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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.10.2018

Erinnerung an die Kindheit

Worte der Kindheit
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Mit dieser Sammlung von Sprüchen, (Halb)Wahrheiten und Bonmots lässt Autor Norbert Golluch unsere Kindheit auferstehen.
Nicht alle Stehsätze passen auf alle deutschsprachigen Gegenden Europas, da es doch ...

Mit dieser Sammlung von Sprüchen, (Halb)Wahrheiten und Bonmots lässt Autor Norbert Golluch unsere Kindheit auferstehen.
Nicht alle Stehsätze passen auf alle deutschsprachigen Gegenden Europas, da es doch regionale Eigenheiten gibt.

Stellenweise musste ich herzhaft lachen, weil ich häufig die Stimmen meiner Mutter oder der Großeltern noch (oder wieder?) im Ohr hatte. Besonders die Geschichte mit „alle dürfen das“ ist mir in Erinnerung geblieben. Oma pflegt auf mein „Alle in meiner Klasse dürfen das“, zu sagen: „Wenn alle vom Donauturm springen, springst du auch?“ Auch unser Sohn hat das Killer-Wort „alle“ auf den Lippen. Ich habe ihn dann gebeten 2 oder 3 Namen der amorphen Masse „alle“ zu nennen.

Manche Phrase ist den Kriegsjahren und den Entbehrungen geschuldet, wie z. B. „Was auf dem Teller ist, wird gegessen“. Dies sollte mit Nachsicht beachtet werden.

Ein Stehsatz in meiner Familie war auch: „Die armen Kinder in Afrika würden sich freuen, so etwas Gutes zu essen zu bekommen.“

Diese Reminiszenz an unsere Kindheit ist humorvoll geschrieben. Aus der Entfernung der Jahre kommen uns manche Sätze seltsam vor. Man muss hier den zeitlichen Kontext berücksichtigen.

Ich habe mich gut amüsiert, daher 5 Sterne

Veröffentlicht am 13.10.2018

Der Exodus der geistige Elite

Die Flucht der Dichter und Denker
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Herbert Lackner, Journalist und Autor, hat in seinem Buch „Die Flucht der Dichter und Denker“ die Leidenswege der intellektuellen Elite Deutschlands und Österreichs nachgezeichnet, die während der Nazi-Diktatur ...

Herbert Lackner, Journalist und Autor, hat in seinem Buch „Die Flucht der Dichter und Denker“ die Leidenswege der intellektuellen Elite Deutschlands und Österreichs nachgezeichnet, die während der Nazi-Diktatur aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Viele dieser Geschichten sind in groben Zügen bekannt, doch ist es dem Autor gelungen, mir noch unbekannte Details ausfindig zu machen. Vor allem die sozialistischen und/oder kommunistischen Verfolgten sind nicht immer ganz so bekannt.

Immer wieder zieht Lackner Vergleiche mit den aktuellen Flüchtlingsströmen. So werden die Helfer der damaligen Zeit gelobt, obwohl der eine oder andere durchaus gut verdient hat. Heute wären sie alle Schlepper. Wenig bekannt ist auch, dass Eleanor Roosevelt sich intensiv für verfolgte Juden eingesetzt hat, ihr Ehemann, davon wenig begeistert war, weil er einen Wahlkampf zu gewinnen hatte. Ihrem Engagement ist der Einsatz von Varian Fry zu verdanken, der mit einer Liste der interessantesten (und vermutlich für die USA nützlichen) Flüchtlingen bewaffnet nach Europa reiste, um diese Menschen zu retten. Die Rettungsaktion war ursprünglich für rund 200 Personen gedacht, geworden sind es dann letzten Endes über 2.000. Die Hilfe Frys war recht pragmatisch und unterschiedlich. Manche Flüchtlinge hatten zwar die Dokumente beisammen, aber schlichtweg kein Geld mehr, die begehrten Schiffspassagen zu kaufen. Da konnte Fry mit seinen Dollars leicht helfen. Spannend, weil mir bislang unbekannt, ist die Geschichte des Bill Freier, der eigentlich Bil Spira heißt. Freier stammt aus Wien und fristet sein Dasein als Straßenzeichner in Marseille. Seine Begabung beim (Ver)Fälschen von Passbildern verhilft vielen Verfolgten zu neuen Papieren.

In einem Epilog berichtet Herbert Lackner, was aus einigen Flüchtlingen geworden ist.

Meine Meinung:

Ein sehr interessantes Buch, aus dem ich bislang Unbekanntes erfahren habe. Es passt gut zu Evelyn Steinthalers Buch „Mag’s im Himmel, mag’s in der Hölle sein“ das von berühmten Schauspielern berichtet, die mit einer jüdischen Partnerin verheiratet waren und Nazi-Deutschland nicht verlassen haben.

Den Anstoß zu Herbert Lackner Buch gab niemand geringerer als Alt-Bundespräsident Heinz Fischer, dessen Ehefrau Margit, im schwedischen Exil ihrer sozialistischen Eltern, Anni und Otto Binder, zu Welt gekommen ist.

