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Veröffentlicht am 15.09.2016

Sollte man gelesen haben

Der Besuch der alten Dame
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Nach vielen Jahren kehrt Claire Zachanassian in ihren Heimatort Güllen zurück, verlassen hat sie ihn mehr oder weniger unfreiwillig, jetzt als Milliardärin könnte sie den sehr heruntergekommenen Ort retten. ...

Nach vielen Jahren kehrt Claire Zachanassian in ihren Heimatort Güllen zurück, verlassen hat sie ihn mehr oder weniger unfreiwillig, jetzt als Milliardärin könnte sie den sehr heruntergekommenen Ort retten. Der Empfang ist deshalb auch großartig geplant, doch Claire stellt Bedingungen.

Es handelt sich hier nicht um einen Roman, sondern um ein Theaterstück, der Text ist daher auch entsprechend aufgebaut, jedoch liest man sich, vor allem, wenn man bereits öfter solche Stücke gelesen hat, schnell ein. Faszinierend finde ich die Anweisungen des Autors, z. B. zum Bühnenbild, dieses entsteht dadurch sehr gut vor dem geistigen Auge, überhaupt kann man sich das ganze Stück sehr gut auf der Bühne gespielt vorstellen.

Die Charaktere sind zum Teil recht überzeichnet, vor allem Claire, die u. a. alleine während des Stückes drei Ehemänner verschleißt. Viele der anderen Güllener Charaktere werden nicht beim Namen genannt, sondern nur bei ihrer Funktion „Polizist“, „Pfarrer“, „Kunde“ oder einfach durchnummeriert, sie stehen damit nicht für einen Einzelnen sondern für bestimmte Typen, für die Menge.

Friedrich Dürrenmatt hat ein sehr bissiges Stück geschrieben, das dem Zuschauer einen Spiegel vor Augen hält. Was würde man selbst für so viel Geld tun? Trotz des im Grunde sehr ernsten Themas gibt es auch immer wieder die Möglichkeit zu schmunzeln und zu lachen, nicht umsonst handelt es sich um eine „tragische Komödie“. Das Lachen bleibt einem aber auch manches Mal im Hals stecken. Das Ende ist gelungen und, wenn auch vielleicht nicht ganz so erwartet, absolut passend.

Mir liegt der 5. Band der Werkausgabe von Diogenes vor, enthalten ist hier noch ein interessanter Anhang, der u. a. Randnotizen des Autors enthält, mit einigen Bonmots bzw. Bösartigkeiten, lesenswert!

„Der Besuch der alten Dame“ gehört für mich zu den Theaterstücken, die jeder kennen sollte, das Lesen ist zu empfehlen, aber genauso gut könnte man sich das Stück auf der Bühne ansehen oder die Verfilmung mit Elisabeth Flickenschildt, die man auch auf youtube findet. Ich vergebe für diesen Klassiker eine Lesempfehlung und verdiente volle Punktzahl.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Wunderbar

Die Nacht gehört dem Drachen
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Evie ist 14 Jahre alt, als sie operiert und ihr dabei ein Rippenstück entfernt werden muss, woraus sie sich einen Drachen schnitzt. Dieser ist für sie mehr als ein lebloses Stück Knochen, er wird ihr auch ...

Evie ist 14 Jahre alt, als sie operiert und ihr dabei ein Rippenstück entfernt werden muss, woraus sie sich einen Drachen schnitzt. Dieser ist für sie mehr als ein lebloses Stück Knochen, er wird ihr auch helfen, ihr Leben weiterhin zu meistern.

Ihr bisheriges Leben hat Evie schon eine ganze Menge abverlangt, das ahnt man als Leser recht schnell, es wird viel angedeutet, doch wenig direkt ausgesprochen. Alexia Casale lässt Evie selbst in Ich-Form erzählen, teilweise sehr intensiv, Emotionen und Schmerz erlebt man hautnah mit, doch, was in der schlimmsten Zeit ihres Lebens passiert ist, das verdrängt Evie selbst, sie will weder daran denken noch darüber sprechen, auch wenn es, gerade nach der Operation, immer präsent ist. Bis zum Schluss erfährt man nicht ganz genau, was ihr passiert ist, doch im Grunde kann man sich genug zusammenreimen. Ich denke, dass die Autorin das genau richtig gemacht hat, die Art der Erzählung, durch Evie selbst, verbietet es regelrecht, alles zu offenbaren.

