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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2016

Sprachgewaltig und überrollend, teils fast überfordernd

Der Ort, an dem die Reise endet
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„Ein kurzes Ratata.
Odidis anderes Knie gibt nach.
Er bricht zusammen.
Atmet gurgelnd aus.
Es heißt.
Dass, wenn ein Mensch stirbt, er sein gesamtes Leben in einer raumlosen Zeit, einem zeitlosen Raum ...

„Ein kurzes Ratata.
Odidis anderes Knie gibt nach.
Er bricht zusammen.
Atmet gurgelnd aus.
Es heißt.
Dass, wenn ein Mensch stirbt, er sein gesamtes Leben in einer raumlosen Zeit, einem zeitlosen Raum an sich vorbeiziehen sieht und alles erneut durchleben kann, was er je gefühlt hat, nur in rasender Geschwindigkeit und in eine sonnengleiches Licht getaucht.“ (S. 16)

Die mir vorher völlig unbekannte Yvonne Adhiambo Owuor, die bisher „nur“ Kurzgeschichten veröffentlich hatte, empfinde ich sprachlich wirklich geradezu als genial, in ihrem Debütroman finde ich einen Gebrauch von Sätzen und selbst Zeilenumbrüchen, wie ich es vorher so noch nie gelesen habe, sie kann tatsächlich sogar Zeit so darstellen!

Der Roman ist ein Parforceritt durch die Geschichte Kenias, aber auch der britischen Kolonialherren dort – ich benötigte zwischendurch Rückgriff auf die Wikipedia-Artikel zu Kenia und zur Geschichte Kenias (besonders Volksgruppen, Korruptions-Skandale, die Zeit ab dem Zweiten Weltkrieg – erschreckend, wie wenig ich wusste).

Moses Ebewesit Odidi „Didi“ Oganda wird zu Beginn der Erzählung verfolgt und dann erschossen – seine Schwester Arabel Ajany „Jany“ Oganda kehrt (nicht nur) deshalb aus Brasilien zurück in ihre Heimat Kenia, zu den Eltern Aggrey Nyipir Oganda (Baba) und Akai Lokorijom „Akai-ma“. Keine, wirklich keine der vielen weiteren Personen im Buch ist nur bloße Randfigur, die meisten haben letztendlich mehrere Rollen, oft mehrere Namen.

Owuor schafft es, die Geschichte Kenias anhand ihrer Personen aufzuspannen, und dabei noch voller Sprachzauber die jeweilige Atmosphäre zu vermitteln: sie berichtet über die Zeit des kenianischen Freiheitskampfes gegen die britischen Kolonialherren, mit Verhaftungen, Folter, Massenhinrichtungen, und kooperierender „Tribal Police“ aus Kenianern. Sie erzählt über die Beteiligung afrikanischer Soldaten (King’s African Rifles) in den Kriegen der Briten, über alte Seilschaften aus alten Zeiten. Sie vermittelt den Enthusiasmus der Unabhängigkeit, die Hoffnung aus den Bildungsinitiativen des Mboya-Kennedy-Airlifts – und die Ernüchterung durch Korruption, Uneinigkeit der verschiedenen Volksgruppen und wirtschaftliche Probleme.
„Mboya? Argwings? J.M.? Pio? Ouko? Ward? Goldenberg? Anglo-Leasing? Dieser Artur-Abschaum?“ (S. 355) – das sind die Probleme. Die Lösung? „Meine Amnesie, deine Amnestie – oder umgekehrt.“ (S. 358), üblicherweise mit Gegenleistung. So wurden „Kenias offizielle Sprachen: Englisch, Swahili und Schweigen.“ (S. 372), so hüten alle Protagonisten ihre Geheimnisse, verharren in dem Schmerz über das, worüber sie nicht reden.

