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Veröffentlicht am 23.04.2025

Eine dysfunktionale Familie

Wo wir uns treffen
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Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Herrenhaus von Sussex, das sich auf einem 400 Hektar großen Grundstück befindet. Dort kämpfen Philip Brooke und seine Tochter Francesca (genannt Frannie) seit 10 ...

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Herrenhaus von Sussex, das sich auf einem 400 Hektar großen Grundstück befindet. Dort kämpfen Philip Brooke und seine Tochter Francesca (genannt Frannie) seit 10 Jahren für die Natur. Nun ist Philip gestorben und wir begleiten die Familie durch 5 Tage rund um sein Begräbnis.
„Wo wir uns treffen“ von Anna Hope hätte ein „normaler“ Roman über Bedauern, Sehnsüchte und Feindseligkeiten zwischen Geschwistern sein können, die sich zur Beerdigung ihres Vaters versammeln - aber dies ist ein Roman, der tiefer und dunkler in eine Familie eindringt, die unter dem Schatten des patriarchalischen und egoistischen Philip Brooke - Erbe eines mehrere Generationen zurückreichenden Familienbesitzes und bekennender Partylöwe - sowie ihrer privilegierten Herkunft gelebt und gelitten hat.
Nachdem er seine Frau (die immer noch allein auf dem Anwesen lebt) und seine Kinder verlassen hat und nach Amerika gegangen ist, gerät das Anwesen in Unordnung, bis Frannie, das älteste der Kinder, nach Hause zurückkehrt und sich daran macht, das Land in einen Ort der Wiederbegrünung zu verwandeln. Philip kehrt schließlich nach Hause zurück, um seine letzten Jahre auf dem Anwesen zu verbringen - ein Zustand der Buße für vergangene Taten - und arbeitet an der Seite von Frannie.
Frannies Bruder Milo hat die Vision, ein Vermögen zu machen, indem er einen Teil des Landes als Rückzugsort für einen Millionär nutzt, während die junge Schwester Isa ihre eigenen Gründe hat, auf das Landgut zurückzukehren, da sie in ihrer Ehe Probleme hat.
Der Roman wird aus der Perspektive und mit der Stimme jeder der Hauptfiguren erzählt, die alle durch die Handlungen von Philip geschädigt wurden. Die Spannungen, die Gier und das Streben zwischen den Figuren sind spürbar. Die Charaktere sind alle gut ausgearbeitet, wenn auch nicht unbedingt sympathisch. Einige haben Probleme, wie Milo, der viele Dämonen hat, Isla dagegen ist hin- und hergerissen und unsicher, während Frannie zielstrebig und rücksichtslos ist, wenn es darum geht, eine Vision zu verfolgen. Die herausragende Figur ist für mich Frannies neugierige Tochter Rowan, die nicht unbedingt wie ein typisches Kind in ihrem Alter denkt, aber in Wirklichkeit eine zentrale Rolle spielt, um das Ganze zusammenzuhalten.
Anna Hope hat einen großartigen Roman geschrieben, der sich mit weitreichenden gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt - allen voran mit dem Erbe, das wir hinterlassen (Umwelt/Natur, Klimawandel), aber auch mit den unausgesprochenen Faktoren der Vergangenheit und der Notwendigkeit, dass die Wohltäter vergangener Reichtümer die Wurzeln ihres Anspruchs und ihres Glücks anerkennen.
Insgesamt ist dies ein fesselnder und anspruchsvoller Roman, der mich überzeugt hat. Ich habe Anna Hope bisher noch nicht gelesen, werde mir nun aber als nächstes „Was wir sind“ vornehmen.

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Veröffentlicht am 02.07.2020

Das Ende der Einsamkeit

Die Liebe kommt auf Zehenspitzen
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Das man auch in einer Großstadt zwischen vielen Menschen einsam sein kann, registriert Lucy Bredfort erst richtig, als sich ihr Leben bereits komplett ändert. Eigentlich will sie nur Weihnachten bei ihren ...

Das man auch in einer Großstadt zwischen vielen Menschen einsam sein kann, registriert Lucy Bredfort erst richtig, als sich ihr Leben bereits komplett ändert. Eigentlich will sie nur Weihnachten bei ihren Eltern verbringen und nutzt dazu die Mitfahrgelegenheit in Bens altem Auto. Die beiden geraten auf der Straße Richtung Norden in einen schlimmen Schneesturm und müssen die Nacht in einem kleinen Dorf im alten Hof von Dorle übernachten.
Im Frühjahr darauf erfahren beide zu ihrer großen Überraschung, dass die alte Frau ihnen ihren Besitz vermacht hat, unter der Bedingung, dort gemeinsam einzuziehen. Ben, der unglücklich als Arzt in einer Notaufnahme in Hamburg arbeitet und unter Panikattacken leidet und Lucy, die sich als Übersetzerin gerade an ihren ersten eigenen Roman gewagt hat, kennen sich zwar nur flüchtig, wollen das gemeinsame Abenteuer aber wagen.