Die Autorin hat auf Kapiteleinteilungen verzichtet, die Erzählung ist aus einem Guss, gegliedert wird lediglich durch Absätze. Manchmal stutzt man kurz, weil die Dinge vor und nach dem Absatz nicht ganz zusammen zu passen scheinen, aber man merkt schnell, dass eben gerade ein Zeitsprung oder ein Ortswechsel passiert ist.

Die Charaktere gefallen mir alle sehr gut. Evie lebt seit ein paar Jahren bei Adoptiveltern, die sie sehr lieben, aber (natürlich) auch nicht perfekt sind. Auch diese Familie leidet unter einem Trauma, das erst nach und nach enthüllt wird, und man merkt, dass sich Evie und ihre neue Familie gegenseitig gut tun. Die Autorin hat alle, auch die Nebenfiguren, sehr liebevoll gestaltet und ihnen Herz und Seele verliehen.

Eine sehr große Rolle spielt der geschnitzte Drache. Auf Seite 17 sagt Evie „Wenn ich einen Drachen hätte, wäre ich nie mehr machtlos“ und tatsächlich bringt ihr der Drache eine gewissen Schutz und eine gewisse Macht. Mit dem Drachen unternimmt Evie nächtliche Ausflüge, die ihr ebenso bei der Heilung nützlich sind wie ihre neue Familie. In Bezug auf den Drachen verschwimmt die Realität, denn für Evie ist er lebendig, spricht zu ihr, unterstützt sie und sorgt auch schon mal für Gerechtigkeit.

Mir hat der Roman unglaublich gut gefallen. Ich muss gestehen, dass ich auf Grund des Klappentextes zunächst etwas skeptisch war, die Geschichte passt nicht so ganz in mein übliches Beuteschema. Doch sehr schnell war ich gefesselt und habe mit Evie (und ihrer neuen Familie) mitgefühlt, mitgelitten, mit gehofft und mit gefreut. Ich konnte mich, trotzdem ich so viel älter bin, sehr gut in Evie hineinversetzen, genauso aber auch in die Erwachsenen um sie herum. Der Autorin ist mit diesem Roman ein ganz wunderbarer Roman gelungen, fast unglaublich, denn es ist ihr Debütroman. Ich vergebe sehr gerne volle Punktzahl und eine absolute Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Kutscher wird immer besser

Märzgefallene
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1933 verbringt Gereon Rath den Karneval in Köln, bis er nach Berlin zurückbeordert wird: Der Reichstag brennt und alle Polizeikräfte werden gebraucht. Doch Gereon wird nicht der Aufklärung des Reichstagsbrandes ...

1933 verbringt Gereon Rath den Karneval in Köln, bis er nach Berlin zurückbeordert wird: Der Reichstag brennt und alle Polizeikräfte werden gebraucht. Doch Gereon wird nicht der Aufklärung des Reichstagsbrandes zugeordnet, sondern soll sich um Todesfälle unter Weltkriegsveteranen kümmern. Dennoch haben die Auswirkungen des Brandes auch Einfluss auf seine Arbeit.

„Märzgefallene“ ist bereits der fünfte Roman um Gereon Rath. Man kann die Romane unabhängig voneinander lesen, da aber nicht nur die Charaktere sondern auch ihr Umfeld und Deutschland selbst Entwicklungen durchlaufen, ist es sinnvoller, sich an die Reihenfolge zu halten. Der erste Band spielt 1929, so konnte man schon in den letzten Bänden erleben, wie die Nazis eine immer größere Rolle im Land spielen, 1933 ist nun das Jahr der Machtergreifung und dies wirkt sich sehr konkret auch auf alle schon bekannten Charaktere aus. Ich bin sehr gespannt auf deren weiteres Schicksal in den zukünftigen Bänden, denn Vieles ändert sich nun.

Es ist schön, Gereon, Charly und all die Anderen wieder zu treffen und ihre weitere Entwicklung zu erleben. Wer wird sich den Nazis andienen, wer Probleme mit ihnen bekommen? Wie sieht das weitere Leben in Nazideutschland aus? Aber nicht nur die großen politischen Fragen spielen eine Rolle, auch kleine, private, vor allem natürlich in der Beziehung zwischen Gereon und Charly. Kutscher schafft es sehr gut, (mehr oder weniger) liebgewonne Charaktere einer glaubhaften Weiterentwicklung zu unterziehen und diese mit der aktuellen politischen Lage zu verknüpfen. Alle Charaktere wirken dabei sehr authentisch und vermitteln gut, wie sich die Menschen dieser Zeit mit den Verhältnissen zu arrangieren versuchten (oder das eben nicht konnten). Da gibt es fanatische Nazis, Mitläufer, auf eine bessere Zukunft Hoffende, aber auch Gegner, mehr oder weniger offen, und solche, die unter den veränderten Verhältnissen leiden müssen oder gar in Lebensgefahr geraten.