Das alles ist nicht eine Sekunde langweilige trockene Geschichte, sondern mitreißend dargebracht. Ich wusste nie, ob ich gerade näher an der Hoffnung der Protagonisten war, die trotz allem immer weitermachten, oder an ihrer Hoffnungslosigkeit – es war teilweise einfach „sehr viel“ von diesem mir sehr fremden Land. Die Handlungen sind oft so weit außerhalb meiner Welt, dass ich sie häufiger nicht nachvollziehen kann. Dann wiederum folgen Szenen von Zartheit, Liebe, Verzweiflung, Loyalität, die universell sind. Täter wird Opfer wird Täter. Die Handlung springt sehr stark, zwischen mehreren Personen, die dazu noch an verschiedenen Orten beschrieben werden, und mit häufigen zeitlichen Rückgriffen, darüber hinaus werden häufig muttersprachliche Begriffe, Namen, Sätze, Textfetzen eingestreut, zwar jeweils übersetzt, aber doch als „Stolperstellen“ für das deutsche Lesen. Personen tauchen viele Seiten später wieder auf, Andeutungen werden klar, Handlungsstränge werden meisterhaft verwoben und weit verstreut weitergeführt. Nein, kein einfaches Buch – kein einfaches Thema. Ein Buch, bei dem es sich lohnt, dabei zu bleiben, auch wenn das zu Anfang des letzten Drittels schon anstrengend war, bis zur Erkenntnis: Auch der Tod, auch ein Ende kann ein Anfang sein.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Wunderhübsches Erwachsenen-Malbuch das gaaanz heftig entspannt

Mein Ausmalbuch für schlaflose Nächte
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Ich war skeptisch, weil ich bei Hypes immer eher skeptisch bin - aber das macht wirklich Spaß. Ich habe als Kind eher skizziert als gemalt und für die Ausmalbücher hatte ich oft nicht sehr lange Geduld. ...

Ich war skeptisch, weil ich bei Hypes immer eher skeptisch bin - aber das macht wirklich Spaß. Ich habe als Kind eher skizziert als gemalt und für die Ausmalbücher hatte ich oft nicht sehr lange Geduld. Dieses Malbuch aber fand ich wirklich sehr beruhigend, weil der Geist wirklich sehr zur Ruhe kommt.

Ich habe bislang herumprobiert mit Finelinern, Bleistiften und Wachsmalstiften, es ging mit allem. Auch die Fineliner scheinen nicht durch auf die Rückseiten der Blätter, die wirklich von guter Stärke und Qualität sind. Und man sollte sich wirklich Gedanken machen und recht früh die Farben zusammenlegen, die man so grob nutzen möchte - man merkt allerdings beim Malen, ob es zu viel wird an Farbvielfalt, was passt - ganz planbar ist das nicht für mich.

Keine Ahnung, wie lange das anhält, aber - ich mag's!

Man sollte aufpassen, wie man die Stifte etc. hält - da man aufgrund des Detailreichtums ganz schön lange benötigt für ein Motiv, kann es sonst leicht zu Verkrampfungen, Schmerzen im Nacken, Sehnenscheidenentzündung etc. führen - irgendwie war das auch anders als Kind...

Veröffentlicht am 04.02.2017

Frauenroman mit Eignung auch für die, die das Genre sonst meiden

Morgen kommt ein neuer Himmel
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Brett, die Hauptfigur, wird unfreiwillig zur Auseinandersetzung mit den Plänen ihres 14jährigen Ichs gezwungen, die sie damals in einer Liste (Originaltitel „The Life List“) niedergeschrieben hatte – ihre ...

