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Veröffentlicht am 04.11.2018

Das Wagnis der Erinnerung

Der Apfelbaum
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“Der Apfelbaum“ ist der Debütroman des bekannten Schauspielers Christian Berkel, in dem er die Geschichte seiner Familie über drei Generationen nachzeichnet. Er hat dafür gründlich in Archiven recherchiert, ...

“Der Apfelbaum“ ist der Debütroman des bekannten Schauspielers Christian Berkel, in dem er die Geschichte seiner Familie über drei Generationen nachzeichnet. Er hat dafür gründlich in Archiven recherchiert, erhaltene Korrespondenz gelesen und die Schauplätze des Geschehens aufgesucht. Der im Wesentlichen auf Fakten beruhende Roman umfasst einen großen Teil des 20. Jahrhunderts. Die jüdische Großmutter Alta, ihre Tochter Isa und deren Tochter Sala, die durch die Heirat ihrer Mutter mit einem Nicht-Juden Halbjüdin ist, erleiden Verfolgung, Gefängnis und Lagerhaft. Im Mittelpunkt des Romans steht die lebenslange Liebe zwischen Sala und Otto, die sich mit 13 bzw. 17 Jahren ineinander verlieben und nach jahrelanger Trennung wieder zusammenkommen. Otto hat 5 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft überlebt, Sala Krankheit und Hunger in einem Lager in den Pyrenäen. Salas Schicksal ist besonders bewegend. Sie wurde als Kind von der Mutter verlassen und vom Vater aufgezogen. Die Erfahrung, „indésirable“ zu sein, zugleich unerwünscht und nicht begehrenswert, prägt ihr ganzes Leben. Auf die Ablehnung durch die eigene Mutter folgt das Gefühl des Fremdseins bei ihrer Tante Lola in Paris, nochmals bei der Mutter in Madrid und schließlich bei ihrer anderen Tante in Argentinien. Ihr Versuch, sich dort eine neue Existenz aufzubauen, scheitert ebenso wie alle anderen zuvor. Erst als sie wieder nach Berlin geht und Kontakt zu Otto aufnimmt, kann sie einen Neuanfang machen. Der bis fast zum Schluss namenlose Erzähler zeichnet Gespräche mit der 91jährigen inzwischen dementen Sala auf und versucht so, fehlende Mosaiksteinchen zu ergänzen.
Mir hat der spannende und berührende Roman sehr gut gefallen, auch wenn er nicht ganz mühelos zu lesen ist. Der ständige Wechsel von Erzählperspektiven und Zeitebenen genauso wie das umfangreiche Personal verlangen einen aufmerksamen Leser. Die Erforschung der Familiengeschichte ist für den Autor ein Weg zur Identitätsfindung. Es ist wichtig sich zu erinnern und nicht zu verdrängen. Der Erzähler im Roman wird zum Sprachrohr des Autors, wenn er sich vehement gegen die häufig zu hörende Bemerkung “Irgendwann muss doch mal Schluss sein“ (S. 210) wehrt. Es geht nicht um individuelle oder historische Schuldzuweisungen, sondern darum, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts, vor allem die Nazizeit mit dem Völkermord an den europäischen Juden als Teil der deutschen Identität zu akzeptieren. “Der Apfelbaum“ ist ein ganz hervorragender Roman, den ich uneingeschränkt empfehle.

Veröffentlicht am 30.09.2018

Außenseiterschicksale

Ein Winter in Paris
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Der 19jährige Victor stammt aus der Provinz und besucht im zweiten Jahr eine Vorbereitungsklasse an einem Lycée in Paris. Wenn er den Concours, die Auswahlprüfung, besteht, bekommt er einen Studienplatz ...