Der Autor hat dies alles sehr gut in seine Geschichte integriert, die sich verändernde Stimmung sehr gut herausgearbeitet, auf den Leser, der ja bereits weiß, wie sich das Ganze noch entwickeln wird, wirkt es sehr bedrückend. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, so dass die Geschehnisse, nicht nur die des Falles, auch die politischen, von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Der Fall ist ebenfalls gut in das politische Geschehen eingearbeitet und sehr interessant. Man kann gut mitraten und die Auflösung stellt zufrieden.

Volker Kutscher steigert sich mit jedem Roman, für mich ist dieser sein bisher bester und ich bin sehr gespannt auf die weiteren Bände. Von mir gibt es verdiente volle Punktzahl und eine uneingeschränkte Leseempfehlung für die gesamte Reihe.

Veröffentlicht am 01.12.2025

Mann & Müller haben mich überzeugt

Unheimliche Gesellschaft
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1933: Thomas Mann bittet seinen litauischen Übersetzer Žydrūnas Miuleris, den er Müller nennt, zu ihm in die Schweiz zu kommen, da er seine Hilfe benötige. Müller macht sich mit seinem Hund Ludwik auf ...

1933: Thomas Mann bittet seinen litauischen Übersetzer Žydrūnas Miuleris, den er Müller nennt, zu ihm in die Schweiz zu kommen, da er seine Hilfe benötige. Müller macht sich mit seinem Hund Ludwik auf die langwierige Reise, nur um am Ziel feststellen zu müssen, dass es offenbar nur darum geht, dass Katia Mann, die für ihre eigenwillige Fahrweise berüchtigt ist, einen Litauer angefahren hat. Letztlich soll das doch nicht alles gewesen sein, und Müller erlebt zusammen mit Mann und Ludwik ein gefährliches Abenteuer.

Vor dem Lesen war mir nicht bewusst, dass es sich hier bereits um einen zweiten Band handelt. Das war aber nicht weiter schlimm, denn man kann ihn gut ohne Vorkenntnisse lesen, es gibt aber einige Verweise auf den vorherigen Band, die mich neugierig gemacht haben.

Thomas Mann ist nicht nur der Autor von „Buddenbrooks“, seit über 50 Jahren ein Lieblingsroman von mir, sondern hatte dieses Jahr, also 2025, seinen 150. Geburtstag. Ein guter Zeitpunkt also, Werke von ihm und über ihn zu lesen.

Ich brauchte ein bisschen, um in den Roman zu kommen, doch dann hat er mich schnell gepackt, auch wegen seines Humors, der recht dezent gesetzt ist, aber dennoch nicht zu kurz kommt. Der Autor lässt Müller selbst in Ich-Form erzählen, und zwar aus einer späteren Zeit, was man in einer kleinen Rahmenhandlung erfährt. Müller war mir schnell sympathisch, so dass ich gut mit ihm mitfühlen konnte.

Thomas Mann spielt nicht die Hauptrolle, die hat Müller, aber er spielt eine deutliche Rolle, denn die beiden sind zwar nicht Sherlock & Watson, aber Mann & Müller, ebenfalls ein Ermittlerteam, das offenbar schon im ersten Band tätig war, wenn auch die meiste Arbeit Müller überlassen wird. Auch andere Mitglieder der Familie Mann haben Auftritte oder werden zumindest erwähnt. Und auch sonst trifft man die eine oder andere historische Persönlichkeit, aber auch fiktive Personen, insgesamt sind die Charaktere gut gelungen.

Der Roman ist kein typischer Kriminalroman, für mich stehen im Vordergrund die Personen und der historische Hintergrund. Der Fall entwickelt sich unerwartet, sowohl für die Protagonisten als auch für die Lesenden, und wird nicht nur immer gefährlicher für Mann & Müller, sondern auch immer spannender, auch wenn Müller immer einmal wieder vorgreift, im Sinne von „wenn ich da schon gewusst hätte ...“. Am Ende ist der Fall gut gelöst und Müller kann zurück in die Heimat und, zusammen mit den Leser:innen auf das nächste Zusammentreffen mit Thomas Mann hoffen.