Brett, die Hauptfigur, wird unfreiwillig zur Auseinandersetzung mit den Plänen ihres 14jährigen Ichs gezwungen, die sie damals in einer Liste (Originaltitel „The Life List“) niedergeschrieben hatte – ihre kürzlich an Krebs gestorbene geliebte Mutter hat ihr diese Liste als Aufgabe hinterlassen, mit der Erfüllung als Voraussetzung für ihr Erbe (ein Pferd kaufen, für immer mit der besten Freundin befreundet bleiben, den Schwarm der Schulzeit küssen,…).
Was mich von meinem 14jährigen Ich unterscheidet, merke ich am stärksten in meiner Lektüre: Erfahrungen der Protagonisten waren für mich damals viel häufiger Möglichkeiten, Anregungen und Chancen, ihr Leid und ihre Freuden rührten mich häufig doch noch eher abstrakt an, was im Lauf der Jahre gelegentlich zu eigenen, teils traurigen, Erfahrungen wird.
Dieses Buch ist in der Lage, beide Seiten in mir anzusprechen:
Ich vermutete einen richtig typischen Frauen-Roman hinter Lori Nelson Spielmans Buch, hatte ihn als Geschenk für einen Krankenbesuch gekauft – und konnte ihn beim Warten nicht aus der Hand legen.
Ich mag nicht diese seichten Liebesromane oder Mittdreißiger auf pseudokomischer Sinnsuche und war daher wider Erwarten und irgendwie auch fast wider Willen begeistert. Entgegen meines Genre-Klischees war ich überrascht, welche Beziehungskonstellation letztendlich aufging und inwieweit die Erfüllung der Aufgaben manch anderen Dreh nahm (alles mehr würde hier zu viel verraten). Die Autorin kann rührselig schreiben, ja – gerade die Szenen zu Beginn beim Traueressen werden jedem nahe gehen, der schon Eltern verloren hat, aber auch jedem, der sich einfach vor diesem Tag fürchtet. Sie kann aber auch sehr komisch sein in ihrer Beschreibung von Situationen wie Dates, der Kollision von Planungen mit dem ganz normalen chaotischen Leben. Spielmans Personenbeschreibungen gehen über die Oberfläche hinaus, selbst die Schwägerin, die dem Leser anfangs als überperfekte Nervensäge präsentiert wird, hat deutlich mehr Tiefe. Brett wird von der Hinterlassenschaft ihrer Mutter gezwungen, ihre Wohlfühlzone physisch und psychisch zu verlassen, und sich mit ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen auseinander zu setzen.
Ein wirklich wunderschöner Roman auch für die, die sonst dem Genre „Frauenroman“ eher mehr als skeptisch gegenüberstehen – mit dem leider völlig kitschigen deutschen Titel, der sich auf den Standard-Spruch von Bretts Mutter zum Trösten bezieht, kann ich mich weniger anfreunden.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Das Leben endet zwingend mit dem Tod – aber davor haben wir noch die Chance auf jede Menge Leben

Romeo und Romy
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„Der Konjunktiv jedoch war das Glitzerpapier auf dem Geschenk namens Leben, und riss man es ab, um nachzusehen, was es für einen bereithielt, ahnte man, dass Gott den Wunschzettel mal wieder nicht hatte ...

„Der Konjunktiv jedoch war das Glitzerpapier auf dem Geschenk namens Leben, und riss man es ab, um nachzusehen, was es für einen bereithielt, ahnte man, dass Gott den Wunschzettel mal wieder nicht hatte richtig entziffern können.“ S. 399

Genau diese Chance auf die Einlösung ihres Wunschzettels ergreift die junge Romy, als sie in der Stadt gerade mit ihrem Traum, als Schauspielerin zu arbeiten, gescheitert ist, selbst in ihrem Job als Souffleuse. Sie kehrt zurück dahin, wo sie sich immer beschützt gefühlt hat, in ihr Dorf, das fast nur noch von den Alten bevölkert wird. Sie ist hier aufgewachsen, gerade ist hier ihre Großmutter gestorben. Gelegentlich ruft noch ihr ebenfalls gescheiterter Kollege Ben an.


Im Ort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein und Romy deckt ein seltsames Verhalten auf, zu dem eine bestimmte Art der Platzknappheit ihre schrullige Wahlfamilie veranlasst. Als sie in Erwägung zieht, zu bleiben, stößt sie jedoch nicht nur auf Gegenliebe "Lass uns hier, behalt uns im Herzen, genau wie wir dich immer im Herzen behalten. Aber du musst fortgehen." ..."die Zeit verbraucht nicht nur den Körper. Sie verbraucht auch den Geist. Für dich gibt es noch viel zu erleben, für uns nicht mehr." S. 79 Das Dorf ist wie so viele wortwörtlich am Aussterben.


Dann hat sie sie, die Eingebung, die aller Leben umkrempeln soll:
„Bau es!“ S. 107 Heraus kommt der aberwitzige Plan, ein elisabethanisches Theater aufzubauen und Romeo und Julia aufzuführen, mitten in der Provinz. Und entgegen allen Widrigkeiten. Die Erzählung ist leicht und lustig, zum Nachdenken anregend und melancholisch, traurig und fröhlich – und in jedem Falle anders, als ich selbst während der Lektüre noch erwartet hatte.

Hier irgendetwas mehr zu schreiben, birgt die Gefahr, zu viel zu verraten. Zu wenig zu schreiben hingegen könnte bedeuten, dass man diese herrlich verrückte Geschichte übersieht über die Liebe und Freundschaft, Verrat und Vertrauen, Aufgeben und Mut und den Tod und das Leben – ja, das ist viel und das störte auch einige Leser. Ich finde, dieses Buch hier „darf“ das, weil schon die Grundidee, ein ganzes Dorf, das sich verantwortlich fühlt, ein früh mutterloses Kind heranzuziehen zu einer jungen Frau und immer für sie dazu sein, gerne sein darf, nämlich einfach zu schön und viel zu selten.

