sie hinwollen? Was sind ihre Geschichten? Manches denkt sich Juliette aus, manches bekommt sie am Rande mit. Doch wirklichen Kontakt wagt sie nicht aufzunehmen. Eines Tages steigt sie einfach mal eine Station früher aus und so trifft sie das Mädchen Zaīde und ihren Vater Soliman, der in seinem Heiligtum zwischen Unmengen von Büchern sitzt. Sein größter Wunsch ist es, die richtigen Bücher zu den richtigen Lesern zu bringen.

Juliettes Leben fließt wie ein ruhiger Fluss, ohne besondere Höhen und Tiefen so scheint es. Ihre Existenz ist gesichert, ihr alltägliches Dasein getaktet. Im Prinzip könnte sie sagen, sie wird auch in drei Monaten noch jeden Tag zur Arbeit gegen, Abends vor dem Fernseher essen und am Samstag ins Kino gehen. Ein nettes Dahingleiten, aber ist nett nicht die kleine Schwester von Sch****? Seit sie in Solimans Welt der Bücher eingetaucht ist, entwickeln sich Juliettes Gedanken. Allerdings bringt die Erkenntnis, dass nett vielleicht nicht alles ist, zunächst mehr Trübsal als alles andere. Denn wenn nett nicht mehr reicht, könnte es wohl erst zu einer gewissen Leere kommen, die mit einem Ziel erfüllt werden sollte, das alles andere als nett und dafür umso erfüllender ist. Doch woher soll man wissen, welche Wünsche man hat, wenn man in seiner Nettigkeit zufrieden war.

Eine etwas melancholische Grundstimmung strahlt dieser Roman aus. Allerdings ein Roman über das Lesen und die Gabe der Bücher, Leben und Lieben zu verändern und zu beeinflussen. Wer ein Faible für Bücher hat, in denen Bücher eine große Rolle spielen, wird an diesem Buch viel Gefallen finden. Auch wenn die Bücher nicht alles und jeden retten können, so verheißen sie doch einen Zufluchtsort vor dem rauen Alltag. Und wenn sie auch nicht alles können, so können sie doch viele Ansätze zu positiven Veränderungen bringen. Letztlich mag man aus Büchern immer Hoffnung schöpfen, von ihnen unterhalten werden, in ihnen lehrreiche und informative Inhalte finden.

Bei dem vorliegenden Roman verdient das liebevoll und ideenreich gestaltete Cover besondere Erwähnung, auf dem sich bei genauerer oder wiederholter Betrachtung immer neue wunderbare Details entdecken lassen.

Veröffentlicht am 01.07.2018

Daphnes Cornwall

Post für den Mörder
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Schon seit drei Ewigkeiten trägt Daphne Penrose in Fowey die Post aus. Sie ist glücklich verheiratet mit ihrem Francis und die gemeinsame Tochter studiert in London. Ein freundliches vielleicht etwas ereignisloses ...

Schon seit drei Ewigkeiten trägt Daphne Penrose in Fowey die Post aus. Sie ist glücklich verheiratet mit ihrem Francis und die gemeinsame Tochter studiert in London. Ein freundliches vielleicht etwas ereignisloses Leben, könnte man meinen. Doch als Postbotin ist Daphne natürlich immer am Puls des Ortes, der sehr stolz ist auf seine berühmte Einwohnerin Daphne du Maurier, deren Namen Daphne nicht zufällig trägt. Während ihrer Arbeit entdeckt Daphne, dass die Malerin Sandra McKallan tagelang nicht in ihrem Haus war. Beinahe gleichzeitig hat Francis die traurige Pflicht, etwas aus dem Fluss zu bergen, dass sich als männliche Leiche entpuppt. Wie in einem kleinen Ort nicht anders zu erwarten kennt Francis den Toten.

Wer kann es auf den unbescholtenen Reeder Edward Hammett abgesehen haben. Der war doch gerade erfolgreich ins Kreuzfahrtgeschäft eingestiegen und vielen als ehrenwerter Chef und guter Kumpel bekannt. Nur mit seiner Ehe stand es nicht zum Besten. Aufgerüttelt von den Ereignissen begeben sich Francis und Daphne daran, herauszufinden, wie die Geschehnisse zusammenhängen. Grundsätzlich ist dafür zwar die Polizei zuständig, aber dem Heimkehrer aus London Chief Inspector Vincent trauen sie nicht allzu viel zu.