Der 19jährige Victor stammt aus der Provinz und besucht im zweiten Jahr eine Vorbereitungsklasse an einem Lycée in Paris. Wenn er den Concours, die Auswahlprüfung, besteht, bekommt er einen Studienplatz an einer der renommierten Grandes Ecoles, der Ecole Normale Superieur. Diese Schulen absolviert die französische Elite. Victor stammt aus einfachen Verhältnissen und verfügt nicht über die Codes in Bezug auf Herkunft, Bildung, Sprache und Kleidung, die ihm Zugang zu den betuchteren bürgerlichen Kreisen ermöglichen würden. Er ist völlig isoliert und widmet sich einzig und allein seinen Studien. Wider Erwarten sind seine Leistungen gut genug für das zweite Vorbereitungsjahr. Irgendwann lernt er den jungen Mathieu im Jahrgang unter ihm kennen, der offensichtlich das Gleiche erlebt wie er selbst. Sie rauchen zusammen und wechseln ein paar Worte. Victor kann sich eine Freundschaft mit ihm vorstellen und will ihn zu seinem Geburtstag einladen. Doch ehe es dazu kommt, begeht Mathieu Selbstmord, indem er in der Schule über ein Geländer in die Tiefe springt. Der berüchtigte Französischlehrer Clauzet hat ihn einmal zu oft gedemütigt. Dieses Ereignis verändert Victors Leben vollkommen. Auf einmal gilt er als der Freund des Opfers und wird sichtbar und beliebt. Die anderen suchen den Kontakt zu ihm, Mädchen interessieren sich für ihn, und der Star des Jahrgangs, der homosexuelle Paul, freundet sich mit ihm an, lädt ihn sogar zu sich nach Hause in die riesige Wohnung mit Blick auf den Jardin du Luxembourg ein. Victor, der außerhalb in einer Unterkunft für Studenten in Nanterre wohnt, lernt eine neue Welt kennen, hat plötzlich ein soziales Leben. Er ist sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass er von Mathieus Tod profitiert. Durch die vielen Ablenkungen werden seine Leistungen schlechter, so dass er keine Aussichten auf Bestehen des Concours hat. In dieser Zeit lernt er Patrick Lestaing, Mathieus Vater kennen. Victor und Patrick Lestaing kommen sich immer näher und werden zu einem Ersatzvater und Ersatzsohn, was ihnen hilft, mit dem Verlust fertig zu werden. Victor hat inzwischen beschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen, sich zu entziehen, weil er empört ist über den Umgang der Schule mit dem Selbstmord: Nichts hat sich geändert, nicht am gnadenlosen Wettbewerb und auch nicht im Umgang der Lehrer mit ihren Schülern.
Am Beispiel von Victor und Mathieu zeigt Blondel exemplarisch, was es für junge Menschen bedeutet, ihr Milieu zu verlassen und mit Entwurzelung und Ausgrenzung zurecht zu kommen. Er behandelt dabei Themen wie Freundschaft, familiäre Beziehungen und den Konkurrenzkampf unter den Schülern. Der Autor hat diesen Roman im Alter von 50 Jahren veröffentlicht. Bei einer Präsentation seines Buches ließ er durchblicken, dass diese Geschichte autobiografische Züge hat, dass er sie sein ganzes Leben hat aufschreiben wollen. Nach eigener Aussage weckt ihn der bewusste Schrei, der im Roman mehrfach erwähnt wird, noch immer regelmäßig.
Mir hat “Ein Winter in Paris“ sehr gut gefallen – genauso gut wie “Et rester vivant“ und “06h41“.

Veröffentlicht am 07.09.2018

Haben wir am Ende genug geliebt?

Das rote Adressbuch
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Im Mittelpunkt von Sofia Lundbergs Roman “Das rote Adressbuch“ steht Doris, inzwischen 96 Jahre alt und auf fremde Hilfe angewiesen. Eine Pflegerin hat ihr den Umgang mit dem Laptop gezeigt. So kann ...