Die beiden leben sich schnell in ihrem neuen Leben ein. Mit dem Hof haben sie die halbe Dorfgemeinschaft quasi mitgeerbt. Gemeinschaft wird in Bredenhofe noch groß geschrieben. Die symphatischen und teilweise kautzigen Nachbarn helfen, wo sie können und bringen die beiden neuen Dorfbewohner auch sonst ganz schön auf Trab. Nach und nach öffenen die Beiden sich und ganz leise und langsam (auf Zehenspitzen) schleicht sich die Liebe zwischen Lucy und Ben.

Die Figuren sind allesamt liebevoll beschrieben, die Sprache des Romans ist emphatisch und sehr charmant. Dieses Buch ist perfekt für den Sommer - humorvoll, leicht und locker und dennoch nicht oberflächlich.

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Veröffentlicht am 27.04.2020

lustig, traurig und gut beobachtet

Fleishman steckt in Schwierigkeiten
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Ich dachte, ich könnte diesen Roman mal eben schnell zwischendurch lesen, was schief ging, denn auf diesen Roman musste ich mich erstmal einlassen. Auf den ersten 50-80 Seiten war ich verwirrt über die ...

Ich dachte, ich könnte diesen Roman mal eben schnell zwischendurch lesen, was schief ging, denn auf diesen Roman musste ich mich erstmal einlassen. Auf den ersten 50-80 Seiten war ich verwirrt über die Struktur des Buches (die Ich-Erzählerin ist nicht der Hauptprotagonist) und leicht geschockt von der Schreibweise und dem vielen Sex. Ist das wirklich so in der (jüdischen) Oberschicht in New York? Geht es wirklich nur um Geld, Ansehen und Sex?

Die beiden Hauptpersonen sind Toby und Rachel, jeder ist mit Komplexen behaftet (er kleinwüchsig, sie ihrer ungeliebten Kindheit wegen) und lebt trotz dass sie eine Familie sind, irgendwie in seiner eigenen Welt. Während für Rachel nur eines zählt, nämlich dazuzugehören und sie deshalb Tag und Nacht arbeitet und ihr Lebens und das der Kinder mit Terminen vollstopft, lebt Toby seinen Traum, ein anerkannter Arzt zu sein, verbringt viel Zeit mit den Kindern und liebt lange Spaziergänge. Schonungslos und detailreich wird vom Kennenlernen der Beiden über den schwierigen Alltag mit 2 Kindern bis zur Trennung und darüber hinaus berichtet. Dabei ist Toby irgendwie der Gute, der sich aufopfernd um seine Kinder kümmert, dem das Heilen seiner Patienten wichtiger ist als eine besser vergütete Vorstandsposition und der der finanzielle Verlierer der Scheidung sein wird. Denn Rachel verdient ein Vielfaches seines Gehaltes, sie zahlt den Unterhalt der Kinder und sie ist es auch, die das Haus in den Hamptons, die tolle Wohnung und das Auto behalten wird. Liebe wird zu Verachtung. Dieses Buch ist ein außergewöhnlicher Roman vom Ende einer Ehe mit all der Unsicherheit, der Bitterkeit, der Wut und Frustration. Beide Partner kommen zu Wort und am Ende bleibt, dass das Leben gut und schlecht gleichzeitig sein kann.

Einen Punkt Abzug gibt es, weil die Geschichte irgendwie überschrieben ist: Von allen Seiten hagelt es ständig Hintergrundgeschichten, Nebenschauplätze, Überlegungen... manchmal hätte ich sie am liebsten übersprungen um an der Hauptstory dranzubleiben.

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Veröffentlicht am 02.08.2018

„Der Mensch sieht nur, was er erwartet“

Der Sommer der Pinguine
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Das kleine Büchlein erzählt die Geschichte der Annetta Robington, die in einer Buchhandlung der britischen Hauptstadt erfährt, dass Pinguine mitten unter uns Menschen leben. Der Buchhändler selbst ist ...

Das kleine Büchlein erzählt die Geschichte der Annetta Robington, die in einer Buchhandlung der britischen Hauptstadt erfährt, dass Pinguine mitten unter uns Menschen leben. Der Buchhändler selbst ist ein Spheniscidae, er bittet Mrs Robington, die Erkenntnis für sich zu behalten. Nach Überwindung des 1. Schreckens beobachtet die Hauptprotagonistin ihre Mitmenschen genauer und erkennt noch mehrere Pinguine. Sie schließt die Wesen in ihr Herz und es fällt ihr fällt im Laufe des Buches auch zu, sich tatsächlich für das Geheimnis der liebenswerten Tiere einzusetzen.