Mit viel Liebe schildert der Autor das kleine Städtchen Fowey (gesprochen Foy) an der Küste des Ärmelkanals. Wenn man sie kennt, denkt man an die Serie „Doc Martin“, die zwar an der Atlantikküste Cornwalls spielt, aber doch das cornische Flair ähnlich zu transportieren weiß, wie das vorliegende Buch. Man bekommt direkt Lust, den Ort und die Umgebung zu besuchen solange es noch geht. Dies wird durch die freundlichen Reisetipps am Ende des Romans noch verstärkt. Gestärkt mit einem guten Essen, könnte man sich gleich auf Daphnes Spuren begeben. Dass dabei der Fall etwas ins Hintertreffen gerät, ist durchaus verzeihlich. Nichtsdestotrotz beschert der Autor einen zwar ruhigen, aber klug konstruierten Kriminalroman, der durch seinen Lokalkolorit zu punkten versteht. Auch als Fremder fühlt man sich heimisch in dem kleinen Städtchen mit seinen liebenswerten Bewohnern, die meist friedlich sind.

Veröffentlicht am 30.06.2018

April

Fiona: Den Toten verpflichtet
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So ganz einverstanden war Fiona Griffiths’ Vater nicht als sie zur Polizei ging, bei den Uniformierten ging es ja noch, aber bei der Kriminalpolizei. Doch nach einer langen Krankheit, die Fiona als Jugendliche ...

So ganz einverstanden war Fiona Griffiths’ Vater nicht als sie zur Polizei ging, bei den Uniformierten ging es ja noch, aber bei der Kriminalpolizei. Doch nach einer langen Krankheit, die Fiona als Jugendliche durchlitten hat, ist die junge Frau froh, einen so normalen Job zu haben. Und die Chance des Kripojobs musste sie einfach wahrnehmen. Die Arbeit ist einfach unabsehbar, die eher langweilige Ermittlung im Fall einer Unterschlagung ist im Grunde genauso wichtig wie der grausame Mord an einer jungen Prostituierten und ihrer kleinen Tochter April. Obwohl sie ihre eigentliche Aufgabe noch nicht vollständig erledigt hat, will Fiona unbedingt in ihrem ersten Mordfall ermitteln.

So offen ist Fiona mit ihrer Vergangenheit nicht und doch ist dieses Loch im Lebenslauf da und jeder weiß davon. Fiona ist gut in ihrem Job. Manchmal schlampig und faul, kann sie ihre Vorgesetzten zur Weißglut treiben. Dann wieder trifft sie intuitiv richtige Entscheidungen und bringt ihre Kollegen wichtige Schritte voran auf dem Weg zur Lösung der Fälle. Da hat es ihr Chef mitunter sehr schwer mit ihr. Warum ihr Aprils Schicksal so wichtig ist, weiß Fiona lange nicht, fast ist ihr das kleine Mädchen zu einer Schwester geworden, eine verstorbene kleine Schwester.

Bei ihrem ersten Auftritt ist Fiona Griffiths gerade zur Kriminalpolizei gekommen. Wie öde die tägliche Routine sein kann, lässt sich an den Schilderungen aus ihrer Sicht gut nachvollziehen. Wer kennt das schließlich nicht, einen Berufsalltag, der einem schwer werden kann, wenn so viele ähnliche Sachen täglich neu abgearbeitet werden müssen. Doch dann wieder überschlagen sich die Ereignisse, das Adrenalin fließt, vor Spannung ist es kaum auszuhalten. Fiona läuft zu Höchstform auf, ihre Gedanken rotieren und bringen sie zu so ungewöhnlichen Lösungsansätzen, dass ihr schon von vornherein klar ist, da braucht sie ihren Chef nicht erst zu fragen. Da wird der Vergleich mit dem eigenen Leben schon schwieriger, wer hat schon die Gelegenheit, auf eigene Faust loszuziehen, wer will überhaupt schon solche Gelegenheiten haben. Schließlich kann man auch in Gefahr geraten. Lieber lässt man sich von Fiona atemlos machen. Ihre vielschichtige Persönlichkeit ist gekonnt geschildert, wenn man vielleicht auch nicht jede ihrer Handlungen verstehen kann, weil man einfach zu normal ist.

Fiona - eine Polizistin auf der Suche nach sich selbst - gelungen beschrieben bei der authentisch dargestellten Ermittlung in einem verzwickten Kriminalfall.

Veröffentlicht am 28.06.2018

Die Seuche

Cat & Cole 1: Die letzte Generation
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Seit zwei Jahren lebt Cat alleine in der Wildnis. Ihr Vater wurde gefangen genommen. Die Menschheit steht am Rande eines Abgrunds. Wehrlos gegen ein Virus, dass den Einzelnen zu einem Monster werden lässt, ...