Fazit:

Eine gute Dokumentation über die Vertriebenen der Nazi-Zeit. Gerne gebe ich hierfür 5 Sterne.

Veröffentlicht am 12.10.2018

Fesselnder Auftakt einer Krimi-Reihe

Totenweg
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Totenweg/Romy Fölck/5 Sterne

Als Fridjof Paulsen von einem Unbekannten niedergeschlagen und schwer verletzt wird, kehrt seine Tochter Frida, eine angehende Kriminalbeamtin, nach Jahren der Abwesenheit ...

Totenweg/Romy Fölck/5 Sterne

Als Fridjof Paulsen von einem Unbekannten niedergeschlagen und schwer verletzt wird, kehrt seine Tochter Frida, eine angehende Kriminalbeamtin, nach Jahren der Abwesenheit wieder auf den elterlichen Apfelhof in den Elbmarschen zurück. Der Betrieb steht kurz vor der Pleite und Frida versucht Ordnung in das Chaos zu bringen. Während Paulsen um sein Leben kämpft, warten schon die Geier, um sich die besten Teile des Apfelhofs unter den Nagel zu reißen. Ist der Grundstückspekulant Schucht Drahtzieher des Überfalls?

Kriminalkommissar Bjarne Haverkorn ist mit den Ermittlungen zum Überfall auf Fridjof betraut. Ausgerechnet Haverkorn, jener Leiter der Mordkommission, der im Jahr 1998 den Mord an Fridas bester Freundin Marit Ott untersucht und nie aufgeklärt hat. Der ungelöste Fall hat Bjarne nie losgelassen und so lässt er bei den Ermittlungen um Fridjof Fragen nach der Vergangenheit einfließen. Haverkorn ist überzeugt, dass Frida, die damals die tote Marit gefunden hat, mehr weiß als sie damals zugegeben hat. Wird sie sich im Lichte der aktuellen Ereignisse ihm anvertrauen? Immerhin steht Frida auf der richtigen Seite des Gesetzes.

Nach und nach wird die dramatische Geschichte aufgelöst und die gut gehüteten Geheimnisse so mancher Familie aufgedeckt.

Meine Meinung:

Romy Fölck war für mich bislang eine unbekannte Krimi-Autorin gewesen. Diesen Krimi habe ich gerne gelesen. Er spiegelt ein düsteres Bild der Obstbauern in den Elbmarschen wieder. Gleichzeitig ist er ein dicht gewobenes Netz an Schuld und Rache, das erst nach und nach sichtbar wird.
Den Täter habe ich zwar recht bald im Visier gehabt, doch die Ermittlungen und ihre Sackgassen, sowie das Dilemma in dem sowohl Frida als auch Haverkorn stecken, ist hervorragend herausgearbeitet worden.

Der Schreibstil ist packend und ich habe mich sich in die Elbmarschen versetzt gefühlt. Die beiden Zeitebenen und Handlungsstränge sind gut miteinander verwoben. Die Zweifel an seinen eigenen Fähigkeiten, lassen Bjarne Haverkorn authentisch wirken. Auch den unterbewussten Wunsch Fridas, das Verbrechen an Marit aufzuklären, obwohl sie zu wissen glaubt, wer Marits Mörder ist, kann ich gut nachvollziehen.

Fazit:
Ein fesselnder Krimi, der mich begeistert hat. Ich freue mich nun schon auf den Folgeband! („Bluthaus“) Romy Fölck ist für mich eine echt tolle Neuentdeckung!




Veröffentlicht am 12.10.2018

Wieder ein gelungener Krimi

Der Totenversteher
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In diesem nun dritten Krimi rund um Hartung Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen, der von allen nur Hasi genannt wird, scheint er anfänglich doch einmal auf die Butterseite des Lebens gefallen zu ...