Im ausführlichen Nachwort erfährt man etwas über Fiktion und Fakten, wobei es von letzteren doch einige gibt, ich empfehle, es nicht zu überblättern. Auch das Quellenverzeichnis und die Literaturhinweise zeigen, wie gut der Autor recherchiert hat.

Der Roman hat mich gut unterhalten, das liegt an seinen Charakteren, aber auch an seinem Humor. Ich hoffe, Mann & Müller ermitteln noch öfter. Ich vergebe 4,5 Sterne, die ich, wo nötig, aufrunde.

Veröffentlicht am 06.10.2025

Berührte mich auf verschiedenen Ebenen

Das Geschenk des Meeres
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Ende des 19. Jahrhunderts verlässt Dorothy Aitken Edinburgh und zieht in das kleine Fischerdorf Skerry., dort hat sie eine Stelle als Lehrerin bekommen. Sie verliebt sich, heiratet, bekommt einen Sohn ...

Ende des 19. Jahrhunderts verlässt Dorothy Aitken Edinburgh und zieht in das kleine Fischerdorf Skerry., dort hat sie eine Stelle als Lehrerin bekommen. Sie verliebt sich, heiratet, bekommt einen Sohn Moses, den sie sechsjährig ans Meer verliert, ein Verlust, den sie nie verarbeiten kann. Jahre später, im Jahr 1900 wird ein Junge vom Meer angespült, der Moses sehr ähnlich ist, etwa gleiches Alter, gleiche Haarfarbe, und er trägt nur einen Schuh an den Füßen, während einer von Moses Schuhen nach seinem Verschwinden am Strand gefunden wurde. Zunächst nimmt der Pfarrer den Jungen bei sich auf, doch dann bittet er ausgerechnet Dorothy, für ihn zu sorgen, bis man weiß, woher er gekommen ist.

Als Dorothy nach Skerry kommt, hat sie keine leichte Zeit hinter sich. Sie wuchs bei einer dominierenden und manipulierenden Mutter auf, die ihre Psyche nachhaltig beeinflusst hat. So fällt es Dorothy schwer, Kontakt zur Dorfbevölkerung aufzunehmen, ständig sucht sie auch nach Fehlern bei sich. Aus Angst, dass man über sie redet, verhält sie sich manchmal so, dass erst recht über sie geredet wird. Ihr Leben auf Skerry hat viele Tiefs und wenige Hochs, oft aber auch deshalb, weil sie Dinge nicht anspricht, sondern sich auf Annahmen und Mutmaßungen verlässt und Manipulationen von außen zulässt.

Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven. Im Mittelpunkt stehen neben Dorothy weitere Personen, deren Leben auf gewisse, nicht immer positive, Weise mit ihrem verbunden ist. Nicht jedes Denken und Handeln ist ohne weiteres nachvollziehbar, oft ist es aber dennoch auf gewisse Weise verständlich. Schmunzeln musste ich manchmal über den Pfarrer, dessen Vermutungen manchmal das Gegenteil von dem waren, was tatsächlich war.

Erzählt wird auch in zwei Zeitebenen: Damals und Jetzt, letzteres beginnend mit dem Auffinden des Jungen, Jahre nachdem Moses im Meer verschwand.

Mich hat der Roman sehr berührt, vor allem Dorothys Emotionen. Aber nicht nur sie, auch andere Charaktere haben ein Päckchen zu tragen. Es gibt charakterliche Entwicklungen, es gibt überraschende Entwicklungen, es gibt Ungesagtgebliebenes, es gibt Reue, Mitgefühl, Liebe, Hass, Misstrauen und so viel mehr. Auch ich hatte beim Lesen viele Emotionen, und musste auch mehrmals weinen. Auch wenn ich manchmal den Kopf schütteln musste, im Grunde verstehe ich, wie es zu den jeweiligen Verhaltensweisen gekommen ist, die Charakterzeichnungen sind durchgehend gelungen.

Mit dem Ende bin ich, so wie es ist, zufrieden, man hätte sich auch mehrere andere Enden vorstellen können, aber dieses passt für mich perfekt zum Roman.

Der Roman hat mich emotional mitgenommen, auf verschiedenen Ebenen, ich habe mitgefühlt, aber mich auch manchmal geärgert über das Verhalten der einen oder anderen Person, am Ende ergibt sich ein rundes Bild.