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Veröffentlicht am 19.09.2016

Sue Ellen, die Asche, das Geld und der Tod

Dunkle Gewässer
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Anfang der dreißiger Jahre, irgendwo am Sabine River, Osttexas. Sue Ellen ist 16, wie auch ihre Freunde May Lynn (die Schauspielerin werden will), Terry (die Schwuchtel) und Jinx (das "Niggermädchen"). ...

Anfang der dreißiger Jahre, irgendwo am Sabine River, Osttexas. Sue Ellen ist 16, wie auch ihre Freunde May Lynn (die Schauspielerin werden will), Terry (die Schwuchtel) und Jinx (das "Niggermädchen"). Sie stammen alle aus der untersten Unterschicht, ihre Mütter sind entweder alleinstehend oder werden von ihren brutalen Ehemännern geschlagen und misshandelt. Als eines Tages May Lynn tot aus dem Fluss gezogen wird, haben sowohl Sue Ellen, Terry als auch Jinx das Gefühl, es ihr schuldig zu sein, ihre Asche in Hollywood zu verstreuen. Da kommt ihnen das Geld aus einem Banküberfall nur recht, doch Geld zieht Mörder und Psychopathen an wie Schei... die Fliegen, und bald geht es nur noch ums nackte Überleben auf dem Fluss, dieser alten, braunen Schlange.

Dieser Lansdale. Ich verstehe immer mehr, warum so viele Lobeshymnen über ihn gesungen werden. Er reißt uns in eine Handlung, die so gewaltig und gewalttätig ist wie nur noch was. Da überlegen zahnlose Penner (Ehemänner), ein "nutzloses", totes Mädchen wieder in den Fluss zu werfen, weil es damit nur Scherereien gibt, die Polizisten sind die korruptesten Schweine in der Gegend, da läuft ein psychopathischer Killer herum, der extrem Spaß dran hat, alles umzulegen, was ihm in die Quere kommt. Da spritzt Blut, da werden Augen mit Löffeln ausgeschabt, Hände abgehackt, Tote in Schränke gesperrt, wo sie vor sich hinstinken. Überhaupt stinkt es im gesamten Buch: der Fluss, die Männer, der Killer, die Toten ... Lansdale nimmt kein Blatt vor den Mund, doch man hat trotzdem nicht das Gefühl, dass er es um den Splatter-Effekt macht, eher meint man: Das muss so, das war so. Und er kann so geil schreiben, da finden sich keine Sätze, die man so tausendmal schon gelesen hat, seine Vergleiche sind immer treffend, aber nie abgedroschen oder übertrieben. Der hat's einfach drauf, Kopfkino vom Feinsten.

Veröffentlicht am 15.09.2016

So muss ein (veganes) Kochbuch sein!

Vegan feiern
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Wie man unschwer an der 5-Sterne-Bewertung, die ich nicht oft vergebe, sehen kann, hat mich dieses Kochbuch von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt. Es ist ein veganes Kochbuch, und es ist auch ...

Wie man unschwer an der 5-Sterne-Bewertung, die ich nicht oft vergebe, sehen kann, hat mich dieses Kochbuch von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt. Es ist ein veganes Kochbuch, und es ist auch noch mehr als das. Mäggi Kokta hat hier echte Überzeugungsarbeit in Bezug auf gut schmeckende tierleidfreie Gerichte geleistet, und das allein durch Gerichte, die sogar für solche wie mich, die nicht viel Erfahrung im Kochen haben, einfach zuzubereiten sind und vor allem auch meistens ohne superexotische Zutaten auskam.

Es heißt zwar "Vegan feiern" und hat dementsprechend relativ hohe Mengenangaben, aber die kann man leicht runterrechnen oder einfach das Essen am nächsten Tag verputzen. Aufgeteilt ist es Folgendermaßen:

Kurze Einführung und Tipps
Fingerfood und Aufstriche
Suppen, Gulasch, Currys
Pizza, Strudel und Brot
Bratlinge, Spieße und Gemüsevariationen
Salate
Desserts, Kuchen und Muffins
Kreative Partyideen

