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Venatrix

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Veröffentlicht am 30.09.2018

Ein erschütterndes Dokument

Zinkjungen
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Als „Zinkjungen“ werden die russischen Soldaten, die im Afghanistan-Krieg zwischen 1979 und 1989 gefallen sind, bezeichnet. Ihre oft von Minen zerrissenen Körper oder von den Gegnern verstümmelten Überreste ...

Als „Zinkjungen“ werden die russischen Soldaten, die im Afghanistan-Krieg zwischen 1979 und 1989 gefallen sind, bezeichnet. Ihre oft von Minen zerrissenen Körper oder von den Gegnern verstümmelten Überreste wurden, eben in verlöteten Zinnsärgen in die Heimat überstellt. Damit wollte man den Hinterbliebenen die Grausamkeiten ersparen. Doch neben allerlei Körperflüssigkeiten, sickerten trotzdem Brocken der grausamen Wahrheit durch und verstörten die Angehörigen.

Die Autorin interviewt ehemalige Afghanistan-Kämpfer, die heute als Schwerstinvalide oft ohne Arme oder Beine und vor allem ohne ernstzunehmende Versorgung ihr Leben fristen müssen. Man erfährt von unzureichender Ausbildung und Ausrüstung, von medizinischem Material, das noch aus Beständen des Zweiten Weltkriegs stammte und von Soldaten, die die eigenen Neuankömmlinge aller brauchbaren Dinge der Ausrüstung bzw. der mitgebrachten Lebensmittel berauben.

Sie lässt neben Soldaten, die dort gekämpft haben, auch „Umfeld“, nämlich deren Witwen, Mütter und medizinisches Personal zu Wort kommen.

Swetlana Alexijewitsch schreibt über das falsche Bild, das die Öffentlichkeit in der Sowjetunion von den Kämpfen hat. So wird den Menschen bewusst vorgelogen, für eine gerechte Sache zu kämpfen und die „südliche Grenze der UdSSR zu verteidigen“. Die Angehörigen der Soldaten erwarten Reichtümer wie Pelzmäntel oder die neuesten Videorecorder japanischer Herkunft, erhalten haben sie traumatisierte Veteranen, die selten wieder ins Leben zurückfinden. Anstatt Hilfe seitens des Staates zu erhalten, werden die Rückkehrer geschmäht und verachtet.
„Ich wurde entlassen und bekam dreihundert Rubel als einmalige Unterstützung. Für leichte Verwundung gibt es einhundertfünfzig, für schwere dreihundert“.

In ihrer unnachahmlichen Art zuzuhören, gelingt es ihr, das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen und die oft kaum auszuhaltenden Geschichten aufzuschreiben. Da ist z.B. diese Gedanken eines Überlebenden:

„Mein bester Freund…..er war wie ein Bruder….den habe ich von einem Einsatz in einem Plastiksack zurückgebracht. Gehäutet….den Kopf abgehauen….Arme und Beine abgehackt, ein ausgeschlachtetes Tier statt eines kräftigen jungen Mannes. Ich habe meine Wahrheit im Plastiksack getragen, ich habe vor nichts mehr Angst“.

Wie schon in ihren anderen Antikriegsbüchern kommen nicht die Politiker zu Wort, sondern die einfachen Menschen. Diesen Menschen verleiht sie ihre Stimme. Sie berichtet über die grausamen Details eines erbitterten Kampfes um jeden Zentimeter staubigen Bodens, bei dem die – sagen wir es deutlich - sowjetischen Invasoren mit aller Härte bekämpft und demoralisiert wurden. Der Vergleich mit dem nicht zu gewinnenden Vietnam-Krieg drängt sich auf.
Dieses Buch beschreibt jenen Krieg in Afghanistan, der nicht gewonnen wurde, nicht gewonnen werden konnte, der 1989 mit dem eiligen Abzug der sowjetischen Truppen endete. Ein Ereignis, das den ohnehin labilen Zustand der Region nachhaltig geprägt und verändert hat und im Kern bis heute für den Zustand Afghanistans wegweisend verantwortlich ist. Dieser Krieg hat die Taliban und deren Schreckensherrschaft erst hervorgebracht.

2015 erhielt Swetlana Alexijewitsch für ihre dokumentarischen Werke über Krieg und seine Folgen für Teilnehmer und Hinterbliebene den Literaturnobelpreis.