Im Mittelpunkt von Sofia Lundbergs Roman “Das rote Adressbuch“ steht Doris, inzwischen 96 Jahre alt und auf fremde Hilfe angewiesen. Eine Pflegerin hat ihr den Umgang mit dem Laptop gezeigt. So kann sie mit ihrer geliebten Großnichte Jenny in den USA einmal wöchentlich skypen. Jenny ist ihre einzige noch lebende Verwandte. Von daher ist ihr der Kontakt zu ihr und den Kindern besonders wichtig. Doris´ liebster Besitz ist ihr rotes Adressbuch, das ihr Vater ihr zum 10. Geburtstag geschenkt hat. Hier stehen die Namen all der Menschen, die in ihrem Leben von Bedeutung waren, nicht alle jedoch liebenswert und geliebt. Inzwischen sind sie fast alle tot. Doris weiß, dass ihre Tage gezählt sind und schreibt die Geschichte(n) ihres ereignisreichen Lebens anhand dieser Namensliste auf. Daraus entsteht das Porträt einer langen, teilweise gefährlichen Reise durch Länder und Kontinente. Doris beschreibt ein Leben mit Höhen und Tiefen, wobei ihre glamouröseste Zeit sicher die als blutjunges Mannequin in Paris war, bis der Zweite Weltkrieg ihre Karriere beendete und sie zugleich von der Liebe ihres Lebens trennte, dem Halbamerikaner Allan Smith.
Der herzerwärmende Roman ist eine Geschichte von Liebe und Verlust, ein Plädoyer für die Liebe, die alle Katastrophen überdauert. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen. Da ist einmal die überwiegend chronologische Erzählung von Ereignissen anhand der beteiligten Personen, zum anderen in der Erzählgegenwart Doris´ aktuelle Situation, wenn sie mit Blick auf das nahende Ende Begebenheiten rekapituliert. Doris erlebt sehr traurige Dinge in ihrem langen Leben, aber ihre Großnichte Jenny beweist ihr auf anrührende Weise ihre Liebe und macht ihr am Ende ein überraschendes Geschenk. Ich habe den auch sprachlich überzeugenden Roman sehr gern gelesen.

Veröffentlicht am 02.09.2018

Nicht wegschauen, handeln

Loyalitäten
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Im Mittelpunkt von Delphine de Vigans neuem Roman “Loyalitäten“ stehen die zwölfjährigen Jungen Théo Lubin und Mathis Guillaume, ihre Eltern sowie ihre Lehrerin Hélène. Théos Eltern sind geschieden und ...

Im Mittelpunkt von Delphine de Vigans neuem Roman “Loyalitäten“ stehen die zwölfjährigen Jungen Théo Lubin und Mathis Guillaume, ihre Eltern sowie ihre Lehrerin Hélène. Théos Eltern sind geschieden und erbitterte Feinde. Der Junge lebt im wöchentlichen Wechsel bei Vater und Mutter und wird zwischen beiden aufgerieben. Théo darf über den jeweils anderen nicht sprechen. Dabei ist der desolate Zustand seines Vaters, eines arbeitslosen Alkoholikers und Tablettensüchtigen, der unter Depressionen leidet und in seiner vermüllten Wohnung kaum noch das Bett verlässt, für den Jungen eine schwere Bürde. Théo verschafft sich täglich durch größere Mengen hochprozentigen Alkohols Erleichterung. Sein Freund Mathis trinkt aus Solidarität zunächst mit. Nur Hélène, die Lehrerin der Jungen, spürt aufgrund ihrer eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen, dass mit Théo etwas nicht stimmt. Sie versucht, ihre Kollegen zu sensibilisieren und an die Eltern heran zu kommen – vergeblich. Weil sie sich bei ihren Bemühungen zu helfen zu weit aus dem Fenster lehnt, bringt sie sich selbst in Schwierigkeiten. Cécile, die Mutter von Mathis, bemerkt aufgrund einschlägiger Erfahrungen den Alkoholkonsum ihres Sohnes, ist aber in ihrer kriselnden Ehe zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt. Sie ist im Computer auf eine bisher unbekannte verabscheuungswürdige Seite ihres Mannes gestoßen. Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Nur Mathis weiß Bescheid und muss sich entscheiden, was genau in dieser Situation Loyalität bedeutet: Hilfe suchen oder schweigen.
Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt: Théo und Mathis, Cécile und Hélène, wobei die beiden Frauen als Ich-Erzählerinnen fungieren. Dadurch wird sehr deutlich, dass alle vier beschädigte Persönlichkeiten sind. Der Roman enthält eine gute Portion Gesellschaftskritik. In einer Zeit, in der Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholismus, das Zerbrechen von Familien, Gewalt und Missbrauch verbreitete gesellschaftliche Probleme sind, darf niemand wegschauen. Die Autorin stellt überzeugend dar, welche Verheerungen diese Missstände bei Kindern und Jugendlichen anrichten. Für die Autorin heißt sich loyal verhalten aktiv werden, sich kümmern. Der kurze Roman, den ich keineswegs schwächer finde als die Vorgänger, bringt den Leser zum Nachdenken – nicht zuletzt durch sein offenes Ende. Gibt es eine Rettung für Théo? In meinen Augen bestätigt die Autorin ihren Ruf als eine der wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur.