Ich glaube, das ist das erste Kochbuch, bei dem mir jedes ausprobierte Rezept geschmeckt hat (außerdem hat auch wirklich jedes geklappt, auch wenn es natürlich nie so perfekt wie im Buch ausgesehen hat). Was ich auch positiv vermerken möchte, ist, dass sich die Autorin während der Leserunde immer ausreichend Zeit für Fragen genommen hat; auch wenn das nicht in die Bewertung einfließt, finde ich es gut.
Wer also mal vorsichtig bei veganem Kochen einsteigen will, dem kann ich dieses Buch vorbehaltlos empfehlen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Der Junge, die alte Frau und die Weltrekorde

Bevor die Welt erwacht
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Der Junge war erst elf. Der Junge war Pfadfinder. Der Junge kümmerte sich um Ona, die alte Frau. Sie ist 104, als die Geschichte beginnt. Oder endet. Denn der Junge ist tot. Eine Krankheit, so unbekannt ...

Der Junge war erst elf. Der Junge war Pfadfinder. Der Junge kümmerte sich um Ona, die alte Frau. Sie ist 104, als die Geschichte beginnt. Oder endet. Denn der Junge ist tot. Eine Krankheit, so unbekannt wie der Name des Jungen, hat ihn so schnell getötet, dass noch alle fassungslos davon sind. Alle: Das sind Ona. Uralt, fragil, und trotzdem so stark, dass man sie bewundern muss. Quinn, der Vater des Jungen. Berufsmusiker, jeden Tag auf einem anderen Gig. Der nie eine wirkliche Beziehung zu seinem Sohn aufbauen konnte, weil er ihn nicht verstand. Und Belle, die Mutter. Die von ihrer Trauer erschlagen wird, gewürgt, geschüttelt, zusammenbricht, wieder aufsteht, neu anfängt. Diese drei sind es, um die die Geschichte kreist, zusammengehalten von dem Jungen, diesem außergewöhnlichen kleinen Jungen, der selbst nach seinem Tod noch ihrer aller Leben beeinflusst und trotz aller Trauer besser macht. Der für Freundschaft sorgt, für Zusammenhalt, für Vertrauen und den Willen, Außergewöhnliches zu schaffen.

Es ist wirklich schwer, eine Rezension zu diesem Buch zu schreiben. Ich fand es genauso außergewöhnlich wie den kleinen Jungen, der mich zutiefst beeindruckt hat durch seine Menschlichkeit, seine Höflichkeit und seine Art, mit dem umzugehen, was ihm gegeben war. Der Schreibstil der Autorin ist so kraftvoll wie ein Fluss, der durch Regenfälle angeschwollen ist, jedoch ohne dessen zerstörerischer Wut. Ihre Charakterzeichnungen haben mich zu denLeuten mitgenommen und ihre Art, die Geschichte zu erzählen, gefesselt, obwohl nicht viel passiert. Irgendwo schrieb jemand, er konnte mit den Tonbandaufnahmen nichts anfangen, weil sie so abgehakt waren, aber genau das war für mich perfekt, weil ich genau vor mir sehen konnte, wie der kleine Junge ernsthaft sein Aufnahmegerät vor Ona legt, lautlos zwischendurch seine Fragen formuliert/gestikuliert und sie immer genau darauf reagiert. Onas Geschichte ist nicht außergewöhnlich, aber die Art, wie sie erzählt wird, macht sie dazu. Bei diesem Buch stimmt das Gesamtpaket, es bekommt vollste Empfehlung für alle, die sich auf was Ruhiges und zum Teil Trauriges, aber auch Hoffnungsvolles einlassen können und wollen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Wer bist du, wenn du nichts über dich weißt?

Wenn du vergisst
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Ein Mädchen erwacht in einer ihr unbekannten Umgebung. Doch nicht nur die Gegend ist ihr unbekannt, auch sie selbst ist es. Sie kann sich an nichts erinnern, ihr Gedächtnisverlust ist total. Sie hat keinen ...