In diesem nun dritten Krimi rund um Hartung Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen, der von allen nur Hasi genannt wird, scheint er anfänglich doch einmal auf die Butterseite des Lebens gefallen zu sein. Tante Pudel hat ihm Haus und Vermögen hinterlassen.
Doch bekanntlich kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt. Nur, dass der Störenfried nicht der Nachbar, sondern ein windiger Vermögensberater ist, der nicht nur Hasis sondern das Vermögen der halben Berliner High Society veruntreut hat. So ist Hasi so arm wie ehedem und muss sich noch mit einen niederträchtigen Galerie-Besitzer herumschlagen, der ihm die geerbten Gemälde für einen Pappenstiel abschwatzen will. Doch dann erhält er Hilfe von unerwarteter Seite und steht gleich einmal zwischen zwei Frauen. Und Tante Pudel gibt aus dem Jenseits gute Ratschläge, die Hasi leider nur ansatzweise versteht.
Als wäre das nicht schon genug für unseren narkoleptisch veranlagten Grafen, ist auch noch ein etwas planloser Auftragskiller hinter ihm her. Zwar ist Hasi nicht sein ursprüngliches Ziel, doch kreuzt er blöderweise mehrmals die Wege des etwas in die Jahre gekommenen Mörders. Der hinterlässt eine signifikante Spur des Todes, die letztlich KHK Torsten Nagel auf einen uralten Bekannten aufmerksam werden lässt.
Meine Meinung:
Wie es sich für ein Buch aus den Federn der beiden Autoren gehört, sind einige Marotten gehörig überzeichnet. Bei der Szene auf dem Kasernenhof, wo Hasi einen Schnellkursus für militärisches Auftreten erhalten sollte, habe ich Tränen gelacht. Auch Hasis grenzenlose Naivität gehört dazu. Immerhin scheint er mit Benny nun doch einen kleinen Anker in seinem Leben gefunden zu haben. Schauen wir einmal, was aus den beiden wird.
Wieder schwingen gesellschaftskritische Elemente mit. Es geht um betrügerische Investments, die Alt-68-er und/oder um die Mitglieder der Berliner Hausbesetzerszene.
Besonders Torsten denkt an seine Zukunft, als ihn seine eigene unrühmliche Vergangenheit unter anderem in Form von Conny, seiner neuen Staatsanwältin, einholt. Er reflektiert sein bisheriges Leben und ich bin schon auf seine weitere Entwicklung gespannt.
Wie immer ist der Schreibstil flüssig und ohne Schnörkel. Schwarzer Humor darf hier genauso wenig fehlen wie Hasis perfekte Manieren, wie sie nur in alten Adelshäusern anzutreffen sind.

Fazit:

Ich habe mich hier wieder bestens unterhalten und hoffe auf ein Wiederlesen. Gerne gebe ich 5 Sterne.

Veröffentlicht am 12.10.2018

Grandioser Abschulss der Reihe

Schönbrunner Finale
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Wir schreiben das Jahr 1918. Die Habsburgermonarchie liegt in den letzten Zügen. Soldaten desertieren und die Spanische Grippe hat die ausgehungerten Menschen fest im Griff. Wer noch ein wenig Vermögen ...

Wir schreiben das Jahr 1918. Die Habsburgermonarchie liegt in den letzten Zügen. Soldaten desertieren und die Spanische Grippe hat die ausgehungerten Menschen fest im Griff. Wer noch ein wenig Vermögen hat, setzt dies bei Schwarzmarkthändler in Lebensmittel um. Die kleine und große Kriminalität halt auch Oberinspektor Nechyba in Atem. Da sind zum einem Kinder, die um nicht zu verhungern auf dem Naschmarkt Zwetschken stehlen und zum anderen langjährige Ganoven, die sie nun Zinshäuser kaufen können, weil der Schwarzmarkt floriert.

Obwohl gemordet, gestohlen und anschließend ermittelt wird, ist dieser sechste und letzte Band rund um Oberinspektor Joseph Maria Nechyba, kein Krimi im herkömmlichen Sinn. Er ist vielmehr ein Sittengemälde des zerfallenden Vielvölkerstaates.

Die desaströse Versorgungslage in Wien, lässt auch Aurelia Nechyba, die Gemahlin des Oberinspektors und Köchin von Hofrat Dr. Schmerda, zu Waren vom Schwarzmarkt greifen, denn „eine Bohnensuppe ohne irgendein Fuzerl Fleisch ist eine Zumutung.“ – O-Ton des Genussmenschen Nechyba.

Meine Meinung:

Autor Gerhard Loibelsberger versteht es meisterhaft, diese Zeit im Kopf der Leser wieder auferstehen zu lassen. Es sind keine schönen Bilder. Und wenn heute über “Fake News” gelästert wird, so sind diese keine Erfindung der letzten Jahre. Die zu Beginn des Buches geschilderte Inspektion Kaiser Karls bei den Truppen an der italienischen Front, hat im Großen und Ganzen so ähnlich stattgefunden. Die Propagandafilmteams und Fotografen für den Kriegspressdienst waren immer wieder unterwegs, um Stimmung für den längst verlorenen Krieg zu machen.

Geschickt verquickt Loibelsberger echte Mordfälle und historische Persönlichkeiten mit seiner fiktiven Figur des Kriminalinspektors. Ein Verzeichnis der historischen Personen findet man zu Beginn des Buches. Akribische Recherche machen den Krimi zu einem erweiterten Geschichtsbuch.

Die Reihe um Joseph Maria Nechyba ist nun zu Ende, denn sie ist, wie Autor Loibelsberger glaubhaft versichert, auf genau 6 Bände ausgelegt. Ich finde das ausgesprochen schade, denn Nechyba wird ja jetzt in der Ersten Republik zum “Ministerialrat” befördert. Ein krönender Abschluss seiner Kriminalbeamtenlaufbahn.

Als Wienerin sind mir die Örtlichkeiten und der Wiener Dialekt ja bestens vertraut. Für Leser, die des Wienerischen nicht kundig sind, gibt es im Text Fußnoten und im Anhang ein ausführliches Glossar.

Fazit:

Ein grandioser Abschluss dieser Serie. Nechyba wird mir fehlen. Gerne gebe ich 5 Sterne.