Meine Meinung:

Dieses Buch ist extra harte Kost, die penibel recherchiert und ohne Effekthascherei präsentiert wird. Die Autorin berichtet im Anhang über die Schwierigkeiten bei der Veröffentlichung dieses Buches, denn die ungeschminkte Wahrheit wollte und will niemand hören. Denn die Öffentlichkeit muss glauben, was geglaubt werden soll. Wir müssen uns bei Swetlana Alexijewitsch bedanken, dass sie dieses Buch gegen alle Widerstände von offizieller Seite veröffentlich hat und den Opfern dieses sinnlosen Krieges eine Stimme gibt.

Veröffentlicht am 30.09.2018

Ein gelungenes Buch

In besserer Gesellschaft
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Laura Wiesböck wirft mit diesem Buch ein interessantes, aber beinahe vernachlässigtes Thema auf: Nämlich, dass die Menschen geneigt sind auf andere herabzusehen, wenn sie nicht demselben Anspruch genügen ...

Laura Wiesböck wirft mit diesem Buch ein interessantes, aber beinahe vernachlässigtes Thema auf: Nämlich, dass die Menschen geneigt sind auf andere herabzusehen, wenn sie nicht demselben Anspruch genügen wie man selbst.

So werden in der heutigen Gesellschaft introvertierte Menschen, obwohl sie Bedeutendes zu sagen hätten, weniger, aber dafür als verschroben wahrgenommen, während rhetorisch begabte Blender deutlich und positiv gesehen werden.

Interessant auch der Blick auf die Arbeitsumwelt: Einige wollen der Abhängigkeit eines Angestelltenverhältnisses entfliehen und machen sich selbständig. Sie sind zwar von einem Firmenchef unabhängig, arbeiten aber dafür deutlich länger (statt 40 Stunden eher 60 und mehr). Wenn der Sprung in die Selbstständigkeit geschafft ist, werden diese Firmengründer ebensolche „Ausbeuter“, wie jene vor denen sie Jahre zuvor geflüchtet sind.

Ebenso werden momentan Handwerker ein wenig von oben herab angesehen. Doch wehe, ein Installateur, Elektriker oder Tischler ist von Nöten, weil der akademische gebildete Hausbesitzer keine entsprechenden Kenntnisse und Geschicke hat.

Meine Meinung:

Das Buch macht deutlich, dass ein selbstreflektiertes Bild auf das eigene Verhalten durchaus angebracht ist. Denn, Hand aufs Herz, wer hat noch niemals ein wenig herablassend auf andere geblickt? Auf eine Kollegin, die nicht die neuesten Klamotten trägt oder die lieber den Urlaub im nahen Umland verbringt als nach Fernost zu jetten? Eben. Niemand ist davor gefeit, sich besser zu fühlen, weil das Haus größer oder das Auto neuer ist. Auch ich habe mich dabei ertappt, den einen oder anderen Gedanken in diese Richtung gefasst zu haben.

Das Buch ist leicht und flüssig zu lesen. Die Illustrationen ergänzen die manchmal auch pointierten Kapitel. Es ist eine gute Anleitung, sein eigenes Denken zu hinterfragen. Die angeführten Beispiele sind griffig und lassen sich gut nachvollziehen.

Diese Lektüre ist für Menschen, die auf sich selbst schauen, und ihre Gedanken hinterfragen. Es kann helfen, genauer hinzusehen oder hinzuhören und ein wenig bewusster durch das Leben zu gehen.

Fazit:

Ein gelungenes Buch, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 30.09.2018

Anton Geigensauer ermittelt wieder ..

Tod im Zickenwald
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Wer aufgrund des Titels schräge Blondinen vermutet ist hier falsch. „Zicken“ ist ein kleiner Weiler im Rehgrabental im südburgenländischen Bezirk Güssing.

Weil Peter Drabits noch Licht im Haus seiner ...

Wer aufgrund des Titels schräge Blondinen vermutet ist hier falsch. „Zicken“ ist ein kleiner Weiler im Rehgrabental im südburgenländischen Bezirk Güssing.

Weil Peter Drabits noch Licht im Haus seiner betagten Tante sieht, geht er nachsehen und verschwindet zunächst spurlos.
Wenig später wird die Leiche eines Mannes gefunden, die von Irmgard als Egon Drabits, Peters Bruder, identifiziert wird.