Ein Mädchen erwacht in einer ihr unbekannten Umgebung. Doch nicht nur die Gegend ist ihr unbekannt, auch sie selbst ist es. Sie kann sich an nichts erinnern, ihr Gedächtnisverlust ist total. Sie hat keinen Namen, keine Vergangenheit, keine Erinnerung. Und dann ist da ein junger Mann, der sich als Elias vorstellt, der sie findet und ins Krankenhaus bringt. Wieso möchte sie sich so gern an ihn klammern? Und was ist mit Niklas, dem jungen Pfleger, der sich so aufopferungsvoll um sie kümmert? Jeder um sie herum scheint mehr über sie zu wissen als sie selbst, und das ändert sich auch nicht, als ihre Eltern gefunden werden. Diese sind ihr ebenso fremd und auch in ihrem Zuhause scheint nichts ihre Erinnerungen anzuregen. Immerhin hat sie jetzt einen Namen: Zoe. Zoe kämpft verzweifelt und mit wachsender Panik um das, was in ihrem Gehirn verschüttet sein muss, und ihre Befürchtung, das etwas Schreckliches passiert sein muss, wird von Tag zu Tag stärker.

Die Geschichte eines mysteriösen Ereignisses, das durch einen Gedächtnisverlust noch mysteriöser wird, ist nicht neu. Und doch zieht sie in diesem Fall sofort herein, denn Heidrun Wagner hat einen wirklich fesselnden Schreibstil, frisch, unverbraucht und mit viel Empathie für ein junges Mädchen ohne Erinnerungen. (Mir hat sie zwischendurch zu viel geheult, aber man hat mir mitgeteilt, dass das verständlich ist in dieser Situation und in dem Alter, also ok.) Ergänzt wird die ohnehin coole Geschichte durch genauso coole Zeichnungen der Illustratorin Miri d'Oro, die einen genialen Spagat zwischen jugendlichem Zeichenstil und klasse Ergänzung zum Text schafft. So wird aus dem Buch fast schon eine Graphic Novel, ohne dass sich der Text irgendwie zu kurz fassen muss, wie es manchmal in GNs der Fall ist. Auf jeden Fall eine tolle, innovative Idee, und da das Ende des Buches mit einem wenn auch fast schon erwarteten Cliffhanger geendet hat, ein Buch, dessen Fortsetzungen ungeduldig erwartet werden.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Wolfsgeheul und Adlerschrei

Animox 1. Das Heulen der Wölfe
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Simon ist zwölf und ein totaler Außenseiter. Nicht nur, dass seine Mutter nie zuhause ist und er bei seinem Onkel Darryl aufwächst, wird er in der Schule von älteren Mitschülern gemobbt - weil er Tiere ...

Simon ist zwölf und ein totaler Außenseiter. Nicht nur, dass seine Mutter nie zuhause ist und er bei seinem Onkel Darryl aufwächst, wird er in der Schule von älteren Mitschülern gemobbt - weil er Tiere verstehen kann und sich mit ihnen unterhält, ganz besonders mit Tauben. Als wäre das nicht schon schwer genug für einen Jungen seines Alters, werden Darryl und er bei dem nächsten Besuch seiner Mutter überfallen. Von Ratten. Millionen von Ratten, die scheinbar nichts anderes im Sinn haben, als ihn und seine Mutter in ihre Gewalt zu bringen. Seine Mutter wird entführt und Simon erfährt ein paar Dinge. Dass die Mitglieder seiner Familie ihre Gestalt wandeln können zum Beispiel. Dass man erwarten kann, dass es ihm auch so geht. Und dass er mitten in einen Krieg der Gestaltwandler geraten ist und möglicherweise als Erbe des Bestienkönigs eine Gefahr für alle darstellt. Und ach, so: einen Bruder hat er auch noch. Einen Zwillingsbruder, der es gar nicht komisch findet, plötzlich ihn auf dem Hals zu haben ...

Ein großartiger Auftakt einer wohl fünfbändigen Serie. Hier bleibt kaum was zu wünschen übrig. Abenteuer, Familie, Gefahren, Freundschaft. Ganz besonders die Freundschaft unter unterschiedlichen Typen von Gestaltwandlern und Mobbing sind immer wiederkehrende Themen des Buches, ohne irgendwie mit erhobenem Zeigefinger daherzukommen. Manchmal handeln die Protagonisten vielleicht ein bisschen ihrem Alter voraus, aber nicht übertrieben, so dass man gerade auch bei Simon über manch zu sehr vernünftige Gedanken drüber hinwegsehen konnte. Ich kann nur sagen, dass ich mich großartig unterhalten gefühlt habe und mich wirklich auf die nächsten Bücher dieser Reihe freue. Keine reinen Kinderbücher hat diese Serie, vorausgesetzt sie bleibt so fesselnd, das Potenzial für eine neue Sucht.