Veröffentlicht am 31.01.2018

Über den Umgang mit Verlusten

Die amerikanische Prinzessin
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“Die amerikanische Prinzessin“, das neue Buch der sehr erfolgreichen und mehrfach ausgezeichneten niederländischen Sachbuchautorin Annejet van der Zijl, erzählt eine außergewöhnliche Lebensgeschichte. ...

“Die amerikanische Prinzessin“, das neue Buch der sehr erfolgreichen und mehrfach ausgezeichneten niederländischen Sachbuchautorin Annejet van der Zijl, erzählt eine außergewöhnliche Lebensgeschichte. Allene Tew wurde 1872 in der amerikanischen Provinz geboren, wurde durch ihre ersten Ehen immens reich, obwohl ihr Vater der am wenigsten ehrgeizige Spross einer großen und schon in der zweiten Generation erfolgreichen und gesellschaftlich anerkannten Familie aus den Chatauqua County war. Aus der ersten Ehe stammten ihre drei Kinder, von denen Tochter Greta und Sohn Ted das Erwachsenenalter erreichten, aber im Jahr 1918 beide starben. Ihre ersten beiden Ehen wurden geschieden. Anson Burchard, ihr dritter Ehemann, war die Liebe ihres Lebens, verstarb aber ebenfalls viel zu früh. Die Witwe ging 1927 an Bord der Mauretania und begann in Europa ein neues Leben. Sie heiratete einen Prinzen, danach noch einen russischen Grafen. Sie war trotz mehrerer Wirtschaftskrisen eine sehr reiche Frau und auch deshalb eine gute Partie für verarmte europäische Adlige. Sie führte ein Leben im Luxus reiste sehr viel, hatte zahlreiche Häuser in Europa und den USA und ein Netzwerk von Freunden, die ihr Leben begleiteten, denn von ihrer engsten Familie war bis auf den Stiefsohn aus der vierten Ehe, den sie wie einen eigenen Sohn behandelte, niemand übrig.
In ihrer sorgfältig recherchierten Biografie beschreibt die Autorin ein Frauenleben vor dem Hintergrund von zwei Weltkriegen, einer Revolution, Wirtschaftskrisen und verschiedenen gesellschaftlichen Umbrüchen. Allene musste immer wieder Verluste hinnehmen, verlor die Menschen, die ihr nahestanden, aber sie gab nie auf. Sie ging unbeirrbar ihren Weg und besaß den Mut und die Kraft, immer wieder neu anzufangen. Sie hat ihr Motto “Courage all the time“ tatsächlich gelebt. Allene schaute niemals zurück, immer nur nach vorn und sprach nie über Trauer und Schmerz. Die Autorin hat über diese ungewöhnliche Frau keine trockene Abhandlung , sondern eine sehr lebendige, gut geschriebene Biografie verfasst, die zugleich ein Abriss der Geschichte des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. Ich spreche dafür eine unbedingte Empfehlung aus.