Anton Geigensauer, nunmehr stolzer Vater eines Sohnes, ermittelt statt in der Bundeshauptstadt Wien, im Südburgenland, seiner alten Heimat. Bestens vertraut mit der Mentalität den Einheimischen, findet er recht bald heraus, dass es neben Peter und Egon noch einen dritten Bruder namens Erich gegeben hat. Die drei Brüder haben eine Liegenschaft geerbt, auf die mehrere Leute scharf sind.
Neben dem rätselhaften Verschwinden von Peter Drabits kommt Geigensauer das plötzlich Auftauchen eines Russen doch ein wenig spanisch vor. Vor allem, als herauskommt, dass Peter seine beiden Brüder, von denen seit knapp zehn Jahren jede Spur fehlt, für tot erklären lassen will, um das Grundstück zu verkaufen.
Als dann plötzlich der argentinische Geschäftsmann Egon Larta erscheint und angibt als Egon Drabits geboren zu sein, ist klar, dass der Tote Erich sein muss. Da stellt sich nun die Frage, warum Irmgard einen falschen Namen angegeben hat. Ist sie auch scharf auf das Erbe oder gibt es einen anderen Grund?

Meine Meinung:

Wie wir es von Autor Thomas Himmelbauer gewöhnt sind, verbindet er die manchmal kauzigen Charaktere mit dem entsprechenden Lokalkolorit.

Die Lösung des Falles ist nicht ganz unerwartet, zählen doch persönliche Beziehungen oder Geld, zu den häufigsten Mordmotiven.

Fazit:

Mir hat der Krimi, der ziemlich unblutig daherkommt wieder recht gut gefallen.

Veröffentlicht am 30.09.2018

Eine ewig Unangepasste

Mit Vivienne Westwood an der Nähmaschine
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Die Kurzbiografie gehört zu der Reihe „Die Bibliothek der Wagemutigen“ aus der Feder von Gernot Uhl.

Der Autor setzt hier einer schillernden Persönlichkeit der Modewelt ein Denkmal: Vivienne Westwood.

Die ...

Die Kurzbiografie gehört zu der Reihe „Die Bibliothek der Wagemutigen“ aus der Feder von Gernot Uhl.

Der Autor setzt hier einer schillernden Persönlichkeit der Modewelt ein Denkmal: Vivienne Westwood.

Die 1941 geborene Engländerin gilt ja als Enfant Terrible der Modewelt. Genauso wie sie dem bürgerlichen Leben widersetzt, so stellt sie die Haute Couture in Frage. Sie polarisiert noch heute.
Mehrmals steht sie vor der Pleite, weil profane Buchhaltung nicht das Ihre ist. Sie ist der kreative Kopf. Alles andere ist lästig. Interessant ist, dass sie trotz aller Tiefschläge den Mut hat, weiterzumachen. Manchmal kommt ihr der Zufall zu Hilfe. Erst in späteren Jahren ist sie anerkannt.

Ich finde sie einfach schräg. Konvention? Das ist ein Fremdwort für sie.

Veröffentlicht am 30.09.2018

Mehr als ein Streifzug durch ein Leben

Spaziergang durch die Jahrzehnte
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Journalist Herbert Lackner stellt Heinz Fischer Fragen, die den roten Faden durch die Jahrzehnte der österreichischen Geschichte bilden. Heinz Fischer beantwortet diese manchmal auch mit einem Augenzwinkern. ...

Journalist Herbert Lackner stellt Heinz Fischer Fragen, die den roten Faden durch die Jahrzehnte der österreichischen Geschichte bilden. Heinz Fischer beantwortet diese manchmal auch mit einem Augenzwinkern.

Zwischendurch kommen Weggefährten aus anderen Parteien wie Heide Schmidt oder Wolfgang Schüssel zu Wort. Schüssel macht seinem Ruf als „Schweigekanzler“ alle Ehre und gibt nur eine wenig aussagekräftige Wortspende ab.

In diesem Buch kommt die Freude Heinz Fischers deutlich zum Ausdruck mit der er seine Ämter (u.a. Wissenschaftsminister, Erster und Zweiter Nationalratspräsident und eben Bundespräsident) er- und ausgefüllt hat.

Fischer bleibt immer am Boden der Realität, ist naturverbunden und räumt ein, dass er manches aus heutiger Sicht anders formuliert hätte. Er ist reflektiert und durchaus selbstkritisch. Ein schöner Zug, der vielen Politikern heutzutage fehlt.

Als Heinz Fischer 2004 zum Bundespräsidenten gewählt wurde, stellte er gleich das Protokoll und die Sicherheitsmannschaft vor einige Probleme, da er in seiner Wohnung im achten Bezirk wohnen bleiben wollte.

Mir hat dieser Streifzug durch die Jahrzehnte sehr gut gefallen, ist er ja ein Teil meiner Lebensgeschichte. Gerne gebe ich 5 Sterne.