Seit zwei Jahren lebt Cat alleine in der Wildnis. Ihr Vater wurde gefangen genommen. Die Menschheit steht am Rande eines Abgrunds. Wehrlos gegen ein Virus, dass den Einzelnen zu einem Monster werden lässt, bevor er im Tode für seine Umgebung zur größten Gefahr wird. Da nutzt die schönen neue Technik nichts mit ihren Panels, Apps, Heiltechs oder Genkits. Ausgerechnet Cat verträgt die meisten Apps nicht, so dass ihr Leben natürlicher ist als das der meisten anderen. Doch so fehlt ihr auch ein gewisser Schutz und nur knapp kann sie großer Gefahr entkommen. Sie will den Kampf gegen das Virus aufnehmen. Gemeinsam mit dem Soldaten Cole.

Tja, ist es nun eine schöne neue Welt, in der man sich nach Wunsch verändern kann, in der man alles hat, außer seiner Freiheit, in der alles reglementiert hat und vieles verboten. Oder ist das ohne die Bequemlichkeit vorzuziehen, in der an jeder Ecke die Gefahr der Ansteckung lauert, der Infizierung mit einem tödlichen Virus, der ein grauenhaftes Ende bringt. Cat lebt in der Gefahr, doch die Infizierten werden immer mehr und man kann ihnen kaum noch ausweichen. Als Cole daher mit einer Nachricht ihres inzwischen verstorbenen Vaters auftaucht, versucht Cat alles, um eine Möglichkeit zu finden, die Krankheit auszulöschen.

Zu Beginn, wenn man noch nicht durchschaut, in welche Richtung sich diese Dystopie entwickelt, überlegt man, ob man sich die Beschreibungen der Auswirkungen der Krankheit oder der wenigen ausgesprochen schwer erträglichen Schilderungen der wenigen Gegenmaßnahmen wirklich genehmigen muss. Doch je mehr Substanz die Geschichte im weiteren Verlauf bekommt, desto mehr wird man von der Handlung gepackt. Kleinigkeiten können vielleicht früh erahnt werden, doch jeder unerwartete Kniff und jede Überraschung führen dazu, dass man sich mehr und mehr in dieses Buch hinein versenkt und schließlich nach mehr gierend die letzte Seite mit einem - Schade, schon vorbei - umblättert.

Da muss doch noch was kommen! Hoffnung macht die Internetseite der Autorin, auf der für Herbst 2018 ein Folgeband angekündigt ist. Möge die Übersetzerin schon mal ihren Bleistift spitzen.

Veröffentlicht am 16.06.2018

Eisnacht

Der Bote
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Es sieht nicht gut aus für Kommissar Fredrik Beier. Er erwacht in einem Krankenhaus, offensichtlich hat er sich mit Medikamenten vollgepumpt, erinnern kann er sich jedoch an nichts. Wollte er sich umbringen? ...

Es sieht nicht gut aus für Kommissar Fredrik Beier. Er erwacht in einem Krankenhaus, offensichtlich hat er sich mit Medikamenten vollgepumpt, erinnern kann er sich jedoch an nichts. Wollte er sich umbringen? Den Tod seines kleinen Sohnes, den er in seinen Augen mitverschuldet hat, kann er sich nicht vergeben. Doch viel Zeit hat er nicht, um sich Gedanken zu machen. Bald schon kommt er mit einem Fall in Verbindung, der seine ganzen Fähigkeiten als Ermittler fordert. Kafa Iqbal ist zum ersten Mal als leitende Ermittlerin eingesetzt und sie bekommt es gleich mit einem Toten zu tun, der eigentlich schon seit Jahren als tot gilt.

In seinem zweiten Fall droht Fredrik Beier abzustürzen, so scheint es jedenfalls. Nur die komplizierten Nachforschungen um die Geheimnisse der Toten lassen ihn die trüben Gedanken für eine Weile vergessen. Was oder wer steckt hinter den Taten? Je tiefer die Polizisten graben, desto ungereimter werden die Spuren zunächst. Nichts will richtig zusammen passen. Einige Hinweise deuten allerdings in die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, in der die politische Lage noch eine andere war und es auch mal zu geheimen Militäreinsätzen kommen konnte.

Gefühlt besteht das Buch aus zwei Hälften oder auch zwei Fällen, von denen die erste bzw. der erste etwas behäbig erscheint, so dass die Lektüre nicht so richtig in Gang kommen will. In der zweiten Hälfte bzw. dem zweiten Fall, der natürlich mit dem ersten zusammenhängt, wird es dann plötzlich so spannend, dass man kaum noch von dem Buch lassen kann. Das Geschehen schraubt sich zu einem fulminanten Finale hoch, das einen erbeben lässt. Fredrik Beier und Kafa Iqbal erweisen sich als tolles Team, das nicht lockerlässt, wenn es gilt, ein Verbrechen aufzuklären. Widerstände werden ignoriert und stacheln eher an, noch tiefer zu blicken.

Gekonnt vorgetragen von Dietmar Wunder überzeugt dieser zweite Kriminalroman um Fredrik Beier noch mehr als sein erster Auftritt.