Und weil es ja schon etwas macht mit den Menschen, die so plötzlich so viel wagen und tun, fragt sich nicht nur Romy im Buch: „Wann wurde der eigene Traum zum Alptraum eines anderen?“ S.485 Ich war auch schon so weit, dem Autor dieses Gepäck, dass er ihr und uns da gelegentlich aufbürdet, übelzunehmen, wäre das nicht ganz einfach so leicht, so zart, so bittersüß geschrieben: „Vor Wochen noch war der Tod eine unumgängliche Gewissheit, traurig zwar, aber nicht tragisch. Jetzt jedoch hatten sie, ohne sich dessen gewahr zu werden, begonnen, sich gegen ihn zu wehren.“ S 226 Und man kann noch so sehr darüber nachdenken, was vielleicht mit der einen oder anderen Person im Buch bei einer anderen Ausgangslage passiert wäre, und hier zitiere ich meine wunderbare Oma, die Teil von meinem Dorf war – „wenn das Wörtchen wenn nicht wär….“.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Rather A Must-Read-Book Than An Explicable Story

Etta und Otto und Russell und James
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bezieht sich auf die Original-Ausgabe, die ich leider hier nicht einstellen kann

In a nutshell: Please please please DO READ this wonderful story about Etta, her husband Otto, and Otto’s best friend and ...

bezieht sich auf die Original-Ausgabe, die ich leider hier nicht einstellen kann

In a nutshell: Please please please DO READ this wonderful story about Etta, her husband Otto, and Otto’s best friend and brother-of choice Russell, and, yes and, James – about whom only those who read the book should be allowed to learn more.

And more, trying to avoid spoiling:
Actually, it proved hard for me to write enough about this gem to lure potential readers into reading it – but to not spoil too much about its content, best, nothing at all beyond what is obvious from its title or the very first pages.

With this book, its charm is very much also just how the author manages to reveal more and more about the common history of its protagonists: how Russell came to more or less live with Otto’s numerous family despite of being the neighbors’ nephew, how many of the farmers’ children take turns at attending school, how Etta gets to that school, how the war cuts into their lives.

“I will try to remember to come back.” P. 1
If other husbands received that line they would be well aware their wife was very very angry and it would be just sarcastically. Etta means it – she loses her memory and all of their memories together. She is now 83, first thing in the morning she looks at a piece of paper with her age, name/dates for parents, sister, nephew, and husband on it – to not forget while she is walking on.

Author Emma Hooper miraculously manages to make the story evolve around the starting point in the present, when Etta embarks on her journey, at the age of 83, to finally go to the sea for the first time in her life.

The progress within the book is steady, calm, patient – you may be present while Otto, on his own, learns how to bake from Etta’s recipe cards, or follow Etta gaining experience in fishing. Some of the events are tragical, although born with stoicism; many funny, and born with just the very same attitude. The story is about love and friendship and loss and imagination and old age and dreams, it is as much a lovestory as it is a story about the war. It celebrates endurance as it does the idea to start again, fulfil your dreams. As much as the story realistically describes the hardship of farm living in pre-WWII Saskatchewan, Canada, it also has tendencies of a modern fairy tale: Some of it is mythical, magical – and leaves a lot of space for imagination and interpretation.

The author’s style is specific:
She does not use quotation marks for direct speech - to make sure the reader knows that the speaker changed, the author uses a new line – so it is easy to read this after having gotten used to it.
“Before they left, the woman whispered to Etta, while the man was looking away, scribbling, I wish I could come with you.
You can, said Etta.
I can’t, said the woman.” P. 94

The books consists of rather unusually small chapters, sometimes less than a page, even just one sentence at times, maybe three pages, with changing timeline and subject. They change in between now, with Etta and Otto and Russell old and Etta leaving; and their past, starting onward from childhood.

Some of the paragraphs kind of vary a topic like the different way any encounter Etta has on her trip might end up for her or how the content of a letter written might be – this does have an impact while you are reading it because it quite forces you into dwelling into these and many more options.

You will find pretty short sentences – and some that seemingly never end at all. You will…
Well, you will anyway only find out if you read it for yourself. Please do so.