Das charmante Buch bringt uns die Pinguine näher und stellt die These auf, dass der Mensch viele seiner Errungenschaften (seien es Entdeckungen von Kontinenten oder Erfindungen) nur von den Spheniscidaen abgeschaut hat oder zumindest später dran war als sie. Wobei der Pinguin durchaus als Parabel dienen kann.

Sehr aufgewertet wird das Buch durch die tollen Illustrationen.

Mein Lohn als Leser ist es unter anderem auch, mich mit den schwer ertragbaren ethnischen Wahrheiten, wie wir als Mensch mit den Tieren umgehen, auseinanderzusetzen. Diese Passagen bringt Thomas Montasser so humorvoll an den Leser, dass das Buch nichts von seiner Liebenswürdigkeit verliert. Die Geschichte ist fantasievoll, sehr unterhaltsam und sprachlich ein Genuss.

Veröffentlicht am 28.06.2018

Die große Liebe ist nicht immer romantisch

Alles Begehren
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"Ruth Jones‘ Roman »Alles Begehren« erzählt die Geschichte einer Amour Fou und erinnert uns schmerzlich daran, dass wir nie wissen, ob das Gras auf der anderen Seite nicht grüner ist – wir jedoch mit dem ...

"Ruth Jones‘ Roman »Alles Begehren« erzählt die Geschichte einer Amour Fou und erinnert uns schmerzlich daran, dass wir nie wissen, ob das Gras auf der anderen Seite nicht grüner ist – wir jedoch mit dem Versuch, es herauszufinden, das Stück Gras, auf dem wir selbst gehen, zerstören können."
Der Roman spielt zwischen 1985 als sich Callum und Kate kennenlernen und 2002 als sie sich wiedertreffen.
Beim ersten Zusammentreffen ist nur Callum gebunden. Er ist verheiratet und erwartet mit seiner Frau Bellinda gerade das 3. Kind. Kate dagegen ist jung, ungebunden und nimmt sich, was sie will. Es kommt zu einer heftigen Affaire zwischen den beiden, die Callum beendet, als Bellinda davon erfährt.
2002 sind beide gebunden - Callum immer noch mit Bellinda, Kate hat Matt geheiratet und ist Mutter einer Tochter.

„Du. Wirst mir. Das Herz. Brechen, Callum MacGregor.“ Kate, Seite 17

„Es gab immer nur dich, Callum. Ich liebe Matt von ganzem Herzen. Aber es gab immer nur dich.“ Kate, Seite 292

„Wenn du mich wieder verlässt, sterbe ich.“ Kate, Seite 454

Kate war mir zu Beginn des Buches sehr unsympathisch aber das wandelt sich im Laufe des Buches. Sie liebt Callum, immer schon. Das Ende ihrer Affaire hat sie tief verletzt. Und obwohl sie als erfolgreiche Schauspielerin, mit einem wunderbaren Ehemann, der alles für sie tut und der süßen Tochter ein tolles Leben führt, zögert sie keine Sekunde, sich Callum wieder zu nähern, als sie die Chance dazu bekommt.
Es erscheint einem als Leser so falsch, dass Callum und Kate ihre Affaire neu beginnen aber ist es das wirklich? Für Kate nicht.
Für Bellinda dagegen schon. Callums Frau ist für mich die Heldin der Geschichte, sie trägt alle Sympathien, ist stark, kämpft für ihre Familie und ist konsequent.
Und ich weiß gar nicht, ob sie ohne ihren Ehemann nicht sogar besser dran ist. Callum ist schwach, er nimmt sich das Beste von beiden Frauen, will sich nicht entscheiden, ist bequem. Ich meine, ein Mann der seine junge Frau mit 2 einhalb Kindern betrügt - was soll man dazu noch sagen?!
In einer Nebengeschichte lernt man außerdem Hettie kennen, sie ist die liebenswürdige beste Freundin von Matt. Hettie läuft ihrer großen Liebe nach, ist immer für Kates Mann und dessen Tochter da, muss aber leider auch eine große Enttäuschung einstecken.

Mir hat der Stil der Autorin sehr gut gefallen. Die Geschichte wird spannend erzählt, oft wird die Handlung aus verschiedenen Sichtweisen beschrieben, so dass man das Fühlen aller Beteiligten gut nachvollziehen kann. Ich wollte das Buch gar nicht aus der Hand legen. Trotzdem bezieht die Autorin nie Stellung, sie erzählt einfach nur die Geschichte.

Ich hatte zusätzlich zum Buch das Vergnügen, auch das Hörbuch zu hören. Die Stimme von Julia Nachtmann setzt die Geschichte wunderbar um - intensiv und gefühlvoll.

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